Der Theologe Gustav Warneck zwischen Mission und Kolonialismus

Gustav Warneck (1834-1910) war Begründer der evangelischen Missionswissenschaften in Deutschland. Er war gegen Ende des 19. Jh. und zu Beginn des 20. Jh. massiv publizistisch tätig und ließ viele Schriften über sein Verständnis von christlicher Mission veröffentlichen.[1] Sein Wirken fällt in die Zeit des deutschen Kolonialismus, der ab der Mitte der 1880er Jahre begann. In seinen Schriften greift er explizit die beiden Themenkomplexe des Kolonialismus und der Mission auf und versucht sie miteinander zu verbinden. Wie genau sein Verständnis von Mission und Kolonialismus als einflussreicher Theologe – er war auch immerhin Inspektor der Rheinischen Missionsgesellschaft – aussah, soll in dieser Arbeit untersucht werden. Seine protestantisch theologische Sicht steht zwar nicht repräsentativ für alle Theologen[2], geschweige denn für alle Zeitgenossen[3], sie gibt aber dennoch einen guten Einblick in Begründungszusammenhänge der damaligen Zeit in Bezug auf diese beiden großen Themenkomplexe.

Dieser Artikel gibt den Inhalt einer universitären Hausarbeit über Gustav Warneck wieder. Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass hier lediglich die Sicht Warnecks dargestellt wird. Das Team von Dreieinigkeit.de macht sich seine Wahrnehmung nicht zu Eigen.

(1) Historischer Kontext

(1.1) Mission und Kolonialismus gegen Ende des 19. Jh.

Die christliche Mission erlebte zu Beginn des 19. Jh. einen enormen Aufschwung jeglicher konfessioneller Couleur, sodass Gustav Warneck selbst von einem „Missionsjahrhundert“[4] sprach. Zuerst waren die Missionen natürlicherweise eigenständige Unternehmen, aber im Laufe der Zeit verbanden sich diese in großer Zahl mit dem Kolonialismus. Dies konnte weltanschauliche Gründe haben wie das Überlegenheitsgefühl vieler Missionare gegenüber den einheimischen Menschen, aber auch praktische Gründe spielten mit hinein. So profitierten beide Komplexe voneinander: Ein Missionar konnte durch eine Kolonialmacht juristisch und militärisch geschützt werden, auf der anderen Seite waren Missionare z.B. als Forscher unterwegs, von deren geographischem und ethnologischem Wissen die Kolonialmächte profitieren konnten. Im 19. Jh. geschah so auf dem afrikanischen Kontinent eine koloniale Durchdringung, an der viele europäische Mächte ihren Anteil hatten. Die General-Akte der Kongo-Konferenz (1884/5) stellte auf dem Papier unter anderem klar, dass die einheimische Bevölkerung der zu kolonisierenden Gebiete zu schützen und dass deren materielle Lebensgrundlage zu verbessern sei, was in der Praxis aber oft nicht geschah.[5] Der Vollständigkeit halber muss aber gesagt werden, dass eine Kolonisierung bzw. ein westlicher Kulturimport von den sogenannten Glaubensmissionen, die sich an dem Vorbild von Hudson Taylors China-Inland-Mission orientierten, zum größten Teil abgelehnt wurde und dass das Wirken dieser Missionen ausschließlich theologischer Natur war.[6]

Das „Missionsjahrhundert“ ging mit einer Vielzahl an neugegründeten Missionsgesellschaften einher, die sich personell und finanziell für die Missionierung von auswärtigen Völkern vor allem in Afrika, Asien und Ozeanien einsetzten. In Deutschland entstand neben vielen anderen die 1828 gegründete Rheinische Missionsgesellschaft, von der Gustav Warneck später auch Inspektor werden sollte. Diese war vor allem in Südwestafrika, in China und in Südostasien tätig.[7]

(1.2) Gustav Warneck

Gustav Adolf Warneck wurde am 06. März 1834 in Naumburg an der Saale als Sohn eines Nadlermeisters geboren. Durch die finanzielle Unterstützung eines Onkels konnte er auf ein Gymnasium in Halle gehen, auf dem er – angeregt durch pietistische Lehrer und Mitschüler – eine Bekehrung zu einem „pietistischen Biblizismus“ erlebte. Er nahm in seinem Leben viele verschiedene Aufgaben in unterschiedlichen Städten an. So war er in einem Elberfelder Waisenhaus tätig, arbeitete als Hilfsprediger, Pfarrer und Feldprediger, bis er schließlich 1871 nach seiner Promotion in Jena angestellter Missionslehrer und Reiseprediger der Rheinischen Missionsgesellschaft in Barmen wurde. Dort entwickelte er eine starke Begeisterung für die Mission, war durch seine schwache Gesundheit aber nicht in der Lage, Missionar zu werden und musste auch sein Amt als Reiseprediger abgeben, sodass er sich deshalb missionswissenschaftlichen Studien widmete und die Allgemeine Missions-Zeitschrift mit herausgab. Sein Hauptwerk ist die Evangelische Missionslehre, die maßgeblich prägend für die Missionstheologie sein sollte. Er hielt die Missionsarbeit für äußerst wichtig und sah durch den aufkommenden Kolonialismus eine – noch näher zu erläuternde und zu differenzierende – Chance für die Mission.[8] 1896 wurde er Professor für Missionswissenschaft in Halle, wo er außerordentlich tätig war. Am 26. Dezember 1910 schließlich verstarb er.[9]

(2) Quellen

(2.1) „Die gegenseitigen Beziehungen zwischen der modernen Mission und Cultur. Auch eine Culturkampfstudie.“

Der hauptsächliche Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist Warnecks Schrift „Die gegenseitigen Beziehungen zwischen der modernen Mission und Kultur. Auch eine Kulturkampfstudie“[10], die 1879 erschienen ist. Sie behandelt sehr ausführlich die Frage, welche Rolle die westliche Kultur für die Mission und die Mission für die westliche Kultur bei den zu missionierenden Menschen spielt. Eine wesentliche Motivation, diese Schrift zu verfassen, liegt – wie der Titel derselben nahe legt – in einer Art Kulturkampf, in der prominente Stimmen die westliche Kultur vom Christentum trennen und in Letzterem nur ein Relikt aus alter Zeit sehen, das es zu überwinden gilt. Warneck aber sieht die westliche Kultur eng mit dem christlichen Glauben verbunden und möchte dafür plädieren, beides zusammenzudenken – auch in Missionsangelegenheiten.[11] Sein Werk ist in drei Abschnitte gegliedert: In einem relativ kurzen ersten Teil gibt er eine allgemeine Einführung zum Thema, während er in einem zweiten Teil das – aus seiner Sicht überwiegend positive – Verhältnis der Mission zur Kultur darstellt und in einem dritten Teil das ambivalente Verhältnis der Kultur zur Mission erläutert.[12]

(2.2) Weitere

Außerdem sollen ergänzend zu seiner Kulturkampfstudie zwei weitere von Warnecks Schriften zu Rate gezogen werden. Zum einen ist für Warnecks theologische Begründung von Mission sein Hauptwerk Evangelische Missionslehre zu nennen, in dem „erstmals die Gesamtheit des Missionswesens in seiner Grundlegung und Praxis erschöpfend dargestellt wird“[13]. Des Weiteren soll sein Werk zur Kolonialfrage Welche Pflichten legen uns unsere Kolonien auf?[14] als Quelle herangezogen werden, welche im November 1885 erschien, also Ende des Jahres, als das Deutsche Reich anfing, koloniale Ansprüche auszuüben. Seine Motivation für diese Schrift war nicht, grundsätzliche Fragen zur Kolonialpolitik zu erörtern, sondern wie man mit der Tatsache des Kolonialbesitzes umzugehen hat.[15]

(3) Analyse: Gustav Warneck zwischen Mission und Kolonialismus

(3.1) Mission und ihre theologische Begründung

„Unter christlicher Mission verstehen wir die gesamte auf die Pflanzung und Organisation der christlichen Kirche unter Nichtchristen gerichtete Thätigkeit der Christenheit.“[16]

Mit dieser allgemeinen Definition eröffnet Warneck sein Hauptwerk zur Missionslehre. Das „Objekt“ von Mission „ist nicht die Christenheit, sondern die gesamte nichtchristliche Welt, sofern sie aus Juden, Mohammedanern und Heiden besteht.“[17] Die „Aufgabe“ der christlichen Mission ist nach Warneck in erster Linie die „Ausbreitung des Christentums bzw. die Pflanzung der christlichen Kirche in der ganzen Welt“[18], was zuerst die Entstehung einer – nicht nur der Fassade nach – christlichen Gesamtkirche meint, aber natürlich auch individuelle Bekehrungen enthält.[19] Dazu sei eine „Sendung von Glaubensboten“, die „die göttliche Heilsbotschaft berufsmäßig in alle Welt hinaustragen“[20], nötig, wobei das „Subjekt der Sendung“ Jesus Christus selber sei.[21]

Ohne auf Details eingehen zu wollen, ist es zuerst einmal wichtig für das missiologische Verständnis Warnecks, Mission primär theologisch und nicht politisch bzw. kulturell zu denken. So rechtfertigt er Mission theologisch universalistisch, indem er argumentiert, dass die christliche Botschaft als Offenbarung Gottes für alle Menschen gültig sei.[22] Dieser Heilsuniversalismus sei schon im Alten Testament eingebettet, der dann im Neuen Testament in den Reden Jesu und der paulinischen Theologie entfaltet werde.[23]

(3.2) Geschichtliche und ethnologische Begründung von Mission

Zur theologischen Begründung fügt Warneck neben einer kirchlichen Begründung noch zwei weitere Motive für die Mission an. Zuerst einmal ist die geschichtliche zu nennen, die seiner Ansicht nach daraus resultiert, dass die Weltgeschichte auf die Mission hin angelegt ist.[24] Kasdorf erläutert Warnecks Geschichtsauffassung prägnant: „Der Gang der Weltgeschichte wird durch die von Gott verordneten Naturgesetze bestimmt, der der Reichsgeschichte [Geschichte von Gottes Reich] durch direkte Taten Gottes verwirklicht.“[25] Nach Warneck kann es kein Zufall sein, dass die Kirche in ihrer jetzigen Form so existiert und „die christlich gewordenen Nationen die Träger der Kultur und die Führer der Weltgeschichte geworden sind“[26]. So ist die Geschichte nach Warneck durch Gott so gelenkt, dass sie selbst zu einer Begründung für die Mission wird. Nach göttlichen Fügungen in Antike und Mittelalter zur christlichen Mission vollziehe sich zum dritten Mal das Schauspiel, das Gott die Geschichte auf zweierlei Arten dazu benutzt, damit der christliche Glauben verkündet werde: durch „eine geöffnete Welt und eine geistlich belebte Kirche“[27]. Die „geöffnete Welt“ meint eine durch geographische Entdeckungen und durch koloniale Inbesitznahmen erweiterte und mobile Welt, auf die Missionare Zugriff haben. Eine geistlich erneuerte Kirche sieht Warneck durch „die pietistische Bewegung in Deutschland und noch mehr durch die methodistische Erweckung in England“[28].[29]

Aus dem Heiluniversalismus des Christentums legitimiere diese Religion sich selbst allgemein für alle Menschen: „Es deckt weder für bevorzugte Menschenklassen noch Menschenrassen einen besonderen Tisch, sondern erbietet ein Heil und eine Wahrheit allen ohne Unterschied.“[30] Die christliche Botschaft kann sich „an alle nationalen wie sozialen menschlichen Naturverbände“ anpassen, weil es „nicht Form und Gesetz, sondern Geist und Leben ist“ und „so vermag es das ganze menschliche Person- wie Gemeinschaftsleben zu durchdringen, welche volklichen, staatlichen, gesellschaftlichen, kulturellen Formen dasselbe auch angenommen haben mag.“[31] Im Gegensatz etwa zu politischen Ausprägungen oder Parteibildungen sei das Christentum nicht an eine Gesellschafts- oder Staatsform gebunden. Es geht Warneck ausdrücklich nicht um Europäisierung – also Anglisierung, Germanisierung etc. – der zu missionierenden Menschen, sondern um die innere Aufnahme des christlichen Glaubens. Was er aber stark betont, sind die nach der Bekehrung zu Jesus Christus sich verändernden sozialen Ordnungen in der Gesellschaft auf Basis der jeweiligen Gesellschaft – worauf es gleich auch näher einzugehen gilt. Dies macht er historisch an Europa fest, welches durch das Christentum maßgeblich beeinflusst worden sei. Gleichzeitig besäßen alle Völker die nötigen Grundlagen für die Annahme des christlichen Glaubens: Zuerst irgendeine Art der Gottesidee, zweitens eine ausreichende Sprachfähigkeit, um die christlichen Lehren verstehen zu können und drittens ein Gewissen, das auch allen Menschen zugrunde liegt.[32]

(3.3) Kolonialismus und das Recht der Eingeborenen

Dass die europäischen Länder andere Weltgegenden in ihren Besitz gebracht haben bzw. bringen, möchte Warneck gar nicht bewerten. Er sieht es als eine „vollendete Thatsache“, die nun nicht mehr zu ändern ist und welche andere Menschen bewerten können. Die Ursache der Kolonialpolitik ist nach seiner Auffassung weniger in einer Ländergier als in einem  „wirtschaftspolitischem Naturgesetz“ zu finden, was bei einer Konkurrenzsituation bestehender Mächte zur Ausdehnung der jeweiligen Mächte führt. Seine Aufgabe sieht er darin, über die Art und Weise, wie man mit den Kolonien und den dort lebenden Menschen umzugehen hat, zu schreiben. Auf der einen Seite sieht er schlechte Dinge in der Kolonialpolitik, auf der anderen Seite kann er darin auch einen gewissen Segen „für die beiden großen Nationen selbst, so für die Eingebornen, die sie beherrschen“[33], sehen. Die Kolonialpolitik sollte wie ein anstehender Krieg „alle Parteien einigen und nur ein patriotischer Wettstreit darüber fortbestehen, wie diese Politik am besten zum Segen für unser Vaterland und zum Heile der unserer Herrschaft unterstellten Eingeborenen praktisch durchgeführt werde“[34].[35] Warneck konstatiert, dass jede Kolonialpolitik erstmal egoistisch ist, die ihren eigenen Vorteil sucht. Dies sei generell auch nicht verwerflich, allerdings haben die einheimischen Menschen ein gleiches Recht nach den Vorteilen der Kolonialpolitik zu fragen.

Auf der einen Seite haben die Kolonialmächte selbstherrlich über die Gebiete in Afrika verfügt, auf der anderen Seite baten viele Häuptlinge um deren Schutzherrschaft und kein anderes Land sei völkerrechtlich so legal verfahren wie Deutschland es getan hat. Diese Aussage relativiert er danach aber wieder sehr stark, indem er z.B. fragt, ob eingeborene Häuptlinge die deutschen Verträge überhaupt verstehen konnten.[36] Um Ungerechtigkeiten auszugleichen, müsse der stärkere und klügere Kolonialbesitzer als Wohltäter für die Eingeborenen auftreten, sie erziehen und „ihr gesamtes materielles, geistiges und sittliches Leben auf eine höhere Kulturstufe“[37] erheben. So sollte „die gewissenhafte Fürsorge für das Wohl der einheimischen kolonialen Bevölkerung als unsere selbstverständliche Schuldigkeit zu erkennen“[38] sein. Die drei Pflichten den Eingeborenen gegenüber sind somit Schutz, Erziehung und Christianisierung. Für diese Aufgabe „müssen sich nicht bloß Kolonialregierung, Großhandel und Missionare gegenseitig die Hände reichen und in die Hände arbeiten, sondern hinter ihnen muß das gesamte deutsche Volk stehen“[39].[40]

(3.4) Der Begriff der Kultur und das Bild der Eingeborenen

Es ist bisher schon angeklungen, dass für Warneck die Europäer auf einer deutlich höheren Kulturstufe stehen als die einheimischen Menschen. An sich ist Kultur für Warneck erstmal ein neutraler Begriff. Er füllt ihn aber mit folgendem Inhalt:

„Nach unserer Auffassung bilden diesen Gegenstand alle dem Menschen verliehenen Gaben und Kräfte, durch deren Ausbildung und Verwendung er die Natur, oder wie die Schrift sagt, die Erde sich unterthan macht, ihre Güter in seinen Dienst stellt und dadurch sein Wohlsein in dieser Welt wie seine geistige und sittliche Veredelung fördert.“[41]

Somit knüpft Warneck an den Auftrag Gottes im Schöpfungsbericht der Bibel[42] an, der die Menschen dazu auffordert, sich die Erde „untertan“ zu machen. Kultur hat für ihn materielle (z.B. Bekleidung), geistige (z.B. Sprache) und sittliche, also moralische Aspekte. Nach diesen drei Punkten strukturiert er auch den zweiten Abschnitt in seiner Kulturkampfschrift. Die moderne, europäische Kultur beruhe auf dem Christentum, die allen anderen Kulturen deutlich überlegen sei. Warneck grenzt sich von einem Kulturbegriff ab, der auf Zivilisation beschränkt ist, sich also nur auf materielle und geistige, aber nicht auf sittliche Güter bezieht. Und genau diese Sittlichkeit erwächst erstens aus dem Christentum und ist zweitens zugleich das Fundament der modernen Kultur. Daher stünden alle anderen Völker auf einer niedrigeren Kulturstufe, die das Christentum nicht als Religion haben.

Die zu Warnecks Zeit übliche Aufteilung in Naturvölker und Kulturvölker findet er nicht zutreffend, da für ihn die Ersteren „Wilde“ und die Letzeren „Halbcivilisierte“ sind.[43] Deswegen sei Mission – sekundär – auch immer Zivilmission in dem Sinne, dass europäische Missionare die Eingeborenen auf eine höhere kulturelle Stufe heben sollen. Dies sei eine positive Folge des christlichen Glaubens: „Die Kultur ist nicht der Hauptzweck der Mission, aber sie ist ihre nothwendige Folge, eine Zugabe, ein Nebenwerk, ein von dem reichen Tische des Evangelii abfallender Erdensegen.“[44] Die niedrige(re) kulturelle Stufe der Einheimischen kennzeichne sich z.B. durch „sorglose Trägheit“ und durch Untüchtigkeit.[45] Aus der höheren Kulturstufe der Europäer solle aber, wie in (4.3) dargelegt, eine gewisse Fürsorge für die Menschen entstehen.[46] In theologischer Hinsicht sind nach Warneck alle Menschen gleich vor Gott.[47]

(3.5) Verhältnis der Mission zur Kultur

Nun geht es um die Darstellung Warnecks vom Zusammenhang von Mission und Kultur zueinander, wobei er zunächst die Einflüsse der Mission auf die Kultur darstellt. Er fängt mit einer historischen Argumentation an, indem er herausstellt, dass die Mission der Christen in der Antike eine sittliche Veränderung der Gesellschaft hervorgerufen hat.[48] Zu seiner Zeit sei die Kulturdifferenz zwischen den Missionaren und den zu missionierenden Menschen aber deutlich höher, was nach Warneck einige Vor-, aber auch Nachteile impliziert, worauf er noch zu sprechen kommt. Die Mission bzw. das Evangelium sei eine enorme Kulturmacht, aber nicht die Einzige. So gebe es weitere Faktoren wie den Handel, die auch kulturell wirken. Dennoch unterscheide sich die Mission von anderen Kulturfaktoren in zwei wesentlichen Punkten: sie richte sich erstens nicht auf Äußerlichkeiten, sondern auf eine Herzensveränderung und zweitens sei sie von anderen Motiven, wie z.B. der Nächstenliebe geleitet.[49] Warneck beginnt im Folgenden bei den materiellen Aspekten der Kultur.

Das Evangelium der Bibel fordert nach Warneck eine gewisse Keuschheit bzw. einen gewissen Anstand, welcher durch die Nacktheit der Naturvölker nicht gegeben sei. Daher sei es Aufgabe des Missionars, bei den Eingeborenen Wert auf ein Maß an Kleidung zu legen, welche nicht westlich sein müsse, aber ein bestimmtes Maß an Keuschheit gewährleiste.[50] Daran anknüpfend sei die Folge der Bekleidung die Entstehung eines Handelsverkehrs bzw. eine (einfache) Textilindustrie, welche beide die Kulturstufe emporheben. Insgesamt bahnt die Mission nach Warneck nun auf zweifache Weise den Weg für den Handel: Einerseits durch Bedürfnisweckung und andererseits als Schutzmacht, da bei der Christianisierung einer Bevölkerung automatisch ein gewisser Handelsverkehr eintrete.[51] Außerdem seien die Missionare in der Regel für die Eingeborenen, sodass sie häufig in Konfrontation zu den Kolonisten stehen, die oftmals nur an der Ausbeutung der Bevölkerung interessiert seien. Dies zeige sich an einem bemerkenswerten Beispiel, wo Kolonisten in der Südsee einen der Ihren als Missionar verkleidet zur einheimischen Bevölkerung geschickt haben, um deren Vertrauen zu gewinnen. Die positive Zuwendung der Missionare zu den Eingeborenen, die sich in der Erziehung zur Eigenständigkeit zeige, wecke die Selbsttätigkeit der Letzteren, sodass dadurch ein Kulturfortschritt entstehen könne.[52]

Ein zentraler Punkt für Warneck ist die selbstständige Arbeit, zu der die einheimischen Naturvölker erzogen werden sollen, da dies das „Geheimnis des Zivilisierens“[53] sei, weil das Evangelium selber die Arbeit als Kulturfaktor adle. Deswegen unterteilt Warneck die zu missionierenden Menschen auch in Völker, die arbeiten und solche, die es nicht tun.[54] Der Missionar solle für die Eingeborenen nicht nur Vater, Patriarch oder Lehrer sein, sondern auch Baumeister, der sie in verschiedenen Tätigkeiten unterrichtet. Dies können allerlei Bautätigkeiten, Handwerk, oder auch Feld- und Gartenwirtschaft sein. Dazu kommt allerdings auch das finanzielle Gewerbe, da es für Warneck wichtig ist, dass sich entstehende christliche Gemeinden in den Kolonien in allen Belangen selber gut versorgen können.[55] Missionare hätten viel gegen Sklavenhandel getan – z.B. in Westindien. Auch für befreite Sklaven, die mit den neu erlangten Freiheiten erstmal lernen müssen, umzugehen, hätten sich hauptsächlich Missionare engagiert: „Sicherlich ist von keiner andern Seite so viel zur Erziehung und materiellen Hebung der befreiten Sklaven gethan worden und wird fortgehend gethan als seitens der christlichen Mission“[56].[57] Somit seien Missionare hauptverantwortlich für die materielle Kulturhebung von Einheimischen, da die Zivilisierung dem Evangelium folge. Die meisten Kolonisten jedoch hätten nur ihre egoistischen Interessen im Sinn.[58]

Neben dem materiellen Gebiet gebe es aber auch noch das geistige Leben, welches viel direkter und umfassender für die Zivilisierung der Völker sei. Da die Menschen für die Missionare ein Rettungsobjekt und kein Selbstzweck – wie für Wissenschaftler – seien, untersuchen sie deren Kultur und Sprache, sodass auf der einen Seite für Europa ein enormer geistiger Gewinn gebracht wird, aber durch die Einbringung der christlichen Botschaft und Lehre bei dein Einheimischen neue geistige Tätigkeiten derselben angeregt würden. Durch die Übersetzung der Bibel in die jeweilige Sprache werde eine enorme Kulturarbeit geleistet. Infolge der Bibelübersetzungen werde die Schulbildung ausgeweitet, es entstehen Missionarspressen, Schulbücher und verschiedenste literarische Werke von Missionaren. Ziel dabei sei aber immer, dass die einheimischen Menschen selbstständig werden und ihre eigene (geistige) Kultur in der Art eines Sauerteigs durchdringen und voranbringen. [59]

Auf den Bereich des Sittlichen, also der Moral und Ethik, habe die Mission den maßgeblichsten Einfluss. Reine Zivilisierung ohne sittliche Komponente würde keine grundlegende Veränderung und Glück bringen. Durch das Evangelium werde aber eine neue Gesinnung und mit ihr eine neue Gesittung gepflanzt, sodass mehr Humanität entstehe.[60] Warneck zählt anhand einiger Missionarsberichte viele Punkte auf, die sich bei den eingeborenen Menschen, welche Christen geworden sind, verbessert haben sollen. Missionare würden sich der Schwächsten in der Gesellschaft annehmen, sodass diejenigen, die oftmals wegen Aberglauben benachteiligt oder hingerichtet werden, gerettet werden (vor allem Frauen und Kinder).[61] Missionare brächten den Einheimischen ärztliche Hilfe, wären an der Beseitigung des Sklavenhandels beteiligt und würden bei der Befreiung der Frau, z.B. durch Bildung beider Geschlechter, mithelfen. Des Weiteren nähmen sich die Missionarsfrauen der einheimischen Frauen an, Frauenkäufe würden abgeschafft und das Kastenwesen aufgelöst.[62]

(3.6) Verhältnis der Kultur zur Mission

Für Warneck steht also fest, dass die Mission eine Kulturmacht ist. Umgekehrt geht er der Frage nach, ob die Kultur auch eine Missionsmacht ist und findet darauf eine differenzierte Antwort. Zum einen wird nach seiner Wahrnehmung die Mission durch Entdeckungen und einen regen Handelsverkehr vorbereitet. So zitiert er den berühmten Entdecker und Missionar David Livingstone: „Das Ende der geographischen That soll der Anfang des Missionsunternehmens sein“[63]. Warneck interpretiert die Geschichte als ein Handeln Gottes, der die Kultur dafür gebrauche, seine Botschaft immer mehr Menschen zukommen zu lassen. So tun die modernen wissenschaftlichen Entdeckungen, Kommunikationsmittel, der Weltverkehr und auch generell die Kolonialpolitik der Mission gute Dienste, dass die Mission auf jeden Fall von der Zivilisation profitiere. Durch die zunehmende Globalisierung würden der Mission neue Gegenden und Menschen erschlossen, die als Objekte der Mission fungieren sollen. Wissenschaftliche Erfindungen bereiten den Missionaren Erleichterungen im Verreisen und in der Kommunikation, während der Weltverkehr die Missionare unter einen gewissen Rechtsschutz stelle.[64] Selbst eine säkularisierte Kolonialregierung bereite dem Christentum – wenn es den kolonisierten Menschen Kultur bringe – den Boden, da es die einheimische Religion unterminiere. In Indien, wo Witwenverbrennungen und Kindermorde verboten worden sind, sei es der Hinduismus, in Japan der Unglaube und die Sittenlosigkeit, die durch Kulturformen zurückgedrängt werden. Das entstehende Vakuum bei Wegfall der eigenen Religion und Kultur mache die Menschen offen für einen neuen Glauben – nämlich den christlichen.[65] Zusätzlich bekommen die Menschen, die mit der europäischen Kultur z.B. durch Handel konfrontiert werden, zumindest eine oberflächliche Kenntnis des Christentums, sodass auch nichtchristliche Eingeborene kulturelle Faktoren übernehmen, die vorbereitend für den christlichen Glauben wirken. So kann beispielsweise der Handel eine erzieherische Funktion übernehmen.[66] Für Warneck muss die Kultur der Mission aber nicht vorhergehen, sondern vielmehr sollen beide Kulturmächte miteinander wirken.[67] Er betont nochmal, dass es ihm nicht in erster Linie darum gehe, Menschen zu zivilisieren, sondern darum, sie zu christianisieren. So gebe es Eingeborene, die sich zwar kulturell angeglichen haben, aber keine Christen seien, folglich auch nicht sittlich geworden seien.[68]

Auf der anderen Seite biete der Kulturfaktor durch Kolonisierung einige Nachteile für die Mission. So konstatiert Warneck, dass die „absolute Culturüberlegenheit“ der Europäer oftmals eine Überheblichkeit und Selbstsucht zur Folge habe, die sich antichristlich und unmoralisch auswirke und somit ein großes Hindernis für die Mission darstellen. Es komme zu brutalen Vernichtungskriegen vonseiten der Kolonisten und generell zu einer „Barbarei der Weißen“[69]. Auch die Mission bzw. die Missionare seien die Leidtragenden davon, da sie ebenso die Skepsis und das Misstrauen der einheimischen Bevölkerung ernten.[70] Aber auch unterschwelliger hemmen z.B. säkularisierte Zeitungen, die sich negativ über den christlichen Glauben äußern und in den Kolonien gelesen werden, die Ausbreitung der christlichen Botschaft.[71]

Weitere Nachteile der europäischen Kulturüberlegenheit resultieren aus der zu hohen Kluft zwischen Missionaren und Missionierten. So könnte z.B. schlicht der Komfort der Missionare auf Ablehnung der einheimischen Menschen stoßen. Durch die Christianisierung könne möglicherweise auch eine – nicht günstige – Entnationalisierung und Europäisierung stattfinden bzw. eine Entfremdung zu eigenen Landsleuten. Des Weiteren könne die europäische Kultur schlicht mit dem Christentum verwechselt werden, sodass Christianisierung für manche Einheimische eine lediglich äußere Aneignung von Kulturgütern bedeuten könne.[72] Prinzipiell sei diese kulturelle Kluft aber ein apologetisches Argument für den christlichen Glauben. Außerdem könne es einen gewissen Anreiz darstellen, sich auf die Religion der Kolonisten bzw. Missionare einzulassen.[73] Dennoch solle nicht jedes zu missionierende Volk die gleiche Ziviliserungsschablone bekommen, sondern noch auf gewisse Art und Weise in ihrer eigenen Kultur gegründet sein. Die Übernahme der europäischen Kultur würde nur die eigene Schaffenskraft erlahmen und der Selbstständigkeit im Wege stehen. Durch die Christianisierung solle ein allmählicher, eigener kultureller Prozess in Gang gesetzt werden.[74] Insgesamt habe die christliche Mission kleine Übel, aber große Segnungen gebracht.[75]

 

(4) Fazit: Gustav Warneck zwischen Mission und Kolonialismus

Gustav Warneck nahm also als prominenter Theologe mit einer breiten Rezeptionsgeschichte den Kolonialismus als gegeben hin. Auch wenn er konstatierte, dass Kolonialismus immer mit mehr oder weniger Unrecht gegenüber den einheimischen Menschen verlaufe, sah er darin eine enorme Chance für die Missionstätigkeit. Das wesentliche Verbindungsglied zwischen Mission und Kolonialismus war die „Cultur“. Diese breite sich nämlich allmählich in einer christianisierten Gesellschaft mit Menschen aus, deren Herzen von Gott verändert worden seien. Für Warneck war es wichtig, dass die Menschen so fair wie möglich behandelt werden und zum christlichen Glauben finden, sich folglich auch eine christliche Kirche in den Kolonien etablieren könne. Diesem Anliegen könne die „Cultur“ manchmal durch den Egoismus der Kolonisten im Wege stehen, andererseits aber oftmals auch wertvolle Dienste als Vorbereitung für die Verbreitung des christlichen Glaubens leisten, indem sie die einheimischen Menschen auf eine höhere kulturelle Stufe hebe. Ganz am Ende seines Werkes plädiert Warneck nochmal für ein Zusammenwirken von „Cultur“ und Mission:

„Was für ein Segen für die christliche und für die nichtchristliche Welt müßte daraus hervorgehen, wenn der idealistische Traum in Erfüllung ginge, daß Cultur und Mission zu ihrer Losung den Wahlspruch machten: viribus unitis!“[76]


[1] Vgl. z.B. Warneck, Gustav: Evangelische Missionslehre. Ein missionstheoretischer Versuch (Band 1: Die Begründung der Sendung), Gotha 1897, S. 65. Zuletzt aufgerufen am 25.03.2024 unter: https://archive.org/details/MN41419ucmf_0/page/n3/mode/2up?view=theater

[2] So propagierte Ernst Troeltsch, ein Vertreter der Religionsgeschichtlichen Schule, eine andere Auffassung von Mission. Sie solle nicht dazu dienen, andere Menschen zu christianisieren, sondern in eine Art Dialog mit den Religionen zu treten, um das Christentum weiterzuentwickeln. Vgl. dazu Berner, Ulrich: Religionsgeschichte und Mission. Zur Kontroverse zwischen Ernst Troeltsch und Gustav Warneck, in: Drehsen, Volker; Sparn, Walter (Hg.): Vom Weltbildwandel zur Weltanschauungsanalyse. Krisenwahrnehmung und Krisenbewältigung um 1900, Berlin 1996, S. 103-112.

[3] Für einen guten Überblick über verschiedenste Sendungsideen kolonialistischer und missionarischer Art vgl. Hammer, Karl: Weltmission und Kolonialismus. Sendungsideen des 19. Jahrhunderts im Konflikt, München 1978, S. 15-236.

[4] Vgl. Sievernich, Michael: Die christliche Mission. Geschichte und Gegenwart, Darmstadt 2009, S. 91.

[5] Vgl. Gründer, Horst: Welteroberung und Christentum. Ein Handbuch zur Geschcihte der Neuzeit, Gütersloh 1992, S. 568-577 und Sievernich, S. 91-93. Zwei prominente Beispiele, die Sievernich erwähnt, sind zum einen der Missionar David Livingstone (1813-1878), der enorme Erkundungsleistungen auf dem afrikanischen Kontinent vollbrachte und auch für christliche Handelssiedlungen auf dem Kontinent eintrat, zum anderen der Inspektor der Rheinischen Mission, Friedrich Fabri, der sehr deutlich für das Zusammenspiel von Mission und Kolonialismus plädierte, vgl. ebd., S. 93. Auch wenn es zu Anfang der Kolonialbewegung in Deuschland noch Protest vonseiten der protestantischen Mission gab, verbanden wichtige Protagonisten die Kolonialbewegung mit der Mission, vgl. Moritzen, Niels-Peter: Koloniale Konzepte der protestantischen Mission, in: Bade, Klaus J. (Hg.) Imperialismus und Kolonialmission. Kaiserliches Deutschland und koloniales Imperium, Wiesbaden 1982, S. 56-59.

[6] „Taylor war überzeugt, daß die europäische Prägung der Missionsarbeit das rasche Durchdringen Chinas mit dem Evangelium ernstliche behindere. Daher lehnte er die für Chinesen fremdartige Kleidung der Missionare, die fremden Sitten und den Baustil der Kapellen ab. Ein Export des Christentums westlicher Prägung war in seinen Augen weder vernünftig noch entsprach es dem Worte Gottes. Das Volk sollte evangelisiert und nicht von seiner Kultur entfremdet werden.“ Franz, Andreas: Mission ohne Grenzen. Hudson Taylor und die deutschsprachigen Glaubensmissionen, Gießen / Basel 1993, S. 22f. Vgl. ebd. zu den Entwicklungen der Glaubensmissionen im deutschsprachigen Raum, S. 29-78.

[7] Vgl. ebd., S. 94f.

[8] Kasdorf, Hans: Gustav Warnecks missiologisches Erbe. Eine biographisch-historische Untersuchung, Gießen 1990, S. 10, zitiert aus Freytag, Walter: Vom Nadlergesellen zum Missionsprofessor. Zu Gustav Warnecks 100. Geburtstag, HKK 1934, S. 96-99, der kommentiert, dass Warneck in seiner Zeit in Barmen zwei Punkte wichtig geworden sind:

„Das erste war die Bedeutung der Mission. Man lebt in der Zeit der Kolonialära, wo Europa mit mächtigem Griff hineinreichte in die Welt Afrikas und Asiens und man begeistert die großen Aufgaben und Möglichkeiten, die sich boten, begreifen lernte. Überall, wo die Kolonialmächte sich ausbreiteten, waren entweder schon Missionare da oder sie folgten den Eroberern auf dem Fuß. Warneck erkannte, daß der Dienst der Mission die tiefste Bedeutung für die geistige Zukunft dieser Völkermassen haben müsse und würde. Damit sie ihren Dienst erfüllen könnte, mußte sie öffentlich anerkannt werden.“ Das zweite war die Aufarbeitung der Missionsarbeit „in sorgfältiger wissenschaftlicher Arbeit“.

[9] Vgl. Kasdorf, S. 1-15, 24. Vgl. außerdem dazu Sames, Arno: Die „öffentliche Nobilitierung der Missionssache“: GUSTAV WARNECK und die Begründung der Missionswissenschaften an der Theologischen Fakultät in Halle, in: Schnelle, Udo (Hg.): Reformation und Neuzeit. 300 Jahre Theologie in Halle, Berlin / New York 1994, S. 196-207. Und vgl. ebenso Raupp, Werner, „Warneck, Gustav“ in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 431-432. Zuletzt aufgerufen unter: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118939823.html#ndbcontent.

[10] Warneck, Gustav: Die gegenseitigen Beziehungen zwischen der modernen Mission und Cultur. Auch eine Culturkampfstudie, Gütersloh 1879.

[11] Vgl. Warneck, Cultur, S. 1-4. Vgl. dazu auch Berner, S. 106f. Er verwendet für seine Argumentationen oftmals Stimmen von Missionskritikern und Missionaren selbst. Über Erstere urteilt er, dass sie aus verschiedensten Motivationen heraus ein verzerrtes Bild der Mission und ihrer Kulturerfolge zeichnen. Dabei liegen sie nicht immer in jedem ihrer Kritikpunkte falsch, aber in der Tendenz schon, während die Missionarsberichte oftmals auch zu positiv gefärbt seien, aber in ihrer Tendenz richtig liegen, da die Missionare die Sachverständigen vor Ort seien, die die Situation hautnah erleben. Vgl. Warneck, Cultur, S. 16-23. Man könnte nun seine Argumentationsstruktur bzgl. seiner Quellen genauer untersuchen und kritisieren. Dies ist aber für diese Arbeit nicht nötig, da es darum geht, Warnecks Ansicht über Mission darzustellen und wie diese sich aus seiner Perspektive zum Themenkomplex des Kolonialismus verhalten soll. Man könnte nun einwenden, dass Warnecks Ansicht eine andere gewesen wäre, wenn er den Missionskritikern mehr glauben geschenkt hätte, aber darum geht es nicht, sondern vielmehr darum, wie ein prominenter Theologe mit dem Wissen seiner Zeit und seiner eigenen Einordnung desselben das Verhältnis zwischen Mission und Kolonialismus sah.

[12] Vgl. Warneck, Cultur. Vgl. auch zusammenfassend Sievernich, S. 139-141.

[13] Raupp kommentiert dies in seiner knappen Einleitung zu Warneck, in Raupp, Werner: Mission in Quellentexten. Geschichte der Deutschen Evangelischen Mission von der Reformation bis zur Weltmissionskonferenz Edingburgh 1910, S. 365. Weiter merkt Raupp an: „Ausgehend sowohl vom Biblizismus als auch von empiristischen und historischen Prämissen sowie von >>naturalistisch<<-organologischen und pietistisch-romantischen Vorstellungen, versucht Warneck in der ML [Evangelische Missionslehre] die verschiedenen missiologischen Traditionen zu einer umfassenden Synthese zu vereinigen – eben darin liegt der entscheidende Ertrag seiner Denkarbeit, womit er die Missionstheologie seines Jahrhunderts zum Höhepunkt und Abschluß führt.“ Raupps Buch ist zugleich gut als erster Einblick in die Quellenlage zur Geschichte der Mission geeignet.

[14] Vgl. Warneck, Gustav: Welche Pflicht legen uns unsere Kolonien auf? Eine Berufung an das christliche deutsche Gewissen, Heilbronn 1885 (Zeitfrragen des christlichen Volkslebens, Bd. 11, 3/4).

[15] Vgl. Warneck, Kolonien, S. 3f.

[16] Vgl. Warneck, Missionslehre, S. 1.

[17] Ebd., S. 2.

[18] Ebd., S. 4.

[19] Vgl. ebd., S. 4f.

[20] Ebd., S. 6.

[21] Vgl. ebd., S. 7.

[22] Vgl. ebd., S. 91-94.

[23] Vgl. ebd., S. 133-239. Siehe dazu auch die Ausführungen Kasdorfs, S. 129-179.

[24] Vgl. Warneck, Missionslehre, S. 260f.

[25] Kasdorf, S. 34f.

[26] Vgl. Warneck, Missionslehre, S. 260f.

[27] Ebd., S. 272.

[28] Ebd., S. 273.

[29] Vgl. ebd., S. 260-278.

[30] Vgl. ebd., S. 278.

[31] Ebd., S. 279.

[32] Vgl. ebd., S. 278-299.

[33] Warneck, Pflichten, S. 1.

[34] Ebd., S. 8.

[35] Vgl. ebd., S. 1-8. Nun folgt „eine nüchterne Betrachtung“ der Kolonien, in der Warneck die deutschen Inbesitznahmen auflistet, vgl. ebd., S. 9-21.

[36] Vgl. ebd., S. 21-24. „Kurz, ohne größeres oder geringeres, absichtlich oder unabsichtlich geübtes Unrecht gegen die Eingeborenen geht es wohl niemals bei kolonialen Erwerbungen ab und wird es auch bei den deutschen nicht abgegangen sein.“ Ebd., S.24.

[37] Ebd., S. 25.

[38] Ebd., S. 26.

[39] Ebd., S. 30f.

[40] Vgl. ebd., S. 21-28.

[41] Warneck, Cultur, S. 4.

[42] Vgl. LU 2017, Genesis 1, 28.

[43] Vgl. Warneck, Cultur, S. 1-9, 35, 38.

[44] Ebd., S. 12.

[45] Vgl. ebd, S. 11f und Warneck, Pflichten, S. 24f. Wenngleich Warneck hier also eine kulturelle Überlegenheit Europas ausmacht, ist er von der Radikalität anderer Zeitgenossen noch weit entfernt. So verurteilte Warneck ein Buch des evangelischen Theologen Paul Rohrbach. Dieser war überzeugt, „die Minderwertigkeit des Negers im Blick auf seinen niedrigen kulturellen Status mache es den Kulturvölkern unmöglich, mit ihm auf derselben Ebene zu verkehren. Zweck aller praktischen Kolonisationsarbeit sei die >>industrielle Entwicklung der in Besitz genommenen Gebiete, und zwar (ausschließlich) zugunsten des besitzenden Volkes<<, und zugleich die >>Nutzung des Bodens und der Gebrauch der Eingeborenen<<. de Vries, Johannes Lucas: Namibia. Mission und Politik (1880-1918). Der Einfluß des deutschen Kolonialismus auf die Missionsarbeit der Rheinischen Missionsgesellschaft im früheren Deutsch-Südwestafrika, Neukirchen-Vluyn, 1980, S. 14.

[46] Vgl. dazu auch ebd., S. 52: „Nach Gustav Warneck sollte der Kolonist drei Gaben besitzen: Gerechtigkeitssinn, Menschenliebe und Selbstzucht.“

[47] Vgl. (4.1).

[48] „Das Recht der Persönlichkeit, die Anerkennung der Menschenwürde, und damit die Humanität, die Ebenbürtigkeit des Weibes, die Regeneration der Ehe, des Familienliebens und der Kindererziehung, die allmählige Beseitigung der Sklaverei, die sittliche Werthschätzung der Arbeit, und damit eine neue wirthschaftliche Ordnung; dazu eine ganze Reihe neuer sittlicher Tugenden: die selbstlose Liebe, die die [sic] Barmherzigkeit gegen Jedermann, die Wohlthätigkeit, die Demuth, die Keuschheit – das alles sind Culturfundamente, die das Evangelium Christi erst neu gelegt hat […].“ Warneck, Cultur, S. 33.

[49] Vgl. ebd., S. 35-37.

[50] Vgl. ebd., S. 40f.

[51] Vgl. ebd., S. 42-45.

[52] Vgl. ebd., S. 44-46.

[53] Ebd., S. 70.

[54] Vgl. ebd., S. 68f.

[55] Vgl. ebd., S. 39f, 47-50, 55, 71. Auf den folgenden Seiten listet Warneck ein paar Beispiele auf, wo Missionare etwas Positives zur Kultur der Einheimischen in der Südsee geleistet haben, indem sie ihnen landwirtschaftliche Tätigkeiten vermittelt haben – ganz im Gegensatz zu den regulären Kolonisten. Vgl. ebd., S. 57f.

[56] Ebd., S. 77.

[57] Vgl. ebd., S. 76f.

[58] Vgl. ebd., S. 82-84.

[59] Vgl. ebd., S. 92-123.

[60] Vgl. ebd., S. 124f.

[61] Vgl. ebd., S. 126-137. Hier zählt er z.B. Kannibalismus, Kinderaussetzung, Menschenopfer oder Hexereibezichtigung auf.

[62] Vgl. ebd., S. 145-151. Warneck listet noch weitere Errungenschaften des christlichen Glaubens in den Kolonien auf wie die Armen- und Krankenpflege. Außerdem führt er aus, dass das Missionswesen Tugenden wecken würde wie Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Fleiß. Dies belegt er mit missionarischen Erzählungen. Überhaupt würde generell das Staats- und Gemeinschaftsleben durch den christlichen Glauben auf eine höhere moralische Stufe gehoben werden, vgl. ebd., S. 148-164. 

[63] Vgl. ebd., S. 204.

[64] Vgl. ebd., S. 201-208.

[65] Vgl. ebd., S. 208f.

[66] Vgl. ebd., S. 209f, 213f. Auch wenn die Motivation der Kolonisten nicht immer die Beste ist, gebrauche Gott die Ziviliserung also als Vorbereitung der Mission, vgl. ebd., S. 210f.

[67] Vgl. ebd., S. 214f. Hier nennt er noch einige Inseln, z.B. Hawai oder Neuseeland, auf denen ein vorbereitender Einfluss europäischer Zivilsation stattgefunden habe.

[68] Vgl. ebd., S. 216-218.

[69] Ebd., S. 227.

[70] Vgl. ebd., S. 221-231. Dazu gehört z.B. auch der Opiumhandel in China, vgl. ebd., S. 246-248. Dazu gehören z.B. auch die Bekämpfung der Indianer in Nordamerika und die Sklaverei, sodass Zivlisation nicht immer bzw. oft nicht sittlich hochstehendes Verhalten mit sich bringe, vgl. dazu ebd., S. 253-262.

[71] Vgl. ebd., S. 241.

[72] Vgl. ebd., S. 277-284.

[73] Vgl. ebd., S. 274-276.

[74] Vgl. ebd., S. 292.

[75] Vgl. ebd., S. 300.

[76] Ebd., S. 311.

Quellenverzeichnis

  • Raupp, Werner: Mission in Quellentexten. Geschichte der Deutschen Evangelischen Mission von der Reformation bis zur Weltmissionskonferenz Edingburgh 1910.
  • Warneck, Gustav: Die gegenseitigen Beziehungen zwischen der modernen Mission und Cultur. Auch eine Culturkampfstudie, Gütersloh 1879.
  • Warneck, Gustav: Evangelische Missionslehre. Ein missionstheoretischer Versuch (Band 1: Die Begründung der Sendung), Gotha 1897, S. 65. Zuletzt aufgerufen am 19.03.2024 unter: https://archive.org/details/MN41419ucmf_0/page/n3/mode/2up?view=theater
  • Warneck, Gustav: Welche Pflicht legen uns unsere Kolonien auf? Eine Berufung an das christliche deutsche Gewissen, Heilbronn 1885 (Zeitfragen des christlichen Volkslebens, Bd. 11, 3/4).
  • Luther, Martin: Die Bibel, Stuttgart 2016.

(7) Literaturverzeichnis

  • Berner, Ulrich: Religionsgeschichte und Mission. Zur Kontroverse zwischen Ernst Troeltsch und Gustav Warneck, in: Drehsen, Volker; Sparn, Walter (Hg.): Vom Weltbildwandel zur Weltanschauungsanalyse. Krisenwahrnehmung und Krisenbewältigung um 1900, Berlin 1996.
  • de Vries, Johannes Lucas: Namibia. Mission und Politik (1880-1918). Der Einfluß des deutschen Kolonialismus auf die Missionsarbeit der Rheinischen Missionsgesellschaft im früheren Deutsch-Südwestafrika, Neukirchen-Vluyn, 1980.
  • Franz, Andreas: Mission ohne Grenzen. Hudson Taylor und die deutschsprachigen Glaubensmissionen, Gießen / Basel 1993.
  • Gründer, Horst: Welteroberung und Christentum. Ein Handbuch zur Geschichte der Neuzeit, Gütersloh 1992.
  • Hammer, Karl: Weltmission und Kolonialismus. Sendungsideen des 19. Jahrhunderts im Konflikt, München 1978.
  • Kasdorf, Hans: Gustav Warnecks missiologisches Erbe. Eine biographisch-historische Untersuchung, Gießen / Basel 1990.
  • Moritzen, Niels-Peter: Koloniale Konzepte der protestantischen Mission, in: Bade, Klaus J. (Hg.): Imperialismus und Kolonialmission. Kaiserliches Deutschland und koloniales Imperium, Wiesbaden 1982.
  • Raupp, Werner, „Warneck, Gustav“ in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 431-432. Zuletzt aufgerufen am 21.03.2024 unter: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118939823.html#ndbcontent.
  • Sames, Arno: Die „öffentliche Nobilitierung der Missionssache“: GUSTAV WARNECK und die Begründung der Missionswissenschaften an der Theologischen Fakultät in Halle, in: Schnelle, Udo (Hg.): Reformation und Neuzeit. 300 Jahre Theologie in Halle, Berlin / New York 1994.
  • Sievernich, Michael: Die christliche Mission. Geschichte und Gegenwart, Darmstadt 2009.
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