Was es bedeutet, in Christus zu sein
Die Sakramente stehen – ähnlich wie Fragen der persönlichen Identität – oft im Zentrum von Diskussionen und Missverständnissen. Zahlreiche Katechismen stellen die Frage: „Was ist ein Sakrament?“ – eine Frage, die einige Christen zu intensiven theologischen und seelsorgerlichen Auseinandersetzungen führt, während andere davor zurückschrecken, aus Angst, als unwissend zu erscheinen oder womöglich diejenigen zu verletzen, die eine andere Auffassung vertreten. Wieder andere interpretieren diese uralten Handlungen rein individuell, ohne zu berücksichtigen, wie Christen vergangener Generationen sie verstanden und praktiziert haben.
Wenn wir den Zusammenhang zwischen den Sakramenten und der christlichen Identität klar erkennen wollen, müssen wir zunächst verstehen, was die Sakramente überhaupt sind. Bevor wir im Einzelnen betrachten können, was die Sakramente uns über unsere Identität in Christus lehren, müssen wir verstehen, wie sie überhaupt lehren – ja, wie sie uns formen.
Die Sakramente sind Quellen göttlicher Offenbarung – nicht anstelle der Schrift oder über ihr stehend, sondern ihr zur Seite. Sie sind Mittel, durch die Gott seinen Kindern seine Liebe und Güte mitteilt. Werfen wir nun einen genaueren Blick auf einige weitere, damit verbundene Merkmale der Sakramente. Eigenschaften, die uns helfen, besser zu verstehen, wie Taufe und Abendmahl verkündigen, was es heißt, in Christus zu sein, und wie sie uns zu Menschen formen, die ihm ähnlicher werden.
Ich bete darum, dass wir tiefer erkennen, wie wichtig es ist, von der historischen Kirche zu lernen. Der christliche Glaube ist etwas, das empfangen und weitergegeben wird – eine überlieferte Wahrheit, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Das bedeutet: Man kommt nicht losgelöst von anderen zum Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn.
Allein diese Feststellung hat weitreichende Konsequenzen für unser Verständnis christlicher Identität – sowohl in Bezug darauf, was es heißt, in Christus zu sein, als auch in Bezug auf die Bedeutung der Einheit mit ihm für unser persönliches Dasein. Wir existieren nicht – und können auch nicht – als autonome Wesen, die unabhängig für sich selbst festlegen, was wahr ist – weder in Bezug auf Gott und seine Schöpfung noch in Bezug auf uns selbst als Individuen.
Wahrheit zu erkennen – in welchem Bereich auch immer – erfordert eine Verbindung zu anderen und den gegenseitigen Austausch. Wir müssen mit anderen verbunden sein und von ihnen empfangen. Das gilt etwa für das Erlernen einer Sprache oder das Verständnis mathematischer Zusammenhänge – und in noch viel tieferem Sinne auch für den Glauben an Christus und das Hineinwachsen in die Reife in ihm.
Der christliche Glaube wurde „ein für alle Mal den Heiligen überliefert“ (Jud 3), und die Gemeinde – mit allen ihren Gliedern – ist gegründet auf dem Fundament der Apostel und Propheten, wobei Christus selbst der Eckstein ist (Eph 2:20).
Die Sakramente bekräftigen die Wahrheit, dass wir zu einer Gemeinschaft gehören – zu Christus und seinem Leib. Um ein weiteres biblisches Bild zu gebrauchen: Wir sind Zweige, die nicht nur mit dem Weinstock verbunden sind, sondern auch mit anderen Zweigen, die aus unserem Herrn hervorgehen. In der Sprache der Sakramente ausgedrückt: Wir sind in Christus hineingetauft (bzw. hineingetaucht) und haben durch unsere Einheit mit dem Sohn Gemeinschaft mit dem dreieinen Gott – und miteinander.
Die Sakramente sind zudem Riten, die der katholischen – also der weltweiten – Kirche eigen sind. Sie sind Ausdruck dessen, was die Kirche im Wesen ausmacht: was sie glaubt, wie sie lebt und handelt.
All diese Wahrheiten zusammengenommen sollten uns dazu führen, anzuerkennen: Wenn wir tiefer verstehen wollen, wer wir sind – und wenn dieses Verstehen nur möglich ist im Licht des „Wir“, zu dem wir gehören –, dann ist es weise, auf die Stimmen der Christen vergangener Generationen zu hören, auch in Bezug auf die Bedeutung der Sakramente.
Die Sakramente bekräftigen die Wahrheit, dass wir zu einer Gemeinschaft gehören – zu Christus und seinem Leib.
Es mag auf den ersten Blick nicht so erscheinen, als hätten die Sakramente – insbesondere so, wie sie von Christen vergangener Generationen verstanden wurden – heute noch viel zur Frage der christlichen Identität zu sagen. Doch diese Annahme sagt mehr über uns moderne Menschen aus als über die Sakramente selbst.
Ein Grund, warum viele von uns nicht erkennen, dass die Sakramente bei Fragen der Identität eine legitime Rolle spielen können, liegt darin, dass wir oft nicht verstehen, wie tiefgehend sowohl unsere persönlichen als auch unsere gemeinschaftlichen Praktiken uns prägen und offenbaren, wer wir sind – und was uns im Innersten wichtig ist.1
Ein weiterer Grund ist, dass wir – zumindest teilweise – durch den Pragmatismus der modernen säkularen Kultur geprägt wurden. Diese ist stark auf die Nöte der Menschheit, politische Fragen, individuelle Bedürfnisse und zahllose andere Probleme fixiert, die gelöst werden müssen. Viele von uns haben daher eine anthropozentrische Sicht auf das Leben übernommen, die davon ausgeht, dass die Herausforderungen des Lebens durch Programme und Organisationen – seien sie politischer, religiöser oder anderer Art – und heute besonders durch Technologie bewältigt werden können.2
Diese Denkweise hat unsere Vorstellung von Wesen und Auftrag der Gemeinde, von gemeinsamer Anbetung und persönlicher Frömmigkeit so stark beeinflusst, dass viele von uns Religion instinktiv als etwas begreifen, das sich in erster Linie um uns selbst dreht: was wir daraus ziehen können oder wie unser Leben dadurch bereichert wird. Und so unterstellen viele ganz selbstverständlich, dass die Sakramente in erster Linie menschliche Handlungen seien – und ironischerweise solche, die wenig bis keine Kraft haben, uns wirklich zu formen.
Natürlich dürfen wir die menschliche Beteiligung an der Feier der Sakramente keineswegs gering schätzen oder vernachlässigen – schließlich hat Christus selbst uns geboten, uns taufen zu lassen und zu essen und zu trinken zu seinem Gedächtnis. Und er hat die Sakramente zu unserem Nutzen eingesetzt.
Doch viele von uns müssen heute neu lernen – oder entschiedener festhalten –, was die historische Kirche überliefert hat: dass die Sakramente in erster Linie göttliche Gaben sind. Wie bereits angedeutet, sind sie Gnadenmittel und gleichzeitig sichtbare Worte des Evangeliums, durch die Gott seinem Volk durch seinen Geist seine Güte in Christus mitteilt.
In Taufe und Abendmahl erfahren wir das Evangelium auf eine ganzheitliche, sinnlich erfahrbare Weise. Dadurch wird unser Glaube an Christus – den eigentlichen Inhalt und Mittelpunkt der Sakramente – gestärkt, ja, unsere Verbindung zu ihm vertieft.
Nur wenn wir die Sakramente im Licht des Verständnisses der historischen Kirche – also des Wir, zu dem wir als einzelne Glieder gehören – betrachten, können wir erfassen, was sie uns über unsere Identität in Christus lehren. Und nur dann begreifen wir, was sie für unser persönliches Selbstverständnis, unseren Lebenssinn und unsere Berufung bedeuten.3
Fußnoten:
- Zur prägenden Kraft von Gewohnheiten in Bezug auf Identität und geistliche Formung vgl. Dru Johnson, Human Rites: The Power of Rituals, Habits, and Sacraments (Grand Rapids, MI: Eerdmans, 2019). ↩︎
- Siehe James B. Torrance, Worship, Community and the Triune God of Grace (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1996), S. 70. ↩︎
- Ich hege keinerlei Illusion, dass Christen im Laufe der Kirchengeschichte ein einheitliches Verständnis der Sakramente gehabt hätten. In dieser Frage gab und gibt es – auch unter Protestanten – teils erhebliche Meinungsverschiedenheiten. Dennoch gibt es einen gewissen Grundkonsens, den ich in diesem Kapitel zur Geltung bringen möchte. Mein Anliegen ist es, das aufzuzeigen, worin sich evangelische Christen im Allgemeinen einig sind. So bestätigen die maßgeblichen protestantischen Bekenntnisschriften übereinstimmend, dass die Sakramente Zeichen oder Zusagen (Unterpfänder) sind – auch wenn diese Merkmale unterschiedlich gedeutet werden. In spezifischen Fragen vertrete ich eine stärker reformierte Perspektive, die für mich sowohl biblisch als auch theologisch am überzeugendsten ist. ↩︎
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Crossway. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
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