Advent und Reich Gottes

Advent ist es heute, Advent war es damals.1

Heute feiern wir den Advent als Vorbereitung auf Weihnachten, auf das Kommen des Weihnachtsfestes. Doch in unserer Gesellschaft erwartet man andere Dinge noch sehnlicher. Krieg, Klimawandel, Naturkatastrophen, Krankheiten und die vielen Probleme im eigenen Leben – gerade in den letzten Jahren haben wir gemerkt, dass es nicht so weiter gehen kann, wie es ist. Es braucht Lösungen, die scheinbar keiner kennt, doch alle erwarten sie.

Es gibt viele Vorschläge, die aber häufig nicht wirklich durchdacht und deshalb nicht realisierbar sind. Die Flut der Probleme scheint immer mehr Wasser in sich aufzunehmen und reist immer mehr Menschen mit sich in den Tod und egal was man tut, um sie aufzuhalten – nichts kann ihr standhalten. Und immer dann, wenn es Lösungen zu einem dieser Probleme zu geben scheint, merkt man, dass man nur einen der vielen Kanäle verstopft hat, die die unaufhaltsame Flut der Probleme speisen. 

Man erwartet eine Lösung auf all diese Probleme, einen Damm, der die große, gefährliche Flut stoppt. Doch wie soll das zustande kommen?

Israels Flut und Hoffnung

Und damals? Eine ähnliche Situation hatten auch die Juden zu Beginn unserer Zeitrechnung. Sie waren schon längst kein souveräner Staat mehr. Sie waren nur ein kleiner Teil des römischen Reiches und fühlten sich unterdrückt. Hinzu kam die Gewalt der lokalen Herrscher. Zum Beispiel Herodes der Große, ein paranoider Herrscher, der vor nichts zurückschreckte, um seine Macht zu erhalten. Auch die religiöse Elite im Land machte dem Volk zu schaffen, sodass sie genug davon hatten von menschlichen Herrschern ausgebeutet zu werden. Es musste sich etwas ändern. Wer würde den zerstörerischen Strom, der aus korrupten, paranoiden, machtsüchtigen Herrschern bestand, aufhalten und Israel endlich befreien?

Doch es gab Hoffnung. Um diese Hoffnung zu begreifen, müssen wir zwei Geschichten verstehen. Die erste ist die Geschichte vom Exodus, was soviel wie „Auszug“ bedeutet. Das Volk Israel ist gefangen in Ägypten, sie werden versklavt und zu harter Arbeit gezwungen. Doch Gott erbarmt sich über das Volk, erwählt Mose und führt das Volk durch ihn und große Wunder aus Ägypten in ein verheißenes Land. Dabei wird das Volk durchs Meer geführt, indem Gott die Fluten teilt. Das Meer steht wie eine Wand, die Flut wird gehalten und kann nicht zusammenfallen, bis Gott es zulässt.

Die zweite Geschichte ist schmerzhaft, aber hat einem guten Schluss. Ende des siebten Jahrhunderts kommt eine neue Großmacht auf: Babylon. Es wirft seine Augen auch auf Juda, dem südlichen Teil des geteilten Israels. Nach mehreren Belagerungen und Wegführungen wird Jerusalem verbrannt – mitsamt dem Tempel. Viele Juden werden ins ferne Babylon gebracht. Dort lebt die Hoffnung auf einen erneuten Exodus. Die Propheten aus vergangener Zeit machen ihnen Hoffnung. Und in der Tat kehren die Juden nach einigen Jahrzehnten um und bauen sogar den Tempel wieder auf. Doch es sind eher wenige, die ausziehen und man ist immer noch nicht unabhängig.

Für ungefähr hundert Jahre erreichte Israel dann im 2.Jahrhundert doch die Unabhängigkeit und die Befreier wurden gefeiert. Doch die Herrschaft dieser neuen Dynastie, die sogenannten Hasmonäer, waren korrupt und erfüllten nicht die Hoffnungen des Volkes. 63 v.Chr. nimmt der römische Feldherr Pompeius Jerusalem ein – wieder ist Israel unter einer Herrschaft.

Das erste Jahrhundert

Damit sind wir im ersten Jahrhundert angekommen. Israel wartet immer noch auf die Befreiung Gottes. Sie erwarten, dass Gott selbst kommt, die Feinde vernichtet und über die ganze Welt herrscht – ein Reich in absoluter Gerechtigkeit. Dies würde er in der Form des Messias (dem Ge-salbten) tun. Auf diesen warten sie. Er soll sie wie Mose befreien und Gottes Herrschaft aufrichten. Auf diesen Advent, auf diese Ankunft warten sie.

Doch was bringt eine heile Welt, wenn der Mensch nicht heil ist? Ein schlechter Mensch kann nicht in Gottes neuer, perfekten Welt wohnen, denn sonst wäre die Welt nicht mehr perfekt. Gott muss erst alles Böse richten, damit nur das vollkommen Gute in seiner neuen Welt lebt. Wenn dort noch Menschen lebten, die ein wenig Böses in sich tragen, kann die Welt nicht perfekt sein, das soll sie aber.

Daran dachte Israel nicht. Sie hatten oft gegen Gott rebelliert, sich gegen ihn versündigt. Sie brauchten eine Neuschöpfung, das Böse musste verurteilt und neues geschaffen werden. Israel bedurfte nicht nur Erlösung von den Römern, sondern auch von seiner persönlichen Schuld. Und mit Israel mussten auch alle anderen Menschen erlöst werden. Wenn Gott sein Reich aufrichtete ohne das Böse im Menschen zu verurteilen und zu vernichten, müssten die Menschen gerichtet werden. Die persönliche Schuld war ein weiterer Kanal, der die Flut, die Israel zu zermalmen drohte, speiste. 

Der erste Advent

Es ist Nacht auf den Feldern Bethlehems. Einige Hirten hüten dort ihre Herden. Worüber mögen sie sprechen? Über die Volkszählung des Kaisers? Über ihre Messias-Erwartungen? Wir wissen es nicht. Doch es ist gut möglich. Doch plötzlich werden sie aus ihren Gedanken gerissen. Da tritt ein Engel zu ihnen und spricht: „Fürchtet euch nicht! Denn siehe, ich bringe euch frohe Nachricht von großer Freude, die dem ganzen Volk gilt. Denn es ist heute in der Stadt Davids ein Retter geboren, welcher der Messias, der Herr ist“ (Lukas 2,10-11). Da sind auf einmal alle Probleme und Sorgen gebannt. Die Flut der Sorgen und der Zerstörung scheint stillzustehen. Der Messias ist endlich da! Das ist die Frohe Botschaft, das Evangelium. Jetzt wird Gott herrschen. Doch nicht nur dem Volk gilt die Botschaft, sondern allen Menschen. „Herrlichkeit bei Gott in den Höhen und Frieden auf Erden unter den Menschen des Wohlgefallens“ (Lukas 2,14). Gott erzeigt seine Barmherzigkeit an allen Menschen, darum schenkt er den Messias für alle.

Doch jetzt kam der Messias nicht, um von den äußeren Umständen zu Befreien, sondern „er wird sein Volk retten von ihren Sünden“ (Matthäus 1,21). Das sagte der Engel zu Joseph, als er die Geburt Jesu vorhersagte. Der Messias würde jetzt beginnen Gottes Reich aufzurichten, doch erst auf eine andere Art und Weise, wie es sich die Juden vorstellten. „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt ge-sandt, um die Welt zu richten, sondern, damit die Welt durch ihn gerettet wird“ (Johannes 3,17). Denn wir erinnern uns: Zuerst muss der Mensch von seiner Sünde erlöst werden, damit er an Gottes Reich teilhaben kann.

Doch wie richtete Gott durch dieses kleine Kind sein Reich auf und worin bestand sein Reich?

Richten wir unsere Blicke zuerst auf Karfreitag. Gott sendet seinen Sohn in die kaputte und zerbrochene Welt. Doch damit nicht genug. Er kommt auch noch in einem menschlichen Körper, nämlich an Weihnachten. Als er am Kreuz hängt, da nimmt er all das Böse, das die Welt und uns zerstört, auf sich, auch unsere Krankheiten, Schmerzen und Schuld. Er warf sich vor den zerstörerischen Strom. Dort am Kreuz richtete Gott die Sünde, die uns beherrscht. All das Böse nahm er mit sich ins Grab. Jesus nahm die Macht der Sünde, des Bösen und des Todes auf sich – und damit folgt es ihm ins Grab. Doch wo eine alte Welt besiegt, wo das Böse überwunden ist, ist noch keine neue, gute Welt entstanden. Wo ein altes Reich vernichtet ist, ist darum noch kein neues Reich erschaffen. Darum reicht der TodJesu als Erklärung noch nicht aus.

Doch wir müssen nur wenige Tage warten, dann ergibt sich die Erklärung aus einem Ereignis heraus. Die aufgehende Morgensonne wird an diesem Tag überstrahlt von einem noch viel hellerem Licht – dem Auferstanden Messias. Er hat das alte, das Böse, die Sünde im Grab gelassen und tritt heraus mit einem neuen Leib, nicht mehr vom Tode beherrscht, der Sünde nicht unterlegen. Es ist der Beginn eines neuen Reiches, ein Reich in dem Gott selbst herrscht, befreit von der bösen Macht des Todes.

Der zweite Advent und das Ende der Flut

Doch was hat das mit uns zu tun und mit unseren Problemen? Jesu Reich beginnt damit, dass Menschen neu gemacht werden. Die Geschichte seit Jesu Auferstehung ist voll von Beispielen, in denen Menschen durch den Auferstandenen ein neues Leben starten durften, Anteil hatten am neuen Reich Gottes, dort wo Liebe, Friede und Vergebung regieren, wo Hass, Streit und Schuld keinen Raum mehr finden. Sollten nicht alle Menschen teilhaben an diesem Reich Gottes? Würden dann nicht viele Probleme gelöst werden? Würden nicht viele Kanäle verstopft werden und die Flut nahezu unschädlich gemacht?

Die Geburt Jesu war der erste Advent, die erste Ankunft. Hier war der angekommen, der die Welt befreien sollte von ihrer Schuld, ihrem Hass und ihrem Unfrieden. Hier kam Licht in das Dunkel der Welt voll von Unruhe, Krieg und Mord. Doch es wird einen zweiten Advent geben, an dem der Messias noch einmal kommen wird. Dann wird er den vernichtenden Strom endgültig zum versiegen bringen, dann wird der neue, wunderbare Strom seines Reiches alle Enden der Erde durchdringen, dann wird er Himmel und Erde neu schaffen und an das Böse – an Krieg, Schuld und Leid – wird niemand mehr denken.

Das alles nahm seinen Anfang an Weihnachten. Als Gott seinen Sohn, den Messias auf die Erde sandte, da kam er selbst und mit ihm brach auch sein Reich in diese Welt hinein. Das war der An-fang dieser wunderbaren Geschichte. Werde auch du Teil davon.

  1. Der Begriff Advent leitet sich vom lateinischen „Adventus“ ab und bedeutet „Ankunft“. ↩︎
Avatar von Hedrik Seel

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