Du bist nicht Schuld!?

Diesen Satz hört man häufig und in verschiedensten Kontexten. Er soll aufbauen, ermutigen, aus der persönlichen Krise helfen. Wir entlasten unseren Nächsten, der vielleicht aufgrund einiger Vorkommnisse in seinem Leben mit Selbstzweifeln oder Verzweiflung zu kämpfen hat.

Unsere Gesellschaft beschäftigt sich scheinbar ausführlich mit der Schuldfrage und findet hin und wieder auch einen Schuldigen für diese oder jene Misere. Schlechte Schulnoten sind eher das Problem des Lehrers als das des Kindes. Die Gründe für ein Leben auf schiefen Bahnen müssen in der Kindheit gesucht werden. Oder die zu hohen Anforderungen der Gesellschaft oder des Arbeitsumfeldes tragen Schuld an meinem Unwohlsein und meiner Überforderung.

Verglichen mit dem, was die Bibel über uns und die Schuldfrage zu sagen hat, sind unsere Schlussfolgerungen aber erstaunlich einseitig. Ich glaube, es täte uns gut, wenn wir uns ausführlicher mit der Schuldfrage beschäftigten und Gottes Urteil über uns verstehen und annehmen würden.

Der Anspruch

Schuld entsteht immer aus einem Anspruch heraus. Erhebt jemand einen Anspruch an uns, entsteht dadurch die Möglichkeit eben diesem Anspruch nicht gerecht zu werden. Wenn dieser Anspruch gerechtfertigt war, haben wir uns schuldig gemacht.

Ein Beispiel: Ich habe einen Arbeitsvertrag, in dem der Anspruch meines Arbeitgebers an meine Arbeit und die darauf folgende Vergütung geregelt sind. Dadurch entsteht ein Anspruch meines Arbeitgebers an meine Arbeit. Aber auch ich erhebe den Anspruch auf eine Vergütung. Kommt einer von uns dem Anspruch des anderen nicht nach, macht er sich schuldig. Schließlich ist unser gegenseitiger Anspruch gerechtfertigt, weil wir uns auf eben diesen Vertrag geeinigt haben.

Die Bibel zeigt uns Gott als jemanden, der einen hohen moralischen Anspruch an unser Leben erhebt. Er erwartet von uns, dass wir mit unserem Denken, Reden und Handeln seine vollkommene Reinheit, Treue, Selbstbeherrschung, Liebe, Geduld und Sanftmut widerspiegeln. Paulus zeigt uns in Römer 2, 17-29 auf, dass dabei nicht das Wissen um Gottes Anspruch genügt, sondern wir müssen tatsächlich danach leben.

Dem Volk Israel teilte Gott seinen Anspruch zuerst mit. Hunderte Gebote sollten sein Wesen aufzeigen und dem Menschen klar machen, was Gott von ihm erwartet. Kurz bevor Mose – der Übermittler der Gebote Gottes – starb, wiederholte er viele Gebote und erinnerte das Volk daran, dass sie diesen Geboten nachkommen mussten. Das Volk stimmte dem zu:

Verflucht sei, wer die Worte dieses Gesetzes nicht aufrechterhält, indem er sie tut! Und das ganze Volk soll sagen: Amen!
5. Mose 27,26

Doch eigentlich hatte das Volk Israel zu diesem Zeitpunkt längst bewiesen, dass es dazu nicht in der Lage war. Unzählige Male waren sie bereits an dem Anspruch Gottes gescheitert – und das nicht nur ein bisschen, sondern gefühlt in jedem einzelnen Gebot, dass Gott ihnen gegeben hatte.

Alle Gebote Gottes werden in zwei Geboten zusammengefast: Liebe Gott von ganzem Herzen, deiner ganzen Seele und deiner ganzen Kraft – und deinen Nächsten wie dich selbst. Wenn wir ehrlich wären, müssten wir gestehen, dass wir das eigentlich noch nie in unserem Leben getan haben. Denn das würde ja bedeuten, dass wir alles andere Gott untergeordnet und uns so um unseren Nächsten gesorgt hätten, wie wir es für uns selbst tun.

Auch nach Jahrtausenden, in denen die Menschheit sich mit Gottes Geboten beschäftigen, sie studieren und verinnerlichen hätte können, zeigt sich: Wir sind gar nicht in der Lage, Gottes herrliches Wesen widerzuspiegeln:

denn alle haben gesündigt und verfehlen die Herrlichkeit, die sie vor Gott haben sollten
Römer 3,23

Dabei geht es nicht nur um einzelne Tatsünden, sondern um eine ganz generelle Zielverfehlung unseres Lebens. Nicht einmal in Kleinigkeiten erfüllen wir Gottes Anspruch an unser Leben: seine Herrlichkeit widerspiegeln.

Schuld und Strafe

Doch welche Folgen hat unsere Zielverfehlung? Was misst Gott uns als Strafe zu für unsere Schuld? Und wie empfindet Gott unser Handeln?

Die Bibel zeigt uns eine wenig bekannte Eigenschaft Gottes auf. Wenig bekannt, weil sie kaum gepredigt, kaum besprochen wird. Vielleicht überspringen sogar routinierte Bibelleser die vielen Stellen lieber, die von dieser Eigenschaft Gottes sprechen: Seinem Zorn.

Es ist tatsächlich so: Der Gott, der die Liebe in Person ist, ist auch zornig. Das hat mit seinem reinen Wesen zu tun. Seine absolute Heiligkeit, seine majestätische Größe und seine bedingungslose Gerechtigkeit fordern ein Urteil. Er kann genauso wenig ein Auge zudrücken, wie es ein Richter könnte. Es wäre ein Unrecht, das der gerechte Richter der Welt niemals begehen könnte.

Aber Gott ist nicht nur Richter, sondern auch gerechter Vollstrecker. Und so wundert es kaum, dass die Bibel uns an mehreren Stellen vor Gott selbst warnt:

Es ist schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!
Denn unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.
Hebräer 10, 31; 12, 29

Auch Jesus selbst warnte – scheinbar ohne konkreten Anlass – vor Gottes Macht und seiner Bereitschaft zur Strafe:

Ich sage aber euch, meinen Freunden: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und danach nichts Weiteres tun können.
Ich will euch aber zeigen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet den, welcher, nachdem er getötet hat, auch Macht besitzt, in die Hölle zu werfen! Ja, ich sage euch, den fürchtet!
Lukas 12,4-5

Gegenüber Gott schuldig zu sein ist das Schlimmste, das uns Menschen passieren kann. Kein Mensch kann uns antun, was Gott seinen Schuldnern gegenüber anzutun droht. Das ist eine Wahrheit über Gott, die dem modernen Menschen abhanden gekommen ist – was Gott aber nicht davon abhält diesen Wesenszug einmal für jeden sichtbar zu zeigen.

Uns steht es offen, wie wir auf den Zorn Gottes reagieren. Die Meisten werden wohl mit Ignoranz antworten. Wir sind schließlich geübt darin, eigene Schuld zu verleugnen und von uns zu weisen. Das Problem dabei: Gott vergisst sie nicht und vor uns sind schon andere Gesellschaften mit dieser Strategie gescheitert:

Und wie es in den Tagen Noahs zuging, so wird es auch sein in den Tagen des Menschensohnes:
Sie aßen, sie tranken, sie heirateten und ließen sich heiraten bis zu dem Tag, als Noah in die Arche ging; und die Sintflut kam und vernichtete alle.
Ebenso ging es auch in den Tagen Lots zu: Sie aßen, sie tranken, sie kauften und verkauften, sie pflanzten und bauten;
an dem Tag aber, als Lot aus Sodom wegging, regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel und vertilgte alle.
Gerade so wird es sein an dem Tag, da der Sohn des Menschen geoffenbart wird.
Lukas 17,26-30

Jesus vergleicht das zukünftige Gericht Gottes mit den vergangenen und zeigt auf, welche Parallelen sich auftun werden:

  • Heute wie damals wird den Warnungen Gottes kein Gehör geschenkt.
  • Heute wie damals wird Gottes Gericht trotzdem kommen.
  • Heute wie damals wird Gott weder verzögern noch abmildern.

Es gibt aber noch etwas, was Gottes Gericht noch erstaunlicher und furchtgebietender macht. An dem Tag, an dem Gott den Menschen zur Rechenschaft ziehen wird, wird es niemanden geben, der Gottes Urteilsvermögen oder sein Strafmaß anzweifeln wird. Ja, es wird sogar Staunen darüber geben, wie gerecht Gottes Urteil ist. Sogar die Engel werden Gott für seine Rechtsprechung anbeten:

Und ich hörte den Engel der Gewässer sagen: Gerecht bist du, o Herr, der du bist und warst und der Heilige bist, dass du so gerichtet hast!
Und ich hörte einen anderen vom Altar her sagen: Ja, o Herr, Gott, du Allmächtiger, wahrhaftig und gerecht sind deine Gerichte!
Offenbarung 16,5.7

Der Ausweg

An dieser Stelle muss ich aber die Szene wechseln und den Blick auf einen Mann richten, der wie kein anderer Zorn Gottes zu spüren bekommen hat. Er war bestürzt und verängstigt, hat gezittert und gebetet – und wurde doch von Gott bestraft.

Und sie kommen zu einem Grundstück namens Gethsemane. Und er spricht zu seinen Jüngern: Setzt euch hier hin, bis ich gebetet habe!
Und er nahm Petrus und Jakobus und Johannes mit sich; und er fing an, zu erschrecken, und ihm graute sehr.
Und er sprach zu ihnen: Meine Seele ist tief betrübt bis zum Tod. Bleibt hier und wacht!
Und er ging ein wenig weiter, warf sich auf die Erde und betete, dass, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorüberginge.
Und er sprach: Abba, Vater! Alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir! Doch nicht, was ich will, sondern was du willst!
Und er kommt und findet sie schlafend. Und er spricht zu Petrus: Simon, schläfst du? Konntest du nicht eine Stunde wachen?
Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung kommt! Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.
Und er ging wiederum hin, betete und sprach dieselben Worte.
Und als er zurückkam, fand er sie wieder schlafend; denn die Augen waren ihnen schwer geworden. Und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten.
Und er kommt zum dritten Mal und spricht zu ihnen: Schlaft ihr noch immer und ruht? — Es ist genug! Die Stunde ist gekommen. Siehe, der Sohn des Menschen wird in die Hände der Sünder ausgeliefert.
Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, der mich verrät, ist nahe.
Markus 14,32-42

Hier finden wir den Mann, der das Universum mit ein paar Worten ins Leben gerufen hat und jede Sekunde lang am Leben erhält. Er ist der ewig geliebte Sohn Gottes, zu nichts verpflichtet und zu nichts genötigt. Er war als Mensch auf die Erde gekommen, um den Menschen mit Gott zu versöhnen und er wusste, dass das nur auf eine Weise gehen würde: Der grenzenlosen Gerechtigkeit Gottes musste genüge getan werden, indem Strafe für unsere Vergehen erfolgt.

Diese Strafe wollte Jesus freiwillig auf sich nehmen, sodass wir frei ausgehen können. Doch die Begebenheit im Garten Gethsemane zeigt seine Ahnung von der Heftigkeit des Zornes Gottes. Trotz seiner Macht erzittert Jesus hier vor dem, was ihn wenige Stunden später erwarten würde.

Jeder, der sich die Begebenheiten der Kreuzigung Jesu durchliest, merkt, dass Jesus furchtbare physische Qualen erlitten hat. Doch es fällt auch auf, dass er sich darüber nicht beschwert. Er erträgt es stumm und ohne Widerworte. Doch an einer Stelle der Kreuzigung überkommt ihn die Verzweiflung. Er schreit aus:

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Matthäus 27,46

Dieses Gebet ist so herzzerreißend, wenn man es allen anderen Gebeten Jesu gegenüber stellt. Alle anderen Gebete sind von seiner herzlichen Liebe und ungestörten Bindung geprägt. Liebevoll nennt er Gott seinen Vater und zeigt seine Dankbarkeit, Zuneigung, Anbetung und Unterordnung. Doch hier ruft er seine Verzweiflung darüber aus, dass dieser geliebte Vater ihn verstoßen und verlassen hat.

Das geschah, weil Jesus die Schuld der Menschen auf sich nahm und ihn Gottes ungehinderter Zorn und sein Gericht darüber traf. Er nahm unsere Stelle ein. Jesaja hat das schon einige Jahrhunderte vorher so treffend ausgedrückt:

Fürwahr, er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen; wir aber hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt.
Doch er wurde um unserer Übertretungen willen durchbohrt, wegen unserer Missetaten zerschlagen; die Strafe lag auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt worden.
Wir alle gingen in die Irre wie Schafe, jeder wandte sich auf seinen Weg; aber der HERR warf unser aller Schuld auf ihn.
Er wurde misshandelt, aber er beugte sich und tat seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer und seinen Mund nicht auftut.
Infolge von Drangsal und Gericht wurde er weggenommen; wer will aber sein Geschlecht beschreiben? Denn er wurde aus dem Land der Lebendigen weggerissen; wegen der Übertretung meines Volkes hat ihn Strafe getroffen.
Und man bestimmte sein Grab bei Gottlosen, aber bei einem Reichen [war er] in seinem Tod, weil er kein Unrecht getan hatte und kein Betrug in seinem Mund gewesen war.
Aber dem HERRN gefiel es, ihn zu zerschlagen; er ließ ihn leiden. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, so wird er Nachkommen sehen und seine Tage verlängern; und das Vorhaben des HERRN wird in seiner Hand gelingen.
Jesaja 53,4-10

Gott selbst stand hinter der Kreuzigung Jesu und den damit verbundenen Qualen. Jesus verbüßte unsere Schuld gegenüber dem unendlich heiligen Gott und schützte uns so vor der gerechten Strafe Gottes für unsere Schuld. Es ist ein Stellungstausch mit uns:

Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm [zur] Gerechtigkeit Gottes würden.
2. Korinther 5,21

Du bist nicht schuld!

In einem Gespräch mit einem Gesetzeslehrer zeigt Jesus auf, wie dieses stellvertretende Sterben Jesu für uns gültig wird. Es ist nötig, dass wir uns vor Gott demütigen, unsere Schuld eingestehen und den Stellvertretertod von Jesus als für uns geschehen annehmen. Jesus sagte über sich selbst:

Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes geglaubt hat.

Wer an den Sohn glaubt, der hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm.
Johannes 3,18.36

Wer sein ganzes Vertrauen auf Jesus und sein Sterben legt, ist nicht mehr schuldig vor Gott. Gottes Gerechtigkeit ist in diesem Fall genüge getan und es besteht kein Grund mehr zur Sorge. Wer das allerdings nicht glauben und demütig von Gott annehmen möchte, der bleibt unter dem gerechten Zorn Gottes und schiebt seine Strafe nur auf.

Deshalb bitte ich dich als einer, der es selbst getan hat: Glaube, dass Jesus für dich und deine Schuld gestorben ist und vertraue darauf, dass er sich damit vor Gottes Gericht abgeschirmt hat. Du wirst schuldlos werden, Gott zum Vater haben und dich auf die Begegnung mit diesem heiligen Gott freuen können, statt sie zu fürchten.

Gott segne dich beim Nachdenken darüber.

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