Vor langer Zeit hast du vielleicht ernsthaft und regelmäßig für die Errettung eines geliebten Menschen gebetet. Heute betest du vielleicht immer noch manchmal dafür, aber du kannst kaum noch hoffen, dass die Bitte erhört wird.
Oder vielleicht hast du einst um Gnade im Kampf gegen einen hartnäckigen Charakterfehler oder eine quälende Sünde gefleht. Inzwischen hast du dich einer Art Fatalismus über dich selbst ergeben. Manche Dinge ändern sich eben nicht.
Oder vielleicht hast du Gott einst um einen Durchbruch in einer Beziehung gebeten. Doch obwohl der Schmerz geblieben ist, scheint Versöhnung inzwischen beinahe unmöglich.
Die meisten von uns können an einen Wunsch denken, den wir einst fast unaufhörlich vor Gott brachten. Soweit wir erkennen konnten, ehrte diese Bitte ihn und stimmte mit seinem Wort überein. Also beteten wir und hielten fest daran, aufmerksam auf die Antwort wartend.
Doch dann vergingen Wochen, dann Monate und schließlich Jahre, vielleicht viele Jahre. Und nach und nach hörten wir auf, so oft zu bitten. Als die Hoffnung schwand, wurden auch unsere Gebete weniger.
Lieber Bruder oder liebe Schwester, ganz gleich, wie viele Monate oder Jahre vergangen sind, seit du Gott zuletzt wirklich gebeten hast, ein gottgemäßes Verlangen zu erfüllen: Ich möchte dich einladen, erneut zu bitten und weiterzubitten. Und dabei möchte ich mit der Hilfe von George Müller (1805–1898) sprechen, einem Freund, der meinen eigenen Gebeten neue Hoffnung gegeben hat.
50-Jahre Gebete
Müllers Leben ist aus einer bestimmten Perspektive eine Geschichte erhörter Gebete. Zu Beginn seines Waisenhausdienstes in Bristol, England, fasste er den Entschluss, niemanden außer Gott um Geld zu bitten. Das Ergebnis war ein Leben beständigen Gebets und beständiger Gebetserhörungen. „Ich würde nicht im Geringsten übertreiben“, sagte Müller in seinen Siebzigern, „wenn ich sage, dass ich dreißigtausend Gebetserhörungen erlebt habe, entweder noch in derselben Stunde oder am selben Tag, an dem die Bitten ausgesprochen wurden.“
Doch Müller erwähnte dieses erstaunliche Zeugnis vor dem Hintergrund einer ganz anderen Erfahrung: „Mancher könnte denken, alle meine Gebete seien so schnell erhört worden. Nein, nicht alle. Manchmal musste ich Wochen, Monate oder sogar Jahre warten; manchmal viele Jahre.“
Im Jahr 1844 begann Müller beispielsweise täglich für die Bekehrung von fünf Freunden zu beten. Anderthalb Jahre später wurde der erste gerettet; fünf Jahre danach der zweite; weitere sechs Jahre später der dritte. Doch dann vergingen vierzig Jahre, und die letzten beiden waren noch immer nicht bekehrt. Müller jedoch hörte nicht auf, jeden einzelnen Tag zu beten.
„Sobald ich überzeugt bin, dass eine Sache richtig ist und zur Ehre Gottes dient“, schrieb er, „bete ich weiter dafür, bis die Antwort kommt.“ Dann wandte er sich an Christen wie dich und mich und sprach eine sanfte Korrektur aus: „Der große Fehler der Kinder Gottes besteht darin, dass sie nicht im Gebet bleiben; sie beten nicht weiter; sie halten nicht aus. Wenn sie etwas zur Ehre Gottes begehren, sollten sie beten, bis sie es erhalten.“
Was würde Müller uns raten, wenn die Jahre vergehen, wenn die Antwort gar jahrzehntelang ausbleibt? Weiterzumachen; nicht aufzuhören; auszuharren. Weiter um einen Durchbruch beten.
Bitte, Suche, Klopfe an
Vielleicht fragen wir uns jedoch, ob Müller recht daran tat, weiter für Antworten zu beten, die nicht kamen. Schließlich gibt uns die Schrift Beispiele von Gläubigen, denen gesagt wurde, sie sollten aufhören, um etwas zu bitten: Mose an der Grenze zum verheißenen Land (5. Mose 3:25–26) oder Paulus mit seinem Dorn im Fleisch (2. Korinther 12:8–9). Deshalb könnten wir uns sogar fragen, ob beharrliches Gebet für dieselbe Sache, Gott missfällt. Sollten wir sein Hinauszögern nicht irgendwann als Ablehnung verstehen?
Zweifellos kann ein Gebetsleben aus dem Gleichgewicht geraten. Wir können uns so sehr auf ein einziges Anliegen konzentrieren, dass wir viele andere gute Gebete vernachlässigen. Oder wir können etwas Gutes aus Gründen begehren, die weit entfernt sind von „geheiligt werde dein Name“ (Matthäus 6:9). Doch wenn wir, wie Müller sagt, überzeugt sind, „dass eine Sache richtig ist und zur Ehre Gottes dient“, und wenn Gottes Ehre weiterhin die treibende Kraft hinter unseren Gebeten bleibt, dann bietet die Schrift reichlich Ermutigung weiterzubeten.
Hat Jesus seinen Jüngern nicht Gleichnisse erzählt „dafür, dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten“ (Lukas 18:1)? Die Witwe bat und bat weiter, bis ihre Bitten den Richter mürbe machten (Lukas 18:4–5). Der Mann, der spät in der Nacht anklopfte, hämmerte so lange an die Tür, bis sein Freund aufstand und ihm gab, was er wollte (Lukas 11:5–8). Deshalb sagt Jesus: „Bittet, und euch wird gegeben werden; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und euch wird geöffnet werden“ (Lukas 11:9).
Wenn wir seinen Dienst insgesamt betrachten, waren es nicht gerade die beharrlichen Menschen, die erhielten, worum sie baten? Die Menge wollte den blinden Mann zum Schweigen bringen, doch er schrie nur umso mehr nach Erbarmen und erhielt es (Markus 10:46–52). Jesus ignorierte die kanaanäische Mutter zunächst, doch sie kniete weiter vor dem Tisch des Herrn nieder, bis er ihr schließlich einen Brotkrumen gab (Matthäus 15:21–28).
Lehren und Geschichten wie diese führen uns zu derselben Schlussfolgerung, die der Kommentator Derek Kidner aus den Psalmen zog: „Es scheint, als ziehe Gott ein Übermaß an Kühnheit im Gebet einem Übermaß an Vorsicht vor.“ Deshalb gilt: Wenn du keinen zwingenden Grund hast, warum du nicht mehr für ein tiefes, Gott ehrendes Anliegen beten solltest, dann bete weiter.
Die Gnade in Gottes Hinauszögern
Vielleicht bist du überzeugt, weiterzubeten. Doch, wie ich auch, fragst du dich vielleicht, warum Gott das Gebet auf diese Weise gestaltet hat. Wenn Gott jede Tür jederzeit öffnen kann, warum lässt er uns manchmal so lange anklopfen? Wenn Gott dreißigtausend Gebete noch am selben Tag erhören konnte, an dem Müller sie sprach, warum wartete er bei anderen fünfzig Jahre?
Einmal beteten Müller und seine Mitarbeiter im Waisenhaus darum, dass Gott dringend benötigtes Geld schenken möge. Schließlich hatten sie keine Möglichkeit mehr, am nächsten Morgen das Frühstück für die Kinder zu bezahlen. Da sandte Gott Geld durch einen Mann, der in der Nähe übernachtete. Müller schrieb darüber:
„Dass das Geld sich mehrere Tage lang so nahe bei den Waisenhäusern befand, ohne gegeben zu werden, ist ein klarer Beweis dafür, dass es von Anfang an im Herzen Gottes war, uns zu helfen. Aber weil er sich an den Gebeten seiner Kinder erfreut, ließ er uns so lange beten; außerdem, um unseren Glauben zu prüfen und die Antwort umso süßer zu machen.“
Gott hat gewiss viele Gründe für sein Hinauszögern. Doch hier nennt Müller drei Gründe, die uns helfen, nicht den Mut zu verlieren.
Tiefere Gemeinschaft
Erstens verzögert Gott manchmal seine Antwort, weil er sich an den Gebeten seiner Kinder erfreut. Christ, Gott liebt deine demütigen und aufrichtigen Gebete. Er liebt es, wenn deine Seele sich vor ihm beugt. Er liebt es zu hören, wie du dich von Selbstvertrauen lossagst und bekennst, dass „bei den Menschen unmöglich ist, was bei Gott möglich ist“ (Lukas 18:27). Ernsthafte, bedürftige und glaubende Gebete sind vor ihm wie Weihrauch, ein wohlriechender Duft (Offenbarung 8:3–4). Und wenn Monate oder Jahre vergehen und alle irdischen Wahrscheinlichkeiten verschwinden, erfreut er sich daran, dich immer noch beten zu sehen.
Unerhörtes Gebet kann sich anfühlen, als entferne sich Gott von uns. Aber was, wenn seine Verzögerungen Einladungen sind, ihm näherzukommen, ihn mehr zu lieben als jede Antwort und weiter zu glauben, dass er dennoch antworten kann?
Stärkerer Glaube
Zweitens verzögert Gott seine Antwort manchmal, weil er unseren Glauben prüfen möchte. Wir brauchen Glauben, einen starken Glauben, um weiterhin für etwas zu beten, das noch nicht gekommen ist; um weiter auf eine Sonne zu warten, die nicht aufgeht; um weiter an eine Tür zu klopfen, die sich nicht bewegt. Der Glaube vieler ist im Warten verkümmert. Es kann leichter erscheinen zu glauben, dass Gott nicht hört oder sich nicht kümmert, als immer wieder zu bitten.
Doch Gott hört; er kümmert sich und er ist in der Lage, mit einem einzigen Wort die lange Verzögerung zu beenden. Deshalb gilt: Auch wenn wir keine Verheißung haben, dass Gott unsere Gebete genau so beantworten wird, wie wir es erwarten, kann unerhörtes Gebet in uns das Vertrauen Abrahams hervorbringen, der „im Glauben stark wurde und Gott die Ehre gab“ (Römer 4:20), völlig überzeugt davon, dass Gott den Leib einer alten Frau fruchtbar machen kann oder einen verlorenen Sohn zurückbringen, oder einen persönlichen Durchbruch schenken, oder erkaltete Liebe neu entfachen kann.
Tiefere Freude
Schließlich verzögert Gott seine Antwort manchmal, weil er die Erhörung umso kostbarer machen möchte. Gott ist darauf bedacht, dich so glücklich in ihm zu machen, wie du es nur sein kannst. Und er weiß, dass tiefere Freude manchmal auf der anderen Seite langen Wartens liegt.
Gott möchte, dass du erhörte Gebete so betrachtest, wie Abraham und Sara Isaak betrachteten: diesen Sohn, dessen Name „Lachen“ bedeutet. Sie konnten ihn kaum im Arm halten oder seine Stimme hören, ohne zu lachen und über Gottes Güte zu staunen (1. Mose 21:3–7). Doch sie hätten nicht auf diese Weise gelacht, wenn sie nicht auf diese Weise gewartet hätten. Ihre Freude war gereift, stark und tief geworden durch die lange Zeit des Wartens. Und genauso ist es bei uns, wenn wir beten und warten, beten und warten und schließlich die Antwort erleben.
Was wir erbitten oder etwas Besseres
Neben diesen guten Gründen für Gottes Verzögerungen ruhte Müllers Seele auf einer weiteren mächtigen Wahrheit, während er im Gebet beharrte: „Unser himmlischer Vater nimmt seinen Kindern niemals etwas weg“ oder enthält ihnen etwas vor „es sei denn, er beabsichtigt, ihnen etwas Besseres zu geben.“ Wenn Gott dir niemals gibt, worum du bittest, lieber Heiliger, dann hat er etwas Besseres für dich vorgesehen.
Vielleicht fällt es dir schwer zu verstehen, wie sein Nein besser sein kann als sein Ja; vielleicht musst du bis zum Himmel warten, um es klar zu erkennen. Doch genauso gewiss, wie Gott seinen Sohn für dich hingegeben hat, wird er dir nichts Schlechteres geben als das, worum du bittest (Römer 8:28.32). Im Leben, Sterben und in der Auferstehung Jesu hat er bereits das Schwerste getan und das Beste gegeben. Das Evangelium versichert dir nun, wie bereitwillig dein Vater ist, „denen Gutes zu geben, die ihn bitten“ (Matthäus 7:11).
Beharrliches Gebet stirbt unter der Lüge, dass Gott keine Freude daran habe, gute Gaben zu schenken. Doch er freut sich daran, gute Dinge zu geben, die besten Dinge, Gaben, die weit besser sind, als wir bitten oder uns vorstellen können. Deshalb bring deine guten Wünsche, deine Gott ehrenden Sehnsüchte vor ihn und bitte weiter, suche weiter, klopfe weiter an. Dein Vater lädt dich dazu ein. Und wenn er Nein sagt, dann nur deshalb, weil er dir etwas Besseres geben wird.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzt von Ronny Käthler. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
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