Bischof Barron, die deutsche Kirche und die Erneuerung des Glaubens

Bischof Robert Barron, Word on Fire, Josef Pieper Preis
Bischof Barron, die deutsche Kirche und die Erneuerung des Glaubens
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Am 27. Juli wurde Bischof Robert Barron in Münster mit dem Josef-Pieper-Preis ausgezeichnet und reiht sich damit in die Reihe früherer Preisträger wie Rémi Brague und Charles Taylor ein. Der Preis wird für „beispielhafte Veröffentlichungen und Arbeiten über das christliche Menschenbild“ verliehen – und Barrons Projekt Word on Fire spiegelt genau diesen Anspruch wider. Doch kaum war Barron als nächster Preisträger bekannt gegeben worden, kam es in Münster zu Protesten: Auf eine historische Kirche vor Ort wurden Parolen wie „F**k“ und „F**k Trump“ gesprüht. Kritiker, darunter die Jugendorganisation der Grünen, warfen dem Bischof vor, ein Trump-Unterstützer und damit ein Extremist zu sein. Noch erstaunlicher war jedoch, dass die katholische Theologische Fakultät der Universität Münster Barron beschuldigte, „für eine Art Katholizismus zu stehen, die Menschen wie LGBTQ-Katholiken oder Migranten ausschließt“ und „Autoritarismus in den USA“ und anderswo zu unterstützen. Mit solchen akademischen Stimmen – was könnte bei der Ausbildung von Seminaristen und anderen Theologiestudierenden schon schiefgehen?

In unserer Zeit – und besonders in Deutschland – gelten Versuche, einen Mittelweg zu finden und ausgewogen zu sein – Eigenschaften, die Robert Barron sowohl akademisch als auch charakterlich verkörpert – bestenfalls als unverantwortlich, schlimmstenfalls als gefährlich. Wir leben in einer Welt der Parteiungen und der Polarisierung, in der Brückenbau mit Misstrauen betrachtet wird. Mit der „anderen Seite“ zusammenzuarbeiten, gilt als „Pakt mit dem Teufel“. Das zeigt sich sogar innerhalb der deutschen Kirche – und das schon seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und dessen unbeabsichtigten Folgen. Ich sympathisiere mit Papst Leo XIV., dessen Arbeit als Pontifex gerade erst begonnen hat.

Die Kirche muss wieder eine Debattenkultur entwickeln. Um dorthin zu gelangen, brauchen wir Versöhnung. Wir brauchen Entpolarisierung. Mit anderen Worten: Wir brauchen Menschen wie Robert Barron, die uns daran erinnern, dass die Kirche, die Braut Christi, eine Institution mit einer Mission ist – und nicht durch die Brille von Macht oder Politik betrachtet werden darf.

Wir müssen uns vor einem theologischen und philosophischen Narzissmus hüten, der sich unter dem Deckmantel von „Tradition” oder „Fortschritt” verbirgt. In der Kirche muss Gott im Mittelpunkt stehen, nicht wir – denn es ist Gott, der uns zieht – und uns zuweilen sogar drängt –, über uns selbst hinaus, aus uns selbst heraus, hin zu ihm, der heilig und transzendent ist. Das ist es, was wahre Befreiung, Freiheit, Vergebung und Erlösung bedeutet.

Die allseits beliebten Debatten über die Liturgie – auch wenn sie nicht immer fruchtbar sind – gehören dennoch ins Zentrum des kirchlichen Lebens, weit mehr als säkulare Politik. Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass das Heil davon abhängt, welche Form der Liturgie man besucht. Ebenso sollten wir aufhören, unsere Bischöfe zu überlasten, als ob sie allein alle Probleme lösen könnten und müssten. Wahre Synodalität erfordert eine strukturierte Zusammenarbeit, die auf größere Treue und eine wirksamere Mission ausgerichtet ist – etwas, das nur gemeinsam verwirklicht werden kann. Für die Bischöfe und ihre Diözesanverwaltungen (insbesondere für finanzstarke Diözesen) bedeutet das, viele zweitrangige Projekte und Aktivitäten loszulassen und sich wieder auf primäre Mission zu konzentrieren: Unterstützung, Ausbildung, Begleitung, Bildung und Inspiration für das Leben und die Mission der Pfarreien, Priester und Missionare. Evangelisierung geschieht an der Basis – aber auch über das Internet, wie Barron seit Jahren eindrucksvoll zeigt.

Die Erneuerung der Kirche ist in vollem Gange – und Bischöfe wie Robert Barron stehen dabei an vorderster Front. Die Proteste gegen ihn zeigen jedoch, wie sehr die deutsche Kirche in dieser Hinsicht hinterherhinkt, da sie immer noch in ihrer eigenen, weitgehend imaginären Version des Christentums gefangen ist, die es längst nicht mehr gibt. Dennoch gibt es Zeichen der Erneuerung: Menschen wie Bischof Stefan Oster aus Passau, der Barron öffentlich lobte und verteidigte. Die Saat ist gesät, auch wenn sie noch nicht richtig aufgegangen ist. Vorerst bleibt die deutsche Kirche jedoch weitgehend entfremdet von jener Erneuerung und jenem ressourcement, für das Barron einsteht.

Nicht einmal der verstorbene Papst Franziskus konnte viel gegen die germanische Flut selbstbezogener Theologie ausrichten, die ihre Institutionen weiterhin überschwemmt. In den vergangenen Jahren hat der Heilige Stuhl die deutsche Kirche in bemerkenswerter Weise ignoriert. Mittlerweile frage ich mich, ob dies eine strategische Entscheidung war. Ich vermute allerdings, dass der kumulative Einfluss aller deutschen Bischöfe auf die Weltkirche deutlich geringer ist als der Einfluss von Robert Barron. Es ist offensichtlich, dass Barron sich wesentlich intensiver mit den Herausforderungen der Evangelisierung in der heutigen Welt auseinandergesetzt hat – und dass er mehr Mut gezeigt hat, das Evangelium zu verkünden.Trotz all ihrer finanziellen Mittel und theologischen Schlagkraft hat die deutsche Kirche in Sachen tatsächlicher Evangelisierung nur wenig erreicht. Sie scheint unfähig, ihre kirchlichen Echokammern und elfenbeinernen Türme zu verlassen.

Fakt ist: Die Erneuerung der Kirche geschieht – ob die deutsche Hierarchie mitzieht oder nicht. Es ist an der Zeit, dass die deutschen Bischöfe aufwachen. Evangelisierung ist kein von oben gesteuertes, zentralistisches Unterfangen, das von technokratischer Verwaltung lebt oder sich im bloßen Umsetzen diözesaner oder vatikanischer Programme erschöpft. Vielmehr muss jedes Glied und jede Ebene der Kirche – Bischöfe, Priester, Laien – ihren Beitrag leisten. Dabei muss die Umsetzung nicht perfekt sein; der Heilige Geist wird leiten. Aber weil wir alle gefallene Geschöpfe sind, anfällig für Irrtum und Sünde, braucht dieser Einsatz Aufsicht, klare Grenzen und Reinigung – und genau hier kommen Hierarchie und Lehramt ins Spiel. Das wird viel Arbeit und auch Risiken mit sich bringen, aber wir dürfen uns vor beidem nicht fürchten.

Josef Pieper hat diesen Moment der kirchlichen Erneuerung vorausgesehen. Schon jetzt zeigt sich ein großes Potenzial, das Klarheit und Ermutigung schenkt. Wenn diese Erneuerung eine gute, großzügige, kluge und zugleich selbstbewusste Begleitung und Aufsicht durch die Hierarchie erhält, stehen die Chancen gut, dass sie aufblüht und Früchte trägt, die unsere Erwartungen weit übertreffen.

Eines ist jedoch ebenso klar: Die Erneuerung, die in der Kirche entsteht, ist weit traditioneller, als viele es sich vorgestellt hätten – verwurzelt in der Erkenntnis, dass man nur dann wirklich „apostolisch“ und „traditionell“ sein kann, wenn man dem Evangelium treu bleibt und es aktiv verkündet. Echte Erneuerung bedeutet, die Frohe Botschaft unseres Herrn und Erlösers zu verbreiten – nicht, andere so zu formen, dass sie in unser eigenes, selbstbezogenes Bild passen. Pieper – und Barron als sein Erbe – sprechen eine andere Sprache: die Sprache der Liebe Christi. Das ist wahrer Fortschritt und wahre Treue. Die Josef-Pieper-Stiftung hat recht daran getan, Robert Barron auszuzeichnen und sich nicht dem weltlichen Druck zu beugen.


Dieser Beitrag erschien zuerst bei First Things. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
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Avatar von Hans Feichtinger

Kommentare

2 Antworten zu „Bischof Barron, die deutsche Kirche und die Erneuerung des Glaubens“

  1. Avatar von Monika Steinbring
    Monika Steinbring

    Danke für den „Canadian Weckruf“! Dem ist nichts hinzuzufügen. Hier noch eine „good old german“ Weisheit: Der faulende Fisch stinkt immer vom Kopf her!

    1. Avatar von Markus Buller
      Markus Buller

      Danke für Ihren Kommentar Frau Steinbring. Ein sehr passender Spruch. Die Kirche kann nur dann gesund sein, wenn Christus ihr wahres Haupt ist.

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