Beten für den Himmel auf Erden

Dieser Beitrag erschien zuerst bei BioLogos. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.


Ich bete jeden Tag: Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Ich rufe den Gott an, der das Weltall ordnet – der Sterne und Planeten mit uhrwerkgleicher Präzision in Bewegung setzt – und bitte ihn, sich meinem täglichen Leben zuzuwenden, so chaotisch es auch sein mag. Ich bitte den Herrn über Raum und Zeit, seinen Blick auf diesen blassblauen Punkt zu richten und – als winzigen Punkt auf der zerbrechlichen Oberfläche dieser kleinen Welt – auch auf mich.

Ich habe dieses Gebet schon als Kind gesprochen – damals mit einer kindlichen Vorstellung: Gott regiert im Königreich über meinem Kopf – sowohl physisch als auch metaphorisch. „Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar, zu hoch, als dass ich sie fassen könnte.“ (Ps 139:6) Ich betete, dass Gott vom Himmel herabkommt, um mir in meiner Not beizustehen. Mein Land und meine Welt erschienen mir zerbrochen. Also betete ich auch für sie.
Gott, komm und räume dieses Chaos auf. Herr, erbarme dich.

Heute Morgen habe ich dasselbe Gebet gesprochen – aber es hatte eine andere Bedeutung. Die Astronomie und die Heilige Schrift haben meinen Blick auf Himmel und Erde verändert. Und sie haben auch mein Gottesbild verändert. Der Glaube bleibt, die Hoffnung bleibt, und die Liebe bleibt; ich bitte Gott immer noch, einzugreifen. Doch mein Verständnis hat sich gewandelt.
Das Reich Gottes ist – anders, als ich einst dachte – nicht einfach physisch „über mir“. Wenn ich nach oben blicke, sehe ich den Himmel. Und jenseits des Himmels: den Weltraum. Und jenseits des Weltraumes: noch mehr Raum. Das Universum dehnt sich in Weiten aus, die mein Vorstellungsvermögen übersteigen. Die Wissenschaft bestätigt das – und wenn ich darüber nachdenke, auch der Psalmist: „Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar, zu hoch, als dass ich sie fassen könnte.“
Es ist metaphorisch so weit über mir, dass es physisch nicht einmal sichtbar ist.

Das Reich Gottes ist radikal anders als die Reiche dieser Welt. Wäre es nicht so, hätte ich keine Hoffnung auf Erlösung. Die Zustände hier sind völlig verdreht, und deshalb muss Gott etwas radikal anderes anbieten. Das Reich Gottes ist auf geheimnisvolle und wundersame Weise nahe.

Die Astronomie und die Heilige Schrift haben meinen Blick auf Himmel und Erde verändert. Und sie haben auch mein Gottesbild verändert.

Meine Hoffnung ist kein Wolkenschloss. Sie gründet sich auf Beziehungen, Gespräche und alltägliche Begegnungen. Sie ist gebaut auf der Unterweisung meiner Eltern, dem Glauben meiner Freunde und der Weisheit meiner Gemeinde. Sie wurde durch die Jahrhunderte weitergegeben. Sie erwächst aus den täglichen Begegnungen mit der Schrift und dem Gottesdienst. Mit anderen Worten: Sie beruht auf denselben chaotischen, greifbaren Verbindungen, aus denen meine Welt besteht. Mit den Worten Jesu: „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte. Man wird nicht sagen: Siehe hier!, oder: Siehe dort! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ (Lukas 17:20-21)

Nicht über uns, sondern in uns und unter uns

Christen wissen es seit der Zeit Christi: Die Errettung ist nicht irgendwo in den Wolken zu finden, nicht einmal zwischen den Sternen – sondern in der Gemeinschaft und im Miteinander.
Kopernikus und Galilei hatten eine bedeutsame Erkenntnis: Himmel und Erde folgen denselben Gesetzmäßigkeiten. Doch wir müssen sehr genau hinhören, wie wir diese Botschaft verstehen. Allzu oft nehmen wir an, dass andere Planeten – oder das Weltall an sich – wie die Erde sein müssen. Doch wir erforschen das All gerade deshalb: weil es anders ist. Wir forschen, weil wir nicht wissen, was wir finden werden.

Ebenso unterstellen wir oft, dass der Himmel wie die Erde sein müsse – und verpassen damit die Chance, über uns selbst hinauszuwachsen.
Unser Gebet darf niemals lauten: „wie auf Erden so im Himmel“.

„Als ich Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte und urteilte wie ein Kind. Als ich Mann wurde, tat ich das Kindliche ab.“ (1 Kor 13:11). Als Erwachsener erkenne ich: Das Chaos ist nicht auf mein persönliches Umfeld begrenzt. Ich stolpere und falle. Die Menschen um mich herum stolpern und fallen. Und dieses unbeholfene Straucheln zieht sich durch die ganze Menschheit – bis hin zu unserem Umgang mit der Schöpfung. Wenn ich heute bete: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“, dann denke ich dabei an den ganzen Planeten.

Ich warte nicht darauf, dass Gott sich von oben (oder vom Jenseits) herabbeugt. Ich bitte, dass Gottes Geist in mir wirkt – mich lehrt, recht zu beten und recht zu leben (vgl. Röm 8:26). Ich suche nicht, der Erde zu entfliehen, sondern – gemeinsam mit ihr – in Einklang mit dem Himmel zu kommen.

Die Schrift zeigt uns: Wir sind kein fremdes Land, sondern eine rebellische Provinz. Unsere Hoffnung liegt allein im Handeln Gottes. Gott gliedert die Menschen wieder in die Schöpfung ein und bringt die Schöpfung mit sich selbst in Einklang.

Wir dürfen den kindlichen Glauben nicht mit dem Glauben unserer Vorfahren verwechseln. Auch sie waren einmal Kinder. Und auch sie gaben ihren Glauben an ihre Kinder weiter – sonst wären wir nicht hier. Das Reich Gottes ist nicht über uns, sondern unter uns – und in uns.

Allzu oft nehmen wir an, dass andere Planeten – oder das Weltall an sich – wie die Erde sein müssen. Doch gerade deshalb erforschen wir das All: weil es anders ist. Wir forschen, weil wir nicht wissen, was wir finden werden. Ebenso unterstellen wir oft, dass der Himmel wie die Erde sein müsse – und verpassen damit die Chance, über uns selbst hinauszuwachsen.
Unser Gebet darf niemals lauten: „wie auf Erden so im Himmel“.

Lucas Mix

Himmel – kein Raum, sondern Harmonie

Gott fordert von mir die Demut eines Kindes (Mt 18:3; Mk 10:15). Er lädt mich ein, mit Staunen und Neugierde zum Himmel aufzublicken und die Erde um mich herum wahrzunehmen. Er fordert mich auf, das Reich Gottes jederzeit und überall zu suchen – nicht im Vertrauen auf meine eigene Weisheit, sondern im Vertrauen auf seine Gnade. Er erwartet von mir den Glauben eines Kindes – aber nicht nur diesen. Er fordert mich ebenso auf, wie ein Erwachsener zu denken und zu reflektieren.

Und so behalte ich mein kindliches Gebet bei. Ich bitte den transzendenten Gott, in mein diesseitiges Chaos hineinzuwirken und etwas Heiliges daraus zu machen.
Aber ich bete auch als Erwachsener:
Ich bitte darum, dass die Schöpfung dem Willen Gottes entspricht.
Ich bitte ihn, uns durch denselben Geist, der in Christus war, zu einem Leib zu machen.

Der Himmel ist kein Raum, sondern Harmonie. Es ist eine Harmonie, die so grundlegend anders ist als das Leben, das wir kennen, dass Gott Mensch werden musste, um sie uns zu zeigen und davon zu sprechen. Ich kann den Himmel nicht ganz begreifen, aber ich darf ihn ergreifen. Die Erde ist mehr als der Planet Erde. Sie umfasst die gesamte Menschheit, vielleicht das ganze Universum. Die Erde ist mehr als nur ein Himmelskörper und sie darf nicht weniger sein. Der Planet ist zerbrochen und braucht Gottes Harmonie. Ich kann Gott nicht um sein Eingreifen bitten, ohne mich selbst dafür zur Verfügung zu stellen, mich nämlich vom Geist Gottes leiten zu lassen.

Ich bitte Gott: Vergib mir meine Schuld, wie auch ich denen vergebe, die an mir schuldig geworden sind – im Wissen, dass beides zusammengehört.
Ebenso bitte ich ihn, mich zu nähren, wie ich die Erde nähre.
Ich bitte darum, dass die himmlische Harmonie durch mich hereinbricht, so wie sie überall sonst hereinbricht.

Ich weiß: Ich kann nicht allein errettet werden – und ich möchte es auch nicht. Mein Schatz liegt in meinen Beziehungen.

Darum bete ich:
„Dein Reich komme, dein Wille geschehe – wie im Himmel, so auf Erden.“

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