Erweckung beginnt kleiner, als du denkst

Erweckung

Abraham Lincoln gestand einmal halb im Scherz: „Wenn ich einen Mann predigen höre, möchte ich, dass er sich so verhält, als würde er gegen Bienen kämpfen!“ Aufgewachsen bei Baptisten im ländlichen Mittleren Westen während der Zweiten Großen Erweckung, war Lincoln mit leidenschaftlicher Predigt wohlvertraut.

Nun, 170 Jahre später, stellen sich viele Erweckung noch immer so vor: einen lebhaften Redner, der von einer Bühne aus große Zuhörermengen fesselt und bekehrt. Doch ein erweckendes Wirken Gottes, ein Ausgießen des Heiligen Geistes, lässt sich nicht auf eine Kanzel oder ein Gotteshaus beschränken, und die Samen der Erweckung werden lange gesät, bevor Sünder von neuem geboren werden. Es gibt immer eine Erweckung vor der Erweckung: eine „Vor-Erweckung“.

Einige glauben, dass wir vielleicht genau eine solche Bewegung miterleben. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten zeigen junge Menschen ein erneuertes Interesse am Christentum. Viele Kirchen berichten von deutlich mehr Taufen. Seit Charlie Kirks Tod ist die Zahl verkaufter Bibeln stark angestiegen. Man könnte sagen, dass in evangelikalen Kreisen bereits über eine Erweckung gesprochen wird.

Andere jedoch behaupten, dass dieser Optimismus verfrüht und sogar fehl am Platz sei. Wie können wir beurteilen, ob diese Bewegung ein echtes Wirken des Geistes ist? Mit der Geschichte als unserem Führer sollten wir bei dem beginnen, was für jede geistliche Erweckung den Ausgangspunkt bildet: die örtliche Gemeinde.

Die ersten Regenschauer eines Ausgießens des Heiligen Geistes wirken weit weniger außergewöhnlich, als viele meinen. Historisch sind Erweckungen entstanden durch (1) eine Wiederentdeckung gesunder Evangeliumslehre, (2) das Lesen der Schrift, (3) die Übung des Gebets und (4) Gespräche unter Gottes Volk über Sünde und Erlösung.

In diesem Sinne ist Erweckung immer ein „überraschendes Werk“ (um Jonathan Edwards’ Formulierung zu verwenden), aber niemals ein spontanes Werk. Außergewöhnliche Werke Gottes in der örtlichen Gemeinde haben immer wieder – durch gewöhnliche Mittel – zu weitreichender Erweckung geführt.

Diese ersten Sprossen der Erweckung erlangen für gewöhnlich keine nationale Aufmerksamkeit und wirken auf das weltliche Auge vielleicht sogar unspektakulär, doch sind sie dennoch von übernatürlicher Kraft begleitet. Auf dem Dreh- und Angelpunkt evangeliumszentrierter Predigt beginnt die geistliche Erweckung traditionell im Gebetstreffen und im Bibelstudium – nicht beim Aufruf zur Bekehrung und ganz gewiss nicht an der Wahlurne.

Bibelkreise

Die Erweckung in Northampton, Massachusetts, unter der Predigt Edwards’ Ende 1734 wird typischerweise als Vorspiel zur Großen Erweckung angesehen, die durch George Whitefields Dienst entfacht wurde.

Nach Edwards entsprang die Erweckung in seiner Gemeinde nicht aus dem Nichts. Sein Großvater Solomon Stoddard erlebte im Laufe von 60 Jahren „fünf Ernten“ von Seelen in der Gemeinde, von denen für gewöhnlich keine in unseren Geschichtsbüchern auftaucht.

Diese „Ernten“ legten das Fundament für die berühmte Northampton-Erweckung. Zwar waren manche größer als andere, doch Edwards weist auf folgendes Muster hin: „In jeder von ihnen habe ich meinen Großvater sagen hören, dass der größte Teil der jungen Leute in der Stadt vor allem um ihre ewige Errettung besorgt zu sein schien.“ Dieses Bewegen junger Herzen sollte zu einem wiederkehrenden Thema in der Geschichte der Erweckungen werden – auch in der berühmten Yale-Erweckung von 1802, die von Edwards’ Enkel Timothy Dwight geleitet wurde.

Nach dem Tod einer jungen Frau in Northampton waren die jungen Leute „bewegt und betroffen“. Doch ein erschütternder Tod allein reichte nicht aus, um das Feuer der Erweckung zu entfachen. Erst als Edwards sie herausforderte, sich in kleine Bibelkreise aufzuteilen, entwickelte sich bei ihnen ein geistlicher Hunger.

Schon bald ahmten ältere Christen die Bibelkreise der jungen Erwachsenen nach. Edwards begann daraufhin, über die Lehre der Rechtfertigung durch den Glauben allein zu predigen, und „ihr Denken wurde umso eifriger darauf ausgerichtet, zu suchen, dass sie von Gott angenommen würden und auf dem Weg des Evangeliums errettet werden könnten.“ Nach dieser Zeit „begann der Geist Gottes außergewöhnlich einzusetzen und wunderbar unter ihnen zu wirken.“

Was in den nächsten Wochen folgte, war ein „eifriges Ergreifen der Mittel zum Heil: Lesen, Gebet, Meditation, die Ordnung im Hause Gottes und persönliche Gespräche.“ Der Bauplan für Erweckung unterschied sich nicht von dem Segen von der Erweckung selbst. Das geistliche Rinnsal war zu einem Strom der Hingabe an den Herrn geworden.

Sucht den Herrn im Gebet

Fürbitte spielte eine bedeutende Rolle in der Erweckung in Massachusetts – so wie später auch in den Großen Erweckungen und in der modernen Missionsbewegung.

In England im Jahr 1784, inspiriert durch Edwards’ An Humble Attempt und Schriftstellen wie Hesekiel 36:37, schlug John Sutcliff seinen baptistischen Mitbrüdern in Nottingham vor, sich zu monatlichen „Gebetstreffen zu versammeln, um den niedrigen Zustand der Religion zu beklagen und inständig eine Erweckung unserer Gemeinden und der allgemeinen Sache unseres Erlösers zu erflehen und zu diesem Zweck mit Gott um das Ausgießen seines Heiligen Geistes zu ringen.“

Bis zum Ende des Monats hatte Sutcliffs Gemeinde ein monatliches Gebetstreffen eingerichtet, das über Jahre hinweg fortbestand und in großem Maße zur Gründung der Baptistischen Missionsgesellschaft in Kettering im Jahr 1792 beitrug.

Zur gleichen Zeit trafen sich Pastoren im Nordwesten von Connecticut zu „Gebetskonferenzen“ und baten Gott um ein Ausgießen des Geistes an der Grenze. Die Konferenzen, zu denen manchmal auch eine theologische „Vorlesung“ gehörte, wurden schließlich von Laien in den örtlichen Gemeinden wöchentlich übernommen. Sie waren die hauptsächlichen Triebkräfte für einige der ersten Regenschauer der Zweiten Großen Erweckung – noch vor der Cane-Ridge-Erweckung von 1801.

Jahrzehnte später war Asahel Nettleton einer der bekanntesten Erweckungsprediger in Neuengland. Als ein entscheidender Gegner von Charles Finneys „neuen Maßnahmen“ glaubte Nettleton jedoch nicht daran, mittels Bühnenmanöver und „Anxious Benches“ (ritualisierte Gebetstechnik, die von christlichen Erweckungspredigern des 19. Jahrhunderts angewendet wurde) Bekehrte zu erzeugen.

Stattdessen setzte er auf einfache Evangeliumspredigt und private Gespräche über das Evangelium. Letztere, sogenannte „Meetings of Inquiry“, fanden oft im Haus des Pastors statt, um mit jungen Menschen zu beten und sie in ihrer Jüngerschaft und Aufnahme in die Gemeinde zu unterstützen. Nach Nettleton gibt es einen Unterschied zwischen der Verkündigung des Evangeliums und der Verkündigung einer Erweckung. „Ein wahres Werk der Gnade bedarf keiner Ankündigung“, erklärte er, denn es geschieht durch die Kraft des Geistes, nicht durch unsere eigene. Indem wir Erweckung verkündigen, ohne Christus zu verkündigen, untergraben wir das Werk des Herrn.

Wahre Erweckung zeichnet sich weniger durch mediale Aufmerksamkeit aus als durch die Beachtung der gewöhnlichen Mittel der Gnade. Indem wir gesunde Evangeliumslehre predigen, zum Lesen der Schrift zurückkehren, uns täglich dem Gebet widmen und beständige Gemeinschaften mit den Heiligen genießen, können wir sicher sein, dass eine Erweckung der besten Art kommen wird.


Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt von Lynn Wiebe. Mehr von The Gospel Coalition.

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