Ein anständiger Vorschlag über die Anständigkeit /Keuschheit.

Darstellung zum Thema Keuschheit, Anständigkeit in der Bibel

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Jedes Jahr, wenn der Sommer naht, eilt die Welt herbei, um seine Wärme zu begrüßen. Restaurantterrassen schütteln den winterlichen Staub ab, Kinder kehren langsam in die Parks zurück, Sonnencreme taucht im Kassengang auf, jugendliche Rettungsschwimmer bereiten die Schwimmbäder vor, Urlaubswerbung wird unerbittlich – und die Bekleidungsabteilungen verwandeln sich über Nacht. 

Übergroße Pullover verschwinden; Badeanzüge begrüßen nun die Kundschaft. Spaghettiträger-Kleider treten an die Stelle von Trenchcoats, und Shorts verdrängen lange Hosen. Eine Schar merkwürdig benannter Oberteile – Crop-Tops, Tank Tops, Neckholder-Tops, Tube-Tops – verdrängt die Langarmabteilung. Wetterfeste Stiefel sind nicht mehr nötig, stattdessen reihen sich Riemchenschuhe (mit fragwürdiger Haltbarkeit) in den Regalen. 

Die ersten Vorboten des Sommers erscheinen oft an Schaufensterpuppen oder Online-Models. Für christliche Frauen wecken diese Bilder nicht nur Vorfreude, sondern auch Unbehagen, denn eine lästige, immer wiederkehrende Frage taucht auf: Wie können wir uns anständig kleiden?

Fragen mit Bedacht stellen

Also, wie können wir uns anständig kleiden? Natürlich entspringt wahre Anständigkeit der Haltung des Herzens, nicht dem Inhalt des Kleiderschranks und reicht weit über unsere Kleidung hinaus. Wie eine Autorin schreibt:

„Die äußeren Zeichen dessen, was wir als ‚anständiges Verhalten‘ bezeichnen — nicht angeben, den eigenen Körper nicht zu sehr zur Schau stellen — sind letztlich Ausdrucksformen von Anständigkeit, nicht die Anständigkeit selbst.“ (Shalit, A Return to Modesty, xxv). 

Gleichzeitig steht, wenn die Sommermonate kommen, immer noch eine Kleidungswahl zwischen uns und der Sonne. Um also die Frage zu beantworten, ertappe ich mich oft dabei, dass ich mir eine andere stelle: Wäre es falsch, wenn ich das trage? Ich vermute, viele Frauen können das nachvollziehen. Im Streben nach Anständigkeit neigen wir dazu, unsere Kleidung auf Sünde hin zu überprüfen – was ein unreifer Ansatz sein kann. Obwohl die Bibel anständige Kleidung fordert (1. Timotheus 2:9–10), enthält sie keine Liste mit Geboten und Verboten zur Anständigkeit. Würden wir ein Kleidungsstück hochhalten und Matthäus oder Petrus bitten, uns zu sagen: „Ja“ oder „Nein“, „gottgefällig“ oder „sündhaft“ – bekämen wir womöglich kaum eine Antwort. Ein „Du sollst nicht tragen …“ steht – nun ja – nirgendwo. 

Als Folge des angeblichen Schweigens der Schrift können wir anfangen, „anständig“ als „nicht zu unanständig“ zu definieren – nicht zu sehr wie die Welt. Und dann gehen die kniffligen Fragen erst richtig los: Sind diese Shorts zu kurz? Ist dieses Oberteil zu freizügig? Ist diese Hose zu eng? So durchforsten wir die Sommerkleiderständer auf der Suche nach Kleidungsstücken, die nicht zu sehr so aussehen, wie die Welt sich bei warmem Wetter kleidet. 

Auf diese Weise überlassen wir die Bedeutung (und Ausdrucksform) von Anständigkeit dem Urteil der Masse – deren Gefühl für „zu weit“ sich scheinbar immer weiter verschiebt. Diese Tendenz ist keineswegs einzigartig in unserer Zeit. Schon im zweiten Jahrhundert befasste sich der Kirchenvater Tertullian mit diesem Thema – in einem Werk mit dem bezeichnenden Titel Über die Ehrbarkeit:

Die Anständigkeit, über die wir nun sprechen, ist inzwischen so veraltet, dass man nicht mehr den völligen Verzicht, sondern nur noch die Zügelung der Begierden für wahre Anständigkeit hält; schon als keusch genug gilt, wer nicht allzu unkeusch ist. Doch die Anständigkeit der Welt möge sich um sich selbst kümmern.

[Anmerkung des Übersetzers: sinngemäße Übersetzung, Quelle: Bibliothek der Kirchenväter]

Solange die Gesellschaft unseren Maßstab für Kleidung vorgibt, bedeutet „Anständigkeit“ einfach nur, weniger unanständig zu sein als andere. Doch Tertullian rät: „Die Anständigkeit der Welt möge sich um sich selbst kümmern“ Aber wie gelingt uns das? Gibt es einen Weg, das Haus zu verlassen mit dem Bewusstsein, nicht nur unser Bestes getan zu haben, um Weltlichkeit zu vermeiden, sondern ganz bewusst nach Gottesfurcht gestrebt zu haben? Wünschen wir uns nicht mehr, als einfach nur gut auszusehen, ohne uns zu schlecht zu fühlen? 

Vielleicht kann uns der Apostel Paulus helfen. Auch wenn die Bibel über Einzelheiten in der Garderobe still ist, ist sie doch laut in Weisheitsprinzipien. Insbesondere eins aus dem ersten Korintherbrief kann uns helfen, mit Wahrheit und Gnade in den Sommer zu waten, anstatt mit Unbedachtheit oder Stress. 

„Ist es nützlich?“

Im gesamten 1. Korintherbrief behandelt Paulus ein ähnlich sensibles Thema für die Christen des ersten Jahrhunderts: Essen. Was dürfen sie essen, und was dürfen sie nicht essen? Die Gläubigen in Korinth wollen es genau wissen. (Klingt bekannt!)

Obwohl Paulus mehrfach auf diese Spannung eingeht, konzentrieren wir uns hier auf das, was er in den Kapiteln 6 und 10 sagt. An beiden Stellen beginnt er, indem er einen Grundsatz zitiert, den die Korinther selbst vertreten: „Alles ist erlaubt“ (1. Korinther 6:12; 10:23). Mit anderen Worten: Kein Essen ist unrein. Denn im neuen Bund gilt: „Nicht das, was zum Mund hineinkommt, verunreinigt den Menschen, sondern was aus dem Mund herauskommt, das verunreinigt den Menschen.“ (Matthäus 15:11). Also: Was dürfen sie essen? Theoretisch alles.

Doch damit ist Paulus’ Antwort nicht zu Ende. Nachdem er erklärt hat, dass alle Speisen rein sind, fügt er hinzu: „… aber nicht alles ist nützlich.“ Dieses oder jenes zu essen ist an sich nicht sündig, — aber das macht es nicht nützlich. „Nicht falsch“ bedeutet nicht „automatisch gut“. Könnte man dasselbe auch über unsere Kleidung sagen?

Gottes Wort verbietet keine Kleidungsstücke – aber das heißt nicht, dass jedes Kleidungsstück „nützlich“ ist — förderlich, hilfreich, aufbauend, dienlich — für uns selbst und für andere. Während Fragen wie „Ist es falsch?“ oder „Ist es zu [X]?“ oft ins Leere laufen, könnten wir anfangen, unsere Kleidung an einer anderen Frage auszurichten: Ist sie nützlich? Dem Beispiel des Paulus folgend, wollen wir nun die Nützlichkeit unserer Kleidungswahl in zwei Bereichen betrachten. 

1. Ist es nützlich für meine Seele?

Paulus spricht zuerst in 1. Korinther 6 von Dingen, die zwar erlaubt, aber nicht hilfreich sind. Dort setzt er Hilfreiches mit dem gleich, was einem persönlich nützlich ist: „Alles ist mir erlaubt — aber nicht alles ist nützlich! Alles ist mir erlaubt — aber ich will mich von nichts beherrschen lassen!“ (Vers 12). Mit anderen Worten: Wir fördern unseren Glauben nur dann, wenn wir allem aus dem Weg gehen, was uns beherrschen will – was uns regiert, kontrolliert oder bestimmt – außer Gott. Und was auf unseren Kleiderbügeln hängt, ist davon nicht ausgenommen. 

Zappeln wir innerlich, wenn es darum geht, teuer, fit oder sogar perfekt nachlässig zu wirken? Wie sehr klammert sich unser Herz an einen zustimmenden oder bewundernden Blick? Inwiefern herrscht der Wunsch — das zu tragen, was wir wollen, wann wir es wollen — über uns? Wenn jemand, den wir respektieren und bewundern, unsere Badeanzug-Wahl infrage stellen würde – würden wir dann innerlich etwas über „Gesetzlichkeit“ murmeln, oder würden wir offen aus dem Gespräch gehen, bereit, über den Gedanken nachzudenken? „Innere Prüfung“, schreibt Kristyn Getty,

sollte uns nicht ängstigen. Sie ist notwendig, wenn wir danach trachten, unseren Blick auf Christus zu richten. Wir halten den Kurs des standhaften Glaubens nicht zufällig. Es ist ein Weg, der etwas kostet – er erfordert Fleiß, Buße und das heiligende Wirken des Heiligen Geistes. (ESV Women’s Devotional Bible, S. 1551)

Wenn wir Christus über alles stellen, dann werden wir bereitwillig prüfen, ob irgendeine Sache – sogar unser Lieblingskleid – um unsere Zuneigung konkurriert. Und wenn wir das tun, werden wir in der Ähnlichkeit zu Gott wachsen und an Freude zunehmen. Glückselig ist die Frau, die sich selbst nicht verurteilt in dem, was sie trägt, – denn sie weiß, dass ihre Käufe aus Glauben geschehen, nicht aus Mode. (vgl. Römer 14:22–23)

2. Ist es hilfreich für meinen Nächsten?

Aber sich „hilfreich“ zu kleiden, geht über das hinaus, was unseren eigenen Glauben stärkt. In 1. Korinther 10 weitet Paulus die Bedeutung aus und bezieht mit ein, was anderen in Liebe dient: „Es ist mir alles erlaubt — aber es ist nicht alles nützlich! Es ist mir alles erlaubt — aber es erbaut nicht alles! Niemand suche das Seine, sondern jeder das des anderen.“ (Verse 23-24). 

Was Kleidung betrifft, haben wir die gleiche Freiheit wie die Leser des ersten Jahrhunderts. Weder Speisevorschriften noch Kleidervorschriften binden Christen des neuen Bundes – unabhängig von der Zeit. Aber genau wie die frühe Gemeinde tragen auch wir die Verantwortung, mit dieser Freiheit nützlich umzugehen: „Macht die Freiheit nicht zu einem Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander durch die Liebe.“ (Galater 5:13). Eine angemessene Reaktion auf unsere Freiheit in Christus, erklärt John Piper, besteht nicht einfach darin, unsere Freiheiten durchzusetzen. 

Nein, so redet ein Christ nicht. Wir fragen: „Wird es hilfreich sein? Wird es nützlich sein? Werden andere Menschen etwas davon haben, dass ich das genieße?“ … Das ist das Prinzip der Liebe.

Große Freiheit bringt große Liebe zu Gott und dem Nächsten mit sich. 

Aber wie kleidet sich diese Liebe an Montagmorgen und Samstagabenden, in der Kirche und am Pool? Das müssen wir uns selbst beantworten. Was für mich hilfreich ist (als Ehefrau und Mutter kleiner Kinder in Colorado, mit einem langen inneren Kampf gegen Stolz und Neid) mag sich von dir unterscheiden. Nur lasst uns beide die Frage „Wie könnten wir uns anständig kleiden?“ so beantworten, dass sie aus reinem Herzen und gutem Gewissen das Wohl der anderen sucht (1. Timotheus 1:5).

Denn Kirchenbänke und Supermärkte sind gleichermaßen gefüllt mit Menschen, die Gott liebt – Menschen, für die Christus gestorben ist (Johannes 3:16; 1. Korinther 8:11). Angesichts der erstaunlichen Länge, die die Gottheit gegangen ist, um sie zu retten – könnten wir da vielleicht bereit sein, die Länge unserer Shorts anzupassen? 

Vielleicht haben wir eine Freundin, die empfindlich auf ihre Kleidergröße reagiert. Sehr wahrscheinlich haben wir Schwestern im Glauben — ob Teenager oder Gleichaltrige —, die uns als Vorbild nehmen, wenn es um anständige Kleidung geht. Denken wir auch an unsere Brüder, die mit Begierde zu kämpfen haben. Auch wenn wir niemals verantwortlich sind für die Sünde anderer, sollten wir dennoch nicht unnötig dazu verleiten (1. Korinther 8:13). Vielleicht erfährt ein neuer Bekannter — ein Ungläubiger — dass wir Christen sind, und weil wir uns so anders kleiden, wundert sich diese Person lautstark über den Gott, von dem wir sagen, dass wir dienen – nicht nur mit unseren Lippen, sondern auch mit unserem äußeren Erscheinungsbild. 

Vom Herzen zum Kopf bis zu den Füßen

Wenn wir es zulassen, hilft uns das Prinzip der Nützlichkeit, unsere Kleidung ernst zu nehmen, ohne dabei gesetzlich zu werden. Demütig stehen wir vor dem Spiegel und bitten Gott, uns – als Frauen mit unterschiedlichen Versuchungen und Lebensumständen – zu zeigen, wie wir uns nützlich kleiden können. 

Je mehr wir Gottes Blick höher schätzen als den der Welt, desto mehr werden wir jedes Outfit gefangen nehmen zum Gehorsam gegen Christus (2. Korinther 10:5). Der Wunsch, ihn mit unseren Herzen zu ehren, kann nicht anders, als sich von Kopf bis Fuß auf uns auszuwirken. 

Gemeinsam könnten wir so begeistert davon sein, Gott zu gefallen und ihn zu verkündigen, dass wir uns mehr um „gute Werke“ kümmern als darum, in die aktuelle Mode zu passen (1. Timotheus 2:9-10). Manchmal – vielleicht sogar oft – lassen sich beide verbinden. Aber wenn sie es nicht können, mögen wir gern darauf verzichten, uns dem Zeitgeist entsprechend zu kleiden – um der Anständigkeit willen. Oder anders gesagt: zur Ehre Gottes, zu unserer Freude und zum Wohl anderer. So verstanden, klingt „Wie könnten wir uns anständig kleiden?“ nicht mehr wie eine lästige Frage, sondern wie eine Einladung.


Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
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Avatar von Tanner Kay Swanson

Kommentare

Eine Antwort zu „Ein anständiger Vorschlag über die Anständigkeit /Keuschheit.“

  1. Avatar von Sergej Pauli

    Das ist ein guter Artikel, aber Tertullian, so sehr ich ihn mag ist gerade mit dieser These „Ist es nützlich“ manchmal super nervig. Das sagt er immer. Er schreibt seiner Frau einen Brief (ad uxorem), wie sie sich zu verhalten ahbe, wenn er mal sterben sollte. Und zack „Ist es wohl nützlich wiederzuheiraten?“ – Ja erlaubt und „geduldet“ wäre es wohl von der Schrift, aber was man dulden müsse, ist ja schon nicht mehr so gut…deswegen soll sie bitte ehrbare Witwe bleiben – Er schreibt über den Siegeskranz (de corna militis) dass Blumen auf dem Kopf „nicht nützlich sind“ , denn Blumen sind von Gott nicht dafür geschaffen, dass man sie auf dem Kopf trägt (und überhaupt wird er etwas radikal in dieser Schrift) Es muss überhaupt sehr populär gewesen sein in der Zeit der Kirchenväter von „nützlichkeit zu argumentieren“, denn sehr ähnlich (ich weiß nicht mehr genau in welchem Zusammenhang) argumentiert auch Augustinus im Enchiridion….

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