Gemeinsam beten: Eine unsichtbare, aber lebenswichtige Aufgabe

Ich liebe Aufgaben mit sichtbarem Ergebnis. Zeig mir einen verschmierten Badezimmer­spiegel, einen mit Papieren überhäuften Schreibtisch oder ein von Unkraut überwuchertes Blumenbeet, und ich lege sofort los. Mit zehn Minuten Einsatz kann ich Schmutz in Glanz und Chaos in Ordnung verwandeln. Das fühlt sich großartig an.

Die Aufgaben, die ich nicht liebe, sind die wiederkehrenden und beinahe unsichtbaren. Ein Abendessen zu kochen, das meine drei Söhne wortlos verschlingen, nur damit sie schnell wieder Körbe werfen können? Eher nicht. Zum vierten Mal in dieser Woche beim Arzt anzurufen, um unsere gordischen Gesundheits­versicherungs­fragen zu entwirren? Nein danke.

Wir mögen das Sichtbare

Ein Klick auf den „Dienste“-Reiter vieler Gemeindewebseiten zeigt, dass wir in unserem gemeinschaftlichen Leben oft einen ähnlichen Hang haben. Wir heben unsere Jüngerschaftsgruppen, Krisen­beratung, Außenarbeit der Gemeinde, Jugenddienste, Bibelkreise und Fürsorge in der Gemeinde hervor. Unsere Fotos zeigen Menschen, die singen und Instrumente spielen, Menschen mit Kaffeetassen und offenen Bibeln, Menschen, die Schubkarren und Kettensägen bedienen. Als Gemeinde mögen wir das Sichtbare.

Vielleicht liegt es auch daran, dass gemeinsames Beten selten als Überschrift in unserem Veranstaltungskalender steht. Das gemeinsame Gebet – sei es im Gottesdienst oder in einer Zusammenkunft unter der Woche – bietet nicht viel fürs Auge. Wir kommen zusammen. Wir neigen unsere Köpfe. Wir bitten Gott um tägliche Bedürfnisse und um Erfolg des Evangeliums. Dann tun wir es wieder. Woche für Woche, Jahr für Jahr bringen dieselben Menschen dieselben Anliegen auf dieselbe Weise zu demselben Gott. Das führt nicht immer zu offensichtlichen Ergebnissen.

Aber es ist eines der wichtigsten Dinge, die die Gemeinde tut.

Beten für Gedeihen

Um meine Begeisterung für diese alltäglichen Punkte auf meiner To-Do-Liste zu entfachen, muss ich mich daran erinnern, dass sie tatsächlich wertvoll sind. Wenn meine Kinder nicht essen, werden sie nicht gedeihen. Wenn ich nicht wiederholt anrufe, muss ich eine überhöhte Rechnung bezahlen. Ebenso muss sich die Gemeinde daran erinnern, dass die schwierige, unsichtbare und gegenkulturelle Aufgabe des gemeinsamen Gebets die Arbeit ist, die alles andere trägt, was wir tun. Wenn wir nicht beten, werden wir nicht gedeihen.

Was noch wichtiger ist: Wenn wir uns zum Gebet versammeln, bekennen wir drei wesentliche Dinge über die Gemeinde, die wir sonst leicht vergessen: dass wir völlig von unserem Gott abhängig sind, dass wir jedes Glied des Leibes brauchen und dass wir einen geistlichen Auftrag haben.

Erstens: Die betende Gemeinde ist eine Gemeinde, die ihre Abhängigkeit von Gott eingesteht

Bei unseren anderen Aktivitäten können wir leicht der Versuchung erliegen zu glauben, der Erfolg hänge von uns ab. Wenn wir genug Jugendfreizeiten veranstalten, unsere Lieder kräftig genug singen oder genug Rasen für unsere Nachbarn mähen, dann wird sich unsere Gemeinde sicher entwickeln. Wenn wir genug Menschen einladen, genug Menschen schulen, genug Menschen mobilisieren, dann werden wir in unserer Gemeinde sicher Ergebnisse sehen. Diese Dinge mögen gut sein. Aber wenn wir zusammenkommen, um zu beten, erinnert es uns daran, dass das Gedeihen von Christi Gemeinde letztlich nicht von uns abhängt. Im Gebet strecken wir demütig das aus, was Thomas Manton die „leere Hand der Seele, die alles von Gott erwartet“ nannte.

Wir nehmen uns die Glieder der frühen Gemeinde zum Vorbild, die sich „beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und in den Gebeten“ hielten (Apg 2:42). Sie beteten gemeinsam, wenn sie miteinander aßen (Apg 2:46), und wenn sie fasteten (Apg 13:2–3). Sie beteten gemeinsam, wenn sie mit Verfolgung bedroht wurden (Apg 4:23–31), und wenn sie neue Älteste einsetzten (Apg 14:23). Sie beteten gemeinsam in den formellen Gottesdiensten im Tempel (Apg 3:1) und bei Gebetstreffen am Flussufer (Apg 16:13, 16).

Diese ersten Christen standen vor einer gewaltigen Aufgabenlast: das Evangelium verkünden, Jünger machen, Gemeinden gründen und Witwen versorgen. Indem sie dem gemeinsamen Gebet Vorrang gaben, bekannten sie ihre letztliche Schwachheit und fanden ihre unfehlbare Hilfe bei Gott.

Zweitens: Die betende Gemeinde bekräftigt den Wert jedes Gliedes des Leibes

Traurigerweise handeln wir manchmal so, als wären die wertvollsten Personen der Gemeinde diejenigen, deren Beiträge am sichtbarsten sind. Verantwortliche für die Organisation von Gemeindeprogrammen und Projektleiter scheinen bisweilen wichtiger zu sein als betagte Witwen oder Kinder mit Behinderungen. Doch im gemeinsamen Gebet gibt es keine angesehenen Persönlichkeiten. Im gemeinsamen Gebet begrüßen wir den Lobpreis der Kinder, der den Satan zum Schweigen bringt (Ps 8:2), und wir ehren die mühevolle Arbeit eines Gliedes, das für die anderen betet (Kol 4:12–13). Wir versammeln uns zum Gebet als kraftvolle Erfüllung der uralten Verheißung Jesajas: „Denn mein Haus soll ein Bethaus für alle Völker genannt werden“ (Jes 56:7). Wir kommen zusammen, um unsere Gebete zu denen aller Heiligen in den großen Schalen vor dem himmlischen Thron hinzuzufügen (Offb 5:8).

Geh an einem beliebigen Mittwochabend zu irgendeinem Gebetstreffen einer Gemeinde, und du wirst eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Menschen finden. Dort – Männer und Frauen, Reiche und Arme, Alte und Junge – bekennen alle ihre gemeinsame Identität (Gal 3:28) und haben Gemeinschaft mit ihrem Gott. Der ehemalige Götzendiener, der ehemalige Homosexuelle, der ehemalige Dieb, der ehemalige Lästerer (1 Kor 6:9–11) – alle, die durch das Blut gewaschen wurden – treten gemeinsam mit Freimut vor den Thron Gottes (Hebr 4:6, 10:19). Die Schwächeren und die Stärkeren, die weniger Geehrten und die Ehrbareren, die Unansehnlichen und die Ansehnlicheren (1 Kor 12:22–26) helfen einander durch Gebet. Niemand ist ausgeschlossen, niemand übersehen, niemand für entbehrlich erklärt.

Schließlich richtet die betende Gemeinde ihren Blick neu auf ihren zentralen, geistlichen Auftrag

Es gibt einen Grund dafür, dass gemeinsames Beten von außen betrachtet unspektakulär wirkt und wir es immer und immer wieder tun, obwohl wir die Ergebnisse nicht genau messen können. Es gibt einen Grund dafür, dass wir es mit geschlossenen Augen und geneigtem Haupt tun.

Der Grund ist einfach: Gebet ist geistlich. Es ist die geistliche Waffe der Gemeinde in einem geistlichen Kampf (Eph 6:10–20). Es ist ein geistliches Werkzeug, das uns in unserer geistlichen Aufgabe hilft (2 Kor 1:11), und es ist unser geistliches Flehen um den Geist selbst (Lk 11:13).

Das Leben und der Dienst einer Gemeinde spielen sich nicht nur auf der sichtbaren Ebene von Fleisch und Blut, Gebäuden und Gruppen, Veranstaltungen und Ausschusssitzungen ab. Das wichtigste Werk der Gemeinde geschieht an unsichtbaren Orten – und deshalb beten wir.

Wir beten gemeinsam, dass der Name Gottes in der Welt erfolgreich verkündet wird (Joh. 17:23–26), dass Arbeiter für das Evangelium ausgesandt werden (Matth. 9:38), dass Menschen gerettet und der Gemeinde hinzugefügt werden (Apg. 2:47), dass seine Heiligen geeint werden (Ps. 133). Wir beten gemeinsam, dass Gott seine Gemeinde baut und das Reich Satans besiegt (Matth. 16:18), Mitglieder in den örtlichen Gemeinden nach seinem Willen einsetzt (1 Kor. 12:18), seinem Volk Weisheit schenkt (Matth. 21:15, Jak. 1:5), die Sicherheit seiner Heiligen gewährleistet (Joh. 6:37) und uns schließlich dazu bringt, mit ihm zusammen zu leben (Joh. 14:3).

Auch wenn unser gemeinsames Beten manchmal fruchtlos und unbedeutend zu sein scheint, versichert uns die Bibel, dass die Ergebnisse eines Tages sichtbar werden. In der Offenbarung 8 zieht Johannes den Vorhang des Himmels zurück, und wir sehen unsere gesammelten Gebete, vermischt mit dem Feuer Gottes; sie werden auf die Erde geworfen mit den spektakulärsten Folgen: „und es geschahen Stimmen und Donner und Blitze und ein Erdbeben“ (Offb. 8:5).

Brüder und Schwestern, lasst uns gemeinsam beten.


Dieser Beitrag erschien zuerst bei 9marks. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt von Lynn Wiebe.
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