Hinweis: Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt eines ausführlicheren Interviews. Die Fragen werden hier einzeln veröffentlicht. Weitere Teile der Interviewserie finden sich hier: LINK ZUR SERIE
Da folgender Artikel aus einem Interview stammt, sind keine Quellenbelege für die Aussagen aufgeführt. Allerdings sind im Anschluss an die Antwort Artikel von Kornelius Ens zu ähnlichen Themen verlinkt, in denen auch Quellenverweise vorhanden sind.
Redaktion von Dreieinigkeit.de:
Wieso unterscheiden sich russlanddeutsche Gemeinden häufig so stark von hiesigen? Sind die Debatten, die in den 90er-Jahren geführt wurden (siehe Frage 1) und teilweise auch heute noch geführt werden, wirklich alles Fragen, die ursprünglich aus den 30er-Jahren stammen und nie aufgearbeitet wurden? Waren das nicht auch theologische Debatten?
Kornelius Ens:
Davon gehe ich aus. Teil der ganzen Wahrheit ist aber auch, dass ich hier natürlich eine Interpretation vornehme. Diese müsste man grundsätzlich ebenfalls begründen. Ich würde sagen, dass häufig nicht wirklich aus der Vergangenheit heraus interpretiert wurde, sondern dass ein Mensch, der an einen neuen Ort kommt, Sicherheit braucht. In einem Migrationsgeschehen ist man dankbar für alles, was Halt gibt. Dies war auch bei den sogenannten Russlanddeutschen der Fall.
In diesem Fall waren es christlich geprägte Personen überwiegend aus dem freikirchlichen Milieu, die die Freiheit hatten, Freikirchen zu gründen. Mir scheint, dass manche geteilten nonverbalen Erfahrungen dort gut aufgehoben waren – in einer solchen Gemeinschaft – und zugleich nonverbal blieben, allerdings Sicherheit versprachen. Es fand keine Aufarbeitung im Sinne einer faktischen Begründung statt. Natürlich wurden häufig auch Bibeltexte herangezogen. Man hätte diese theoretisch auch anders deuten können; das ist bei fast jedem Thema der Fall. Beim Alkohol könnte man etwa sagen: „Ach, schau an, Jesus macht doch etwas mit Wein.“ Beim Tanzen würde man David anführen und so weiter.
Es gibt viele Debatten, die nicht aus einer theologischen Perspektive geführt wurden, sondern eher aus einem – wenn man so will – indirekt konstruierten, sozial gemeinschaftsbildenden Grund. Das heißt: Alles, was diese Gemeinschaft stärkt, gilt in gewisser Weise als richtig. Auch die Theologie ordnet sich dem teilweise unter. Dabei entstehen Begriffe, die typisch für eine bestimmte Kultur sind, etwa die Aussage „zum Anstoß sein“. Gemeint ist Rücksichtnahme auf den Nächsten. Das ist zweifelsohne ein sehr wertvoller christlicher Grundsatz, formuliert aber zugleich eine Art ungeschriebenes Gesetz.
Dabei handelt es sich um Subtexte, die nicht einmal zwingend böse gemeint sind. Es sind gemeinschaftskonstituierende Elemente. Vor diesem Hintergrund stelle ich die These auf, dass auch über bestimmte äußere Erscheinungsmerkmale Zusammengehörigkeit hergestellt wurde. Jede „Mannschaft“ dieser Welt tritt einheitlich auf: im Sport, im Fußball – Trikots, elf Leute, zehn gleiche Trikots. Wir gehören zusammen, wir sind ein Team.
So ähnlich muss man sich das in dieser verunsicherten Situation vorstellen. Es entsteht eine Homogenität, die in gewisser Weise wohltuend und gemeinschaftsbildend wirkt, die aber vor allem über das Gefühl funktioniert – und alles einschließt, was dieses Gefühl bedient.
Und hier kommt der entscheidende Punkt: All das wirkt zugleich – meist unbewusst – auch ausschließend. Für Menschen, die diese Gefühle nicht teilen können, weil sie andere Vorerfahrungen haben, wird der Zugang erschwert. Das bedeutet, dass eine Person mit deutsch-deutschem Hintergrund es in der Regel schwer hatte, in solchen Gemeinden Fuß zu fassen. Die Gemeinden selbst dachten vielleicht: „Lasst uns unser Welcome-Team herzlicher gestalten, dann wird es leichter.“ Doch es sind gerade diese soziologischen Momente unverarbeiteter Vorerfahrungen, die zu Empfindungen führen, die in gewisser Weise irrational erscheinen: „Ich fühle mich unwohl, wenn ich einen Brauttanz sehe“, hätten manche gesagt, „ich möchte nicht, dass Braut und Bräutigam tanzen.“ Solche Aussagen stehen jedoch oft nicht in einem klaren Begründungszusammenhang.
Möglicherweise liegen dahinter nonverbale, tief verankerte Erfahrungen – etwa eine Tanzkultur aus dem sowjetischen Kontext, die mit Diktaturerfahrungen verbunden war und vielleicht auch mit Alkohol und Gewalt assoziiert wurde. Dieses Narrativ wird selten explizit so benannt, bildet aber gewissermaßen eine Hintergrundebene für entsprechende Empfindungen.
Diese Dynamiken wurden besonders von denjenigen gespürt, die versuchten, Teil solcher Gruppen zu werden und vor allem auch von denjenigen, die nicht zur russlanddeutschen Erlebnisgeneration in der Sowjetunion gehörten, und somit die Empfindungen nicht über Erfahrungen begründen konnten.
Heute gibt es vielfältige Entwicklungen: Teilweise sind russlanddeutsche Gemeinden inzwischen interkulturell hochgradig geöffnet geworden. Ich beziehe mich hier jedoch eher auf die Anfangszeit in Deutschland. Damals war vieles tatsächlich verschlossen.
Das lag auch daran, dass keine eigene, in sich schlüssige Geschichte vorhanden war. Insofern würde ich nicht primär von konfessionellen Kategorien sprechen, sondern eher von einer „Migrationskirche“. Es handelt sich nicht um Mennoniten oder Baptisten in Reinform. Solche Etiketten helfen an dieser Stelle wenig weiter – sie beschreiben nicht die eigentlichen theologischen Hintergründe.
Verweise
Migrationsgeschichte der Russlanddeutschen – Überblick über die kulturhistorisch geprägte Migrationsgeschichte, Sprachentwicklung, Identität und Bildungswesen der Russlanddeutschen. Migrationsgeschichte der Russlanddeutschen (russlanddeutsche.de)
Kirche, Religion und Religiosität – Einführung in die religiöse Identität der Russlanddeutschen, Rolle von lutherischen und katholischen Gemeinden sowie freikirchlichen Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland. Kirche, Religion und Religiosität (russlanddeutsche.de)
Frömmigkeit integrieren – Darstellung der religiösen Praxis russlanddeutscher Gemeindemitglieder, eigener Gemeinden und Herausforderungen bei der Integration kirchlicher Frömmigkeit in Deutschland. Frömmigkeit integrieren (russlanddeutsche.de)

Von 2004 bis 2011 studierte Kornelius Ens Geschichtswissenschaft, Theologie, Sozialwissenschaft und Kulturwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, der Kirchlichen Hochschule in Bethel, der Universität Bielefeld, der Freien Universität Berlin sowie der Universität Osnabrück. 2018 absolvierte er darüber hinaus ein Studium der Psychologie an der Universität Bielefeld. Seine Studien schloss er mit mehreren Hochschulabschlüssen ab.
Von 2011 bis 2013 war er Studienreferendar für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen mit den Fächern Geschichte und Evangelischer Religionslehre sowie Lehrbeauftragter am Historischen Seminar der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück. Von 2014 an lehrte Ens als Gymnasiallehrer.
Seit 2016 ist Ens der Direktor des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte. Seit 2018 engagiert er sich als Landesbeirat in der Landesregierung für Vertriebenen-, Flüchtlings- und Spätaussiedlerfragen Nordrhein-Westfalen. 2020 wurde er zum Extraordinary Professor an die LCC-University in Klaipėda (Litauen) mit Schwerpunkt auf Erinnerungskulturen von Russlanddeutschen berufen.
In dieser Funktion ist er ab 2023 wieder tätig als Lehrbeauftragter am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück. Seit 12/2022 ist er zudem Korrespondierendes Mitglied des IMIS.








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