Gesucht: Beidhändige Apologeten

Meine Frau zog sich im vergangenen Jahr an der rechten Hand einen Bänderriss zu. Dadurch musste sie über Wochen hinweg zwei ihrer Finger mit engen schwarzen Bändern stabilisieren, was die volle Nutzung ihrer Hand unmöglich machte. Schon banale Handgriffe – etwa Gemüse schneiden oder etwas anheben – zwangen sie, auf ihre ungeübte linke Hand auszuweichen, die für solche Bewegungen kaum geübt war. Immer wieder machte sich Frustration breit, wenn ihre gewohnten Abläufe nicht mehr funktionierten – sie musste lernen, sich ganz neu auf ihre linke Hand zu verlassen.

Eine ähnliche Frustration beobachte ich derzeit bei vielen Pastoren, Evangelisten und Apologeten. Kulturelle Veränderungen zwingen uns, die „Hand zu wechseln“ – wir können uns nicht mehr einfach auf die Strategien und Methoden verlassen, mit denen wir in der Vergangenheit mit Nichtchristen ins Gespräch kamen. Die Bandbreite an Fragen und Einwänden gegenüber dem christlichen Glauben ist in den letzten zwanzig Jahren erheblich gewachsen.

Zwei Gespräche, zwei Richtungen

Vor Kurzem sprach ich mit einem Freund in Deutschland – einem Gemeindegründer, der versucht, eine Gemeinschaft zu erreichen, in der zunehmend säkular geprägte Deutsche neben Einwanderern aus dem Nahen Osten, Indien und Asien leben.

Für ihn ist es nichts Ungewöhnliches, morgens mit einem säkular geprägten Gesprächspartner am Tisch zu sitzen, der die Sexualethik der Bibel ablehnt. Dann muss er erklären, warum die biblische Lehre über Sexualität und Identität weder willkürlich noch hasserfüllt ist, sondern letztlich gut und schön. Schon am Nachmittag kann er sich mit einem Ex-Muslim treffen, der das genaue Gegenteil einwendet: Er stößt sich daran, dass das Christentum alle Arten von Sündern – besonders LGBT+-Personen – einlädt. In diesem Moment muss der Pastor deutlich machen, dass alle Menschen – auch sexuelle Sünder – im Ebenbild Gottes geschaffen sind und durch Buße und Glauben in die Familie Gottes aufgenommen werden können.

Ein einziger Tag – zwei Gespräche. Am Morgen muss das christliche Verständnis von Sexualität gegen den Vorwurf der Lieblosigkeit verteidigt werden. Am Nachmittag gilt es, das evangeliumszentrierte Angebot von Gnade gegen den Vorwurf der Beliebigkeit zu verteidigen.

Genau das meine ich mit „beidhändiger Apologetik“. Wir brauchen Pastoren und Evangelisten, die flexibel zwischen gegensätzlichen Einwänden hin und her wechseln können – die fähig sind, auf Herausforderungen von allen Seiten mit geistlicher Klarheit und geistlicher Beweglichkeit zu reagieren.

Der Aufstieg der intuitiven Religion

Vor einigen Jahren schrieb ich ein kleines Buch für Pastoren mit dem Titel The Multi-Directional Leader („Der multidirektionale Leiter“), in dem ich dazu ermutige, geistliche Beweglichkeit und Disziplin zu entwickeln – falsche Gegensätze zu durchschauen und stattdessen eine treue Vielseitigkeit im Dienst zu kultivieren. Multidirektionale Leitung bedeutet, mit Weisheit auf Herausforderungen aus unterschiedlichen Richtungen reagieren zu lernen – besser und wirksamer.

Wenn man diesen Ansatz auf das Feld der Apologetik überträgt, wird deutlich: Pastoren müssen darauf vorbereitet sein, Gespräche mit ganz unterschiedlichen Fragenden zu führen. Die Zeiten, in denen man davon ausgehen konnte, dass ein „typischer“ Nichtchrist mit einem einigermaßen vertrauten Set an Einwänden kam, sind vorbei. Solche Verallgemeinerungen mögen in kulturell homogenen Gegenden noch zutreffen – wenn du zum Beispiel in Utah missionierst, wirst du es in der Regel mit Mormonen in verschiedenen Ausprägungen zu tun haben. Aber die meisten Städte heute gleichen eher einem Flickenteppich an Weltanschauungen. Ein anderer Freund, der ebenfalls Gemeindegründung betreibt, berichtet mir regelmäßig von Menschen, denen er begegnet – von überzeugten Materialisten, die nur an die sichtbare Welt glauben, bis hin zu spirituellen Suchern, die mit allem experimentieren: von bewusstseinserweiternden Pilzen bis hin zu Meditation.

Charles Taylor beschreibt dieses Phänomen als den „Nova-Effekt“ – eine regelrechte Explosion von Möglichkeiten des Glaubens und der Sinnsuche in einem säkularen Zeitalter. Es geht nicht mehr nur um diesen oder jenen Standpunkt, sondern um die Wahl zwischen dem und dem und dem und dem – eine Vielzahl von Glaubensrichtungen und Praktiken, viele davon in irgendeiner Weise „neu gemischt“. Die Kulturbeobachterin Tara Isabella Burton hat diese Entwicklung gut dokumentiert: den Wandel von „institutioneller“ Religion hin zu „intuitiven“ Glaubensformen. Sie spricht von einem Aufstieg der intuitiven Religion – einer Art spirituellem Remix, bei dem unterschiedliche Elemente neu kombiniert und angepasst werden.

Diese Strömungen machen auch vor der Gemeinde nicht Halt. Sie geschehen innerhalb deiner eigenen Reihen. Intuitive Religiosität vermischt sich mit institutioneller Zugehörigkeit. Es ist längst nicht ungewöhnlich, dass Menschen Elemente unterschiedlicher spiritueller und religiöser Strömungen kombinieren, um sich eine eigene Identität zusammenzubasteln – die zufällig auch regelmäßigen Gottesdienstbesuch einschließt.

Mach dich also darauf gefasst, auf ganz unterschiedliche Anliegen zu reagieren. Vielleicht kommst du gerade aus einem Gespräch mit einer jungen Frau, die entsetzt ist über den allgegenwärtigen Sexismus in der Welt und deshalb die biblische Lehre zu Mann und Frau infrage stellt – und gehst direkt weiter in ein Treffen mit einem jungen Mann, der insgeheim die provokante Männlichkeitsrhetorik eines selbsternannten Frauenfeindes wie Andrew Tate bewundert.

Vielleicht sprichst du mit einem älteren Christen, der sich fragt, ob das Christentum durch den kämpferischen und aggressiven Geist, den Christen im Lauf der Geschichte oft gezeigt haben, diskreditiert ist – und gleich danach mit einem jüngeren Christen, der genau das Gegenteil denkt: dass das Christentum unglaubwürdig sei, weil es Schwäche, Passivität, Sanftmut und Leid verherrliche.

Widersprüchliche Kritik am Christentum

Diese kulturelle Momentaufnahme erinnert mich an eine Beobachtung, die G. K. Chesterton bereits vor über hundert Jahren in Orthodoxy machte. Er zeigte auf, wie dem Christentum gleichzeitig völlig gegensätzliche Vorwürfe gemacht wurden: Es sei zu düster und zu verträumt, zu schwach, weil es den Krieg verbiete, und zu kriegerisch, weil es Kriege verursacht habe. Kritiker warfen ihm vor, zu groß und einheitlich zu sein – und zugleich zu spaltend und dogmatisch. Es erniedrige Frauen – und sei zugleich zu weich und weiblich. Es sei sexuell unterdrückend – und dennoch schuld an der Überbevölkerung.

Chestertons Schlussfolgerung: Vielleicht ist gerade deshalb das Christentum wahr – weil es Widerspruch von allen Seiten auf sich zieht.

Wenn dies nur ein kleiner Querschnitt der Einwände von vor hundert Jahren war, dann hat sich ihre Anzahl heute nur noch vervielfacht. Tim Keller prägte für solche kulturellen Vorannahmen den Begriff „Defeater Beliefs“ – Überzeugungen, die den christlichen Glauben von vornherein als unglaubwürdig erscheinen lassen. Angesichts der wachsenden Vielfalt an Subkulturen und dem Siegeszug des radikalen Individualismus brauchen wir heute mehr denn je diese „Beidhändigkeit“: die Fähigkeit, von einer Hand zur anderen zu wechseln und mit Geschick auf unterschiedlichste Einwände und „Defeater Beliefs“ zu reagieren.

Zwei Kräfte, die das religiöse Umfeld prägen

Zwei zentrale Entwicklungen beschleunigen diesen Nova-Effekt: Migration und Internet.

Erstens: Migration. Noch nie in der Geschichte lebten so viele Menschen außerhalb ihres Geburtslandes wie heute. Diese weltweiten Bewegungen verändern sowohl die Herkunfts- als auch die Aufnahmekulturen tiefgreifend – und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass du persönlich und regelmäßig mit Menschen anderer Religionen in Kontakt kommst. Was früher fremd und exotisch erschien, lebt heute womöglich direkt nebenan.

Zweitens: das Internet. Die digitale Vernetzung hat das religiöse Spielfeld eingeebnet. Menschen sind nicht mehr auf die Konfessionen beschränkt, die in ihrer Umgebung physisch präsent sind. Jeder kann auf YouTube oder anderen Plattformen eine Gruppe finden, die überzeugend für ihre Tradition wirbt.

Diese Entwicklungen weiten nicht nur die Vielfalt an Nichtchristen aus, denen wir begegnen, sondern stellen auch neue Herausforderungen für langjährige Gemeindemitglieder dar. Der Pastor, der früher vor allem die christliche Lehre gegenüber progressiven Strömungen oder einer sexualethischen Revision verteidigen musste, sieht sich nun zusätzlich mit ganz anderen Fragen konfrontiert: Warum glauben Protestanten nicht an die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel? Warum beten wir nicht zu Heiligen oder verehren keine Ikonen?

So kann es sein, dass der Pastor am Montag mit einem Sikh spricht, am Dienstag einem spirituellen Sucher begegnet – und am Mittwochabend beim Gemeindemahl gefragt wird, warum Christen eigentlich nicht am Sabbat, also samstags, Gottesdienst feiern.

Vielseitigkeit annehmen

Unsere Zeit verlangt, dass wir für Apologetik, Evangelisation, Jüngerschaft und Diakonie gerüstet sind – und das in höchst unterschiedlichen kulturellen und religiösen Kontexten. Es wird keine Standardlösungen mehr geben, keine „One-size-fits-all“-Methoden in einer Welt, in der so viele Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen in dieselben Stadtteile ziehen – und online mit allen erdenklichen Glaubensvorstellungen konfrontiert werden.

Der Golfer kann sich nicht länger auf seinen Lieblingsschläger verlassen. Der Rechtshänder muss lernen, auch die linke Hand zu gebrauchen. Der Pianist braucht zumindest Grundkenntnisse an der Gitarre. Multidirektionale Leitung, angewandt auf die Verteidigung des Glaubens, bedeutet: Wir brauchen „beidhändige Apologeten“.

Und das beginnt mit echtem, aufrichtigem Zuhören gegenüber den Menschen, die Gott uns anvertraut. Es bedeutet, Gespräche führen zu lernen, die geprägt sind von Wahrheit und Gnade, von Überzeugung und Barmherzigkeit. Und es bedeutet, uns ganz auf die Kraft des Heiligen Geistes zu verlassen – nicht um Diskussionen zu gewinnen, sondern um Christus treu zu bezeugen in einer Welt voller sich wandelnder Einwände.


Hinweis zur Lizenz und Übersetzung:

Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Trevin Wax.

Avatar von Trevin Wax

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert