Alexander der Große ist zurecht einer der berühmtesten Feldherren aller Zeiten. Er eroberte innerhalb von zwölf Jahren das riesige Perserreich. So kann es einen nicht sehr verwundern, dass sich sein Wirken auch im Alten Testament niederschlägt. Wo das der Fall ist bzw. sein könnte, soll hier dargelegt werden. Vorher wollen wir uns aber seinen Lebenslauf ansehen.
Eine biographische Skizze
Alexander kam als Sohn des makedonischen Königs Philipp II. und seiner Frau Olympias auf die Welt. Durch das enorme militärische Geschick, die diplomatische Begabung und die Entschlossenheit Philipps erstarkten die Makedonen. Das Königreich fing an zu prosperieren und seine Macht territorial und nominell auszudehnen.
Nach der Ermordung Philipps im Jahr 336 v. Chr. übernahm Alexander die Herrschaft und ließ alle möglichen Konkurrenten kaltblütig beseitigen. Er sammelte seine Streitmacht, besiegte einige Stämme und die Stadt Theben militärisch und brach in Richtung Kleinasien (heutige Türkei) auf, um gegen das riesige Persische Reich vorzugehen. Offizielles Ziel seines startenden Feldzuges war es, Rache an den Persern zu üben. Diese hatten im Jahr 480 v.Chr. unter Großkönig Xerxes I. das griechische Mutterland angegriffen und zweimal geschafft, Athen einzunehmen. Schon für Philipp stand fest, dass die Perser dafür bestraft werden müssten. Alexander übernahm nun dieses Rachemotiv. Er wurde zusätzlich aber noch von einer besonderen Sehnsucht nach dem Fremden – Pothos genannt – angetrieben.
Der Makedone brach mit einem etwa 30.000 Mann starken Heer auf und schlug 334 v.Chr. am Fluss Granikos im Nordwesten Kleinasiens die truppenmäßig deutlich überlegenen Perser. Ein Jahr später stand ihm an der Grenze zu Syrien bei Issos nun der Großkönig Dareios III. persönlich mit seinen Truppen entgegen. Aber auch diesmal konnte Alexander die Perser vernichtend schlagen. Auf seinem weiteren Weg an der östlichen Mittelmeerküste entlang ergaben sich die meisten Städte kampflos – Tyros aber musste aufwendig belagert und erobert werden. Anschließend übte Alexander ein grausames Strafgericht an den Einwohnern aus.
In Ägypten angelangt, wurde er vom persischen Satrapen (Statthalter) als Pharao eingesetzt. Berühmt sollte die nach ihm benannte Stadt Alexandria mit dem Leuchtturm Pharos werden, der zu einem der sieben Weltwunder wurde. Städtegründungen (mit seinem Namen) wurden zu einem generellen Herrschaftsinstrument Alexanders, um Stützpunkte zu aufzubauen und den Nachschub abzusichern. Den Ankerpunkt seiner göttlichen Legitimation setzte er in der Befragung des lybischen Orakels in der Oase Siwa. Dort wurde er zum „Sohn des Amun-Re“, für die Griechen zum „Sohn des Zeus Ammon“ erkoren, also zum Sohn der höchsten Gottheit in ägyptischer und griechischer Deutung. Durch das hohe Ansehen des Orakels in der griechischen Welt erfuhr Alexander eine enorme Legitimation für seine Taten.
Dadurch mit neuem Selbstbewusstsein ausgestattet, besiegte er 331 v.Chr. erneut den numerisch deutlich überlegenen Dareios bei Gaugamela (heute im nördlichen Irak). Für ihn völlig überraschend empfingen die Perser ihn freudig in der alten Metropole Babylon, wo er den Prunk eines Riesenreichs kennenlernte und auskostete. Nachdem er die weiteren Residenzen des Königs, Susa und Persepolis, besucht hatte, wurde Dareios von Verrätern gefangen genommen und umgebracht. Alexander ehrte den Leichnam von Dareios, indem er ihn 330 v.Chr. in Persepolis würdevoll bestatten ließ. Anschließend wurde er Herr über das riesige Perserreich.

Alexander sollte in den Jahren darauf tatsächlich noch bis hinter den Hindukusch (heutiges Afghanistan) und nach Indien vordringen. Doch die Kämpfe wurden immer mühseliger und anstrengender, sodass seine erschöpften Soldaten meuterten. Widerwillig ließ Alexander sein Heer umkehren. 323 v.Chr. sollte er schließlich nach kurzer und heftiger Krankheit in Babylon sterben. Danach kämpften seine Generäle um die Herrschaft, das Großreich zerfiel also in die sogenannten Diadochenreiche (Diadochen = Nachfolger).
Alexander im Buch Daniel
Das Buch Daniel handelt von dem gleichnamigen Protagonisten, der als jüdischer Exilant am babylonischen Königshof (6. Jh. v.Chr.) leben musste. Es spricht am eindeutigsten von Alexander. Nun beansprucht das Buch, prophetisch, also in die Zukunft vorausschauend, über Alexander, aber auch über seine Nachfolger zu sprechen. Da vor allem das elfte Kapitel sehr genau über die politischen Ereignisse nach Alexanders Tod spricht, wird das Buch Daniel meistens in die Zeit nach den Ereignissen datiert. Neben anderen Argumenten spielt dabei auch die These eine Rolle, dass es Prophetie unmöglich geben könne.[1] Diese Ansicht hängt jedoch vom zugrundeliegenden Weltbild ab, mit dem man auf das Buch Daniel blickt. An dieser Stelle wollen wir auf diese Diskussion nicht eingehen und voraussetzen, dass das, was bei Daniel (und später bei Hesekiel) über Alexander geschildert ist, wirklich prophetischer Natur ist. Aber unabhängig davon, wie man diese Frage nun beantwortet, ist klar, dass das Buch Daniel über Alexander spricht.
Im Folgenden soll die eindeutige Passage über Alexander in Daniel 8 im Kontext zitiert werden. Daniel befindet sich in der Burg Susa und hat eine Vision, in der er sich am Fluss Ulai befindet und einen mächtigen Schafbock sieht.
„Ich sah, wie der Schafbock nach Westen, Norden und Süden stieß. Kein Tier konnte ihm standhalten, und es gab keinen, der sich aus seiner Gewalt retten konnte. Er tat, was er wollte, und machte sich groß. Als ich aufmerksam hinsah, kam plötzlich ein Ziegenbock vom Westen her. Er flog nur so über die Erde, ohne den Boden zu berühren. Zwischen seinen Augen hatte er ein auffälliges Horn. Als er bei dem Schafbock angelangt war, den ich am Kanal gesehen hatte, stürzte er sich mit voller Wucht auf ihn. Ich sah ihn auf die Seite des Schafbocks aufprallen. Voller Erbitterung stieß er den Schafbock und brach ihm beide Hörner ab. Der hatte nicht die Kraft, ihm standzuhalten; er wurde zu Boden geworfen und zertrampelt. Niemand kam ihm zu Hilfe. Der Ziegenbock wurde immer größer. Auf dem Höhepunkt seiner Macht brach sein großes Horn ab. An seiner Stelle wuchsen vier kräftige Hörner in die vier Himmelsrichtungen hin.“ Daniel 8:4-8
Die Vision geht noch damit weiter, dass ein kleines Horn an seinem Kopf heranwächst, das mächtig wird und gegen Israel, sein Heiligtum und letztlich Gott agiert (Daniel 8:9-14). Der Inhalt der Vision wird anschließend auch erklärt. Es heißt weiter:
„Der Schafbock mit den beiden Hörnern meint die Könige von Medien und Persien, der zottige Ziegenbock das griechische Königreich. Das große Horn zwischen den Augen des Ziegenbocks ist der erste König des Griechenreiches. Dass es abbrach und dass an seiner Stelle vier andere aufwuchsen, bedeutet: Aus dem Griechenvolk werden vier Reiche entstehen, die aber nicht so viel Macht haben wie der erste König.“ Daniel 8:20-22
Der erste König eines griechischen Reiches (Ziegenbock), der die Könige von Medien und Persien (Schafbock) besiegt, muss Alexander sein. Eigentlich besiegte er nur Dareios, aber die Niederlage kann ja auch allgemein auf die Vorgänger übertragen werden, deren Erbe nun in griechischer Hand lag. Im Anschluss geht es noch um die Herrscher nach Alexander (Daniel 8:23-26).
Was sagt der Text hier über Alexander aus? Er kommt von Westen, und das mit einer überragenden Leichtigkeit bzw. Geschwindigkeit, da er den Boden nicht berühre. Sein Horn ist groß und seine Kraft gewaltig, sodass er den eigentlich auch mächtigen Schafbock in Windeseile ausschaltet. All dies passt zu dem, was wir über den Eroberungszug Alexanders gegen das Persische Reich wissen. Die vier Nachfolgereiche waren Makedonien, Thrakien, Syrien und Ägypten.[2]
Auch in Daniel 11 ist die Rede von Alexander. In Vers 2 geht es um persische Könige bis Xerxes I (465 v.Chr. gestorben). Anschließend wird Folgendes gesagt:
„Dann wird ein großer Held König werden und mit großer Macht herrschen. Er wird durchsetzen, was er will. Doch auf dem Höhepunkt seiner Macht wird sein Reich zerbrochen und nach den vier Himmelsrichtungen zerteilt werden. Es fällt aber nicht seinen Nachkommen zu, und es ist auch nicht mehr so mächtig wie unter seiner Herrschaft. Denn sein Reich wird zerrissen und wird anderen gehören, die nicht mit ihm verwandt sind.“ Daniel 11:3f
Der Inhalt des Abschnitts und die Passage danach, in der von der politischen Situation im Nahen Osten die Rede ist, legen nahe, dass hier Alexander gemeint ist. Er besitzt große Macht und setzt sich durch. Allerdings hat diese Macht keinen Bestand: Das Großreich wird aufgeteilt.
Daniel 7:6 kann man auch allgemein als das Reich Alexanders interpretieren, welches sich in alle Richtungen ausbreitet.
Alexander im Buch Hesekiel
Hesekiel lebte ebenso wie Daniel im 6. Jh. v.Chr. in Babylonien. Ein Großteil des Buches wird durch Gerichtsworte gegenüber Israels Sünde, aber auch gegenüber fremden Völkern gefüllt. Im Zusammenhang dazu steht die Drohrede gegen Tyrus, der phönizischen Hafenstadt am östlichen Mittelmeer, in Kapitel 26. Gott verheißt ihr Unheil, da sie arrogant gegenüber Jerusalem war (Hesekiel 26:2):
„Jetzt gehe ich gegen dich vor, Tyrus! Wie das Meer gegen deine Klippen brandet, werde ich viele Völker gegen dich anstürmen lassen! Sie werden deine Mauern schleifen, Tyrus, und deine Türme niederreißen. Ich fege deine Erde von dir weg und mache dich zu einem kahlen Felsen im Meer, zu einem Trockenplatz für Fischernetze. Ich habe das gesagt‘, spricht Jahwe, der Herr. ‚Völker werden Tyrus ausplündern, seine Tochterstädte auf dem Festland zerstören und deren Einwohner töten. Daran wird man erkennen, dass ich Jahwe bin.’“ Hesekiel 26:3-5
Hier kommt Alexander offensichtlich nicht direkt vor. Dazu kommt, dass diese Unheilsprophetie mit dem babylonischen König Nebukadnezar verbunden wird, der die Stadt einnehmen und die Menschen massakrieren wird (Hesekiel 26:7-14). In Vers 12 wird vorausgesagt, dass die Überreste der Stadt ins Meer geschüttet werden. Dazu muss man wissen, dass Tyros aus zwei Teilen bestand: einmal aus einem Teil am Festland und zum zweiten aus einer dem Festland 800 Meter vorgelagerten Insel. Tatsächlich eroberte Nebukadnezar 586 v.Chr. den Festlandteil von Tyros, aber auch nach dreizehnjahrelanger Belagerung gelang ihm nicht die Einnahme des Inselteils (Hesekiel 29:17-19). Alexander sollte dies aber vollbringen.
Alle anderen Küstenstädte übertrugen Alexander die Macht. Tyros schloss sich dem zwar formal an, ließ ihn aber nicht in die Stadt hinein, als er dem Stadtgott Melkart opfern wollte. Die Auffassung, dass die Tyrer – wegen ihres Reichtums, ihrer Vorrangstellung und ihrer sicheren Lage – zu stolz waren, einen makedonischen König, der Ansprüche auf die Herrschaft erhob, nicht hineinzulassen, ist sicherlich plausibel. Das würde zu dem Vorwurf von Hesekiel passen (Hesekiel 26:2). Und Alexander wäre nicht Alexander gewesen, hätte er die Stadt nicht direkt belagern lassen. Er ließ erst einen Damm aus den Steinen des alten Festlandtyros errichten (Diodor, Historische Bibliothek 17,40), um gegen die Stadt vorzudringen. Nachdem dies nicht funktioniert hatte, ließ er eine Plattform aus Schiffen errichten, von der er Tyros erfolgreich beschießen ließ. Dadurch wurde ein Teil der Mauer zerstört (Diodor, Historische Bibliothek 17,46). Die Straßenkämpfe und die anschließende Bestrafung der tyrischen Bevölkerung waren grausam. Alexander wollte ein Exempel statuieren.

So erfüllte sich gewissermaßen die Prophezeiung des Hesekiel, auch wenn Tyros wiederaufgebaut wurde und weiterhin bewohnt blieb. Selbst die Tatsache, dass die Überreste der Stadt (am Festland) ins Wasser geworfen wurden, erfüllte sich. Auch wenn es nach Vers 12 so scheint, als hätte dies Nebukadnezar machen sollen. Interessanterweise wird in Hesekiel 26:7-11 das Strafgericht Gottes immer durch Nebukadnezar in der dritten Person Singular ausgeführt, wenn auch die dritte Person Plural z.B. für seine Reiter verwendet wird. In Vers 12 dagegen wird nur die dritte Person Plural verwendet, ohne die dritte Person Singular für Nebukadnezar zu verwenden. Man kann das also sehr plausibel so deuten, dass das dort Beschriebene von den „vielen Völkern“, wie es in Vers 3 heißt, ausgeführt wird. Das wiederum würde auch Alexander mit einschließen. Somit käme er auch im Buch Hesekiel indirekt vor.
Fazit
Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle noch gesagt, dass die Zerstörung von Tyros auch noch in Sacharja 9:1-4 thematisiert wird, was ebenso auf Alexander hindeutet.
Der berühmte Feldherr hinterließ also auch im Alten Testament seine Spuren. Nach Flavius Josephus soll Alexander auch feierlich in Jerusalem eingezogen sein. Dort wurde ihm von den Priestern das Buch Daniel gezeigt. Darin las er die oben behandelte Stelle und hielt sich voller Freude selbst für diesen griechischen König, der den persischen Kontrahenten besiegen werde. Daraufhin soll er den Juden Geschenke bereitet und verschiedenste Rechte gewährleistet haben (vgl. Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 11,8,5). Ob sich dies so zugetragen hat, sei einmal dahingestellt. Aber allein die Vorstellung ist interessant.
[1] Vgl. Guthrie, Donald; Motyer, J. Alec (Hg.): Kommentar zur Bibel. AT und NT in einem Band, S.847f.
[2] Vgl. Kommentar, S.859.
Literatur: Barceló, Pedro; Degen, Julian (u.a.): Alexander der Große. Herrscher über ein antikes Weltreich. Herausgegeben in Zusammenarbeit mit wbg Theiss. DAMALS Sonderband, Freiburg 2025.
















Schreibe einen Kommentar