Ich kann mich immer noch erinnern, als wir zum ersten Mal gelernt haben, es zu predigen.
Wir hatten gerade erst mit dem weiterführenden Studium begonnen und fühlten uns durch lange Nächte, ein kleines Baby, ein völlig ausgereiztes Budget, und unsere eigene Unreife ziemlich überfordert. Meine Frau und ich hatten einen meiner Professoren nach Empfehlungen für eine Gemeinde gefragt, und er hatte uns eine genannt – eine noch junge Gemeindegründung, nur ein Stück die Straße hinauf und jenseits der Staatsgrenze. Wir hatten beide noch nicht viel „Gemeinde-Shopping“ betrieben, daher hinterließen all die Unterschiede, die wir an jenem Sonntagmorgen bemerkten, bleibende Eindrücke.
Zunächst einmal traf sich die Gemeinde in einem „Gymnatorium“, das reich an Basketballkörben, aber eindeutig arm an Ästhetik war. (Ich war mir nicht einmal sicher, ob irgendeine Wand gestrichen war.) Dann war da die Musik: geleitet von einem Pastor, geschrieben von uns bis dahin unbekannten Künstlern wie Getty, Townend, Kauflin und Cook – und gesungen, wirklich gesungen, von allen im Raum: von grauhaarigen Senioren bis hin zu Kindern, die mit erhobenen Händen dastanden. Das Ganze wurde von einer bemerkenswerten Predigt gekrönt – bis heute die beste, die ich je über Epheser 6 gehört habe – und, wie sich herausstellte, wurde sie von einem Praktikanten gehalten. (Was für eine Gemeinde hat solche Praktikanten?)
All das hinterließ Eindruck, aber was uns am meisten auffiel, war die überraschende Aufmerksamkeit, die die Gemeinde dem Evangelium schenkte. Es war, als wäre es die beste Nachricht, die sie je gehört hatten – als hätten sie sie gerade erst entdeckt, obwohl, wie wir vermuteten, viele im Raum bereits Christen waren. Jeder Teil der Liturgie – von den Ansagen über die Kollekte bis hin zum Segen – war durchdrungen von der Feier dessen, was Gott in Jesus für uns getan hat, und einem Aufruf, im Bewusstsein dieser guten Nachricht zu leben. Zu sagen, dass wir ermutigt wurden, wäre unzureichend. Wir wurden verwandelt.
Das Evangelium für heute
Wir lernten bald, dass diese neue Aufmerksamkeit für das Evangelium einen Namen hatte – „evangeliumszentriert“ – und dass sie in Gottes Barmherzigkeit gerade durch viele Gemeinden zog. Ebenso erfuhren wir, dass „evangeliumszentriert“ eine Kurzform für eine ganze Reihe von bisher unterbetonten und herrlichen Wahrheiten war, die Christen sich selbst am Sonntag und an jedem anderen Tag „predigen“ konnten. Wir würden den Großteil des nächsten Jahrzehnts damit verbringen, genau das zu lernen.
Vielleicht weißt du das schon. Vielleicht auch nicht. Aber wenn du Christ bist, dann ist das Evangelium für dich. Es ist voller guter Nachrichten über deine Vergangenheit und deine Zukunft – und über dein gegenwärtiges tägliches Leben. Es ist voller guter Nachrichten für heute. Und um in der Güte dieser Botschaft zu leben, gibt es kostbare Wahrheiten, die du unbedingt lernen musst, dir selbst immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dir selbst zu „predigen“.
So könnte diese Predigt klingen.
Neue Fähigkeit
Das Evangelium sagt uns, dass wir wiedergeboren wurden. Das ist ein großes Wort, das auf eine noch größere Wirklichkeit hinweist: Christen – also diejenigen von uns, die durch den Glauben mit Jesus verbunden sind – haben völlig neue geistliche Fähigkeiten erhalten, dank dessen, was Jesus durch seinen Tod, sein Begräbnis und seine Auferstehung für uns getan hat. Wir haben völlig neue Kräfte. Paulus nennt diese Kräfte „überwältigend groß“ (Epheser 1:19). Ich denke gern von ihnen als Superkräften. Das Evangelium nimmt den dünnen, kleinen Steve Rogers und macht aus ihm – also dir – Captain America. Das Evangelium nimmt Sünder wie dich und mich und macht aus uns Heilige.
Wenn du zur Familie Gottes gehörst, wenn du das Evangelium geglaubt hast, dann hast du den Geist empfangen, den Jesus gesandt hat, als er in den Himmel aufgefahren ist. Und weil du den Geist hast, kannst und wirst du Jesus nachfolgen und Gott mit deinem Leben gefallen. „Die vom Gesetz geforderte Gerechtigkeit“ wird erfüllt „in uns […], die wir […] nach dem Geist wandeln.“ (Römer 8:4). Wenn du Christ bist, ist Gottes Gesetz in dein Herz geschrieben (Hebräer 8:10). Was Gott verlangt, kannst du jetzt tun. Noch nicht vollkommen natürlich – wir müssen warten, bis wir Jesus von Angesicht zu Angesicht sehen (1. Johannes 3:2). Aber wenn du Christ bist, kannst und wirst du weniger sündigen und zunehmend mehr gehorchen (2. Korinther 3:18).
Wenn wir dieses als Gemeinde gemeinsam verinnerlichten, würden wir oft die Worte eines wunderschönen kleinen Gedichts verwenden, das so lautet:
Original:
Run, John, run, the law commands,
but gives us neither feet nor hands.
Far better news the gospel brings:
It bids us fly and gives us wings.
Übersetzung:
Renn, John, renn, das Gesetz verlangt
doch gibt es dir keine Füße, keine Hand.
Viel bessere Nachricht das Evangelium bringt:
Es schenkt uns Flügel und lässt uns fliegen.
Wenn du den Herrn Jesus kennst und liebst, dann verleiht dir das Evangelium – Jesu Tod, Begräbnis und Auferstehung – Flügel. Satan möchte, dass du denkst, du seist noch immer erdgebunden. Jesus aber erinnert dich: Es ist Zeit zu fliegen!
Neue Identität
Das Evangelium sagt uns auch, dass wir gerechtfertigt wurden. Wenn du den Herrn Jesus kennst und liebst, dann gehört dir sein vollkommenes Leben – sein sündenreinigender Gehorsam – als ob es dein eigenes wäre (Hebräer 5:5–10; 10:14). Er hat es dir geschenkt. Dein Konto war tiefrot. Dann hast du geglaubt und deine Schuld wurde ausgelöscht. Wegen Jesu treuem Leben und Sterben für dich stehst du nun im Plus – und zwar gewaltig. Denk an einen Gewinn bei der „Publisher’s Clearing House“ – mal unendlich! Wenn du mit Jesus verbunden bist, kannst du seine sünden-bedeckende Gabe nicht „überversündigen“. Wo deine Sünde tief reicht, reicht seine gnädige Gabe weiter. Immer weiter.
Wir nennen dieses Geschenk eine „zugerechnete“, „fremde“ oder einfach „außerhalb-von-uns“ liegende Gerechtigkeit. Obwohl Christen immer noch sündigen – denn wir sind ja noch nicht vollkommen gerecht in uns selbst –, sind wir dennoch für gerecht erklärt worden, dank des Geschenks, das Jesus auf unser Konto eingezahlt hat, als wir glaubten. Martin Luther hat diese doppelte Identität berühmt beschrieben, indem er Christen als „zugleich gerecht und Sünder“ bezeichnete. Die meisten von uns sind sich des Letzteren nur allzu bewusst. Doch das Evangelium will, dass wir das Erstere nicht vergessen. Uns in dem Ersteren freuen.
Anfang der 2000er-Jahre, als die Evangeliumszentriertheit viele Gemeinden im Sturm eroberte, war diese Sichtweise auf das Evangelium tonangebend. Prediger und Autoren sagten uns immer und immer und immer wieder, dass wir uns daran erinnern sollen, wer wir in Christus sind. Der Indikativ („Du bist vergeben“) wurde für viele von uns zu einer neuen Quelle des Trostes.
Es ist ein Ort, an dem wir uns immer noch trösten können. Für alle unter uns, die den Herrn Jesus kennen und lieben, schenkt das Evangelium eine neue Identität. Bevor du geglaubt hast, machte deine Sünde dich zu einem Feind Gottes. Jetzt, da du glaubst – Dank sei Christus –, bist du Gottes vergebener Sohn oder seine vergebene Tochter. Das Evangelium erinnert dich: Das ist jetzt, wer du bist.
Neues Vorbild
Das Evangelium sagt uns auch, dass wir ein völlig neues Vorbild haben, dem wir folgen können. Wenn du in den 1990ern dabei warst, erinnerst du dich vielleicht an das beliebte Armband mit der Aufschrift „WWJD“ – „What Would Jesus Do?“ (Was würde Jesus tun?). Das Evangelium gibt uns ein neues Beispiel dafür, wie es aussieht, der Mensch zu sein, zu dem Gott uns geschaffen hat. Jesus selbst verweist auf die Schönheit dieser Wirklichkeit, wenn er sagt: „Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ (Johannes 13:34).
Wenn wir uns fragen, wie es aussieht, Gott von ganzem Herzen zu lieben und unseren Nächsten wie uns selbst, dann hilft ein Blick auf Abraham, Mose, Rahab oder andere glaubensvolle Menschen, die dieses menschliche Rennen bis zum Ende gut gelaufen sind. Aber du wirst auf Jesus blicken wollen (Hebräer 12:1–2). Es gibt niemanden wie ihn. Er ist in einer Klasse für sich. Es ist „in seinen Fußstapfen“, geführt von seinen Spuren, dass du diesen Lebensweg gehen willst (1. Petrus 2:21).
Wie freundlich von unserem himmlischen Vater. Er hat uns nicht nur dazu berufen, sein Ebenbild in dieser Welt, die er geschaffen hat, widerzuspiegeln. Er hat uns auch gezeigt, wie das geht, indem er Jesus gesandt hat – und uns vier Biografien über Jesus gegeben hat, die wir lesen können, während wir auf seine Wiederkunft warten.
Neuer Blick
Das Evangelium gibt uns auch einen brand-neuen Weg, die Bibel zu lesen, die Gott uns gegeben hat. Vor Jesu Tod, Begräbnis und Auferstehung wären wir alle wie Petrus gewesen. Keiner von uns hätte voraussehen können, dass Gott sein Volk retten würde, indem er seinen Sohn opfert (Markus 8:27–33). Ohne Jesu Tod, Begräbnis und Auferstehung wären wir alle wie der blinde Mann gewesen, den Jesus unmittelbar vor dem Bekenntnis des Petrus heilt (Markus 8:22–26). Wir hätten die biblisch offenbarten Wirklichkeiten nicht als die „Menschen“ erkannt, die sie sind, sondern nur als „Bäume, die umhergehen“. Paulus sagt an einer Stelle, dass das Evangelium Dinge offenbart, die im Alten Testament verborgen waren (Römer 16:25–27). Erst nach Jesu Auferstehung sind wir fähig, zu sehen.
Die Auferstehung war jedoch nicht genug. Damit wir all das sehen – wirklich sehen -, was Gott für uns in seinem Wort offenbart hat, musste Gott Jesus nicht nur für uns offenbaren; er musste Jesus in uns offenbaren (Galater 1:16).
Das Evangelium entfernt, wenn es geglaubt wird, auf herrliche Weise zwei Arten von Scheuklappen von unseren Augen. Es entfernt die hermeneutischen Scheuklappen, die durch die geheimnisvolle Natur von Gottes Geschichte verursacht sind, und die moralischen Scheuklappen, die aus der eigensinnigen Verstocktheit unserer sündigen Herzen stammen (Matthäus 13:15). Jetzt – mit dem Geist, den Jesus sendet – können und werden wir aus der Heiligen Schrift Nutzen ziehen. Für diejenigen von uns, die den Herrn Jesus kennen und lieben, sind die Siegel von Gottes Buch gelöst worden, und seine herrlichen Schätze sind offenbart worden (Matthäus 13:52).
Mit Gottes Geist lesen wir die Bibel nun mit dem Evangelium im Zentrum. Wir erkennen, dass die Spannung der Geschichte grundlegend und auf überraschende Weise durch Jesu Tod, Begräbnis und Auferstehung gelöst wird. Wir sehen wie nie zuvor, dass die Geschichte der Bibel, die im Alten Testament beginnt, in Jesus ihren Höhepunkt findet, in seiner Gemeinde weitergeht und in seiner Wiederkunft und der neuen Schöpfung ihren Abschluss findet.
Die Wirklichkeiten des Evangeliums prägen die Art und Weise, wie wir jeden Teil der Bibel lesen – von 1. Mose bis zur Offenbarung. Es ist eine Weise, die Bibel zu lesen, wie nur ein Christ es kann.
Dir gegeben zum predigen
Es ist nun fast zwanzig Jahre her seit jenem Sonntagmorgen. Wir sind nicht mehr im Graduiertenstudium. Unser Baby von damals ist jetzt im letzten Jahr der Highschool, und er hat zwei jugendliche (und kostbare) Geschwister. Wir sind dreimal umgezogen. Und wir sind älter geworden; wir sind nicht mehr die frisch wirkenden Mittzwanziger, die wir an jenem Tag waren, vor so vielen Sonntagen. Vieles hat sich verändert. Aber eines nicht: Kein Tag vergeht, an dem wir nicht an diese Predigt denken. Kein Tag vergeht, an dem wir uns ihre herrlichen Wahrheiten nicht gegenseitig und uns selbst predigen. Wenn überhaupt, dann wissen wir heute noch mehr als damals, wie sehr wir sie hören müssen.
Wenn du den Herrn Jesus kennst und liebst, dann gehört dir diese Predigt. Sie gehört dir, um sie zu predigen, zu singen, zu beten und weiterzugeben. Wenn du Christ bist, dann kannst du – musst du – jeden Tag deines Lebens in der Güte dieser guten Nachricht leben.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
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