Hast du Gott selbst geschmeckt?

„Geistliches Verständnis besteht in erster Linie in dem Sinn oder dem Geschmack für die moralische Schönheit göttlicher Dinge.“ —Jonathan Edwards, Religious Affections

Oh, wie froh wäre ich, wenn ich den Seelen einiger von Gottes Kindern ein wenig dienen könnte, so wie Jonathan Edwards mir gedient hat. Weder er noch ich sind von Gott inspirierte Sprecher wie die Apostel. Aber wir sind, mit ihnen zusammen, in gewissem Maß „Verwalter der Geheimnisse Gottes“ (1. Korinther 4:1). Diese Verwalter waren Hausverwalter der Güter des Besitzers, die sie so handhabten, dass sie den Mitgliedern des Hauses zum Nutzen dienten.

Als guter Verwalter sprach Edwards von diesen „Geheimnissen“, diesen einst verborgenen, nun offenbarten Wundern Gottes, auf eine Weise, die meine Seele seit vierzig Jahren wie kein anderer Lehrer außerhalb der Bibel belebt hat. Was C. S. Lewis getan hat, um mich für die Schönheit der Welt zu sensibilisieren, das hat Edwards getan, um mich für die Schönheit Gottes zu sensibilisieren.

Hier ist ein Einblick in eine Weise, wie Edwards meine Sicht auf Gott und sein Wort verwandelt hat. Vielleicht wirst du eine ähnliche Erfahrung machen.

Zwei Arten der Erkenntnis

Die meisten von uns haben eine vage Vorstellung davon, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem intellektuellen Wissen biblischer Wahrheit und dem geistlichen Wissen derselben. Wir haben 1. Korinther 2:14 gelesen:

Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt wird.

Wir haben 3. Johannes 11 gelesen: „Wer Böses tut, hat Gott nicht gesehen.“ Und wir haben daraus geschlossen, dass es eine Art des Sehens geben muss, die mehr ist als das bloße intellektuelle Sehen, das uns in unserer Sünde unverändert lässt.

Wir haben das Gebet Jesu in Johannes 17:3 gelesen, wo er sagt: „Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, erkennen.“ Und wir haben daraus gefolgert, dass sich diese Art der Erkenntnis von der des Teufels unterscheidet. Diese Erkenntnis bedeutet Leben.

Geistliches Verständnis

Für mich war es Jonathan Edwards, der diese beiden Arten des Erkenntnis, die intellektuelle und die geistliche, ergriff, die biblischen Bruchstücke zusammensetzte, sie im Licht ihrer inneren Kohärenz leuchten ließ und mir die gewaltige Bedeutung dieses Unterschieds für das ganze Leben zeigte.

Es ist ein Unterschied zu machen zwischen einem bloßen begrifflichen Verständnis, bei dem der Verstand Dinge nur durch die Ausübung einer spekulativen Fähigkeit betrachtet, und dem Empfinden des Herzens, bei dem der Verstand … schmeckt und fühlt. … Das eine ist bloß spekulatives Wissen; das andere fühlendes Wissen, bei dem mehr als nur der Intellekt beteiligt ist; das Herz ist der eigentliche Träger davon, oder die Seele als ein Wesen, das nicht nur betrachtet, sondern Neigung hat und sich freut oder sich nicht freut. (Religious Affections, 272)

Edwards lenkte meine Aufmerksamkeit auf den Ausdruck „geistliche Erkenntnis“ in Kolosser 1:9: „Deshalb hören wir auch nicht auf, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr erfüllt werdet mit der Erkenntnis seines Willens in aller geistlichen Weisheit und Einsicht.“ Dann machte er die naheliegende Bemerkung:

Dass es ein Erkennen göttlicher Dinge gibt, das seiner Art und seinem Wesen nach völlig verschieden ist von allem Wissen, das natürliche Menschen haben, ist daraus ersichtlich, dass die Schrift von einem Erkennen göttlicher Dinge spricht, das geistliche Erkenntnis genannt wird. (270)

Und was ist diese geistliche Erkenntnis? Was unterscheidet es von spekulativem, begrifflichem oder intellektuellem Verständnis? Edwards antwortete:

Es besteht in einem Empfinden des Herzens für die höchste Schönheit und Lieblichkeit der Heiligkeit oder moralischen Vollkommenheit göttlicher Dinge, zusammen mit all der Einsicht und Erkenntnis religiöser Wahrheiten, die von einem solchen Empfinden abhängt und daraus hervorgeht. (272)

Neue Sprache, jenseits von Calvin

Das war eine neue Sprache für mich: „Empfinden des Herzens“ und „die Schönheit und Lieblichkeit der Heiligkeit“. Edwards sagte, dass geistliche Erkenntnis „oft durch Kosten, Riechen oder Schmecken dargestellt wird“ (272–73). Das war nicht die Sprache geistlicher Erkenntnis, die ich in der Kirche, am College oder im Seminar gelernt hatte.

Wir werden sehr stark davon geprägt, wer unsere wichtigsten Lehrer sind. Zum Beispiel zeigt sich das deutlich, wenn man vergleicht, wie Johannes Calvin und Jonathan Edwards über die Rolle des Heiligen Geistes sprechen, wenn es darum geht, uns geistliche Erkenntnis zu geben und dabei betonen, dass der Geist uns keine neuen Informationen vermittelt, die nicht schon in der Bedeutung der Schrift enthalten sind.

Calvin:

Die Aufgabe des uns verheißenen Geistes besteht nicht darin, neue und unerhörte Offenbarungen hervorzubringen oder eine neue Form der Lehre zu schaffen, durch die wir von der überlieferten Lehre des Evangeliums abgebracht würden, sondern darin, eben jene Lehre, die das Evangelium empfiehlt, in unseren Sinn einzuprägen. (Institutio)

Edwards:

Geistliche Erkenntnis besteht nicht in einer neuen, lehrmäßigen Erkenntnis oder darin, dass dem Verstand eine neue Aussage eingegeben wird, die zuvor weder gelesen noch gehört wurde; denn es ist offensichtlich, dass das Eingeben neuer Aussagen etwas völlig anderes ist, als dem Verstand einen neuen Geschmack oder eine neue Empfindung für Schönheit und Lieblichkeit zu verleihen. (278)

Beide Aussagen, die von Calvin und Edwards, sind wahr, präzise und von großer Bedeutung. Doch ihr Akzent ist unterschiedlich. Calvin sagt, das Werk des Geistes bei der Gabe geistlicher Erkenntnis bestehe darin, „die Lehre, die das Evangelium empfiehlt, in unserem Geist zu versiegeln.“ Edwards hingegen sagt, das Werk des Geistes bestehe darin, „dem Verstand einen neuen Geschmack oder eine neue Empfindung für Schönheit und Lieblichkeit zu geben.“

Die Sprache Calvins bleibt im Bereich des Verstandes, der Lehre und des Versiegelns. Die Sprache Edwards’ dringt in die tatsächliche Erfahrung dieses Versiegelns ein und beschreibt sie als „das Schmecken von Schönheit und Lieblichkeit.“

Eine neues Sehen

Edwards öffnete mir die Augen für die erfahrbare biblische Realität von Psalm 34:9: „Schmeckt und seht, dass der Herr gütig ist!“ Es gibt ein Sehen und Schmecken, das der natürliche Verstand nicht besitzt.

Zum Beispiel sagt Paulus, dass Ungläubige von Satan daran gehindert werden, „das Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi, der das Ebenbild Gottes ist,“ zu sehen (2. Korinther 4:4). Diese Blindheit wird nur überwunden, weil Gott „in unsere Herzen geleuchtet hat, damit die Erkenntnis des göttlichen Glanzes im Angesicht Jesu Christi aufstrahle“ (2. Korinther 4:6).

Es gibt also ein geistliches Sehen, das sich vom natürlichen Sehen unterscheidet. Und was durch den Geist gesehen wird, ist „das Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi“. Es ist Licht, das gesehen wird aber kein natürliches Licht. Es ist das Licht göttlicher Herrlichkeit, die Herrlichkeit Christi, des Ebenbildes Gottes.

Darauf bezieht sich Edwards, wenn er sagt, was der „neue geistliche Sinn“ wahrnimmt:

Die höchste Schönheit und Vollkommenheit des Wesens göttlicher Dinge. … In der Anschauung oder im Empfinden dessen besteht das geistliche Verständnis unmittelbar und in erster Linie. (271–72),

Ein neues Schmecken

Dieses geistliche Sehen wird auch als geistliches Schmecken beschrieben. „Schmeckt und seht, dass der Herr gütig ist.“ „Wie süß sind meinem Gaumen deine Worte, mehr als Honig meinem Mund!“ (Psalm 119:103). „Wie neugeborene Kinder seid begierig nach der unverfälschten Milch des Wortes, damit ihr durch sie wachst zur Rettung – wenn ihr wirklich geschmeckt habt, dass der Herr gütig ist“ (1. Petrus 2:2–3).

Bis ich Jonathan Edwards’ Religious Affections las, ging ich über diese Art von Sprache hinweg, ohne ihre tiefgehenden geistlichen, erkenntnistheoretischen und seelsorgerlichen Implikationen wirklich zu würdigen. Doch Edwards packte mich gleichsam am Kragen und drückte meine Nase dort hinein, bis ich erkannte, wie gewaltig die Folgen dieser Worte für das Verständnis von Bekehrung, für das Wunder der neuen Geburt und für die Wirklichkeit der Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott sind.

Zum Beispiel schrieb Edwards über Psalm 119:

In diesem Psalm wird die Herrlichkeit der Heiligkeit als der unmittelbare Gegenstand eines geistlichen Geschmacks, eines Verlangens, einer Begierde und Freude dargestellt. Das Gesetz Gottes, dieser großartige Ausdruck und Ausfluss der Heiligkeit des göttlichen Wesens und Vorschrift der Heiligkeit für das Geschöpf, wird durchgehend dargestellt als Speise und Erquickung und als der große Gegenstand der Liebe, des Verlangens, des Wohlgefallens und der Freude der gnädigen Natur, die Gottes Gebote höher schätzt als Gold, ja als feinstes Gold, und sie für süßer hält als Honig und Honigseim. (260)

Absolut und übernatürlich neu

Diese Worte sind keine Metapher für richtiges Denken. Sie beziehen sich auf die übernatürliche Frucht richtigen Denkens, nämlich auf die geistlichen Affektionen: das Schätzen, das Wertschätzen, das Freuen, das Genießen, das Sich-Erfreuen, das Zufriedensein. Diese Handlungen der Seele entspringen einer neuen Fähigkeit geistlicher Unterscheidung, nämlich einem geistlichen Empfinden, einem Wahrnehmen.

Diese Fähigkeit existierte vor der neuen Geburt nicht. Sie ist eine Schöpfung des Geistes.

Der Verstand besitzt eine völlig neue Art von Wahrnehmung oder Empfindung; und hier ist gleichsam ein neuer geistlicher Sinn, den der Verstand hat …, der in seiner ganzen Natur verschieden ist von allen früheren Arten von Empfindung des Geistes, so wie das Schmecken sich von allen anderen Sinnen unterscheidet; und etwas wird von einem wahren Heiligen … in geistlichen und göttlichen Dingen wahrgenommen, das sich völlig unterscheidet von allem, was … natürliche Menschen wahrnehmen, so wie der süße Geschmack von Honig sich unterscheidet von der bloßen Vorstellung, die Menschen vom Honig bekommen, wenn sie ihn nur ansehen oder berühren. (205–206)

Ohne diesen „neuen geistlichen Sinn des Verstandes“ gibt es keine Errettung. Das ist es, was es heißt, von Neuem geboren zu sein. Wie vielen bekennenden Christen fehlt diese geistliche Fähigkeit, Freude an Gott zu haben? Ein Weg, das herauszufinden, besteht darin, dass Pastoren und Lehrer dem Bedingungssatz in 1. Petrus 2:2–3 mehr Gewicht beimessen:

Wie neugeborene Kinder seid begierig nach der unverfälschten Milch des Wortes, damit ihr durch sie wachst zur Rettung – wenn ihr wirklich geschmeckt habt, dass der Herr gütig ist.

Jeder Pastor sollte über dieses wenn mit größter Ernsthaftigkeit nachdenken. Petrus sagt, dass das Trinken der Milch des Wortes zur Errettung führt, wenn du geschmeckt hast. Nicht, wenn du gehört hast, oder wenn du gewusst hast, oder wenn du dich entschieden hast. Sondern wenn du geschmeckt hast.

Ich danke Gott, dass er vor über sechzig Jahren in mein Leben trat und mir ein neues Herz gab. Ich danke ihm, dass er über sechzig Jahre lang unzählige Male in mir den Geschmack für „die moralische Schönheit göttlicher Dinge“ erweckt und immer wieder neu entfacht hat. Ich bete, dass er dasselbe für dich tun möge. „Schmeckt und seht, dass der Herr gütig ist.“


Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt von Ronny Käthler.
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