Ich habe von Autoren gelesen und Redner gehört, die versuchen, unsere Unwissenheit über Gottes Wege zum Hauptgrund unseres Staunens und unserer Anbetung zu machen. Sie tun dies gewöhnlich, indem sie das positive Wort Geheimnis verwenden, um die Tiefen und Höhen Gottes zu bezeichnen, sodass wir bewegt werden sollen von Verwunderung und Ehrfurcht darüber, wie viel wir nicht über Gott wissen.
Das erschien mir schon immer irreführend. Menschen, die so vorgehen, üben auf mich keine Anziehung aus. Der Ansatz von Paulus zum Beispiel ist ganz anders. Er würde sagen, dass Gott am meisten verherrlicht wird, wenn wir voller Staunen und Bewunderung sind, ihn anbeten und uns ihm freudig unterwerfen – und zwar aufgrund dessen, was wir über ihn wissen, nicht aufgrund dessen, was wir nicht wissen.
Deine Bewunderung und dein Staunen über ein Gebirge könnten darauf beruhen, dass du vom Fuß der Berge aus einen Blick erhaschst und siehst, wie sich die Bergkette erhebt und in niedrigen Wolken verschwindet. Oder sie könnten darauf beruhen, dass du nach jahrelangen Expeditionen in das Gebirge jedes Mal, wenn du den Gipfel eines unvorstellbar hohen Berges erreicht hast, entdeckst, dass sich eine weitere ganze Gebirgskette vor und über dir auftürmt.
Es ist keine große Ehre für Gott, dein Leben in den Ausläufern der Gebirge zu verbringen und Aufsätze und Gedichte darüber zu schreiben, wie viel du nicht weißt von dem, was oberhalb der Wolkendecke ist. Es ist weitaus besser, Gott deine Hand in die Hand von Paulus – oder einem seiner anderen inspirierten Schreiber – legen zu lassen und dann ein Leben lang mit ihm die hohen Pfade der Offenbarung zu erklimmen.
„Unergründlich und unausforschlich?“
Eine der am meisten missverstandenen und missbrauchten Passagen in den Briefen von Paulus ist der große Höhepunkt am Ende von Römer 1–11:
O welche Tiefe des Reichtums sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Gerichte, und wie unausforschlich seine Wege!
„Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?“
„Oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass es ihm wieder vergolten werde?“
Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Ehre in Ewigkeit! Amen. (Römer 11:33-36)
Hier eine entscheidende Beobachtung: Paulus schreibt dieses erhabene Lob über den Reichtum Gottes nicht anstatt diesen Reichtum zu offenbaren, sondern weil er ihn gerade in elf Kapiteln voller verblüffender Offenbarungen dargelegt hat. Er ist überwältigt aufgrund dessen, was er soeben enthüllt hat, nicht wegen all dem, was verborgen blieb. Diese Worte voller Staunen stehen am Ende von elf Kapiteln, in denen Paulus uns in die Tiefen und Höhen von Gottes Wegen geführt hat, die über das hinausgehen, was wir je für möglich gehalten hätten.
Schon das Lesen der drei vorangehenden Verse lässt uns über Gottes Wege staunen. Nicht, weil sie in einer Wolke des Unwissens verborgen wären, sondern weil sie sich als völlig unerwartet, gegen jede Intuition, erschütternd und gottverherrlichend erweisen. Paulus fasst Gottes Pläne für Juden und Heiden so zusammen:
„Denn gleichwie auch ihr [die Heiden] einst Gott nicht geglaubt habt, jetzt aber Barmherzigkeit erfahren habt um ihres [der Juden] Unglaubens willen, so haben auch sie jetzt nicht geglaubt um der euch erwiesenen Barmherzigkeit willen, damit auch sie Barmherzigkeit erfahren sollen. Denn Gott hat alle miteinander in den Unglauben verschlossen, damit er sich über alle erbarme.“ (Römer 11:30-32)
Nimm dir fünf Minuten Zeit, über diese Verse nachzudenken, und du gehst zunächst benommen, dann erstaunt daraus hervor, nicht, weil du im Dunkeln gelassen wirst, sondern weil das Licht so blendend ist, dass du kaum glauben kannst, was du siehst.
„Unausforschlich“ – aber ans Licht gebracht
Paulus beschreibt seine Offenbarung von Gottes Wegen ein weiteres Mal als unausforschlich. Und der Punkt ist nicht, dass er uns in den Ausläufern der Berge ohne Erkenntnis zurücklässt.
„Mir, dem allergeringsten unter allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben worden, unter den Heiden den unausforschlichen Reichtum des Christus zu verkündigen, und alle darüber zu erleuchten, welches die Gemeinschaft ist, die als Geheimnis von den Ewigkeiten her in Gott verborgen war, der alles erschaffen hat durch Jesus Christus“ (Epheser 3:8-9).
Dieser Text bedeutet nicht: „Tut mir leid Leute, die Reichtümer Christi liegen im Dunkel des Geheimnisses und können nicht offenbart werden.“ Der Text sagt genau das Gegenteil: „Gott hat mich berufen“, sagt Paulus, „und mir die Gabe gegeben, das Geheimnis ans Licht zu bringen! Die Dinge, über die ich über Christus schreibe, sind die unergründlichen Reichtümer Christi!“
Sie sind in dreierlei Hinsicht unausforschlich: (1) Sie wurden „von den Ewigkeiten her in Gott verborgen“ – aber nicht länger! (2) Sie können nur durch göttliche Offenbarung erkannt werden, nicht durch bloße menschliche Weisheit – und Paulus schreibt diese Offenbarung nieder. (3) Es wird immer noch mehr zu entdecken geben, je weiter man in die Bedeutung der inspirierten Offenbarung eindringt und schließlich in die Himalayas des Himmels aufsteigt.
Erkennen, was alle Erkenntnis übersteigt
Dieser letzte Punkt wird im Gebet des Paulus im nächsten Kapitel des Epheserbriefs bestätigt. Er betet, dass wir…
dazu fähig [sind], mit allen Heiligen zu begreifen, was die Breite, die Länge, die Tiefe und die Höhe sei, und die Liebe des Christus zu erkennen, die doch alle Erkenntnis übersteigt, damit [wir] erfüllt werde[n] bis zur ganzen Fülle Gottes. (Epheser 3:18-19)
Das ist es! Durch Gottes atemberaubende Offenbarung seiner Wege in Christus – durch die Schriften des Apostels Paulus – wird uns gewährt, „die Liebe Christi zu erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt“. Wir werden immer höher und höher in die Gebirgsketten von Gottes Wundern geführt, sodass wir wirklich erkennen, was vorher unerkennbar war – nur um zu entdecken, dass die Berge immer noch höher aufragen.
Trittsichere Sherpas
Paulus gehörte nicht zu den Menschen, die damit zufrieden sind, in den Vorgebirgen der Offenbarung zu verweilen und sich eloquent über den Wert des „Geheimnisses“ oberhalb der tiefliegenden Wolken zu äußern. Paulus wusste, dass Gott ihm einen Auftrag gegeben hatte, „die unergründlichen Reichtümer Christi“ nicht zu verbergen, sondern zu verkündigen.
Paulus wusste, dass Gott nicht geehrt wird, wenn wir im Tal verweilen und endlos den Wert unerforschter Geheimnisse preisen. Gott wird geehrt, wenn wir seine Einladung annehmen, uns in seine unergründlichen Urteile und unausforschlichen Wege führen zu lassen – wenn wir die Autoren der Schrift wie trittsichere Sherpas im Himalaya der Offenbarung Gottes behandeln.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt von Anita Schröder.
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