Letztes Jahr hatte ich das Vorrecht, innerhalb von drei Wochen auf fünf Kontinenten zu reisen. Ich tat dies als Autor und Sprecher einer achtteiligen Dokumentarserie über den Philipperbrief mit dem Titel Discipleship Explored (Jüngerschaft entdecken). Die Idee war, Gläubige aus der ganzen Welt zu interviewen – viele von ihnen hatten schwere Verfolgung erlebt –, um zu zeigen, welchen Unterschied der Philipperbrief in ihrem christlichen Leben gemacht hat.
Allerdings muss ich zugeben, dass ich dem Wort „Jüngerschaft“ gegenüber gemischte Gefühle habe.
Wie einer meiner Freunde anmerkt, kommt das griechische Wort „Jünger“ ganz sicher in der Schrift vor – das Wort „Jüngerschaft“ jedoch nicht. Und wenn wir dieses Wort verwenden, meinen wir damit oft so etwas wie „die Kunst oder das Handwerk, ein Jünger zu sein“. Unweigerlich neigt uns das Wort dann dazu, an Methoden und Techniken zu denken und unseren Fokus auf das zu richten, was wir tun sollten, statt auf den, dem wir folgen.
Mit anderen Worten: Wir können Experten in Jüngerschaft sein – und doch niemals wirklich ein Jünger.
Tanzen wir zur Melodie der Freude?
Vielleicht hilft das, die traurige Beobachtung zu erklären, die John Stott machte, als man ihn bat, das Wachstum der evangelikalen Kirche einzuschätzen:
Die Antwort lautet: „Wachstum ohne Tiefe.“ Niemand von uns möchte das außergewöhnliche Wachstum der Kirche bestreiten. Doch dieses Wachstum war größtenteils numerisch und statistisch. Es hat jedoch kein entsprechendes Wachstum in der Jüngerschaft gegeben, das dem zahlenmäßigen Wachstum gleichkäme.
Das war vor zehn Jahren, aber die Oberflächlichkeit besteht fort. Könnte es nicht zumindest teilweise daran liegen, dass so vieles von unserer Schulung in Jüngerschaft kaum mehr ist als eine Liste von geistlichen Übungen, die man zu beherrschen hat?
Stell dir eine Tänzerin vor. Sie tanzt mit Anmut, Freude und Rhythmus. Wenn du genauer hinsiehst, erkennst du, was all diese wunderschönen Bewegungen antreibt: Sie hat ihre Kopfhörer im Ohr und hört die Musik, die sie am meisten liebt – und diese Musik trägt sie fort. Sie ist davon gefesselt und hingerissen. Es ist fast, als könne sie gar nicht aufhören zu tanzen.
Nun stell dir vor, eine zweite Person betritt den Raum. Sie sieht die Tänzerin und denkt: „Ich würde auch gern so tanzen können!“ Doch sie hört die Musik nicht. Also versucht sie, die Bewegungen nachzumachen. Die Technik. Und tatsächlich scheint es zunächst zu funktionieren – wenigstens eine Zeit lang. Aber weil sie keine Musik hört, wirken ihre Bewegungen steif, zögerlich und verkrampft. Sie scheint keinen wirklichen Freude am Tanzen zu haben wie die erste Tänzerin. Schon bald ist sie erschöpft, während die erste noch immer voller Energie weiter tanzt.
Was, wenn ein großer Teil unserer gut gemeinten Jüngerschulung in Wirklichkeit die Menschen dazu bringt, diese zweite Tänzerin zu sein? Wir sagen ihnen, sie sollen all die richtigen Bewegungen nachahmen – lies deine Bibel, bete, geh in die Gemeinde, liebe andere, verkünde das Evangelium –, tun aber vergleichsweise wenig, um ihnen zu helfen, die wunderschöne Musik zu hören, die all das antreiben muss: die Freude an Christus.
Jüngerschaft bedeutet, beherrscht zu werden
Wie würde es aussehen, wenn unser Jüngerschaft weniger das Lehren von Techniken wäre und mehr das „Lauterdrehen der Musik“? Was wäre, wenn es weniger darum ginge, etwas zu beherrschen, und mehr darum, selbst beherrscht zu werden? Wenn unser Fokus darauf läge, angehende Jünger durch die „Musik“ von Gottes überragender Liebe zu uns in Christus zu fesseln und zu begeistern?
Natürlich soll all dies keineswegs andeuten, dass das christliche Leben kein tatsächliches „Tun” beinhaltet. Ein Autor vergleicht das christliche Leben treffend mit dem Segeln – und beim Segeln gibt es eine Menge zu tun. Man kommt ins Schwitzen. Man muss aufmerksam bleiben. Man kann sich nicht einfach zurücklehnen und nichts tun.
Doch es gibt zwei Dinge, die man auf einem Segelboot nicht kontrollieren kann – und sie machen den entscheidenden Unterschied aus: die Gezeiten und den Wind.
Warum besteht dann so viel von unserer Jüngerschaft darin, Menschen in ein Boot zu setzen und ihnen zu sagen, sie sollen es in Bewegung bringen, indem sie in das Segel pusten? Es sollte uns nicht wundern, wenn viele angehende Nachfolger Christi aufgeben, ausbrennen oder niemals aus den seichten Gewässern herauskommen.
Die Musik des Evangeliums
Ich bin nun seit 26 Jahren Christ. Das große Abenteuer begann an Ostern 1992, am Ende meines zweiten Semesters an der Universität. Und ich muss sagen, ich blicke auf dieses erste Jahr als eines der fruchtbarsten meines christlichen Lebens zurück. Die Leidenschaft für Evangelisation. Die Begeisterung, mit der ich meine Bibel aufschlug. Die Freude, mit der ich betete. Die Erwartung, mit der ich in die Gemeinde kam.
Dieses erste Jahr, als Christus noch neu für mich war, war wie das erste Mal, als ich mein absolutes Lieblingsmusikstück hörte. Vielleicht erinnerst du dich daran, als du deines zum ersten Mal gehört hast – wie hingerissen du davon warst, wie du es immer wieder abgespielt und endlos gehört hast. Du hast deinen Freunden gesagt: „Das musst du dir anhören – ehrlich, es ist unglaublich!“
So war mein christliches Leben in diesem ersten Jahr – sprudelnd, überfließend.
Und darf ich ehrlich sein? Ich bin mir nicht sicher, ob es seither jemals ganz so gewesen ist. Ich vermute, das liegt zum Teil daran, dass wir im Lauf unseres christlichen Lebens oft aufhören, der Musik zuzuhören, die uns zuerst bewegt hat – und anfangen, im Stillen zu tanzen.
Wir beginnen, uns auf die Bewegungen zu konzentrieren, die wir als Jünger ausführen sollen – die „stille Zeit“, die Gebetstreffen, das Bibelstudium, die Evangelisation und so weiter. Noch einmal: Ich möchte betonen, dass all dies wunderbare und passende Dinge sind, die ein Nachfolger Jesu tun sollte. Aber ohne die Musik des Evangeliums, die all das antreibt, werden sie hohl – bloße Technik und Fassade, die Bewegungen einer Tänzerin, jedoch ohne Freude, ohne Energie und ohne Anmut.
Eine größere Herausforderung
Es ist viel darüber geschrieben worden, wie die zunehmende Säkularisierung eine Bedrohung für christliche Jünger darstellt – und das ist zweifellos wahr. Aber könnte es nicht auch sein, dass es – aufgrund der Art und Weise, wie wir andere und uns selbst in der Jüngerschaft anleiten – eine ebenso große Gefahr innerhalb der Kirche gibt?
Als Paulus an die jungen Jünger in Philippi schrieb, um sie inmitten einer Kultur zu stärken, die ihnen offen entgegenstand, legte er ihnen keine To-do-Liste zur Jüngerschaft vor. Stattdessen füllte er den Brief mit der wiederholten Aussage einer herrlichen Wahrheit: dem überragenden Wert Christi. Er wusste genau, dass jedes echte christliche „Tun“ aus dieser Musik fließt. Ja, er sagt ihnen, sie sollen „ihre eigene Errettung bewirken“ (Philipper 2:12) – doch im nächsten Vers erinnert er sie sofort daran, dass die Kraft dazu nicht aus ihnen selbst kommt, sondern von Gott, der in ihnen wirkt, „sowohl das Wollen als auch das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen“ (Philipper 2:13).
Wenn wir Jünger für Christus gewinnen, lasst uns alles daransetzen, die Musik des Evangeliums lauter zu drehen. Lasst uns unsere erste Liebe wiedergewinnen – und uns daran erinnern, wie man tanzt.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt von Lynn Wiebe.
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