Der naturalistische Fehlschluss: Normative Appelle an die Natur sind oft fehlschlüssig. Manchmal aber eben nicht. Ich erkläre warum.
Die meisten von uns sind schon einmal auf solche Erwiderungen gestoßen, gerichtet gegen ein Verhalten oder eine Sache, die jemand abstoßend findet oder für falsch hält. Oder vielleicht umgekehrt: „So geschieht es in der Natur, also so sollte es sein!“ Erhebt sich diese Art des Denkens über den bloßen Ausdruck von Vorurteilen oder unerquicklich selbstzentriertem Denken hinaus?1
Diejenigen, die sich auf die Natur berufen, um zu moralischen Schlussfolgerungen darüber zu gelangen, wie Dinge „sein sollten“ oder „nicht sein sollten“, werden häufig schlechten Denkens beschuldigt; vielleicht sogar moralisch fragwürdigen Denkens. Dieser Vorwurf ist oft vollkommen gerechtfertigt. Aber eben nicht immer. In diesem Text werden wir uns mit moralischen Appellen an die Natur und dem naturalistischen Fehlschluss befassen.
Den naturalistischen Fehlschluss begeht, wer versucht, eine moralische Prämisse aus einer bloßen Aussage neutraler Tatsachen abzuleiten. Mit anderen Worten: Man versucht, ein „Sollen“ aus einem bloßen „Sein“ zu gewinnen.2 Einige Beispiele:
- Die Behauptung, dass Heterosexualität normativ sein müsse, weil die große Mehrheit der Menschen sich „natürlich“ für heterosexuelle Beziehungen entscheidet.
- Oder die Schlussfolgerung, dass, weil physisch starke Individuen in der Natur dazu neigen, schwächere zu dominieren (und dadurch erfolgreicher sind), dies „der Lauf der Dinge“ und daher gut sei.
Man kann leicht erkennen, wie rasch dies moralisch problematisch wird.
Der Verdacht des schlechten Denkens ist hier nicht unbegründet. Allgemein liegt es nahe anzunehmen, dass ich, wenn ich aus einem Haufen Erde keine moralische Wahrheit ableiten kann, auch nicht erwarten sollte, aus komplexeren Anordnungen desselben Materials – nämlich Menschen und Tieren – moralische Wahrheiten abzuleiten.
Logische Argumente sind wie mathematische Beweise: Man kann aus ihnen nur das herausholen, was man zuvor hineingelegt hat.
Stellen wir uns nun vor, wir haben ein logisches Argument in dem lediglich eine komplexe Anordnung von Materie postuliert wird – nämlich das, was wir menschliche Gesellschaft nennen. Dieses Argument enthält als Prämisse nichts anderes. Es erscheint als bloße Sophisterei, daraus moralische Schlussfolgerungen wie “ein Kind sollte sich seinen Eltern immer Gehorsam gegenüber verhalten” ziehen zu können. Es ist offensichtlich, dass noch etwas anderes nötig wäre. Bloße Materie enthält noch keine moralische Wahrheit.
Die Kritik am naturalistischen Fehlschluss entlarvt folgerichtig eine Vielzahl von Argumententypen als problematisch. Unzählige Beispiele eines fehlgeleiteten Appells an die Natur finden sich in Adolf Hitlers Mein Kampf, wenn er vom „Weg der Natur“ und vom „ewigen Gesetz“ des Stärkeren spricht, der über den Schwächeren herrsche, und daraus eine Verpflichtung ableitet. Doch die schlichte Tatsache, dass man durch Unterdrückung der Schwachen erfolgreich sein kann (oder war!), rechtfertigt natürlich in keiner Weise, dass dies gut oder verpflichtend wäre.3
Ebenso erweist sich der Versuch, normative Aussagen über Sexualität aus dem abzuleiten, was viele Menschen normalerweise wählen, als gleichermaßen fehlschlüssig. Dass Männer überwiegend Frauen wählen und umgekehrt, rechtfertigt die Behauptung “Männer sollten nur romantische Beziehungen mit Frauen eingehen und umgekehrt” nicht mehr als die Tatsache, dass Menschenaffen regelmäßig masturbieren, die Schlussfolgerung rechtfertigt, Masturbation sei verpflichtend.
Derjenige also, der auf dieser Weise argumentiert steht offenbar nicht auf festem Boden und spricht womöglich nur aus Vorurteile und schlimmstenfalls Eigennutz.
Sed contra
Denjenigen jedoch, die die Kritik am naturalistischen Fehlschluss als eine allgemeine Schutzmauer gegen traditionelle Moralauffassungen vor sich hertragen, könnte man nahelegen, genauer hinzusehen. Es gibt nämlich tatsächlich eine Klasse von Schlussfolgerungen von der Natur zu moralischen Urteilen, die möglicherweise gar nicht fehlschlüssig ist.
Betrachten wir zunächst ein intuitives Beispiel, das wir später theoretisch untersuchen können:
“Wir sollten als Menschen die Wahrheit suchen und die Unwahrheit zurückweisen”
Das erscheint kaum kontrovers, ist aber dennoch ein „Sollen“, das aus einem bloßen „Sein“ hervorgeht. Was ist hier das „Sein“? Als Menschen sind unsere Geister ihrer Natur nach auf Wahrheit und Wirklichkeit ausgerichtet. Daher sollten wir, um gute Menschen zu sein, sei es in der Philosophie oder in persönlichen Beziehungen, die Wahrheit annehmen und die Unwahrheit meiden.
Es ist schwer zu bestreiten, dass wir als denkende Wesen eine Verpflichtung haben, allgemein die Wahrheit zu bejahen und das Falsche abzulehnen. Und dies hat sehr wohl etwas mit dem zu tun, was wir als Menschen sind – auf eine Weise, die auf unsere Hauskatzen4 keineswegs zutrifft. Aber handelt es sich hierbei um einen bloßen Worttrick? Oder geschieht hier tatsächlich etwas Reales? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir tun, was gute Philosophen tun: unsere Begriffe klären.
Zunächst: Was bedeutet der Begriff „Sollen“ überhaupt? Wissen wir überhaupt, wovon wir sprechen, wenn wir dieses Wort verwenden?
Was bedeutet „Sollen“?
Als Kinder hatte das Wort „sollen“ für uns etwas damit zu tun, dass wir bestimmte Dinge tun sollten (wie unser Zimmer aufzuräumen), weil sonst unsere Eltern oder Lehrer wütend würden. Zumindest in unserem kindlichen Verständnis sollten wir Regeln befolgen, um Frieden zu bewahren und Ärger zu vermeiden.
Als wir älter wurden, verstanden wir, dass wir aufgrund unserer längerfristigen Lebensziele bestimmte Dinge tun oder unterlassen sollten, um diese Ziele aufrechtzuerhalten. Wenn ich bis Mai 10 kg abnehmen möchte, sollte ich mir nicht angewöhnen, jeden Tag eine Tüte Chips zu essen, und ich sollte anfangen, mich zu bewegen. Wer das Ziel hat, Profikoch zu werden, sollte viel Zeit mit Kochen verbringen.
Schon aus diesen einfachen Beispielen wird deutlich, dass der Begriff des Sollens eine strategische Natur hat. Er wird verwendet um eines Zieles willen, das wir für gut halten. Entweder habe ich das Ziel abzunehmen oder ein guter Koch zu werden, und um diese Ziele zu erreichen, sollte ich oder sollte ich nicht bestimmte Dinge tun, die direkt auf dieses Gut hingeordnet sind oder es gefährden. Wenn das Ziel darin besteht, ein ehrlicher Mensch zu sein, sollte ich vermeiden, zu lügen, um mir das Leben leichter zu machen.
Ohne irgendeine Vorstellung von einem „Ziel“ (oder, wie man auch sagt, einem „Gut“) und der Möglichkeit, dieses zu erreichen, hat der Begriff des Sollens keine Bedeutung.
Einige Güter verfolgen wir um anderer, höherer Güter willen. Ich sollte mir die Turnschuhe anziehen, um das Gut des Laufens zu erreichen. Aber weder das Anziehen der Schuhe noch das Laufen selbst sind das letztendliche Gut, auf das dieses Sollen zielt, denn letztlich gehe ich laufen um der körperlichen und seelischen Gesundheit willen. Diese vermittelnden Güter werden also häufig selbst um eines höheren Gutes willen angestrebt.
Menschliches Leben und Handeln sind in vielerlei Hinsicht eine komplexe Navigation durch das Verfolgen dessen, was wir für gut halten, und deswegen das Vermeiden dessen, was dieses Gut beschädigen oder entbehren könnte. Ich meide Fast Food, um meine Gesundheit nicht zu schädigen, weil Gesundheit ein Gut für mich ist. Ich verhalte mich respektvoll, großzügig und mitfühlend gegenüber anderen Menschen, weil ich Harmonie, gegenseitige Liebe und Wohlwollen für gut halte. Ich recycle und vermeide Verschwendung, weil ich die negativen Auswirkungen von Müll auf die Natur kenne und glaube, dass eine gedeihende Natur wirklich gut ist
Sollenssätze beziehen sich daher immer auf ein Ziel oder ein Gut. Und doch gibt es unter den Gütern eine große Vielfalt. Eiscreme ist ein sehr schönes Gut. Wenn ich das Gut des Eisessens verfolgen möchte, sollte ich in den Laden gehen und welches kaufen oder lernen, es selbst herzustellen. Ich halte auch das Wahrheitsagen für gut. Die Natur ist gut, ebenso iPhones und Autos.
Die eigentliche Frage lautet: Wie finden wir heraus, ob etwas wirklich gut ist oder eben nur für mich gut? Bisher haben wir lediglich über Güter gesprochen, ohne eine Erklärung dafür zu liefern, was etwas objektiv gut macht. In menschlichen Gesellschaften ist kaum zu übersehen, dass Menschen sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was gut ist. Was also begründet Güte?
Man könnte versucht sein zu sagen, dass die Definition des Guten von Gott kommt. Doch zumindest zur Abwehr des Vorwurfs des naturalistischen Fehlschlusses funktioniert dies nicht, denn hier wird bereits etwas anderes als die Natur in die Betrachtung eingeführt (nämlich Gott).5 Das scheidet also aus. Auch moralische Konstrukte wie Utilitarismus, kantische Imperative oder Menschenrechte helfen hier nicht weiter. Sie werden der Natur stets von außen auferlegt, statt aus ihr selbst hervorzuwachsen.
Kurz gesagt: Kein in der modernen westlichen Welt verbreitetes Moralsystem verfügt über die Mittel, Normativität aus der Natur selbst zu begründen. Damit kommen wir „naturgemäß“ zu unserer zweiten Frage: Was ist Natur überhaupt?
Was ist “Natur”?
Wenn wir vom naturalistischen Fehlschluss als einem fehlerhaften Appell an die Natur sprechen, sollten wir auch eine Vorstellung davon haben, was wir mit „Natur“ meinen. Was ist also Natur? Dabei geht es uns nicht um Baumarten oder Tiere oder den Amazonas-Regenwald (so schön diese auch sind!), sondern grundlegender darum, was natürliche Dinge im Unterschied zu nicht-natürlichen oder artifaktischen Dingen sind.
Der offensichtlichste Unterschied zwischen Natur und Nicht-Natur zeigt sich im Vergleich zwischen einer Holzbrücke und einer Eiche. Das eine (Holzbrücke) ist eine menschliche Idee, die der Natur aufgeprägt wird; das andere ist schlicht Natur.
Ein Objekt oder Ding ist natürlich, wenn es eine innere Einheit in sich selbst besitzt und keine künstliche Anordnung von Dingen ist. Tiere, Bäume und Wasser sind natürlich. Kleidung, Holzhäuser und Apfelschorle sind Artefakte.
Ohne nun argumentieren zu wollen, was tatsächlich über die Natur unserer Welt wahr ist, stellen wir uns zwei theoretische Szenarien vor.
Teleologische Natur
Stellen wir uns vor, die Natur enthielte in sich selbst ein natürliches Gut oder Ziel. Dieses Ziel ist in gewissem Sinne ihre Verwirklichung oder Vollendung. Wenn Natur so wirkt, wie sie ihrer inneren Ausrichtung entspricht, dann gedeiht sie und erreicht ihre eigene Perfektion. Verfehlt sie ihr Ziel, so handelt es sich um eine Art Korruption oder Privation ihrer natürlichen Ausrichtung, wie eine Krankheit eine Entbehrung der Gesundheit ist.
Einige Aspekte unserer Welt, die besonders gut zu dieser Vorstellung passen, sind Tiere und biologisches Leben. Es ist die innere Ausrichtung und natürliches Ziel eines menschlichen Babys, ein erwachsener Mensch zu werden. Ein Baby, das niemals einen erwachsenen Körper entwickelt, hat also ein objektives Problem oder einen Defekt – nicht aufgrund gesellschaftlicher Vorurteile, sondern weil das einfach das ist, was Menschen ihrer Natur nach tun. Oder betrachten wir eine Katze, die Krebs entwickelt und Organversagen erleidet: Wir erkennen, dass dieses arme Tier eine reale „Defektion“ oder „Korruption“ seiner Natur erlitten hat (das Genom einer Katze enthält tatsächlich zahlreiche Mechanismen zur Krebsabwehr).
Betrachten wir ferner, dass der menschliche Geist eine natürliche Disposition zur Wirklichkeit oder Wahrheit besitzt. Ein Mensch, der bewusst das zurückweist, was er als wahr erkennt, leidet daher an einer objektiven Defektivität seines Seins. Etwas, das wir nämlich alle als „irgendwie falsch“ erkennen.
Diese Auffassung von Natur, die ich die teleologische nenne, besagt, dass natürliche Dinge eine innere Selbstdefinition dessen besitzen, was es heißt, am vollständigsten sie selbst zu sein. Zugleich nimmt sie an, dass viele komplexe natürliche Wesen dieses Ziel nicht erreichen. Tiere haben genetische Defekte und Krankheiten. Bäume werden gefällt. Menschen hassen einander und ignorieren die Wahrheit und begehen Ungerechtigkeiten. Dieses innere Ziel jedes natürlichen Dinges nennt man sein „Gut“, und die Verderbnis oder der Mangel dieses Gutes heißt eine „Privation“ der Natur, also eine Art objektives Übel.
Mechanistische Natur
Betrachten wir nun eine andere Auffassung von Natur, die ich die mechanistische nennen möchte. In dieser Auffassung ist Natur letztlich (am Ende) nichts mehr als eine zufällige Anordnung von Teilchen. Zwar ist es offensichtlich, dass der evolutionäre Prozess gewisse Regelmäßigkeiten hervorbringt; etwa dass Tiere sich fortpflanzen oder Bäume Samen bilden oder unser Immunsystem Krankheitserreger bekämpft. Doch dies spiegelt keine objektive Natur oder Zielgerichtetheit der Dinge wider.
Dinge mögen Tendenzen haben, so wie ein Messer dazu neigt zu schneiden oder ein Auto dazu, seine Räder zu drehen, doch diese stellen keine objektive Vollkommenheit oder Güte dar. Natur ist im Grunde ein Zusammenspiel objektiv bedeutungsloser Teilchen; jede Vorstellung von Ziel oder Sinn ist eine Illusion, die wir ihr beim Denken über sie auferlegen. In diesem Sinne ist jedes Objekt der Welt eine Art Artefakt, entspräche es eine menschliche Idee wie ein Taschenrechner oder einer evolutionär erfolgreichen, aber letztlich zufälligen und immer noch objektiv bedeutungslosen Form wie ein Gepard.
Ein Aspekt der Welt, der diese Auffassung zu stützen scheint, ist die fast willkürlich erscheinende Zusammensetzung aller natürlichen Dinge. Giraffen erscheinen als Einheit, bestehen aber aus zahllosen Organsystemen, die von Vorfahren übernommen und evolutionär angepasst wurden; diese wiederum bestehen aus chemischen Verbindungen, die auf Atome und Quarks reduzierbar sind. Das menschliche Gehirn lässt sich in Atome und Elektronen und Wellen zerlegen. Warum also sollten wir annehmen, dass die Welt mehr ist als das, worauf sie reduzierbar ist?
Der entscheidende Unterschied zwischen der mechanistischen und der teleologischen Naturauffassung besteht darin, dass die teleologische Auffassung den natürlichen Ganzheiten eine primäre Realität zuschreibt, die ihre Teile organisiert, während die mechanistische Auffassung den Teilchen primäre Realität zuschreibt und den Ganzheiten nur eine sekundäre, konstruirte Existenz, die nichts fundamental Reales hinzufügt.
Schlussfolgerungen aus der Natur
Vergleicht man diese beiden Naturauffassungen, wird deutlich, dass die mechanistische Auffassung durch ihre Reduktion vermeintliche Illusionen von Sinn und Zweck entlarvt, während die teleologische Auffassung eine Vorstellung des Guten bejaht, die aus der Natur selbst hervorgeht, statt ihr aufgezwungen zu werden durch ein von Menschen ausgedachten Konstrukt.
Die teleologische Sicht besitzt im Hinblick auf die Ethik oder Moral ein objektives Element, das der mechanistischen fehlt. Die Normativität, die sich aus ihr ergibt, etwa das Gut, dass eine Giraffe Nachwuchs bekommt oder ein Mensch sein Weihnachtsessen einem armen Nachbarn schenkt, entspringt dem Sein selbst. Denn wenn das Gut der Natur ihre Vollkommenheit ist, dann ist Güte nichts anderes als das Sein.6
Doch wie wird dies moralisch? Zum Sollen?
Wie wird Normativität zu Moral und “Sollen”?
Hier muss zwischen objektivem Gut und Übel einerseits und moralisch richtigen oder falschen Handlungen andererseits unterschieden werden. Dies ist grundlegend eine Frage der praktischen Vernunft. Als Menschen handeln wir stets in Verfolgung eines (erstmal subjektiven) Gutes. Akzeptieren wir eine teleologische Naturauffassung und erkennen wir objektive Güter in der Natur, dann impliziert dies, dass die Güter, die wir in unseren Entscheidungen verfolgen, der objektiven Ordnung des Guten in der Natur entsprechen sollten, um rational zu sein. Das Gut, das ich verfolge, sollte das wirkliche Gut sein.
Wenn es das natürliche Gut eines Baumes ist zu wachsen und zu gedeihen, dann ist es moralisch falsch und realitätsfern, ihn grundlos zu fällen. Wenn es das natürliche Gut des Menschen ist, über ein gewisses Maß an Autonomie zu verfügen, dann ist es objektiv falsch (und wiederum Seinsfern), jemanden gegen seinen Willen zu bestimmten Handlungen zu zwingen. Wenn es das natürliche Gut der Menschheit ist, unter Achtung und Würde zu gedeihen, dann ist es objektiv gut, mein Handeln auf das Gemeinwohl auszurichten – etwa darauf, dass Menschen genügend materielle Güter haben, Tugend lernen oder wahre Freundschaft erfahren.
Kurz gesagt: In der teleologischen Naturauffassung sind moralisches Handeln und Rationalität nahezu identisch, weil rationales Handeln auf das Sein selbst hingeordnet ist.
Der naturalistische Fehlschluss bleibt eine Gefahr
Es ist jedoch wichtig festzuhalten, dass nicht jede Schlussfolgerung aus der Natur eine Schlussfolgerung aus dem wirklichen Gut der Natur ist. Selbst bei einer teleologischen Naturauffassung ist es möglich, den naturalistischen Fehlschluss zu begehen. Die Tatsache, dass Menschen häufig an Krebs erkranken, legt keineswegs nahe, dass Krebs dem menschlichen Gut entspricht. Ebenso rechtfertigen häufige Vergewaltigung oder Unterdrückung in der Geschichte nicht, dass diese dem Guten der Natur entsprechen. Normative Schlussfolgerungen aus der Natur können sich nur auf das beziehen, worauf die Natur objektiv und ganzheitlich als ihre Vollkommenheit hingeordnet ist; nicht auf das, was sie faktisch unter bestimmten Umständen tut. Die Erkenntnis des Guten erfordert daher oft empirische wie auch abstrakte Untersuchung.
Dies wird bei der menschlichen Natur besonders komplex. Sie ist eine Synthese zweier Elemente, die im ungesunden Zustand gegeneinander kämpfen. Das Gut der Seele besteht in Selbstbeherrschung, Tugend, Authentizität, Liebe und Wahrheit. Die Güter des Körpers können dem manchmal entgegenstehen. Das körperliche Gut eines Mannes mag ihn drängen, in Zeiten der Armut das letzte Essen selbst zu verzehren; das Gut seiner Seele bewegt ihn dazu, es für Frau und Kinder aufzuheben. Das vollkommenere Gut ist stets das höhere Gut: Daher hat das Gut der Seele Vorrang.
Fazit
Ob man eine teleologische oder eine mechanistische Naturauffassung annimmt, der naturalistische Fehlschluss bleibt eine mögliche Denkfalle. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass innerhalb der mechanistischen Naturauffassung, die unsere Kultur und Institutionen dominiert, jeder Versuch, aus der Natur normative Maßstäbe abzuleiten, ungültig und fehlschlüssig ist.
Aus historischer Perspektive ist es durchaus plausibel anzunehmen, dass in einer Gesellschaft, die lange von einer teleologischen Naturauffassung geprägt war und allmählich zur mechanistischen überging, genau das Missverständnis, das mich zu diesem Aufsatz veranlasst hat, weit verbreitet wäre. Normative Appelle an die Natur sind möglich; aber nur, wenn man die Natur als teleologisch versteht. Und auch dann nur auf eine bestimme Art und Weise.
Für jene, die die mechanistische Auffassung für alternativlos halten, erscheinen Argumente aus der teleologischen Naturauffassung dann zwangsläufig als bloße Sophisterei.
Doch wie wir gesehen haben, ist die eigentliche Frage nicht, ob Appelle an die Natur grundsätzlich ungültig sind, sondern welche Naturauffassung richtig ist. Deshalb ist eine Auseinandersetzung mit der Metaphysik wichtig – und eigentlich entscheidend bei wesentlich allen Fragen der Philosophie.
Fußnoten:
- Dieser Text ist meinem guten Freund Dominik gewidmet, in der Hoffnung, ihn davon überzeugen zu können, dass mein moralisches Paradigma mehr ist als ein bloßer naturalistischer Fehlschluss. ↩︎
- Eine hervorragende Illustration dieses Fehlschlusses findet sich in einem Video von Biased Skeptic. ↩︎
- “Der Stärkere hat zu herrschen und sich nicht mit dem Schwächeren zu verschmelzen, um so die eigene Größe zu opfern. Nur der geborene Schwächling kann dies als grausam empfinden, dafür aber ist er auch nur ein schwacher und beschränkter Mensch; denn würde dieses Gesetz nicht herrschen, wäre ja jede vorstellbare Höherentwicklung aller organischen Lebewesen undenkbar.”, Adolf Hitler, Mein Kampf, S. 312 “Die Rasse”. ↩︎
- In diesem Fall machen wir eine Ausnahme für Maurice der Kater. ↩︎
- Ganz abgesehen davon wirft es, moralische Regeln ausschließlich aus dem Willen Gottes abzuleiten, die recht schwierige Frage auf, warum Gott etwas überhaupt als gut oder schlecht betrachtet. Ist dies letztlich völlig willkürlich? ↩︎
- Thomas von Aquin, Summa Theologiae I, q. 5, a. 1: “Ich antworte darauf: Jedes Seiende ist, insofern es seiend ist, gut. Denn alles Seiende hat, insofern es seiend ist, Wirklichkeit und ist in gewisser Weise vollkommen; da jeder Akt eine Art von Vollkommenheit impliziert; und Vollkommenheit Begehrenswürdigkeit und Gutheit einschließt, wie aus (1) klar hervorgeht. Daher folgt, dass jedes Seiende als solches gut ist.” ↩︎
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Die selige Wissenschaft. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
















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