In der Lebensmitte ankommen – und das eigene Los annehmen.

Ich bin heute 44 Jahre alt – ein Geburtstag, der sich älter anhört, als er sich anfühlt. Was auch immer diese Zahl bedeuten mag, eines ist sicher: Ich befinde mich nun ganz eindeutig im „mittleren Alter“.

„Die Ernte wird in der Lebensmitte eine andere sein“, schreibt der Dichter David Whyte in Midlife and the Great Unknown. Mit jedem Jahr spüre ich, wie sich die Richtung des Lebens verändert – wie eine Rakete, die ihre Flughöhe erreicht hat und nun in einen allmählichen Bogen übergeht, der sie ihrem Ziel näherbringt. Die offene Zukunft meiner Zwanziger liegt hinter mir. Heute sehe ich mehr Begrenzungen. All die grundlegenden Entscheidungen – wo ich arbeite, wo ich Gottesdienst feiere, wo ich wohne, wie wir unsere Kinder erziehen, welche Form von Dienst am besten zu meinen Gaben passt – haben sich inzwischen zu stabilen Mustern verfestigt.

Es ist, als stünde man am Rand des Ozeans, und mit jeder Welle sinken die Füße tiefer in den Sand. Je länger man bleibt, desto mehr bedeckt der Sand einen – erst die Zehen, dann die Knöchel – bis Bewegung schwerer wird. Man ist nicht festgefahren, aber man ist auch nicht mehr so frei, in jede Richtung loszustürmen.

Das Los, das dir gegeben ist

Gerade hier aber zeigt sich das Geschenk der Lebensmitte – wenn wir Augen haben, es nicht als Einschränkung, sondern als Gnade zu erkennen. Die Lebensmitte schenkt uns die Gelegenheit, unser Los anzunehmen.

Über das persönliche Lebenslos lässt sich viel sagen. Bobby Jamieson bringt es in seiner ausgezeichneten Einführung zum Buch Prediger (Everything Is Never Enough) treffend auf den Punkt:

Ein Los ist etwas, das dir zugewiesen ist und an dem du festhältst – unabhängig davon, ob du es als ausreichend empfindest oder glaubst, etwas Besseres verdient zu haben. Du hast keinen Einfluss auf seinen Umfang. … Dein Leben ist von Begrenzungen umgeben, die du dir nicht selbst gesetzt hast.

So vieles im Leben entzieht sich unserer Kontrolle. Du hast deine Herkunftsfamilie nicht gewählt, nicht deine Generation, nicht deine Körpergröße, nicht dein Geschlecht. Als du erwachsen wurdest, konntest du all die Tragödien und Herausforderungen, die dich und deinen Ehepartner prägen würden, nicht voraussehen. Du konntest nicht abschätzen, was deine Kinder alles brauchen würden, wenn sie heranwachsen. Selbst jetzt kannst du nicht bestimmen, wann sich die ersehnte berufliche Tür öffnet. Du weißt nicht, ob ein vorübergehender Umzug zur Dauerlösung wird. Du ahnst nicht, welche gesundheitlichen Herausforderungen hinter dem Horizont auf dich warten.

In deinen Zwanzigern wirkt das Leben wie ein weites, offenes Feld. In deinen Vierzigern werden die Grundstücksgrenzen klarer. Genau hier beginnt oft die Midlife-Crisis – wenn das Fernweh uns verführt, gegen diese Begrenzungen zu rebellieren, so zu tun, als könne man noch einmal ganz von vorn anfangen, oder der Traurigkeit über verschlossene Türen und verpasste Gelegenheiten zu erliegen. Doch die Weisheit lädt uns ein, diese Begrenzungen als Ausdruck von Gottes Güte anzunehmen.

Noch einmal Jamieson

„Dein Los anzunehmen ist der Anfang deiner Verantwortung dafür, nicht ihr Ende. Wie ein Stück Land will auch dein Lebenslos bestellt und gepflegt werden. … Wer sein Los in rechter Weise annimmt, lernt, das zu lieben und zu bewahren, was ihm anvertraut wurde – statt nach dem zu begehren, was ihm nicht gehört. … Und in deinem Los liegt das Potenzial zur Freude: Freude an der Arbeit, Freude an ihrer Frucht und Freude an der Entdeckung von Güte und Ganzheit, die daraus erwächst, dass man sich seinen Grenzen anpasst – statt zu versuchen, wie ein Gott die Welt dem eigenen Willen zu beugen.“

Natürlich gibt es einen Platz für Ambitionen – für den Wunsch nach Exzellenz, für die treue Haushalterschaft der Gaben, die Gott uns gegeben hat, sodass unser Leben Spuren hinterlässt. Aber es gibt auch eine heilige Zufriedenheit, die darin besteht, solche Spuren zu hinterlassen, ohne zu verlangen, dass die Welt sie bemerkt.

Als das Magazin Books & Culture eingestellt wurde, beschrieb der langjährige Herausgeber John Wilson das Projekt nicht mit großen Worten, sondern mit demütiger Dankbarkeit: Es sei einfach „eine kleine gute Sache“ gewesen. Kein überhöhtes Vermächtnis. Nur dies: „Es war etwas, das sich zu tun lohnte, und wir sollten dankbar sein, dass wir es tun durften.“ Eine kleine gute Sache.

Freue dich am Jetzt

Wenn ich auf mein Leben bis zu diesem Punkt zurückblicke und in den Nebel der Zukunft blicke, dann bitte ich um die Gnade der Zufriedenheit – dass ich lerne, mit dem Psalmisten zu sagen: „Das Los ist mir gefallen auf liebliches Land; mir ist ein schönes Erbteil geworden“ (Ps 16:6). Selbst wenn ich an den Grenzen meines Lebens stehe und von sehnsuchtsvollen Gedanken an das, was hätte sein können oder vielleicht noch sein könnte, verlockt werde, vertraue ich darauf: Der Herr hat diese Linien nicht willkürlich gezogen.

In der Jugend liegt die Versuchung darin, nur für die Zukunft zu leben. Im Alter, nur in der Vergangenheit zu verweilen. In der Lebensmitte aber zieht es uns in beide Richtungen – Nostalgie auf der einen Seite, Unruhe auf der anderen. Die Aufgabe für den Christen besteht darin, keiner dieser Kräfte nachzugeben, sondern sich in Gottes Güte in der Gegenwart zu verankern.

Die Grenzlinien deines Lebensloses gehören zu seiner weisen und liebevollen Vorsehung. „Ein zufriedener Christ“, schrieb Thomas Watson, „ist süß unter das Wort Gottes gefangen und will ganz in Gottes Hand sein. Er ist bereit, in dem Wirkungskreis und Klima zu leben, den Gott ihm zugewiesen hat.“

Das ist kein Sich-abfinden – es ist ein Sich-Einfinden. Ein tiefes, freudiges Ankommen in dem „Wirkungskreis und Klima“, in das Gott uns gestellt hat. Und diese Freude ist nicht optional – sie ist geboten. Das Leben ist gut, weil es ein Geschenk ist. Wie Jamieson es formuliert: „Der Schöpfer schleudert dir unaufhörlich Gaben entgegen – schneller, als du sie auffangen kannst.“ Selbst wenn wir uns manchmal gewünscht hätten, die Linien wären anders gezogen worden, bietet Gott uns einen einfachen Weg, unser Los anzunehmen:

Sei gegenwärtig für die Gaben der Gegenwart. Bring dein ganzes Selbst dem entgegen, was das Jetzt dir bietet – und du wirst den vollen Geschmack seiner Freude empfangen. Freude hängt davon ab – ja, sie verlangt danach –, dass wir aufmerksam sind für das Gute, das Gott uns gegenwärtig schenkt.

Egal in welcher Lebensphase du dich befindest – jung, in der Mitte des Lebens oder alt – die Anwendung ist immer dieselbe: „Der einzige Zeitpunkt, an dem du Freude erleben kannst, ist jetzt. Und in jedem Jetzt schenkt Gott dir vieles, worüber du dich freuen kannst.“ Freue dich im Herrn. Und sag Danke.


Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Trevin Wax.

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Kommentare

Eine Antwort zu „In der Lebensmitte ankommen – und das eigene Los annehmen.“

  1. Avatar von Sergej Pauli

    Den Optimismus von Trevin finde ich nett, wenn man mit 88 Jahren Leben rechnet 🙂

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