Bismillah Bedeutung: Die Basmala im Kontext vorislamischer Formeln und frühislamischer Überlieferungen

Darstellung des Segen Gottes Bismillah - im Namen Gottes

1. Einleitung

Die Formel bismillah ist einer der bekanntesten Ausdrücke der islamischen Welt. Doch ihre sprachlichen Wurzeln reichen weit vor die Entstehung des Islams zurück. In semitischen Sprachen und im vorislamischen Arabien finden sich zahlreiche Beispiele für Anrufungen nach dem Muster „im Namen von …“. Auch die frühislamische Überlieferung zeigt, dass die religiöse Landschaft zur Zeit Muḥammads noch stark von älteren Kulturen geprägt war. Um die spätere Basmala zu verstehen, ist es daher sinnvoll, ihre semitischen Vorläufer, vorislamischen Inschriften und die religiöse Umwelt der Frühzeit gemeinsam zu betrachten.

2. Die Bedeutung der Formel bismillah

Viele Menschen begegnen der arabischen Formel bismillah regelmäßig – beim Essen, vor Aufgaben, beim Koranlesen – und stellen sich zwei grundlegende Fragen.

Was heißt bismillah auf deutsch?

Wörtlich heißt bismillah auf deutsch: „Im Namen Gottes“.
Die ausführliche Form bismillahirrahmanirrahim übersetzt sich:
„Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Gnädigen“.

Die Formel besteht aus:

  • bi- = „im / mit“
  • ism = „Name“
  • Allāh = „Gott“

Was bedeutet bismillah – und wann sagt man es?

Inhaltlich bedeutet bismillah, dass eine Handlung bewusst „im Namen Gottes“ begonnen wird. Wer die Formel ausspricht, versteht sie als sakrale Einleitung eines Vorgangs und stellt das, was folgt, unter göttlichen Schutz oder Segen.

Typische Situationen, in denen bismillah gesagt wird:

  • vor dem Essen
  • vor dem Lesen oder Rezitieren des Korans
  • vor Beginn einer Arbeit oder Aufgabe
  • vor einer Reise
  • allgemein zu Beginn jeder Handlung, die man mit Achtsamkeit oder im Vertrauen auf Gott beginnt

Diese kurze Formel verbindet alltägliche Tätigkeiten mit einem spirituellen Moment.

3. Die ältere semitische Formelstruktur

Die Formulierung „im Namen Gottes“ ist im semitischen Sprachraum seit Jahrhunderten bekannt. Im Hebräischen lautet sie be-šēm Elohim, im Aramäischen b-šem Alāhā. Diese sakralen Einleitungsformeln wurden genutzt, um Gebete, Texte oder wichtige Handlungen feierlich zu eröffnen und ihre Ausführung unter die Autorität einer Gottheit zu stellen.

Der zugrunde liegende Gottesbegriff ist dabei kein exklusives Merkmal des Monotheismus. Der arabische Titel Allāh selbst geht sprachlich auf al-ilāh („der Gott“) zurück und ist ursprünglich kein Eigenname, sondern eine allgemeine Bezeichnung für „die höchste Gottheit“. Dieser Titel wurde lange vor dem Islam sowohl in polytheistischen Religionen als auch bei arabischen Christen verwendet. Für die vorislamischen Mekkaner bezeichnete „Allāh“ den höchsten Gott ihres Pantheons, ohne die Existenz anderer Gottheiten wie al-Lāt, al-ʿUzzā oder Manāt auszuschließen. Arabische Christen wiederum benutzten den gleichen Titel „Allāh“ für den biblischen Gott, oft in Inschriften und Liturgie des 5. und 6. Jahrhunderts belegt.

Der Name „Allāh“ war also ein verbreiteter religiöser Titel, kein exklusiver, monotheistischer Eigenname. Muḥammad übernimmt diesen schon vorhandenen Titel und füllt ihn im Islam konsequent monotheistisch, indem er „den Gott“ zum einzigen Gott erhebt und jede andere Gottheit negiert.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass die später islamische Formel bismillah nicht aus dem Nichts entsteht, sondern in einer langen Linie alter sakraler Anrufungen steht. Sie übernimmt ein verbreitetes Muster des antiken Nahen Ostens – die Einleitung „im Namen von …“ – und kombiniert es mit einem Gottesbegriff, der bereits vorislamisch in unterschiedlichen religiösen Traditionen genutzt wurde.

4. Vorislamische arabische Inschriften: „Im Namen der Göttin al-Lāt“

Besonders interessant sind die vorislamischen Inschriften Arabiens, die dieselbe Struktur wie die spätere Basmala verwenden. Eine der deutlichsten Formulierungen stammt aus safaitischen Inschriften:

b-smy lt – „im Namen der Göttin al-Lāt“.

Die Struktur entspricht exakt bismillah, nur mit einer anderen Gottheit. Weitere vorislamische Beispiele bestätigen dieses Muster:

  • b-sm ʾlh – „im Namen (des) Gottes“ (nabatäisch)
  • b-sm rḥmn – „im Namen des Barmherzigen“ (südarabisch)

Der Gottesname Raḥmān („der Barmherzige“) erscheint also schon vor dem Islam und wird in der Formel bismillahirrahmanirrahim weitergeführt.

Diese Befunde zeigen, wie fest die Anrufung „im Namen von …“ in der religiösen Sprache Arabiens verankert war.

5. Die religiöse Umwelt: al-Lāt, al-ʿUzzā und Manāt

Die Formel „im Namen der Göttin al-Lāt“ verweist auf das bedeutende Dreier-Pantheon vorislamischer Arabien: al-Lāt, al-ʿUzzā und Manāt. Diese Göttinnen wurden verehrt, hatten Kultstätten, Rituale und rangierten im religiösen Bewusstsein der damaligen Gesellschaft weit oben.

Der Koran erwähnt sie ausdrücklich, was zeigt, dass sie im Umfeld der koranischen Verkündigung weiterhin präsent waren.

6. Die frühislamische Überlieferung: Die sogenannte Geschichte der „Satanischen Verse“

Ein besonders eindrückliches frühes Traditionsstück, das die religiöse Situation in Mekka widerspiegelt, ist die Geschichte der sogenannten „Satanischen Verse“ (qiṣṣat al-gharānīq). Sie wird in mehreren wichtigen frühen islamischen Quellen überliefert, darunter:

  • at-Ṭabarī (839–923)
  • Ibn Isḥāq (ca. 704–767)
  • al-Wāqidī (747–823)
  • Ibn Saʿd (ca. 784–845)
  • al-Zuhrī (ca. 673–741)
  • Ibn al-Mundhir (ca. 855–930)
  • Ibn Ḥajar (1372–1449)
  • as-Suyūṭī (ca. 1445–1505)

Diese Berichte beschreiben, dass Muḥammad während der Rezitation der Sure 53 (an-Nadschm) Worte ausgesprochen haben soll, die die drei Göttinnen al-Lāt, al-ʿUzzā und Manāt in unerwartet positiver Weise beschrieben.

Die Formulierung wird meist so wiedergegeben:
„Das sind die erhabenen hohen Wesen, deren Fürbitte man erhoffen darf.“

Die mekkanischen Zuhörer sollen erfreut gewesen sein, da sie diese Worte als Anerkennung ihrer Gottheiten verstanden. Später, so berichten die Quellen, wurden die betreffenden Worte aus der Rezitation entfernt, weil Muḥammad erkannte – nach göttlicher Korrektur –, dass diese Formulierungen nicht Teil der Offenbarung gewesen seien, sondern auf eine satanische Einflüsterung zurückgingen. Daher wurden sie verworfen und die korrekte Fassung der Sure wiederhergestellt.

Diese Erzählung ist historisch bedeutsam, weil sie zeigt, wie eng die frühe islamische Botschaft mit der religiösen Umgebung verbunden war. Die alten Gottheiten waren noch im kulturellen Gedächtnis lebendig und tauchten in Erzählungen im Zusammenhang mit der frühen Verkündigung auf.

7. Von vorislamischen Formeln zur islamischen Basmala

Aus allen genannten Bereichen entsteht ein konsistentes Gesamtbild.
Die Formel „im Namen von …“ stammt aus einer alten semitischen Tradition und wird in vorislamischen Inschriften Arabiens mit verschiedenen Gottheiten angewendet. Die frühislamischen Quellen zeigen, dass diese religiöse Kultur weiterhin präsent war.

Die islamische Basmala greift dieses vertraute Muster auf, setzt jedoch einen eindeutig monotheistischen Inhalt:
Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Gnädigen.

8. Schluss

Betrachtet man die überlieferten Episoden aus der Frühzeit des Islams, entsteht ein Bild, das aus historisch-kritischer Perspektive eher gegen die Vorstellung einer vollständig unabhängigen göttlichen Offenbarung spricht. Stattdessen wirken viele Berichte so, als habe Muḥammad in konkreten Situationen auf bestehende Traditionen zurückgegriffen und war bereit, ausgesprochene Worte auf äußere Umstände hin zu verändern oder anzupassen.

Die Geschichte der sogenannten „Satanischen Verse“ zeigt dieses Muster besonders deutlich. Der Prophet sprach Verse, die die Göttinnen al-Lāt, al-ʿUzzā und Manāt in positiver Weise erwähnten – eine Formulierung, die sich gut in das religiöse Umfeld Mekkas einfügte. Erst nachdem die Reaktion seiner Gefolgsleute kritisch ausfiel, wurden diese Worte zurückgenommen und durch eine streng monotheistische Fassung ersetzt. Aus quellenkritischer Sicht wirkt dies weniger wie die Übermittlung einer unveränderlichen Offenbarung als vielmehr wie ein situativer Kompromiss, der später korrigiert wurde.

Ein paralleles Muster findet sich in Sahih al-Bukhari 4990. Dort wird berichtet, dass der Vers (4:95) zunächst ohne Ausnahme formuliert gewesen sei:

„Nicht gleich sind die Gläubigen, die zu Hause sitzen, und jene, die kämpfen.“

Als ein blinder Gefährte nach seiner Stellung fragte, wurde die Formulierung laut Überlieferung unmittelbar erweitert und um eine Ausnahme ergänzt. Auch hier zeigt sich eine Anpassung von angeblich offenbarten Worten an ein unmittelbares Alltagsproblem.

Beide Fälle haben gemeinsam, dass Worte zunächst öffentlich ausgesprochen und erst anschließend revidiert oder ergänzt wurden. Aus historischer Sicht deutet dieses Muster darauf hin, dass Muḥammad seine Botschaft in engem Austausch mit der sozialen Umgebung formulierte. Offenbarungsstücke entstanden demnach nicht isoliert, sondern in Interaktion mit Zuhörern, Erwartungen und kulturellen Traditionen. Diese Flexibilität passt eher zu der Annahme, dass Muḥammad vorhandene religiöse Vorstellungen, Formeln und Praktiken seiner Zeit aufgriff und neu deutete, als zu der Vorstellung eines vollständig unabhängigen, unveränderlichen Offenbarungsakts.

Gerade die Basmala – also die Formel bismillah, deren Struktur und Bestandteile sich bereits in vorislamischen Inschriften finden – fügt sich in dieses Gesamtbild ein. Sie übernimmt eine alte semitische Anrufungsformel und greift Bezeichnungen wie Raḥmān auf, die lange vor dem Islam belegt sind (so auch: Assalamu Alaikum wa Rahmatullahi wa Barakatuh). Die Entstehungsumstände der frühen islamischen Texte und die überlieferten Korrekturen sprechen daher eher für die Weiterentwicklung vorhandener Traditionen als für eine völlig neue, von äußeren Einflüssen unabhängige göttliche Offenbarung.

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