Zusammenfassung: Mike McKinley ermutigt Pastoren und alle Christen, sich an die geistliche Disziplin der Selbstprüfung zu erinnern, da selbst die Menschen, die uns am nächsten stehen, den Zustand unseres Herzens nicht sehen können. McKinley hebt drei Aspekte des puritanischen Ansatzes zur Selbstprüfung hervor: Erstens muss sie von der Schrift geleitet sein; zweitens sollte sie sowohl nach Gnadenwirkungen als auch nach Sünden suchen; und drittens sollte sie ein wesentlicher Bestandteil der Verkündigung von Gottes Wort sein.
Denke einen Moment über dein äußeres Erscheinungsbild nach. Wie sitzen heute deine Haare? Haben sich die Pilatesstunden ausgezahlt? Hast du daran gedacht, alle Etiketten von dem neuen Hemd zu entfernen, das du trägst? Ist etwas zwischen deinen Zähnen hängen geblieben? Diese Fragen sind schwer zu beantworten, weil wir die meiste Zeit den größten Teil unseres Körpers nicht sehen können und daher oft die Einschätzung einer vertrauten Person brauchen. Aber selbst dann wissen wir alle, dass die Rückmeldung eines Freundes nur begrenzt hilfreich sein kann. Vielleicht hat er nicht genau hingesehen, oder er ist farbenblind, oder er hat einfach das gesagt, was wir hören wollten, um unsere Gefühle nicht zu verletzen. Deshalb gibt es Spiegel, damit wir uns selbst betrachten und gegebenenfalls Korrekturen vornehmen können.
Die Schrift beschreibt die Menschheit als ein Geschlecht, das unter der Herrschaft von Sünde und Tod steht (Röm. 5:12–14) und dessen Herz trügerisch ist (Jer. 17:9). Wie bei unserem äußeren Erscheinungsbild ist es auch mit unserem geistlichen Zustand: oft haben wir kein zutreffendes Bild von uns selbst. Das bedeutet, dass Wachstum in der Frömmigkeit auch Rückmeldung von außerhalb erfordert. So wie ein guter Freund uns sagt, dass diese neue Frisur uns eigentlich nicht steht, können andere Menschen in unserem Leben oft Dinge an uns erkennen, die wir selbst nicht wahrnehmen. Deshalb ermutigt die Bibel diejenigen, die nach Weisheit streben, dazu, Rückmeldung und sogar Zurechtweisung von anderen anzunehmen (z. B. Spr. 13:18; 27:6).
Doch selbst unsere engsten Freunde und aufmerksamsten Beobachter können nur begrenzt etwas über uns wissen, sodass unser Selbstverständnis nicht vollständig von den Perspektiven anderer abhängen kann. Schließlich wissen andere nur das, was wir ihnen mitteilen und was sie öffentlich an uns sehen; sie haben keinen Zugang (es sei denn, wir gewähren ihn) zu manchen unschönen Dingen, die tief in unserem Inneren vor sich gehen, unserem Zorn, unseren Ängsten, Zweifeln und Versuchungen. Sie können nicht sehen, auf welche Weise wir (oft unbewusst) unser inneres Leben so geordnet haben, dass es Einstellungen und Verhaltensweisen Raum gibt, die wir weder anerkennen noch verändern möchten.
Es ist daher nicht überraschend, dass die Bibel nicht nur dazu ermutigt, Rückmeldungen von anderen in der Gemeinde einzuholen, sondern auch die Praxis der Selbstprüfung betont. Gläubige werden aufgefordert, ihr Herz „mit aller Wachsamkeit“ zu bewahren (Spr. 4:23), was zumindest sorgfältige Aufmerksamkeit für das erfordert, was in ihnen vorgeht. Paulus sagte Timotheus, dass Treue voraussetzt, „gut auf sich selbst Acht zu haben“ (1. Tim. 4:16), und er ermahnte die Ältesten in Ephesus, „auf sich selbst Acht zu geben“ ebenso wie auf die Herde (Apg. 20:28). Im Licht dieser Aufforderungen haben Christen seit jeher die Praxis gepflegt, intensiv „in den Spiegel zu schauen“, ihr Herz vor Gott anhand der Lehre der Schrift zu prüfen.
1962 beklagte J. I. Packer den Rückgang der Selbstprüfung in der Kirche und schrieb, dass Gläubige seiner Zeit „ständig durch prinzipienloses und verantwortungsloses öffentliches Verhalten zeigen, dass sie diese verborgene Disziplin vernachlässigen“. Ich würde behaupten, dass die Lage heute noch schlechter ist. Wir leben in einer Zeit, die Nachfolger Christi nicht dazu ermutigt, ihren seelischen Zustand sorgfältig zu prüfen. Schließlich erfordert Selbstprüfung geduldige Aufmerksamkeit und die Bereitschaft zu (manchmal) schonungslos ehrlicher Selbstkritik. Unsere Unterhaltungskultur hat uns daran gewöhnt, Praktiken zu meiden, deren größter Nutzen erst durch beständiges Bemühen über längere Zeit entsteht. Unsere Denkweise ist zudem von populärer Psychologie geprägt, sodass wir gegenüber jeder Übung misstrauisch sind, die nahelegt, dass unter der Oberfläche etwas mit uns nicht stimmt. Wir tun uns schwer damit zu glauben, dass schlechte Gewohnheiten, unfreundliche Worte und schlechte Stimmungen, all die Dinge, die wir an uns ändern möchten, nicht nur das Ergebnis äußerer Einflüsse sind, sondern ihre Wurzel in unserem eigenen Herzen haben. Wie Packer feststellte, zeigt sich diese Vernachlässigung der Selbstprüfung in einem Mangel an persönlicher und öffentlicher Heiligkeit.
Lektionen für Pastoren
Wenn Pastoren ihren Gemeinden helfen wollen, eine gesunde Praxis der Selbstprüfung wiederzuentdecken, gibt es kaum bessere Vorbilder als die Puritaner. Sie strebten in ihrem persönlichen geistlichen Leben nach Selbsterkenntnis, und ihre Pastoren versuchten, diese Praxis auch im öffentlichen Dienst zu fördern. John Owen schrieb Folgendes über die Notwendigkeit der Selbstprüfung:
“Viele Menschen leben ihr ganzes Leben lang im Dunkeln über sich selbst; was auch immer sie sonst wissen, sich selbst kennen sie nicht. Sie kennen ihre äußeren Verhältnisse, wie reich sie sind, und den Zustand ihres Körpers in Bezug auf Gesundheit und Krankheit prüfen sie sorgfältig; aber was ihr inneres Wesen betrifft und ihre Haltung gegenüber Gott und der Ewigkeit, wissen sie wenig oder nichts über sich selbst, wie sie es eigentlich sollten, und sie sind mit den Übeln ihres eigenen Herzens nicht so vertraut, wie es nötig wäre. Doch der ganze Verlauf ihres Gehorsams und damit auch ihr ewiger Zustand hängt davon ab. Das ist also unsere Weisheit; und es ist eine notwendige Weisheit, wenn wir Gott gefallen oder ihm aus dem Weg gehen wollen, was seine Herrlichkeit beleidigt.”
Ein Großteil der historischen Erinnerung hat den Puritanern den Ruf gegeben, ständig nach Sünden zu suchen und übermäßig wachsam zu sein, ein Bild, das wahrscheinlich mehr darüber aussagt, wie abgestumpft die Kirche unserer Zeit in Fragen des Gewissens geworden ist. Die puritanische Sensibilität für die Täuschungskraft der Sünde und die Gefahr eines vernachlässigten Gewissens kommt dem, was wir in der Schrift für Gläubige vorgelebt sehen, wahrscheinlich viel näher als die Selbstakzeptanz und das Selbstwertdenken, das in vielen heutigen Gemeinden verbreitet ist.
Vor diesem Hintergrund folgen nun drei Aspekte des puritanischen Ansatzes zur Pflicht der Selbstprüfung, die uns helfen können:
- Selbstprüfung muss von der Schrift geleitet sein
Die Schrift dient als die Schienen, auf denen eine hilfreiche Selbstprüfung verlaufen kann. Unter normalen Umständen ist unser Gewissen eine Gabe Gottes und dient als sein Stellvertreter in der menschlichen Seele. Doch in dieser gefallenen Welt wirkt selbst eine so gute Gabe unter den schwächenden Auswirkungen der Sünde, und daher müssen Gläubige sich vor der Tyrannei eines schlecht ausgerichteten Gewissens hüten. Ein großer Teil der Seelsorge besteht darin, mit Gläubigen zu arbeiten, deren Gewissen entweder zu empfindlich ist (und sie dadurch ständig mit Schuld und Scham plagt) oder nicht empfindlich genug (und dadurch Raum für Verhaltensweisen schafft, die nicht toleriert werden sollten).
Daher war für die Puritaner allein das Wort Gottes die letzte Autorität in allen Dingen. Richard Baxter schrieb:
„Macht nicht euer eigenes Urteil oder Gewissen zu eurem Gesetz oder zum Urheber eurer Pflicht; denn es ist nur der Beurteiler des Gesetzes Gottes und der Pflicht, die er euch auferlegt, sowie eures eigenen Gehorsams oder Ungehorsams ihm gegenüber. Es ist ein gefährlicher Irrtum, der in der Welt zu verbreitet ist, dass ein Mensch alles tun müsse, was sein Gewissen ihm als Willen Gottes sagt; dass jeder Mensch seinem Gewissen gehorchen müsse, als wäre es der Gesetzgeber der Welt; während doch nicht wir selbst, sondern Gott unser Gesetzgeber ist. Und das Gewissen ist …dazu bestimmt…, nur das Gesetz Gottes zu erkennen und uns dazu aufzurufen, es zu befolgen: und ein irrendes Gewissen ist nicht zu befolgen, sondern besser zu unterweisen.“
- Selbstprüfung bedeutet nicht nur, nach Sünde zu suchen
Wenn wir an sorgfältige Selbstprüfung in der puritanischen Tradition denken, stellen wir uns oft vor, dass man Zeit damit verbringt, eigene Einstellungen und Handlungen auf Anzeichen von Sünde oder moralischem Versagen zu untersuchen. Und das ist tatsächlich ein wesentlicher Teil dieser Praxis (weil wir besonders blind für unsere eigenen Fehler sind). Doch es gibt auch Werke der Gnade, die im Leben eines Gläubigen unter der Oberfläche geschehen können. Es ist keineswegs demütig, das Wirken des Heiligen Geistes in uns nicht zu erkennen und ihm nicht die Ehre zu geben, die ihm zusteht. Schließlich geht Paulus’ oft zitierte Aufforderung an die Korinther, sich selbst zu prüfen, ob sie im Glauben stehen (2. Kor. 13:5), davon aus, dass das Ergebnis tatsächlich sein kann, dass sie im Glauben sind. Wie Richard Sibbes uns erinnert: „Wir müssen zwei Augen haben, eines, um die Unvollkommenheiten in uns selbst und anderen zu sehen, und das andere, um zu sehen, was gut ist.“
- Pastoraler Dienst kann und soll zu einer gottgemäßen Selbstprüfung anleiten
Der hohe Stellenwert, den die Puritaner der Selbstprüfung beimessen, führte dazu, dass sie Meister der Anwendung in ihrer Predigt waren. Sie wussten, dass Evangeliumsaussagen, die nur an der Oberfläche des Herzens liegen bleiben, selten gute Frucht bringen, und deshalb war es die Aufgabe des Predigers, die Wahrheit durch Anwendung tief in den Boden der Herzen zu pflanzen. Das ist, wie mir scheint, die große Arbeit der Predigt. Die Botschaft und Grammatik eines Textes zu verstehen, kann einige Zeit in Anspruch nehmen, ist aber normalerweise keine überwältigende Aufgabe. Doch es ist eine große Aufgabe, die Wahrheit eines Textes so zu verkündigen, dass die Hörer sie auf ihr eigenes Herz anwenden, sodass der Text sie als Gottes Rede an sie selbst trifft und sie dazu bringt, ihre Überzeugungen, ihre Liebe und ihr Verhalten im Licht dessen zu prüfen.
Abschließend würde ich Pastoren, die die Disziplin gesunder Selbstprüfung in ihren Gemeinden fördern möchten, zwei Dinge vorschlagen. Das erste wäre, konkrete Anweisungen zur Selbstprüfung als Teil der Predigtanwendung zu geben. Statt einfach zu sagen: „Gottes Volk soll geduldig sein“, könnte man etwas sagen wie:
„Christ, wo bist du ungeduldig? Wie kannst du Gottes Geduld mit dir tiefer erfassen, damit du im Umgang mit anderen geduldiger wirst? Nimm dir diese Woche Zeit, dein Leben im Gebet zu prüfen und bitte den Heiligen Geist, dir zu zeigen, wo du sündhaft ungeduldig warst. Bekenne diese Sünde und bitte den Geist, dich zu verändern. Tue das jeden Tag dieser Woche und achte darauf, was der Herr dir zeigt.“
Das führt zu dem zweiten Punkt, den ein Pastor beachten sollte: Er sollte selbst eine gesunde Selbstprüfung in seinem persönlichen geistlichen Leben praktizieren. Unsere Predigt wird Menschen nicht zu tiefer Selbstprüfung führen, wenn wir selbst in unserem eigenen Herzen nur oberflächlich arbeiten. Packer fasst es mit seiner gewohnten Klarheit zusammen:
„Woher kommt die Fähigkeit, Gottes Wahrheit im Predigen angemessen anzuwenden? Aus der Erfahrung, dass Gott seine Wahrheit mächtig an einem selbst anwendet. In der Regel, so sagten die Puritaner, haben diejenigen, deren eigenes Gewissen durch Gottes Wahrheit tief bewegt wird, die größte Kraft, auch die Gewissen anderer durch kluge und durchdringende Anwendungen zu wecken.“
Dieser Beitrag erschien zuerst bei 9marks. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt von Ronny Käthler.
Mehr Ressourcen von 9marks.
















Schreibe einen Kommentar