Stell dir vor, du steigst gerade in dein Auto ein, nachdem du an einer Mitgliederversammlung teilgenommen hast, in der die Gemeinde ein Mitglied unter Gemeindezucht gestellt hat. Du starrst in die Ferne und denkst: „Hätte ich irgendetwas tun können, um das zu verhindern?“ In den meisten Fällen von Gemeindeausschluss tragen mehrere Faktoren im Leben der betreffenden Person zu diesem herzzerreißenden letzten Schritt bei. Höchstwahrscheinlich haben sich viele dieser Faktoren unbemerkt und vermutlich über einen langen Zeitraum hinweg entwickelt. Selbst die Person, die unter Zucht gestellt wird, kann vielleicht in einem Moment ehrlicher Reflexion nicht genau sagen, wann oder wie sich das Muster der Sünde zu entwickeln begann.
Aber stell dir vor, es gäbe Warnsignale, die man beobachten könnte. Was könnte ein Gemeindemitglied tun, um der Situation vielleicht zuvorzukommen und einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, Gemeindezucht von vornherein zu verhindern?
Eine oft übersehene Möglichkeit, einen Unterschied zu machen, besteht darin, weise auszuwählen, wo man in der Kirche sitzt.
Wenn wir sonntags in den Gottesdienst kommen und die verfügbaren Sitzmöglichkeiten überblicken, suchen wir vielleicht nach dem Platz, an dem unsere Freunde sitzen. Oder nach dem, wo die Person, die uns nervt, nicht sitzt. Oder dem Platz, der am nächsten zur Tür ist. Oder einfach dem, an dem wir so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf uns ziehen.
Aber was wäre, wenn wir nach den Menschen Ausschau hielten, die allein sitzen? Oder nach denen, die nicht in die Gemeinschaft eingebunden zu sein scheinen? Vielleicht gibst du jemandem dadurch das Gefühl, geliebt zu sein, ein Gefühl, das ihn davor bewahren könnte, bestimmten Versuchungen nachzugeben.
Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass es mit der Zeit einen erheblichen geistlichen Unterschied machen kann, ob man sich zu jemandem setzt oder ihn allein lässt. Umgekehrt könnte das ständige Alleinlassen jemanden denken lassen: „Niemand sieht mich. Niemand kümmert sich. Ich bin hier fertig.“ Vielleicht entwickelt sich dadurch ein Muster der Sünde, welches sich vertieft und schließlich zu Gemeindezucht führt. Wo du sitzt, hat Konsequenzen.
Es gibt mindestens drei Wege, wie du Gemeindemitglieder segnen kannst, indem du deinen Sitzplatz weise wählst.
1. Der Dienst des Redens
Hebräer 10:25 sagt uns, dass einer der Vorteile, die Gottesdienste nicht zu versäumen, zur Folge hat, dass wir dadurch andere ermutigen können. Jede Woche sitzen wir mit Christen zusammen, die vom Leben gezeichnet und erschöpft sind. Da sind junge Eltern, die vielleicht etwas verlegen sind, weil sie versuchen, ihre Kinder davon abzuhalten, überall auf dem Boden Wachsmalstifte zu verteilen. Da sind Studenten fern von Zuhause, die sich in der schwierigsten Phase ihres Lebens befinden. Was ist mit frisch verwitweten Männern oder Frauen? Sie waren es gewohnt, dreißig, vierzig oder gar fünfzig Jahre lang jeden Sonntag neben ihrem Ehepartner zu sitzen. Jetzt ist ihr Ehepartner nicht mehr da. Glaubst du, dass es für ihre Seele eine bedeutende Wirkung haben könnte, wenn du dich neben sie setzt? Oder könnte es ihnen geistlich schaden, wenn du dich bewusst nicht neben sie setzt?
Ich möchte dich ermutigen, deiner Gemeinde zu dienen, indem du dir bewusst aussuchst, wo du sitzt, mit wem du vor und nach dem Gottesdienst sprichst, wie lange du danach bleibst und welche Art von Fragen du anderen stellst. Gott ruft uns dazu auf, unserer Gemeinde nicht nur durch öffentliche Teilnahme am Gottesdienst, das Leiten einer Kleingruppe oder das Unterrichten einer Klasse zu dienen, sondern durch die Fürsorge für unsere Mitchristen.
Um deiner Gemeinde gewinnbringend zu dienen, brauchst du keinen offiziellen Titel wie Diakon oder Sonntagsschullehrer. Du brauchst auch keinen Auftrag wie das Einsammeln der Kollekte oder das Austeilen der Programme. Wenn du ein Christ bist und Gottes Wort in deinem Herzen trägst, kannst du einen positiven Unterschied im geistlichen Leben anderer machen. Paulus sagt dies auch zur Gemeinde in Rom: „Ich selbst habe im Hinblick auf euch, meine Brüder, die feste Überzeugung, dass auch ihr voll Güte seid, erfüllt mit aller Erkenntnis und fähig, einander zu ermahnen“ (Römer 15:14).
Während du neben jemandem sitzt, kannst du ihm gute Fragen stellen, etwa: „Wie kann ich für dich beten? Was ist dir im Predigttext besonders aufgefallen? Wie hat der Herr dich in der Gemeinde oder zu Hause ermutigt?“ Wenn du die Person besser kennst, kannst du persönlichere Fragen stellen wie: „Wie geht es deiner Seele? Wie steht es zwischen dir und deiner Frau in letzter Zeit? Wie geht es dir im Kampf gegen die Sünde, wenn du allein zu Hause oder auf Reisen bist?“ Stelle schwierige Fragen, solange das Herz eines Menschen noch weich genug ist, um sich mit den Heiligen zu versammeln.
2. Der Dienst des Singens
Eine weitere Möglichkeit, Gemeindezucht zu verhindern, besteht darin, bewusst zu singen. Singe so, dass die Menschen um dich herum merken, dass du da bist. Indem du begeistert singst, dienst du den Menschen um dich herum. Du „lehrst und ermahnst“ deine Gemeinde (Kolosser 3:16). Du hilfst jemandem, sich verbunden, geliebt und durch die Wahrheit genährt zu fühlen. Du zeigst, dass Jesus besser ist als die Vergnügungen der Sünde.
Du wurdest genau zu diesem Zweck gerettet; zu guten Werken (Epheser 2:10). Eines dieser guten Werke besteht darin, sich mit ganzem Herzen am Gottesdienst zu beteiligen. Vielleicht ermutigst du dadurch ein Schaf, das versucht ist, vom Weg abzukommen, so sehr, dass dadurch mögliche Gemeindezucht in der Zukunft verhindert wird.
3. Der Dienst des Sehens
Während du in einem sorgfältig gewählten Platz sitzt und dich aktiv am Gottesdienst beteiligst, halte einen Moment inne und frage dich: „Gibt es jemanden, der oft in diesem Bereich des Raumes sitzt und schon eine Weile nicht hier war?“ Wenn jemand in den letzten drei Wochen nicht in der Kirche war, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass er oder sie in Schwierigkeiten steckt? Und was ist, wenn die Person schon seit drei Monaten fehlt? Wahrscheinlich würdest du das gar nicht bemerken, es sei denn, du wählst deinen Platz bewusst danach aus, wie du anderen am besten dienen kannst.
Zwei Strategien könnten sich als nützlich erweisen, um zu entscheiden, wo man sitzt. Erstens könntest du jede Woche in einem anderen Bereich des Versammlungsraumes sitzen. Der Ortswechsel hilft dir, zu erkennen, wer normalerweise wo sitzt, und ermöglicht es dir, dich in verschiedene Menschen zu investieren, als wenn du jede Woche nur in der hinteren rechten Ecke sitzen würdest. Wenn du ein Gefühl dafür bekommst, wer wo sitzt, wirst du leichter erkennen, wer regelmäßig allein ist, und kannst helfen, indem du dich zu ihnen setzt.
Zweitens könntest du entscheiden, jede Woche im gleichen Bereich des Versammlungsraumes zu sitzen. Während die erste Strategie den Dienst an den Alleinstehenden erleichtert, ermöglicht dir die zweite Strategie, dich um die Abwesenden zu kümmern. Menschen sind schließlich oft Gewohnheitstiere. Wenn du denselben Bereich Woche für Woche beobachtest, wirst du merken, wenn jemand fehlt. Sobald du bemerkst, dass jemand kürzlich nicht da war, ruf die Person an, schick eine Nachricht oder schreibe eine handschriftliche Notiz. Frag, wie es ihr geht, ob du in irgendeiner Weise für sie beten kannst und ob ihr euch vielleicht auf einen Kaffee oder zum Mittagessen treffen könnt, um einfach zu plaudern. Auf diese Weise könntest du mögliche zukünftige Gemeindezucht verhindern.
Rette den Abgeirrten
Vielleicht hast du das Video von einer Gruppe von Schildkröten gesehen, die ruhig schwimmen, doch in der Mitte der Gruppe sorgt eine Schildkröte für Aufsehen. Sie dreht sich im Kreis und erzeugt Wellen in einem ansonsten stillen Gewässer. Das liegt daran, dass sie auf dem Rücken liegt und scheinbar nichts dagegen tun kann. Glücklicherweise reagieren etwa ein Dutzend anderer Schildkröten auf den dringenden Hilferuf. Sie kreisen um sie, schieben sich unter sie und drehen sie wieder auf die Füße, sodass sie ihr Leben fortsetzen kann. Tatsächlich retten die anderen Schildkröten dadurch sehr wahrscheinlich ihr Leben.
Diese lebensrettenden Schildkröten sind ein Bild dafür, was es bedeutet, der Gemeinde zu dienen. Als Gott die Schildkröten erschuf, gab er ihnen die Fähigkeit, instinktiv zu erkennen, wann und wie sie anderen Schildkröten in Not helfen können. Als Gott die Gemeinde erschuf, tat er dies auf eine Weise, die Christen dazu zwingt, für ihr geistliches Wohl voneinander abhängig zu sein.
Mit anderen Worten: Vielleicht gibt es eine „auf dem Rücken liegende Schildkröte“ in deiner Gemeinde, und du kannst einer derjenigen sein, die ihr helfen, wieder auf die Beine zu kommen. Du kannst ihnen helfen, sich neu an der Wahrheit auszurichten, Buße zu tun und die verwandelnde Gnade Christi zu empfangen (vgl. Jak 5:19–20). Du kannst mit Sicherheit davon ausgehen, dass jedes Mal, wenn du deine Gemeinde betrittst, Schildkröten da sind, die Hilfe brauchen, sich wieder auf die richtige Seite zu drehen. Ich würde mal behaupten, dass du eine solche Schildkröte finden könntest, indem du bewusst wählst, wo du dich hinsetzt.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei 9marks. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt von Ronny Käthler.
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