Die Passage in „Der Herr der Ringe“, die Tolkien nicht lesen konnte, ohne zu weinen

Peter Kreeft hat ein neues Buch veröffentlicht – eine Aussage, die beinahe zu jeder Jahreszeit zutrifft. Kurz vor seinem 90. Geburtstag bleibt er einer der produktivsten christlichen Autoren unserer Zeit und steht damit in einer Reihe mit der beeindruckenden Schaffenskraft eines G. K. Chesterton und anderer Größen.

Sein neuestes Werk widmet sich dem, was er die zwei größten Romane nennt, die je geschrieben wurden: Der Herr der Ringe von J. R. R. Tolkien und Die Brüder Karamasov von Fyodor Dostoevsky.

Als langjähriger Bewunderer beider Werke (Dostojewskis Meisterwerk habe ich im vergangenen Jahr zum – soweit ich mich erinnere – sechsten Mal gelesen) kann ich seiner Auswahl kaum widersprechen. Umso gespannter war ich, welche neuen Einsichten er aus diesen Romanen gewinnen würde – aus zwei Büchern, die auch dann noch von Weisheit überfließen, wenn die Popularität der meisten anderen längst verblasst ist.


Gewöhnliche Hoffnung vs. tiefe Hoffnung

Ein Kapitel lohnt es besonders, länger zu bedenken. Kreeft reflektiert über das Wesen der Hoffnung und unterscheidet zwischen gewöhnlicher Hoffnung und dem, was er „tiefe Hoffnung“ nennt.

Gewöhnliche Hoffnung gründet sich häufig auf Berechnung. Sie ist gewissermaßen eine Wette auf gute Chancen – die Hoffnung, die aufkommt, solange Erfolg noch möglich ist, wie unwahrscheinlich er auch erscheinen mag.

Tiefe Hoffnung hingegen ist anders. Sie entsteht dort, wo gewöhnliche Hoffnung gestorben ist. Hoffnung wider alle Hoffnung. Jene Art von Hoffnung, von der Chesterton sagte, sie existiere „nur im Erdbeben und in der Sonnenfinsternis“. Es ist eine Zuversicht, die nicht in Statistiken oder Umständen verankert ist, sondern in der Grundordnung der Wirklichkeit selbst – in der Überzeugung, dass das Leben letztlich über den Tod siegen wird und dass es gut und richtig ist, das Gute zu begehren und zu wollen.

Gewöhnliche Hoffnung kommt und geht – je nach Umständen oder Einschätzung der Wahrscheinlichkeiten. Doch tiefe Hoffnung ist gewichtig, so gewichtig, dass sie das Herz leicht machen kann.


Ein Stern, der die Dunkelheit durchbohrt

Um diese Art von Hoffnung zu veranschaulichen, wendet sich Kreeft einer eindrücklichen Szene aus Der Herr der Ringe zu. Frodo Beutlin und Samweis Gamdschie befinden sich tief in Mordor und nähern sich dem Herzen des Bösen. Der letzte Rest gewöhnlicher Hoffnung ist verschwunden. Frodo schläft. Sam hält Wache. Und in diesem Moment äußerster Verzweiflung fällt Sams Blick auf etwas.

Zwischen den aufziehenden Wolken über einem dunklen Berggipfel sieht er einen weißen Stern aufleuchten. Seine Schönheit trifft ihn ins Herz. Während er aus dem verlassenen Land aufblickt, kehrt die Hoffnung zu ihm zurück. Wie ein klarer, kalter Pfeil durchdringt ihn der Gedanke: Am Ende ist der Schatten nur eine kleine und vorübergehende Sache – jenseits seiner Reichweite gibt es Licht und erhabene Schönheit für immer.

Kreeft berichtet, Tolkien habe gesagt, er könne diese Szene nicht lesen, ohne zu weinen.

Was macht diesen Moment so kraftvoll? Es ist das plötzliche Erwachen tiefer Hoffnung – einer Hoffnung, die weder im Selbst noch im Zufall oder in Wahrscheinlichkeiten gründet, sondern im Metaphysischen. In einem kosmischen, objektiven Fundament, das allem zugrunde liegt. Ein guter und lebendiger Gott ist da.

Kreeft formuliert es so: Die Tränen, die wir beim Lesen solcher Passagen vergießen, kommen von einem menschlichen (oder hobbitischen) Herzen, das die übernatürliche Größe und das Gewicht seiner Hoffnung nicht fassen kann – wie eine Wolke, die ihren Regen nicht halten kann.

Auch Timothy Keller liebte diese Szene. Er schätzte Tolkiens Gegenüberstellung von Trotz (als Sam noch auf sich selbst blickte) und Hoffnung, als sein Mut daraus erwuchs, dass er von sich weg und hinauf zum Himmel sah. Tiefe Hoffnung ließ Sam in einen „tiefen, ungestörten Schlaf“ fallen.

Wenn die Lage aussichtslos erscheint, sagt uns die Welt, wir sollen in unser Herz schauen, unseren Mut zusammennehmen, unsere Ängste verbannen. Doch christliche Hoffnung ist anders. Sie kommt von außerhalb unserer selbst. Sie ist eine Freude, die der Furcht ihren rechten Platz zuweist und verhindert, dass sie alles beherrscht.


Wenn der Schatten klein und vorübergehend ist

Als bei Keller Krebs diagnostiziert wurde, musste er sich einer riskanten Operation unterziehen. Und doch erlebte er in einem Moment voller Gefahr und Furcht etwas, das bemerkenswert an Sams Erlebnis in Mordor erinnert.

In Hope in Times of Fear schrieb er:

Kurz bevor man mir das Narkosemittel gab, betete ich. Zu meiner Überraschung bekam ich plötzlich eine klare neue Perspektive auf alles. Mir schien, das Universum sei ein gewaltiger Raum voller Freude, Fröhlichkeit und erhabener Schönheit. Natürlich war es das – hatte der dreieinige Gott es nicht dazu geschaffen, erfüllt zu sein von seiner grenzenlosen Freude, Weisheit, Liebe und Wonne? Und innerhalb dieser großen Sphäre der Herrlichkeit gab es nur einen kleinen dunklen Fleck – unsere Welt –, in der es vorübergehend Schmerz und Leid gab. Doch es war nur ein Fleck, und bald würde er verblassen, und alles würde Licht sein. Und ich dachte: „Es spielt eigentlich keine Rolle, wie die Operation ausgeht. Alles wird gut sein. Ich – meine Frau, meine Kinder, meine Gemeinde – wir alle werden gut sein.“ Mit einem hellen Frieden im Herzen schlief ich ein.

Wenn die Dunkelheit hereinbricht, brauchen wir mehr als Optimismus. Wir brauchen mehr als Trotz. Was wir brauchen – was Tolkien sah, woran Keller sich klammerte und worüber Kreeft schreibt – ist tiefe Hoffnung.

Hoffnung bleibt nicht bestehen, weil die Chancen gut stehen, sondern weil der Geschichtenerzähler gut ist.

Am Ende werden Licht und erhabene Schönheit den Schatten überdauern. Und selbst der kleinste Schimmer dieses Lichts – gesehen von einem Hobbit in Mordor oder von einem Pastor in einem Krankenhausbett – kann uns vor Freude weinen lassen.


Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzt von John Schröder. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von The Gospel Coalition.

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