Wir müssen umso mehr auf das achten, was wir gehört haben, damit wir nicht daran vorbeigleiten. (Hebräer 2:1)
Evangeliums-Orientiertheit ist nicht mehr so populär wie früher. Zumindest ist die darauf aufbauende Marketingbewegung in den letzten fünfzehn Jahren deutlich zurückgegangen. Als früher Anhänger des evangeliumsorientierten „jung, rastlos und reformiert“-Dingsbums habe ich beobachtet, wie viele meiner Mitstreiter, meist Leiter in etwa meinem Alter, im vergangenen Jahrzehnt nach und nach ihre dienstlichen Schwerpunkte und geistlichen Prioritäten verlagert haben und das ließ mich ein wenig ratlos zurück.
In der Blütezeit der Evangeliums-Orientiertheit wandten sich viele junge Pastoren, so auch ich, von der sucherorientierten Gemeindebewegung ab. Ausgebrannt durch die ständig wachsenden Anforderungen innovativer Methoden und ernüchtert von einem pragmatischen Konsumdenken, das immer weniger an die Schrift gebunden schien, sehnten wir uns nach etwas mit theologischer Tiefe, biblischer Gründlichkeit und historischen Wurzeln.
Viele von uns fanden dann ihren dienstlichen Halt in aufstrebenden Netzwerken und Organisationen, die von älteren Kirchenmännern geleitet wurden, die das Evangelium bereits seit Jahrzehnten treu predigten (Männer wie John Piper, John MacArthur, R.C. Sproul, D.A. Carson und andere), zusammen mit einer Gruppe jüngerer und lautstärkerer Leiter (wie Mark Driscoll, Matt Chandler und David Platt). Für viele Leiter der Generation X hatte diese Mischung aus Alt und Jung, traditionell und zeitgenössisch, akademisch und „kulturell relevant“ – alles ausgerichtet auf das Evangelium – eine starke Anziehungskraft. Es fühlte sich an, als hätten wir endlich unseren Stamm gefunden. Es fühlte sich wie eine Heimkehr an.
Dann brach das Haus zusammen.
Evangeliums-Verwirrung
Mehrere Spannungsrisse trugen zur Aufspaltung der verschiedenen dienstlichen und ideologischen Kontinente bei, die heute die Überreste jener einst großen evangeliumsorientierten Pangäa sind. Eine Linksentwicklung bei einigen, eine fundamentalistische Entwicklung bei anderen, Dienstskandale, politische Spaltungen, Rivalitäten – all dies (und mehr) trug zu diesem Bruch bei. Was jedoch besonders auffällig ist, ist die Abkehr und in manchen Fällen sogar offene, Feindseligkeit gegenüber der Evangeliums-Orientiertheit, die bei vielen ehemals evangeliumsorientierten Männern zu beobachten ist.
Wenn Leiter älter werden und Erfahrung sammeln, verändern sich Ideologien und entwickelt sich Theologie, das ist unvermeidlich. Doch zumindest mir ist deutlich geworden, dass viele der heute nicht mehr evangeliumsorientierten Personen die inhaltlichen Überzeugungen des evangeliumszentrierten Paradigmas von Anfang an nie wirklich angenommen haben. Vielleicht hatten sie vielmehr ein Marketingkonzept gefunden, das ihre Ernüchterung und ihre Wünsche ansprach.
Und ich bin mir nicht sicher, ob sie allein daran schuld sind. Als jemand, der mehrere Bücher veröffentlicht und Vorträge mit der Sprache von „evangeliumszentriert“, „evangeliumsgesteuert“ und „evangeliums…-was auch immer“ gehalten hat, muss ich eingestehen, dass eine reale Gefahr darin besteht, das Wort „Evangelium“ so sehr mit Adjektiven zu versehen, dass es zu einer – (Verzeihung) – Evangeliumsverwirrung kommt.
Ich sprach einmal mit einem anderen Pastor über unsere offenbar unterschiedlichen Ansätze im Dienst. Er und ich teilen grundlegende theologische Überzeugungen. Wir sind beide Baptisten. Wir sind beide reformiert. Wir sind beide bibeltreue Ausleger. Wir mögen sogar viele der gleichen bekannten Autoren und Prediger. Doch als er mich als „evangeliumszentriert“ bezeichnete, setzte er mit seinen Fingern Anführungszeichen um den Ausdruck und machte damit deutlich, dass er ihn als etwas Fremdes, Unklares und Oberflächliches wahrnahm. In diesem Moment wurde mir klar, dass wir uns mehr Mühe geben müssen, das Was und das Warum der Evangeliums-Orientiertheit zu erklären. Mir wurde bewusst, dass Evangeliums-Orientiertheit für viele kein biblisches Paradigma ist, sondern ein kultureller Bezugspunkt.
Die Wahrheit wächst niemals über sich hinaus
Wenn ich die Studenten in meinen Lehrveranstaltungen zum Gemeindedienst frage, was „evangeliumszentriert“ bedeutet, geben sie meist eine Art zirkuläre Antwort: „Es bedeutet, alles auf das Evangelium auszurichten.“ Gut. Aber was heißt das konkret für Leben und Dienst? Welche Konsequenzen hat das? Substanzielle Antworten erhalte ich selten. Für viele dieser jungen Männer bedeutet evangeliumszentriert zu sein, bestimmte Podcasts zu hören, bestimmte Prediger zu bevorzugen, Bücher bestimmter Verlage zu kaufen und bestimmte Konferenzen zu besuchen.
Wir können darüber mit den Händen ringen. Aber es gibt kein Zurück. Bewegungen kommen und gehen. Marketing-Sprache, die auf ihre Zeit zugeschnitten ist wird, (um C. S. Lewis zu zitieren), dorthin gehen, wohin alle Zeiten gehen. Ich bin nicht besonders daran interessiert, eine vergangene Ausdrucksweise wiederzubeleben. Aber ich denke, wir alle sollten daran interessiert sein, die Evangeliums-Orientiertheit selbst wiederzugewinnen.
Wir sollten sehr darauf achten, dass wir beim Hinauswachsen aus bestimmten kulturellen Momenten nicht zugleich aus der zentralen Stellung des vollendeten Werkes Jesu Christi herauswachsen.
Unverfälschtes Evangelium
Der erste Abschnitt der Bibel, zu dem ich Studenten führe, um das biblische Argument für das evangeliumszentrierte Paradigma zu betrachten, ist 1. Korinther 15:1–4:
Ich erinnere euch aber, Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch steht, durch das ihr auch gerettet werdet, wenn ihr an dem Wort festhaltet, das ich euch verkündigt habe – es sei denn, dass ihr vergeblich geglaubt habt. Denn ich habe euch vor allem überliefert, was ich auch empfangen habe: dass Christus für unsere Sünden gestorben ist nach den Schriften, dass er begraben wurde und dass er am dritten Tag auferweckt worden ist nach den Schriften.
Diese vier kurzen Verse enthalten einen reichen Schatz an Informationen. Zunächst stellt Paulus klar, was das Evangelium tatsächlich ist. Diese Formulierung spielte eine zentrale Rolle zu Beginn der evangeliumszentrierten Bewegung, bevor wir in der Beschäftigung mit sogenannten „Evangeliumsfragen“ etwas auseinanderdrifteten. Das Evangelium ist nicht Gesetz. Das Evangelium ist nichts von dem, was wir tun. Das Evangelium ist eine Verkündigung. Es ist eine Schlagzeile. Es ist etwas, das Gott in und durch Jesus Christus getan hat. Das Evangelium ist die gute Nachricht, dass Christus für unsere Sünden gestorben ist, dass er begraben wurde und dass er am dritten Tag auferweckt worden ist. Man kann über das Evangelium noch sehr viel mehr sagen und die Schrift tut das auch aber man kann nicht weniger sagen.
Doch über die hilfreiche Neuformulierung der grundlegenden Evangeliumsbotschaft hinaus sehen wir hier auch Erstaunliches, das unser Verständnis dieses Evangeliums prägt. Paulus sagt zum Beispiel, dass Jesus gestorben, begraben worden und auferstanden ist „nach den Schriften“. Wenn wir diese Aussage zusammenhalten mit Jesu eigenen Worten über die Schrift (Lukas 24:27.44), mit den Predigten in der Apostelgeschichte (2:16–36; 7:1–50; 28:23) und mit den apostolischen Schriften an anderen Stellen (etwa Römer 10:5–11:36 oder Galater 4:21–31 oder auch dem gesamten Hebräerbrief), erkennen wir, dass die ganze Bibel von Jesus handelt. Die gesamte Schrift erwartet, deutet voraus, weissagt oder verkündigt das Evangelium. Evangeliumsorientiertheit schließt daher notwendigerweise eine christuszentrierte Hermeneutik ein. Das ist von enormer Bedeutung für den Dienst, ganz zu schweigen vom gewöhnlichen christlichen Leben.
Beachte auch die Formulierungen in 1. Korinther 15:1–2 zu den Auswirkungen des Evangeliums. Paulus sagt den Gläubigen in Korinth, dass sie die Botschaft empfangen haben (Vergangenheit), in ihr stehen (Gegenwart) und durch sie gerettet werden (Gegenwart mit Zukunftsperspektive). Genau hier liegt der Kern der Evangeliumsorientiertheit. Wir machen keinen Abschluss im Evangelium. Wir empfangen es nicht bei der Bekehrung, um uns dann anderen, angeblich dringlicheren Themen zuzuwenden. Das Evangelium, das uns gerechtfertigt hat, heiligt uns auch. Das Evangelium, das unsere richtige Stellung vor Gott im Moment der Wiedergeburt begründet, begründet unsere richtige Stellung vor Gott an jedem Tag unseres christlichen Lebens, selbst an guten Tagen. Und das Evangelium, das unsere Heiligung in Christus verkündet, befähigt durch den Geist Christi auch unsere fortschreitende Heiligung (2. Korinther 3:18).
Ganzes Evangelium, aber nicht nur Evangelium
Natürlich bedeutet all das nicht, dass wir unter dem Deckmantel der „Evangeliumsorientiertheit“ die Notwendigkeit des Gehorsams ablehnen. Ich erinnere meine Seminarstudenten und Mitarbeiter im Gemeindedienst regelmäßig daran, dass Evangeliumszentriertheit nicht Nur-Evangelium bedeutet. Der Herr hat uns zwei Worte gegeben: Gesetz und Evangelium. Und treue Verkündigung predigt beide Worte. Doch das biblische Verhältnis und die biblische Dynamik zwischen diesen beiden Worten sind entscheidend. Gesetz und Evangelium sind keine Art christliches Yin und Yang, die ständig in Spannung gehalten werden müssten. Wir müssen den Gehorsam gegenüber Gottes Geboten richtig und treu predigen. Und wir müssen ebenso richtig und treu das Evangelium predigen, das sowohl unsere Freiheit vom Fluch des Gesetzes verkündigt als auch unsere Befähigung, den Weisungen des Gesetzes zu folgen. Wie Paulus in Titus 2:11–12 schreibt, ist es die Gnade, die uns erzieht, „der Gottlosigkeit zu entsagen … und besonnen, gerecht und gottesfürchtig zu leben“.
Es schmerzt mich eigentlich nicht, zu sagen, dass wir nicht zur sogenannten „evangeliumszentrierten Bewegung“ zurückkehren müssen. Nun gut, ganz schmerzfrei ist es vielleicht nicht. Aber wir müssen ständig auf das Evangelium ausgerichtet sein. Wir müssen dieses bestimmte Etikett oder diese Ausdrucksweise nicht verwenden. Doch wir müssen darauf achten, dass unsere Abneigung dagegen nicht in Wirklichkeit eine Abneigung gegen die zentrierende Botschaft, Hoffnung und Kraft der Bibel ist. Mögen andere ihre Weisheit oder Beredsamkeit haben. Lasst uns beschließen, nichts anderes zu wissen als Christus und ihn als gekreuzigt (1. Korinther 2:2).
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt von Ronny Käthler.
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