Ich liebe die Bibel. Dieses „Buch“ ist im Vergleich zu allen anderen einzigartig. Es ist etwas Besonderes: heilig. Deshalb stand auf alten Bibelausgaben oft „Heilige“ auf dem Einband – weil die Bibel kein Buch ist wie jedes andere.
Nun weiß ich, dass manche zusammenzucken, wenn ich davon spreche, ein Buch zu lieben – selbst wenn es das Buch ist. Sie werfen Christen wie mir vor, „Bibliolatrie“ zu betreiben, also beinahe ein Buch an die Stelle Gottes selbst zu setzen. Für manche mag das tatsächlich eine reale Gefahr sein. Vielleicht gibt es Bibelleser, die sagen würden, sie lieben das Buch, mögen aber seinen Autor nicht wirklich. Doch ich bezweifle, dass es viele sind. Bei einem gewöhnlichen menschlichen Buch könnte man sagen: Ich liebe das Buch, aber nicht den Autor. Aber bei der Bibel?
Natürlich sollten wir uns vor dieser Gefahr hüten – und zugleich anerkennen, dass sie wahrscheinlich nicht die größte Bedrohung unserer Generation ist. Übersehen wir vielmehr nicht die weit dringendere Gefahr unserer Zeit: dass Menschen behaupten, sie lieben und respektieren Gott, aber offenbar kein echtes Interesse an seinem Buch haben.
Von Gott gelangweilt?
Für mich ist eine der größten vorstellbaren Tragödien ein bekennender Christ, der sich mit der Bibel langweilt. Könnte ein Ehemann seine Frau wirklich lieben, aber ihre Worte nicht schätzen? Könnte eine hingebungsvolle Ehefrau ihren Mann achten, aber das, was er sagt, nicht? Was sind Worte überhaupt? Sie sind die ausgeatmeten Ausdrucksformen der Person selbst. Worte sind hörbare Offenbarungen eines sonst verborgenen Herzens. Deine Worte gehören zu dir. Wie Menschen mit deinen Worten umgehen, so gehen sie auch mit dir um.
Wenn dich Gottes Worte langweilen – langweilt dich dann nicht Gott selbst?
Ich verstehe, dass es trocken, unpersönlich und unecht klingen kann, immer wieder die Aufforderung zu hören: „Lies deine Bibel, lies deine Bibel, lies deine Bibel …“ Dabei kann ich mitfühlen. Ich stimme zu, dass wir mehr sagen müssen – viel mehr. Aber der Instinkt, Christen grundlegend auf Gott selbst auszurichten – durch seine eigenen Worte –, ist entscheidend. Du kannst eine Person nicht wirklich kennen und lieben, wenn du ihre Worte ignorierst oder ablehnst.
Ein Grund dafür, dass „Lies die Bibel“ für manche Menschen hohl klingt, liegt darin, dass sie ein zu dünnes Verständnis davon haben, was die Bibel eigentlich ist. Sie denken: Es ist ein Buch. Bücher – Worte auf Papier, Sätze und Absätze – können nur begrenzt etwas für dich tun. Um Gott wirklich zu kennen, zu genießen und eine echte Beziehung zu ihm zu erleben, muss es irgendwo noch einen besonderen Weg oder eine Technik geben, die ich bisher nicht gefunden habe. Vielleicht können die Wüstenväter helfen. Vielleicht mittelalterliche Mystiker. Oder etwas aus dem Osten. Die Natur? Einsamkeit? Almosengeben? Heilige Kunst und Ikonen? Es muss doch einen anderen Weg geben, Gott kennenzulernen, als seine Stimme in seinem Wort durch seinen Geist zu hören.
Doch daran führt kein wirklicher Weg vorbei: Gott hat uns ein Buch gegeben. Er hat die Welt geschaffen und uns erschaffen, und er hat seinen Sohn gesandt. Wenn wir all das richtig und rettend verstehen wollen, brauchen wir das Buch, das er uns gegeben hat. Und wenn dir das langweilig erscheint, dann könnte es helfen, sich daran zu erinnern, dass die Bibel nicht einfach nur ein Buch ist.
Die Bibel mag wie ein Buch aussehen, aber sie ist weit, weit mehr als jedes andere Buch. Und sie verdient es, auf eine andere Weise gelesen und aufgenommen zu werden als andere Bücher. Wir neigen dazu, die Bibel viel zu oft einfach wie jedes andere Buch zu lesen – und dann entgeht uns die faszinierende, mehrdimensionale Schönheit von Gottes Worten an uns.
Betrachten wir zunächst drei Gründe, warum die Bibel nicht einfach „ein Buch“ ist.
1. Die Bibel ist eine Bibliothek
Erstens: Die Bibel ist kein einzelnes Buch, sondern eine Bibliothek. Und was für eine Bibliothek!
Sie ist eine Sammlung von 66 von Gott offenbarten, von Gott eingegebenen Büchern. Die ersten 39 bereiten das Kommen Gottes selbst vor. Dann erzählen weitere 27 Bücher in unterschiedlichen und sich ergänzenden Stimmen vom Leben, vom Tod und von der Auferstehung Jesu, von der frühen Gemeinde und von der Anwendung der Worte und des Werkes Jesu auf unser christliches Leben. Gott hat uns eine ganze Bibliothek gegeben: fünfeinhalb Dutzend beeindruckende Darstellungen seiner selbst, Festmahle zum Genießen und Lichter für unseren Weg.
Gott hat uns nicht nur einmal ein Buch gegeben, um sich selbst zu zeigen, unsere Seelen zu nähren und unser Leben zu leiten. Er hat es 66-mal getan. Brüder und Schwestern in Christus, wir sind Erben eines überwältigenden Reichtums der Schrift!
- Wir haben das 1. Buch Mose (Genesis), das den Aufbau und die Verdorbenheit der Welt erklärt, in der wir leben: von Gott geschaffen, durch die menschliche Sünde verflucht und nach einer Rettung schreiend, die Gott selbst zu bringen verspricht. Er beginnt mit einem Mondanbeter namens Abram noch einmal neu und schafft ein besonderes Volk, das der Welt den wahren Gott zeigt und den Weg für sein Kommen vorbereitet.
- Wir haben das 2. Buch Mose (Exodus), das die größte Erlösungsgeschichte erzählt, die es gab – bis Jesus kam und seine Gemeinde erlöste.
- Wir haben die Psalmen. Ach, die Psalmen! Das Psalmenbuch ist gewissermaßen selbst eine kleine Bibliothek mit 150 lebensspendenden, lebensweisenden, herzheilenden und seelenbelebenden Liedern und Gedichten.
- Wir haben Jesaja! Manche nennen dieses Buch „das fünfte Evangelium“, weil es das Kommen Christi mit solcher Klarheit und erstaunlichen Details ankündigt. Und Jesaja hat 66 Kapitel! Schon dieses eine Buch bietet jedem Gelehrten Reichtümer für ein ganzes Leben – und erst recht uns allen anderen. Wenn es nötig wäre, könnte ein Christ Monate oder sogar Jahre allein im Buch Jesaja verbringen – und es ist nur eines von 66 Büchern der Bibel.
Das sind nur vier Höhepunkte aus den Schriften vor der Menschwerdung Christi. Wie viel mehr könnten Christen – wenn es nötig wäre – jahrelang allein mit den Evangelien, der Apostelgeschichte, dem Römerbrief oder dem Hebräerbrief geistlich wachsen.
Und unser Gott hat uns nicht dazu bestimmt, nur vom Hebräerbrief allein zu leben, sondern von jedem Wort, das aus seinem Mund hervorgeht. Auf den Höhepunkt gebracht ist dieses Wort Jesus selbst. Und ganz praktisch erhalten wir den vielschichtigen, reichen und erstaunlichen Zugang zu Christus durch den Reichtum an Worten, Perspektiven und Einblicken, die wir in dem unerschöpflichen Schatz der Heiligen Schrift finden.
2. Die Bibel ist von Gott eingegeben
Wenn du nun diesen Schatz einer Bibliothek betrachtest und die menschlichen Namen auf den einzelnen Büchern siehst, könntest du fragen: „Stammt das wirklich von Gott selbst – oder nur von Menschen, die zuerst ein monotheistisches und später ein trinitarisches Gottesverständnis hatten?“
Gewiss: Menschen spielten eine wesentliche Rolle. Sie setzten ihr Herz, ihr Leben und ihre Worte ein. Sie redeten und schrieben – aber nicht aus sich selbst heraus. Christen glauben, mit den Worten des Apostels Petrus, dass „Menschen von Gott her redeten“ (2Petr 1:21). Diese Bibliothek fiel nicht plötzlich vom Himmel – weder in einem einzigen Moment noch in 66 einzelnen Momenten. Sie wurde auch nicht ausgegraben und mithilfe besonderer Brillen übersetzt. Gott hat seine Bibliothek auf eine noch wunderbarere Weise verfasst und zusammengestellt: indem er in und durch das Leben und die Arbeit seiner berufenen Sprecher wirkte – Propheten, Geschichtsschreiber und Schriftgelehrte im ersten Bund, und später Apostel sowie ihre Mitarbeiter und Gefährten im neuen Bund.
Diese Bibliothek, die wir „die Bibel“ nennen, ist also wirklich durch Menschen entstanden und zugleich letztlich von Gott. Sie ist kein gewöhnliches Buch, das allein von Menschen stammt, sondern das besondere Buch Gottes – durch Menschen geschrieben, vom Heiligen Geist inspiriert. Petrus bringt es so auf den Punkt: „Menschen redeten von Gott her, getrieben vom Heiligen Geist“ (2Petr 1:21).
Anderthalb Jahrtausende vor Jesus und nun seit zwei Jahrtausenden danach haben Gottes Menschen diese Bibliothek als etwas erkannt, das sich von allen anderen Büchern unterscheidet. In dieser Bibliothek haben wir mit Klarheit die Stimme des einen wahren Gottes gehört – so wie nirgendwo sonst. Keine andere Sammlung von Büchern kommt dem nahe. Christen glauben, dass die ganze Schrift – alle 66 Bücher dieser Bibliothek – von Gott eingegeben ist durch seine berufenen Sprecher (2Tim 3:16).
Wir wissen, dass es Skeptiker nicht überzeugt, wenn man einfach nur zitiert, was die Bibel über sich selbst sagt. Man muss diese Bibliothek selbst erleben. Komm nicht nur einmal kurz vorbei, sondern lebe eine Zeit lang darin. Komm immer wieder zurück. Spring auf den Dielenbrettern auf und ab. Erkunde die Räume. Verbringe ungestörte Zeit an den Schreibtischen. Und prüfe, ob dich die überzeugende, sich selbst bestätigende Autorität von Gottes eigener Stimme in und durch die Schrift ergreift. Beginnst du eine besondere, einheitliche und eindringliche Stimme zu erkennen, die sich durch die vielen inspirierten Sprecher zieht, die über Jahrhunderte hinweg geschrieben haben?
Kein Argument dafür, dass die Bibel wirklich Gottes eigenes Wort ist, überzeugt mehr, als diese Bibliothek zu öffnen und selbst eine Zeit lang durch sie hindurchzugehen.
3. Die Bibel ist lebendig
Schließlich könntest du entdecken – so wie es unzählige Millionen Menschen im Laufe der Jahrhunderte getan haben –, dass diese Bibliothek keineswegs nur ein Geschichtsbuch ist, das festhält, was ein Autor in der Vergangenheit gedacht und gesagt hat. Diese Bibliothek ist die lebendige Stimme des unveränderlichen Gottes, der durch dieselben inspirierten alten Worte weiterhin spricht – durch die Kraft seines lebendigen Geistes.
Christen kommen zur Bibel nicht nur, um zu hören, was Gott gesagt hat. Wir kommen, um zu hören, was er sagt. Wir kommen, um ihn sprechen zu hören – auch heute noch – durch sein geschriebenes Wort, durch die Kraft seines Geistes.
Der Heilige Geist hat nicht nur die Worte inspiriert, die menschliche Autoren vor Jahrtausenden aufgeschrieben haben. Er erleuchtet auch heute diese Worte im Denken und im Herzen von Gottes Volk. In dieser Bibliothek begegnen wir nicht nur dem Gott, der gesprochen hat, sondern „dem, der redet“ (Hebr 12:25).
Wenn du also zu dieser Bibliothek kommst, dann komm mit der Erwartung, dass der lebendige Gott durch sein lebendiges Wort und durch seinen lebendigen Geist zu dir spricht.
Eine neue Einladung
Wenn du die Bibel bisher nicht auf diese Weise erlebt hast, lade ich dich ein, es neu zu versuchen. Deine persönliche Erfahrung mit der Bibel bestimmt nicht die objektive Wirklichkeit dessen, was sie ist. Es gibt kein anderes lebendiges, von Gott eingegebenes und vom Geist lebendig gemachtes Buch außer dieser Bibliothek.
Wenn dich dieses Buch langweilt, dann liegt das Problem und der Mangel nicht in der Bibel, sondern in dir.
Nenne sie, wie du willst: die Bibel, die Heilige Schrift, Gottes Bibliothek, das „Haupt-“ und „Herzstück“ seiner Gnadenmittel für das christliche Leben (wie es Jonathan Edwards ausdrückte), oder das erste und wichtigste dieser Mittel. Aber nenne sie nicht langweilig. Und gib dich nicht mit einer engstirnigen, kleinherzigen Erfahrung der Bibel zufrieden, als wäre sie nur ein gewöhnliches Buch.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt von John Schröder.
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