Die von Thorsten Dietz und Tobias Faix entwickelte „transformative Sexualethik“, vorgestellt im Buch „Transformative Ethik. Wege zur Liebe„, stößt auf scharfe Kritik. In einem umfangreichen wissenschaftlichen Beitrag analysiert der Neutestamentler Prof. Dr. Armin D. Baum das Konzept detailliert und kommt zu dem Schluss, dass zentrale ethische Positionen auf fehlerhaften historischen Annahmen und einem deutlich veränderten Schriftverständnis beruhen.
Meines Erachtens ist es den Autoren in „Weg der Liebe“ an vielen Stellen nicht gelungen, die wissenschaftlichen Sachverhalte, die sie zugunsten
Prof. Dr. Armin D. Baum
ihrer ethischen Argumentation anführen, korrekt darzustellen, und die umfangreiche Evidenz, die gegen ihre Behauptungen spricht, zu berücksichtigen
1. Grundansatz der transformativen Sexualethik
Dietz und Faix verstehen ihre Sexualethik ausdrücklich als „transformativ“. Sie wollen nicht lediglich einzelne Fehlentwicklungen klassischer christlicher Sexualethik korrigieren, sondern diese insgesamt durch einen neuen Ansatz überwinden (Dietz/Faix, S. 25–26). Methodisch arbeiten sie mit der Metapher von „Karte und Gebiet“: Die Bibel fungiert als „Karte“, die heutige Lebenswirklichkeit als „Gebiet“. Da sich das „Gebiet“ in den vergangenen 2000 Jahren massiv verändert habe, stimme die alte Karte häufig nicht mehr mit der Realität überein (Dietz/Faix, S. 24–25).
Baum erkennt an, dass ethische Urteilsbildung historische und kulturelle Kontexte berücksichtigen müsse. Er kritisiert jedoch, dass Dietz und Faix aus dieser Einsicht den weitreichenden Schluss ziehen, biblische anthropologische Grundaussagen seien teilweise überholt und müssten korrigiert oder ersetzt werden (Baum, S. 256–257).
2. Fehlerhafte Annahmen zur sexuellen Orientierung
Ein zentrales Beispiel für Baum ist die These, das Konzept sexueller Orientierung sei der Antike unbekannt gewesen. Dietz und Faix behaupten, erst seit dem 19. Jahrhundert wisse man, dass es Menschen gebe, die „konstitutiv veranlagt sind, nur in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung sexuelle Anziehung und Liebe finden zu können“ (S. 224–225). Daraus folgern sie, biblische Aussagen – etwa in Römer 1 – könnten heute nicht mehr direkt angewandt werden (S. 234).
Baum widerspricht dieser Darstellung entschieden. Er verweist auf zahlreiche antike Quellen aus Philosophie, Medizin und Astrologie, die von angeborenen sexuellen Präferenzen sprechen. Autoren wie Platon, Aristoteles oder Soranos von Ephesus hätten Homosexualität ausdrücklich als natürliche oder konstitutionelle Anlage beschrieben. Die These einer erst neuzeitlichen „Entdeckung“ homosexueller Orientierung sei daher historisch widerlegt (S. 257–261). Da Dietz und Faix diese Forschungslage ignorierten, beruhten ihre ethischen Schlussfolgerungen auf einer unhaltbaren Voraussetzung.
3. Fehlurteile zur Lebensform „Single“
Ein weiteres Beispiel sieht Baum in der Darstellung der Lebensform „Single“. Dietz und Faix schreiben, Singles im heutigen Sinne habe es in vormodernen Gesellschaften nicht gegeben; Einpersonenhaushalte seien erst in der Neuzeit akzeptiert worden (S. 361).
Baum hält dem entgegen, dass antike Quellen – insbesondere römische Zensuspapyri aus Ägypten – zeigen, dass rund 16 Prozent der Haushalte aus Alleinstehenden bestanden. Zudem lebten zentrale Figuren des Neuen Testaments wie Jesus von Nazareth und der Apostel Paulus ehelos. Die Behauptung, das Singlesein sei eine rein moderne Lebensform, werde der historischen Realität nicht gerecht (S. 261–262).
4. Biologische Zweigeschlechtlichkeit
Besonders scharf kritisiert Baum die Ablehnung der biologischen Zweigeschlechtlichkeit. Dietz und Faix bezeichnen diese als neuzeitliches „Superdogma“ und behaupten, eine binäre Geschlechterordnung sei weder biblisch noch in der antiken Naturrechtsethik verankert (S. 120; 172).
Baum weist anhand antiker Texte nach, dass Philosophen und Ärzte wie Platon, Aristoteles, Soranos oder Galen Männer und Frauen eindeutig anhand biologischer Merkmale unterschieden und von genau zwei Geschlechtern ausgingen. Die gegenteilige Darstellung bei Dietz und Faix sei historisch falsch und könne nicht als Argument gegen eine biblisch begründete Zweigeschlechtlichkeit dienen (S. 264–265).
5. Komplementarität von Mann und Frau
Auch die These, die Idee einer komplementären Wesensverschiedenheit von Mann und Frau sei erst in der Moderne entstanden, weist Baum zurück. Dietz und Faix verorten dieses Denken in der Romantik des 18. und 19. Jahrhunderts (S. 113; 126).
Baum verweist dagegen auf antike Autoren wie Xenophon, die bereits von unterschiedlichen natürlichen Anlagen von Männern und Frauen ausgingen und diese Unterschiede als Grundlage ihrer gegenseitigen Ergänzung beschrieben. Das Konzept der Komplementarität habe eine rund 2500-jährige Geschichte und sei auch zur Zeit der Bibel bekannt gewesen (S. 266).
6. Umgang mit biblischen Texten
Über die historischen Fragen hinaus kritisiert Baum den Umgang von Dietz und Faix mit der Bibel. Zwar betonen die Autoren, eine „biblische Liebesethik“ vertreten zu wollen (Dietz/Faix, S. 27; 86), doch zentrale Texte würden selektiv relativiert.
So würden die Schöpfungserzählungen zwar hinsichtlich der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen ernst genommen, Aussagen zu „Mann und Frau“ sowie zur Fortpflanzung jedoch ausgeblendet oder neu interpretiert (Dietz/Faix, S. 61; 157). Aussagen des Paulus zu Prostitution (1 Kor 6,12–20) oder Ehescheidung (1 Kor 7) sowie die Lehre Jesu zu Ehebruch und Scheidung (Mt 5,27–32) verlören ihren normativen Charakter, wenn sie den ethischen Zielsetzungen widersprächen (Baum, S. 249; 338–341).
7. Gesamturteil
In seinem Fazit kommt Baum zu einem klaren Ergebnis: Die transformative Sexualethik von Dietz und Faix habe zentrale anthropologische und ethische Überzeugungen der klassischen christlichen Ethik aufgegeben. Sie sei nicht mehr evangelikal, sondern als postevangelikal einzuordnen (S. 272).
Besonders schwer wiege, dass viele ethische Argumente auf fehlerhaften historischen und wissenschaftlichen Annahmen beruhten. Wenn die behaupteten „Gebietsveränderungen“ gar nicht stattgefunden hätten, verliere auch die Metapher von der überholten „Karte“ ihre Überzeugungskraft. Damit fehle dem Ansatz sowohl das wissenschaftliche als auch das biblische Fundament.
Eine entscheidende Schwäche der transformativen Sexualethik besteht in der Fehlerhaftigkeit vieler wissenschaftlicher Behauptungen, besonders der altertumswissenschaftlichen Aussagen zur sexuellen Orientierung, zur Zweigeschlechtlichkeit und zu den relativen Unterschieden zwischen Mann und Frau im antiken Denken. Kleinere Versehen kommen in vielen wissenschaftlichen Publikationen vor, aber so zahlreiche Fehlinformationen wie in diesem
Prof. Dr. Armin D. Baum
Buch sind in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung nicht nur ungewöhnlich, sondern sie stellen ein ernsthaftes Problem dar.
Fußnote:
Buchcover von Transformative Ethik. Wege zur Liebe (2025) von Thorsten Dietz und Tobias Faix, © Neukirchener Verlag. Verwendung zur Berichterstattung über das Buch.
















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