Das Verständnis des Begriffs Religion erfuhr in der Neuzeit eine wesentliche Bedeutungsveränderung.1 War er früher noch stark mit einem Anspruch auf die Wahrheit verbunden, relativierte sich dieser Anspruch zunehmend seit dem 17. Jh. Die Begründung dafür ist in den konfessionellen Kriegen der Frühen Neuzeit zu finden (Artikel War der Dreißigjährige Krieg ein Religionskrieg?). Durch konfessionelle Spannungen sahen europäische Gelehrte und Herrscher den allgemeinen Frieden bedroht, sodass der Begriff der Religion nicht mehr wie früher mit dem Anspruch von Wahrheit definiert wurde, sondern vor allem staatsphilosophisch: Eine allgemeine Definition sollte eine übergreifende Etablierung der Konfessionen im Sinne des Friedens garantieren.
Das Verständnis von Religion bis in die Neuzeit
Das bis in die Neuzeit vorherrschende Religionsverständnis kann man mit dem lateinischen Begriff religio umfassen. Bei diesem Wort schwingen auf der einen Seite die Bedeutung von „Bedenken, Gewissenhaftigkeit, Gottesfurcht“ mit, auf der anderen Seite aber auch „Gottesdienst, Kultus, Heiligkeit“. Somit kann erstens festgehalten werden, dass mit diesem Begriff stets der Anspruch von Wahrheit und Legitimität verbunden war. Es gab also richtige und falsche Gottesverehrung. Dieses Denken kann man bei den Reformatoren Ulrich Zwingli, Johannes Calvin und Martin Luther nachweisen. Zweitens wurde mit diesem Begriff diejenige gesellschaftliche Schicht bezeichnet, die nach dem Standesdenken die richtige Verehrung Gottes darstellte.
Wo der Begriff religio herrührt, ist offen. Ob er von relegere („zusammennehmen“), religere („rücksichtlich beachten“), religare („zurückbinden, an etwas befestigen“), von der Wurzel lig- (binden) oder von der Wurzel leg- („sich kümmern um“) stammt, ist ungewiss. Aktuelle Forscher haben die Tendenz, die Wortherkunft als unwichtig zu erachten, da damit immer eine gewisse (eurozentrierte) inhaltliche Tendenz einhergeht, die der Wirklichkeit nicht gerecht werden könnte.
Humanismus
Die inhaltliche Umwertung des Religionsbegriffs in der Neuzeit konnte nur stattfinden, weil sich geistesgeschichtlich in der Renaissancezeit einiges verändert hatte: es bildete sich der Humanismus aus. Der Mensch wurde als besonders ausgezeichnetes Geschöpf und Ebenbild Gottes hervorgehoben, was ihn zu einem neuen Selbstbewusstsein führen sollte. Es galt, die feste, mittelalterliche Gesellschaftsordnung, die jedem einen festen Platz zuwies, zu durchbrechen. Der Mensch sollte diese Ordnung aus eigenem Antrieb verlassen und in Freiheit seine Umgebung gestalten. Die sich in Spekulationen verlierende scholastische Theologie des späten Mittelalters und die Kirche generell sahen sich immer mehr Kritik ausgesetzt.
Die Humanisten betonten die Fähigkeiten des Menschen, die ihm erlauben, in Freiheit seine Welt zu verändern. Die – aus europäischer Perspektive – Entdeckung des amerikanischen Kontinents 1492 schien diese Auffassung zu bestätigen. So beschrieb der italienische Humanist Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494) in seiner Schrift De hominis dignitate (Über die Würde des Menschen), dass der Mensch von Gott mit Freiheit ausgestattet worden sei, um sich die Welt untertan zu machen. Dabei wurde die Lehre über die Sündhaftigkeit des Menschen unwichtiger. Theologisch wurde der Triumph Christi betont, es ging um einen lebendigen, anpackenden Glauben. Der Mensch entscheidet selbst, ob er seine Fähigkeiten nicht einsetzt und damit weit unter seiner Würde lebt, oder ob er seine Gaben entfaltet, seine Welt gestaltet, um so gottähnlich zu sein. Durch Moral sollte der Mensch in seinen potenziellen negativen Eigenschaften und Verhaltensweisen gezähmt werden, wobei die Theologie eine maßgebende Rolle spielen sollte.
Veränderung des Religionsbegriffes
Der Begriff der Religion veränderte sich also im 17. Jh., indem sein Wahrheitsanspruch für ein neutraleres Verständnis wich, das unterschiedliche Glaubensauffassungen beinhalten konnte. Diese Wandlung geschah nicht plötzlich, sondern über einen längeren Zeitraum. Die brutalen Konfessionskriege ebneten dafür den Weg. Um Frieden herzustellen, benötigte man ein Verständnis von Religion, das nicht auf ihrem Wahrheitsanspruch beharrte, sondern die Möglichkeit zuließ, auch andere Konfessionen als Religion aufzufassen. Die Ethik erlangte also im Vergleich zur Dogmatik eine vergleichsweise hohe Wichtigkeit (Es trat also ein Prozess der Säkularisation ein: Säkularisation und der moderne Staat).
Diese Ansicht kann man z.B. im Denken des Mystikers Jakob Böhme (1575-1624) finden, der die Notwendigkeit von Frieden angesichts der menschlich begrenzten Erkenntnis der Wahrheit betonte. Ähnlich verfuhr der Religionsphilosoph Herbert von Cherbury (1583-1648), der die Vernunft als Kriterium für die Wahrheitsfähigkeit der Religion ausfindig machte.
Neuzeitliche Definitionen
Mittlerweile gibt es zahlreiche Definitionen von Religion, die teilweise sehr unterschiedlich sind bzw. andere Akzente setzen. Für Friedrich Schleiermacher war Religion „Anschauung und Gefühl“ und „Sinn und Geschmack fürs Unendliche“ (1799). Karl Gottlieb Bretschneider erklärte sie noch relativ klassisch als den „Glauben an übermenschliche Macht (Götter)“ und als die „Kenntnis und Verehrung Gottes, oder der Götter“ (1822). Paul Natorp wollte einen weiten Religionsbegriff fassen: „Religion vertritt eine eigene Grundgestalt des Bewußtseins, nämlich das Gefühl, und zwar das Gefühl in seiner höchsten Potenz, in seinem Anspruch, die universelle, alle andern umfassende und vereinende Grundkraft […] darzustellen“ (1908). Für William James tritt der Mensch bei der Religion „zu einer höheren Realität in Beziehung“ und identifiziert „sein wahres Ich mit dem keimhaften besseren Teil seiner selbst“ (1925). Paul Tillich erklärte sie als „im weitesten und tiefsten Sinne das, was uns unbedingt angeht“ und machte sie als „Funktion des menschlichen Geisteslebens“ aus (1955). Für Thomas Luckmann geht es bei Religion um „Wirklichkeitskonstruktionen – die gesellschaftliche-geschichtlich mehr oder minder bindend vorgegeben und subjektiv mehr oder minder modifizierbar sind“ (1972). Niklas Luhmann definiert sie ziemlich pragmatisch: „Religion scheint immer dann vorzuliegen, […] wenn man einzusehen hat, weshalb nicht alles so ist, wie man es gerne haben möchte“ (1996).
Der Moderne und ihren vielschichtigen wissenschaftlichen Feldern entsprechend gibt es eben heutzutage eine unübersichtliche Zahl an Definitionen von Religion. Ob Soziologie, Psychologie, Philosophie, Anthropologie, Ethnologie, Kulturwissenschaft, Geschichte, Theologie: Jede Wissenschaft akzentuiert den Begriff aus ihrer Perspektive anders. So bewegt man sich aus religionswissenschaftlicher Perspektive auf einem weiten, unübersichtlichen Definitionsfeld.
Zusammenfassung
An dieser Stelle soll nicht der Versuch unternommen werden, eine gute Definition zu liefern. Es sollte lediglich aufgezeigt werden, inwiefern sich das Verständnis von Religion im Laufe der Zeit geändert hat: Aus einem Begriff, der mit Wahrheit und Legitimität verbunden war, wurde ein allgemeiner, neutraler(er), wissenschaftlicher Begriff, der viele Phänomene umschließen kann.
- Dieser Artikel basiert auf Weinrich, Michael: Religion und Religionskritik, Göttingen 2011, S.11-24 (Abschnitt §1 Annäherungen an den neuzeitlichen Religionsbegriff). ↩︎
















Schreibe einen Kommentar