100 Jahre Kirchengemeinde Gostenhof-Dreieinigkeit

Vorgeschichte und Kirchenbau
Dem Anwachsen der Bevölkerung durch den Zuzug von Arbeiterfamilien im Zusammenhang mit der Industrialisierung und der damit benötigten Ausdehnung der Seelsorge begegnete die zuständige Gemeinde St. Leonhard damit ab 1866 einen Vikar für Gostenhof abzustellen, der die „vielfältig zerstreuten und ihrem Mittelpunkt entfremdeten Menschen“ durch fleißige Seelsorge wiedergewinnen sollte. Die Errichtung einer eigenen Kirchengemeinde wurde jedoch immer wieder aufgeschoben. Daher griffen die wohlhabenden Bürger des Mittelstands zur Selbsthilfe und gründeten am 16. November 1888 den Kirchbauverein Gostenhof-Kleinweidenmühle.

Kirchenbauverein Gostenhof-Dreieinigkeit

Ihre Forderung war: Eigene Gemeinde – eigene Pfarrei – eigene Kirche. Im Jahre 1890 ging der Verein an die Öffentlichkeit mit dem Aufruf „Helfen Sie mit!“ Der Grundstock für den Kirchenbau wurde von Frau Elisabetha Schlee gestiftet, die 50.000 Mark mit der Be-dingung spendete, dass mit dem Bau bis spätestens 16. Juni 1901 zu beginnen sei. Da der Kirchenbauverein diese Summe nicht verlieren wollte, bedeutete diese Spende einen gehörigen Ansporn für die weitere Arbeit.

1893 erwarb der Verein von der Stadt Nürnberg einen Bauplatz am Veit-Stoß-Platz. Ein Architekturwettbewerb wurde veranstaltet, aus dem der Entwurf von Professor Emil Edler von Mecenseffy (damals Hauptlehrer an der Baugewerkschule Nürnberg, später Professur an der Technischen Hochschule München) siegreich hervorging. Nach einigen Änderungen, unter anderem in der Größe des Bauwerks (statt 1200 Plätzen wurden nur 1000 realisiert), wurde dieser Entwurf von den Verantwortlichen schließlich gutgeheißen. Ein Beschluss des Kirchenbauvereins, dem seit 1895 Bürgermeister Dr. von Schuh als Ehrenpräsident angehörte, vom 11. Mai 1899 legten den Namen der neuen Kirche auf „Dreieinigkeitskirche“ fest.
Am 1. August 1900 erfolgte der erste Spatenstich, am 14. Oktober des gleichen Jah-res die feierliche Grundsteinlegung. Das Richtfest wurde am 7. September 1901 gehalten, am Dreieinigkeitsfest (Trinitatis), den 7. Juni 1903 wurde die Kirche feierlich eingeweiht. Die im neugotischen Baustil errichtete Kirche besaß ein Kreuzrippengewölbe und eine Empore, die im Gegensatz zur heutigen Ausführung aus Stein errichtet war. An der äußersten nordwestlichen Säule im Kirchenschiff (Chorempore) ist heute noch einen Teil der Verzierungen und ein Kapitell aus dieser Zeit erkennen. Die zwei Säulen im Eingangsbereich unter der Empore zierten die Köpfe von Melanchthon und Luther. Der Altar zeigte eine Ölbergszene, ähnlich dem heutigen Passionsltar. Der Großteil der Inneneinrichtung wurde von Gemeindegliedern gespendet.
Konrad Wirth, der 3. Vikar der Gemeinde, der durch sein soziales Engagement der Arbeiterschaft nahe stand, predigte offen gegen den teuren Kirchenbau, den Kirchenbauverein und den weiteren Innenausbau der neuen Kirche. Der Kirchenbauverein versuchte daraufhin allerdings vergeblich den rebellischen Prediger von den Gottesdiensten in Dreieinigkeit auszuschließen.

Selbständige Kirchengemeinde

Am 1. November 1910 wurde die Gemeinde Gostenhof-Dreieinigkeit eine selbständige Kirchengemeinde. Das Gemeindegebiet umfasste Gostenhof, den größten Teil des Stadtteils Kleinweidenmühle sowie Sündersbühl und Teile von Muggenhof. 1913 wurde eine zweite, 1922 eine dritte Pfarrstelle eingerichtet. Das Pfarramt der Gemeinde befand sich damals in der Fürther Str. 81 (Eckhaus Fürther/Glockendonstr.):

An den ersten Kirchenvorstandswahlen 1913 kann man sehr gut die damaligen rein bürgerlichen Strukturen dieses leitenden Organs der Kirchengemeinde ablesen. Es wurden damals 5 Privatiers, 2 Fabrikanten, 1 Kaufmann und 1 Handwerker in den Kirchenvorstand gewählt, was darauf zurückzuführen ist, dass die Arbeiter den Wahlen zum Großteil fern blieben und keinen Vertreter im Kirchenvorstand hatten. Die treuesten Anhänger der Kirchengemeinde waren mittelständische Bürger und Frauen, diese allerdings quer durch alle Schichten. Bei den Arbeitern und dem geho-benen Bürgertum war ein großes Desinteresse an der Kirche verbreitet. Mit dem Arbeiterverein und den Gewerkschaften gab es immer wieder Probleme.
Pfarrer war Friedrich Baum, der traditionell evangelisch geprägt war und dem Bürgertum nahe stand. Da die Bevölkerung Gostenhofs größtenteils aus Arbeiterfamilien bestand und auch die Sozialdemokraten hier großen Zulauf hatten, kamen innerhalb der Kirchengemeinde größere Spannungen auf. Für die sozial schwierigen Verhältnisse der Arbeiterschaft und deren Situation hatte Pfarrer Baum nicht gerade ein offenes Ohr. Für die Lebensfragen der einfachen Arbeiter hatte er nur bürgerliche Antworten parat. Er war der Meinung, dass jedermann, der ein gottgefälliges Leben führt und sparsam ist zu einem angemessenen Auskommen gelangen könne. Eine lange nicht überbrückbare Kluft zwischen evangelischer Kirchenleitung und der Arbeiterschaft entstand. Trotz verschiedener Bemühungen konnte diese Distanz bis zum 2. Weltkrieg nicht überwunden werden. Pfarrer Baums Gegnerschaft galt neben den Sozialdemokraten auch den Katholiken. Zwar gab es bereits damals eine interkonfessionelle Volkskaffeestube als ökumenische Einrichtung in der Fürther Str. 168, aber grundsätzlich wurde die katholische Kirche als unliebsame Konkurrenz im Stadtteil angesehen. Die Katholiken standen der Arbeiterschaft und deren Vereinen im Stadtteil näher und hatte auch erheblich mehr Einfluss auf diese, was natürlich den Neid der evangelischen Pfarrer erregte. Eine Rolle spielte hier die Herkunft der Geistlichen, die in der evangelischen Kirche im Gegensatz zur katholischen “Konkurrenz” sehr stark bürgerlich geprägt waren und daher meist kein größeres Verständnis für die Nöte der Arbeiterschaft hatten. Daran änderte auch die Existenz des bereits 1890 gegründeten CVJM Gostenhof (damalige Bezeichnung „Jünglingsverein“, später Christlicher Verein Gostenhof) nichts. Nur vereinzelt baten Arbeiter um seelsorgerischen oder auch materiellen Beistand beim evangelischen Klerus.
Zum Zeitpunkt des 25jährigen Jubiläums des Kirchenbaus 1928 gehörten der Gemeinde 27.201 Gemeindeglieder an.