Erziehen mit Gerechtigkeit und Mitgefühl

Die Öffentlichkeit hat eine vielfältige Sammlung verschiedener Erziehungsstile. Einmal, als ich meine Kinder in den Spielbereich bugsierte – verborgen hinter einem Haufen an Kinderwagen, Babysittern und dem einen oder anderen Großvater – hörte ich zwei Mütter, die ihre aktuellen Kämpfe miteinander teilten.

Die erste Mutter beschrieb die neue Sticker-Liste ihrer kleinen Tochter: „Immer wenn sie auf mich hört, darf sie einen Stern in die Spalte „Zuhören“ kleben. Die anderen beiden Kategorien sind „Teilen“ und „Respekt“, für Dinge wie …“

Die zweite Mutter unterbrach sie: „Aber ist es wirklich eine gute Idee, erwartetes Verhalten mit Belohnungen zu verstärken? Ist es nicht besser, wenn Kinder lernen, sich auch ohne Preis richtig zu verhalten?“

„Nun ja, was gibt es denn für Alternativen?“, erwiderte die erste.

Ohne zu zögern, entgegnete die zweite: „Schreien.“

Hilfe für die Schreienden? 

Seit Generationen reagieren frustrierte Eltern auf aufsässige Kinder mit Schreien. Und genauso lange haben andere Eltern diese Wut gesehen und sind ins entgegengesetzte Extrem geschwungen. Heute bezeichnen viele das als „bedürfnisorientierte Erziehung“  (engl. gentle parenting). Früher gab es ähnliche Begriffe. Egal, wie man es nennt: Solche Eltern lehnen körperliche Züchtigung ab, haben Angst davor, „Nein“ zu sagen, und wollen vermeiden, ihren Kindern seelischen, emotionalen Schmerz zuzufügen. Und ich frage mich, wie viele gläubige Eltern heute aus Versehen zu solchen Eltern geworden sind.

Ob bei der Vorlesestunde oder in den sozialen Medien – wir hören von Vätern und Müttern, die ihre von Gott gegebene Autorität missbrauchen. Für solche Eltern bedeutet „Papa“ oder „Mama“ sein oft nicht mehr, als dass sie sich die Lizenz geben, kleine Menschen anzubrüllen – statt den Auftrag als Vorrecht zu verstehen, Kinder in Christus zu erziehen (Eph. 6:4). Vielleicht haben wir selbst, mitten in schlaflosen Nächten, schon geschrien, gestampft und dann vor Scham geweint – mehr als uns lieb ist. Vielleicht haben unsere eigenen Eltern ihre Macht so missbraucht, dass Begriffe wie „Autorität“ und „Zucht“ für uns eher nach einem notwendigen Übel klingen als nach einem gesegneten Auftrag. Wir schwören, die Vergangenheit nicht zu wiederholen. Um keinen Preis wollen wir so werden wie die unbeherrschte Mutter in der Bibliothek – eine Schreiende.

Philosophien wie „bedürfnisorientierte Erziehung“ treten dann auf den Plan und sagen: „Dabei kann ich helfen.“ Viele Vertreter und Ressourcen beginnen mit Fragen wie „Willst du aufhören, deine Kinder anzuschreien?“ oder „Bist du es leid, ständig wütend zu sein?“ Da die letzte Eskalation bei den meisten Eltern noch nicht lange zurückliegt, hören viele genau hin. Und ich verstehe das. Wir wissen heute zu viel über Gehirnentwicklung, Bindungstheorie und Kindheitstraumata – zu viel, um uns mit reizbarem Elternverhalten zufriedenzugeben. Ein mitfühlenderer Ansatz klingt genau nach dem, was moderne Eltern brauchen.

Aber ist „bedürfnisorientierte Erziehung“ (und seine Vorgänger und Nachfolger) letztlich das, was christliche Eltern wirklich brauchen? Ich bezweifle es. Natürlich können Gläubige manche Aspekte bejahen, etwa die Bemühung, das kindlichen, oft zarte „Gebilde“ (Ps 103:14) zu verstehen oder mit Blick auf langfristige Charakterbildung zu erziehen (Spr 22:6). Aber nur, weil ein Erziehungsstil unter einem christlich klingenden Banner daherkommt, heißt das nicht, dass wir seine Prinzipien unkritisch übernehmen sollten.

Also, ob du grade erst darüber nachdenkst, „bedürfnisorientierte Erziehung“ einzusetzen, oder ob du schon damit vertraut bist: Bedenke zwei Gründe, warum Christen leicht in unbiblische Aspekte dieser Ansätze hineinrutschen können.

1. Missbrauch hebt den rechten Gebrauch nicht auf

So oft wir von Eltern hören, die ihre Autorität missbrauchen, so schmerzhaft unsere Familiengeschichte ist, so sehr wir uns selbst schämen – abusus non tollit usum: Missbrauch hebt den rechten Gebrauch nicht auf. Wenn wir zu Recht vor der Sünde zurückschrecken und unsere Kinder vor ihren Folgen bewahren wollen, laufen wir Gefahr, die Verantwortung aus dem zweiten Teil von Eph 6:4 abzulehnen: „Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern zieht sie auf in der Zucht und Ermahnung des Herrn.“

Das griechische Wort für „Zucht“ (paideia) hat eine breite Bedeutung. In seiner ausführlichsten Verwendung im Neuen Testament (Hebr 12:4–11) umfasst es jedoch mehr als die positiven Elemente, die „bedürfnisorientierte Erziehung“ bejaht – wie Lehren, Vorbild sein und Anleiten. Eine biblische Erziehung wird den Schwerpunkt aufjedenfall auf positive Unterweisung legen. Aber die Anwesenheit von positiver Unterweisung bedeutet nicht die Abwesenheit von ernsten Warnungen und Konsequenzen. Die paideia in Hebräer 12 ist eine, die man „ertragen“ muss (V. 7), eine, die „für den Augenblick nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein scheint“ (V. 11).

Gott hat die Realität so geordnet, dass wahrer Charakter oft aus so einem schmerzhaften Ausharren erwächst (Röm 5:3-5). „Alle Züchtigung aber scheint uns für den Augenblick nicht zur Freude, sondern zur Traurigkeit zu dienen; danach aber gibt sie eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die durch sie geübt sind“ (Hebr 12:11). Natürlich können wir unsere Kinder durch die Art unserer Zucht zum Zorn reizen – durch unbeherrschte Worte, ungerechte Strafen oder unnötige Härte. Aber genauso kann ein Mangel an biblischer Zucht Kindern schaden. Ebenso wie wir hart in unserer Strenge sein können, können wir hart in unserer „Sanftheit“ sein – wenn diese unsere Kinder ungebremst auf Wegen der Dummheit, Sünde und Schande laufen lässt.

Wenn Zucht durch die Liebe der Eltern motiviert und getragen ist – durch wahre Sanftmut –, bedeutet Schmerz im Leben eines Kindes nicht automatisch Bitterkeit im Herzen. Der Hebräerbrief macht deutlich, dass Schmerz durch Gottes Gnade vielmehr Frieden hervorbringen kann.

2. Erziehung muss kein „Entweder-Oder“ sein

Unsere Erfahrungen, unsere Gesellschaft und manche unserer Freunde wollen uns oft weismachen, dass es im Wesentlichen nur zwei Optionen gibt: Entweder man erzieht mit Sanftheit und Gnade, oder mit Härte, vielleicht sogar auf schädliche Art und Weise. Entweder man zeigt Empathie und ermutigt, oder man befiehlt und fordert. Entweder man fördert eine gesunde, altersgemäße Entwicklung, oder man erzieht Kinder, die springen, sobald man „Spring!“ ruft. Wenn das wirklich die einzigen Optionen wären, wäre die Wahl klar: Einfühlsame Mentoren als Eltern sind besser als bloße autoritative Befehlsgeber.

Aber die Bibel – das wahrhaftigste, liebevollste und nützlichste Wort für Väter und Mütter (2Tim 3:16–17) – ist nicht an falschen Gegensätzen interessiert. Sie sagt in einem Atemzug: „Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn“ (Eph 6:4), und im nächsten: „Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn“ (Spr 13:24) – und widerspricht sich dabei nicht. „Das ganze Problem der Erziehung liegt zwischen diesen beiden Grenzen“, sagt Martyn Lloyd-Jones, „und beide finden sich in der Bibel“ (A Theology of the Family, S. 303). Er fährt fort:

„All unsere Probleme als Eltern entstehen daraus, dass wir ins eine oder andere Extrem verfallen. Das findet sich in der Schrift nie. Was die biblische Lehre immer und überall kennzeichnet, ist ihr vollkommenes Gleichgewicht, eine Gerechtigkeit, die nie versagt, die erstaunliche Weise, wie Gnade und Gesetz göttlich miteinander verbunden sind.“

Liebe Mamas und Papas, sehnen wir uns nicht danach, dieses Gleichgewicht der Schrift zu verkörpern – zwischen den Polen zu erziehen, Gnade und Gesetz göttlich zu verbinden und so unseren Kindern Gott und das Evangelium widerzuspiegeln? „Bedürfnisorientierte Erziehung“ ist nicht die einzige Option. Und auch nicht die beste, biblischste Option. Letztlich brauchen wir nicht ein modernes pädagogisches Denken, das von weltlichen Denkern entworfen wurde, sondern ein zeitloses Buch, geschrieben von einem Vater, der „den züchtigt, den er liebt“ (Hebr 12:5–6), und die Weisheit seines Geistes, um zu erkennen, wann und wie wir Gesetz anwenden und Gnade erweisen sollen.

Nur indem wir uns im ganzen Ratschluss dieses Gottes verwurzeln, können wir anfangen, in diesem Gleichgewicht zu erziehen. Wir müssen nicht bei jeder Diskussion über Gemüse oder bei jeder Auseinandersetzung um die Ausgangszeit denken: „Wie kann ich jetzt in jeder Geste, jedem Wort und jeder Handlung Gnade und Gesetz verkörpern?“ Das ist unmöglich! Das Ziel ist vielmehr, dass unsere Kinder eines Tages beim Auszug denken: „Papa und Mama haben mich so geliebt, wie Gott mich liebt. Sie waren nicht hart, aber auch nicht passiv. Der Gott, der mein Leben mit Gnade erfüllt und zugleich Gehorsam gebietet – dieser vollkommene Gott war in meinen unvollkommenen Eltern sichtbar.“

Eine Freundin sagte mir kürzlich: „Ich hätte lieber, dass mein Sohn später denkt, ich hätte ihn zu sehr geliebt, als dass ich ihn zu viel korrigiert hätte.“ Ich verstehe ihr Herz dabei. Aber ist es nicht möglich, dass unsere Kinder stattdesen denken: „Die Liebe meiner Eltern stand nie im Widerspruch zu ihrer Autorität und ihrer Korrektur?“ Wenn unsere polarisierte Welt uns vom Gegenteil überzeugen will, dann lasst uns zur Bibel zurückkehren und den Geist anflehen: „Hilf mir, sowohl mit Gerechtigkeit als auch mit Mitgefühl zu erziehen!“


Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
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