Die Tränen des Königs. Oder: Das Leiden an der Zeit

Die Tränen des Königs

„Als das Heer Abydos1 erreicht hatte, wollte Xerxes eine Truppenschau abhalten. Vorher war schon auf einer Anhöhe ein Thron aus weißem Marmor für ihn hergerichtet worden […]. Der ganze Hellespont war mit Schiffen bedeckt, und die ganze Küste und das Flachland von Abydos war voller Menschen. Xerxes pries sich glücklich, dann weinte er.

Artabanos, des Königs Oheim, […] fragte: >>Mein König! Wie ist doch so verschieden, was du jetzt tust und was du eben noch getan hast. Du hast dich glücklich gepriesen, und jetzt weinst du.<<

Xerxes antwortete: >>Mich überkommt das Mitleid, wenn ich denke, wie kurz das menschliche Leben ist. Von allen diesen Menschen wird nach hundert Jahren keiner mehr leben.<<“2

Diese Begebenheit berichtet uns der griechische Geschichtsschreiber Herodot über den persischen Großkönig Xerxes I., der sich 480 v.Chr. auf seinem Feldzug gegen die Griechen befand. Laut Herodot führte Xerxes über zwei Millionen Soldaten mit sich.3 Das dürfte sicherlich übertrieben sein, dennoch war das Heer des Xerxes gewaltig. Bei der Stadt Abydos an der Meerenge des Hellesponts (heutige Türkei) betrachtete er sein Heer und freute sich an ihnen. Doch direkt danach soll er laut Herodot angefangen haben, Tränen zu vergießen. Der Grund: Die Kürze des menschlichen Lebens und – so könnte man interpretieren – die Einsicht, dass sich die momentane Stärke seines Heeres in ein paar Generationen in Luft aufgelöst hat.

Die Erkenntnis, dass die menschliche Existenz endlich ist und der damit verbundene Schmerz sind aber an sich nichts Verwerfliches, im Gegenteil. So sagt schon der Psalmist:

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Psalm 90:12

Keine Klugheit, sondern große Dummheit attestierte der griechische Philosoph Empedokles, der in Agrigent auf Sizilien lebte, seinen Mitmenschen in Bezug auf ihre Lebensweise angesichts eines endlichen Daseins:

„Die Akragantiner überlassen sich den Vergnügungen, als müßten sie morgen sterben, und bauen sich Häuser, als würden sie ewig leben.“4

Die Kritik an den Einwohnern von Agrigent richtet sich gegen den Materialismus und die Denkweise, dass sie alles aus ihrem diesseitigen Leben herausholen müssen, was möglich ist. Dieses Verhalten spiegelt auf der einen Seite den Wunsch nach Freude und Vergnügen wider, die allerdings kurzfristig sind und immer neu „konsumiert“ werden müssen. Auf der anderen Seite verdeutlicht es den Wunsch nach Stabilität, nach etwas, das langfristig nicht vergeht. Die Tatsache, dass der Mensch sterblich ist und sich dessen bewusst ist, sorgt dafür, dass er an der Zeit leidet.

Das Leiden an der Zeit  

Der katholische Philosoph Sebastian Ostritsch hat sich mit den Konzepten von Zeit und Ewigkeit beschäftigt.5 Er arbeitet heraus, dass es drei Aspekte unserer Zeitwahrnehmung gibt. Erstens nehmen wir die Zeit vergehend bzw. fließend wahr, da sich zeitliche Dinge verändern, entstehen oder vergehen. Zweitens gibt es drei Modi der Zeit, nämlich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Allerdings ist für uns nur die Gegenwart wirklich, die Vergangenheit liegt schon hinter uns und die Zukunft vor uns. Drittens bewegt sich die Zeit nicht aufhaltbar geschweige denn umkehrbar in Richtung Zukunft. Aus diesen Aspekten folgt das Leiden des Menschen an der Zeit:

„Die Herrschaft der Zeit hält also ein dreifaches Leiden für uns bereit. Die Vergangenheit ist unserem Wollen und Handeln verschlossen, die Gegenwart zerrinnt uns zwischen den Fingern und die Zukunft hält für uns alle den Tod bereit.“6

Aus dieser für den Menschen ernüchternden Feststellung resultiert der Wunsch nach etwas Zeitlosem:

„Das Leiden unter der Herrschaft der Zeit bedingt eine Sehnsucht nach einem Ausstieg aus der Zeit und ihren Zwängen, eine Sehnsucht nach einer Negation der Zeit. Dieser Negation der Zeit lässt sich programmatisch der Name „Ewigkeit“ verleihen […].“7

Im Folgenden stellt Ostritsch vier Konzepte von Ewigkeit vor und fragt danach, ob diese das Leiden an der Zeit mindern bzw. ganz hinwegnehmen können.8

Ewigkeit

Durative Ewigkeit ist das erste dieser vier Modelle. Diese meint eine unendliche Dauer in Bezug auf unsere irdische Existenz. Die Zeit ist also nicht aufgehoben. Und wenn etwas einmal da ist, existiert es ab dem Beginn seines Daseins zu jedem weiteren möglichen Zeitpunkt. Das Manko einer solchen Ewigkeitskonzeption ist aber, dass sie nicht das Problem der für uns verschlossenen Vergangenheit löst. Einmal begangene, nicht wiedergutzumachende Fehler bleiben bestehen. Außerdem ist die Frage berechtigt, ob eine zeitlich ewige Existenz nicht irgendwann zu einer existenziellen Langeweile führen muss, da – zumindest theoretisch – jegliche Wünsche befriedigt werden können.

Mathematische Ewigkeit bezieht sich auf zeitlos-ewige Entitäten, also vor allem auf mathematische Objekte bzw. Sachverhalte wie den Begriff der „Zahl“. Jede Zahl hat ihren Wert unabhängig von der vergangenen Zeit, sie ist in ihrem Wesen sogar zeitlos. Zusätzlich können aber auch metaphysische Wahrheiten wie „aus dem Nichts entsteht nichts“ mathematische Ewigkeit beanspruchen. Dieses Konzept vermag aber das Leiden an der Zeit nicht zu heilen. Wenn man geistig an der mathematischen Ewigkeit partizipiert, hebt dies ja nicht die Todesgewissheit auf. Und selbst wenn die eigene Existenz eine mathematisch-ewige wäre, wäre sie abstrakt und leblos, da sie nicht an unsere Zeit zurückgebunden wäre.

Metaphysische Ewigkeit stammt ursprünglich von Platon und meint Zeitlosigkeit. Diese Ewigkeit ist eine geistige, göttliche Lebensaktivität, die frei von jeder Zeitbestimmung ist, sich also nicht verändert. Sie ist das Urbild unserer Zeit, die wiederum ein Abbild der Ewigkeit ist, also von ihr her gedacht werden muss. Die menschliche Seele ist die vermittelnde Instanz zwischen zeitlichem und ewigem; ihre Aufgabe ist es, innerhalb der Zeitlichkeit an der Ewigkeit teilzuhaben. Aber selbst wenn die Seele an dieser Form von Ewigkeit teilhaben und währenddessen der Zeitlichkeit entfliehen könnte, wäre dieser Augenblick selbst nicht von unendlicher Dauer, sondern auch nur flüchtig.

Modale Ewigkeit bezeichnet das Zusammenfallen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Was normalerweise zeitlich aufeinanderfolgt, ist nun eins. An den Philosophen Heidegger anschließend kann man das Ineinandergehen der unterschiedlichen Zeitlichkeiten so zusammenfassen:

„Die Gewesenheit (Vergangenheit, M.K.) ist keine für immer verlorene Vergangenheit, sondern ein immer wieder neues, tätiges Auf-sich Zurückkommen; die Gegenwart ist kein fliehendes Jetzt, sondern ein augenblickliches Auf- und Erschließen der Welt; die Zukunft schließlich ist zwar unauflöslich mit dem Tod verknüpft, dieser aber ist nicht das einmalige Ereignis unseres Ablebens, sondern ein bereits zu Lebzeiten eingenommenes Verhältnis zu unserem eigenen Ende.“9

So kann sich die modale Ewigkeit zum Beispiel in einem der ästhetischen Erfahrung verpflichtenden, verweilenden Anschauen verwirklichen.10 Dieses hätte analog zur metaphysischen Ewigkeit ein zeitlich begrenztes Lindern des Leidens an der Zeit, aber aufgehoben wäre es nicht.

Die christliche, auf die Zukunft ausgerichtete Ewigkeit mit ihrer „diesseitigen Vorwegnahme eines jenseitigen ewigen Lebens“11 entspricht auch dieser Ewigkeitskonzeption:

„Das den Christen verheißene ewige Leben ist keine unendliche Fortsetzung der sukzessiven Zeit, sondern […] gerade ihr Ende und ihre Transformation in das, was an ihrem Grund zugleich als ihr Wesen und ihr Anderes wirkt, nämlich Ewigkeit.“12

In einer unendlichen Zeitlichkeit fallen somit die drei Zeitmodi Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen und werden eins. Da diese Konzeption eines ewigen Lebens die Anteilnahme am göttlichen Leben selbst beinhaltet, kann man modale und metaphysische Ewigkeit gleichsetzen – wobei bei der christlichen Vorstellung natürlich nicht eine nur geistige Anteilnahme gemeint ist.

Durch den Kreuzestod Jesu, seine Auferstehung und die Hoffnung auf die Auferstehung entsteht für den Christen eine Spannung zwischen der in Teilen schon realen, aber noch nicht vollkommen erfahrenen Ewigkeit. Nur die christliche Auferstehungshoffnung ist in der Lage dazu, das Leiden an der Zeit zu heilen:

„Diese Ewigkeit kann unter besonderen Umständen von zeitlichen Wesen, wie wir sie sind, bereits im Diesseits – wenn auch nur unvollkommen – erfahren werden. Die letztgültige Überwindung des Leidens an der Zeit ist aber nur möglich, wenn sich die christliche Hoffnung auf ein zukünftiges ewiges Leben als gerechtfertigt bewahrheiten sollte.“13

Wie man auch immer zu den philosophischen Überlegungen steht – Ostritsch betont, dass man die Fragen nach dem Wie der Aufhebung des irdischen Leidens an der Zeit philosophisch nicht lösen kann -, die Zusage Jesu steht fest:

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, ⟨der⟩ hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist aus dem Tod in das Leben übergegangen.“ Johannes 5:24


  1. Eine Stadt an der Meerenge des Hellesponts in der heutigen Türkei. ↩︎
  2. Herodot, Historien, VII, 44-46. ↩︎
  3. Vgl. ebd., VII, 184. ↩︎
  4. Diogenes Laertius: Von den Leben und den Meinungen berühmter Philosophen, VII, 2, §7. ↩︎
  5. Vgl. Ostritsch, Sebastian: Ewigkeit und das Leiden an der Zeit. Neunkirchen-Seelscheid 2024. Offensichtlich ist die Überschrift dieses Artikels an seinen Buchtitel angelehnt. ↩︎
  6. Ebd., S.14. ↩︎
  7. Ebd., S.15. ↩︎
  8. Im Folgenden werden die Konzepte nur oberflächlich und in ausgewählten Facetten dargestellt. Wer in tiefgehende, komplexe philosophische Fragestellungen einsteigen will, dem sei Ostritschs Buch empfohlen. Hier diskutiert er jeweils Argumente für die Plausibilität der Konzepte und ob diese das menschliche Leiden an der Zeit lindern können. ↩︎
  9. Vgl. ebd., S.204. ↩︎
  10. Als Beispiel nennt Ostritsch das Ansehen des Gemäldes Dienstmagd mit Milchkrug (1658-1660) von Jan Vermeers. Darauf ist eine Dienstmagd zu sehen, die gerade einen Krug Milch in eine Schüssel gießt. Ihre Tätigkeit hört auf dem Gemälde niemals auf, dennoch betrachten wir sie als vollkommen, so als hätte sie ihre Aufgabe schon beendet. Die Gestaltung des Gemäldes sorgt mit dafür, dass die Tätigkeit des Umfüllens Vollendung genug ist. Vgl. Ostritsch, S.216f. ↩︎
  11. Ebd., S.215. ↩︎
  12. Ebd., S.230. ↩︎
  13. Ebd., S.238. ↩︎
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