Sowohl in der akademischen Theologie als auch unter Praktikern wird intensiv darüber diskutiert, wie das Buch der Apostelgeschichte auf die heutige Missionspraxis anzuwenden ist. Eine der häufigsten Weisen, wie die Apostelgeschichte in missiologischen Debatten herangezogen wird, besteht darin, biblische Beispiele anzuführen – mitunter werden sie sogar als biblische Gebote präsentiert – und sie zur Rechtfertigung bestimmter Methoden zu nutzen.1 Der verständliche Wunsch, dass viele „täglich zur Gemeinde hinzugefügt wurden“, hat einige missionarische Bewegungen dazu veranlasst, die Apostelgeschichte nach Dienstmustern zu durchsuchen, die auch heute eine vergleichbare Fruchtbarkeit „freisetzen“ könnten.2 Doch die Apostelgeschichte zur Stützung methodischer Ansprüche zu zitieren, ist etwas anderes, als zu verstehen, was dieses Buch uns eigentlich sagen will.
In diesem Aufsatz möchte ich die wissenschaftliche und die praxisorientierte Diskussion zusammenführen, um eine Frage zu beantworten, die viele Missionare bewegt: Welche Rolle spielt die Apostelgeschichte bei der Wegweisung für zeitgenössische Missionare? Kurz gesagt: Ich möchte darlegen, dass die Apostelgeschichte uns nicht in erster Linie als missionarisches Handbuch oder Modell gegeben ist.3 Das bedeutet jedoch keineswegs, dass sie nichts zu unserem Verständnis des missionarischen Auftrags beiträgt. Die Apostelgeschichte bietet Muster und Präzedenzfälle (die an anderer Stelle durch Lehre und Gebot bestätigt werden), die zeitgenössischen Missionaren helfen können, die wesentlichen Aspekte ihres Dienstes zu erkennen. Diese Muster und Präzedenzfälle können dann die Methoden und Strategien prägen, die wir entwickeln.
Zugegeben, es ist ein ehrgeiziges Vorhaben, diese Frage in einem einzigen Aufsatz zu behandeln. In dem Bewusstsein der begrenzten Reichweite und meiner eigenen fachlichen Grenzen greife ich dankbar auf die Arbeit vieler anderer Ausleger zurück, die sich hilfreich mit den zahlreichen schwierigen Fragen auseinandergesetzt haben, welche die Apostelgeschichte heutigen Lesern stellt. Zunächst werden wir einige exegetische Grundfragen betrachten, die eine Orientierung für das Verständnis der Apostelgeschichte bieten, bevor wir uns der Frage zuwenden, was sie für eine zeitgenössische Missionsstrategie beitragen kann.
1. Die Apostelgeschichte als christliche Schrift verstehen
Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich, um uns für jedes gute Werk auszurüsten (2Tim 3:16–17). Als Teil der Heiligen Schrift gehört die Apostelgeschichte zu Gottes Offenbarung, die uns dazu dient, ihn zu erkennen und befähigt zu werden, in seiner Welt vor ihm zu leben. Um zu verstehen, wie die Apostelgeschichte zu diesem Ziel beiträgt, müssen wir betrachten, wie sie sich in den Kanon der Schrift einfügt und was sie uns lehren will.
Eine der ersten Fragen, mit denen sich viele Kommentare zur Apostelgeschichte zu Recht befassen, betrifft die Gattung und den Zweck des Buches. Die Art des Buches sollte maßgeblich bestimmen, wie wir es auslegen und gebrauchen. Robert Plummer fasst dieses exegetische Grundprinzip so zusammen: „Die genaue Bestimmung der Gattung eines Werkes ist für seine richtige Auslegung unerlässlich.“4 Kevin Vanhoozer formuliert diesen Gedanken noch zugespitzter und warnt davor, dass Ausleger, die die Gattung außer Acht lassen, Gefahr laufen, ihre eigenen Voraussetzungen in den Text hineinzulesen:
Gattungen sind kommunikative Praktiken, regelgeleitete literarische Formen, derer sich Autoren bedienen, um Wirklichkeit zu erschließen und verständlich mit anderen zu interagieren. Ausleger, die mehr wollen, als ihre eigenen Gedanken in den Text hineinzulesen, tun gut daran, die Konventionen zu erkennen, die eine bestimmte literarische Praxis bestimmen.5
Wenn wir also die Apostelgeschichte verstehen wollen, beginnen wir unsere Auslegungsarbeit nicht nur damit, sie als Schrift zu bejahen, sondern auch damit, zu bestimmen, um welche Art von Schrift es sich handelt.
Die Forschung zur Apostelgeschichte ordnet das Buch unterschiedlichen Gattungen zu – von kirchlicher Geschichtsschreibung6 über hellenistische intellektuelle Biografie7 bis hin zu historischer Fiktion8 oder apologetischer Historiografie.9 Darüber hinaus zeigt die unterschiedliche Weise, in der Missionare die Apostelgeschichte nutzen, dass im Bereich der angewandten Theologie und Missionswissenschaft keine Einigkeit über Gattung und Zweck des Buches besteht.10 Es ist daher ratsam, sich zunächst mit einigen dieser Kontroversen vertraut zu machen, bevor wir selbst beurteilen, um welche Art von Buch es sich bei der Apostelgeschichte handelt.
Gattung: Eine umstrittene Frage
Dass es wenig Einigkeit über die feinen Details von Lukas’ Zielsetzung und Gattung gibt, bedeutet nicht, dass Gattung und Zweck grundsätzlich unbestimmbar wären.11 Anhand seines zweibändigen Werkes können wir Lukas’ kompositorische Vorgehensweise erkennen und so erschließen, welche Art von Material er selbst zu schreiben meint und was ihm besonders am Herzen liegt.12
Tatsächlich wird die bewusste Zusammengehörigkeit von Lukas und Apostelgeschichte besonders deutlich in den Einleitungen beider Bücher. Offenbar im Auftrag eines Förderers namens Theophilus berichtet Lukas, dass er zwei Bände verfasst hat, die die Geschichte des Wirkens Jesu darstellen. Den ersten Band beschreibt er als „geordneten Bericht“ über das, was Christus im Beisein vieler Zeugen getan hat (Lk 1:1–4). Der zweite Band, die Apostelgeschichte, setzt diese historische Darstellung fort und berichtet, was Jesus weiterhin tut und lehrt – nun durch die Gemeinde und seine vom Heiligen Geist erfüllten Jünger (Apg 1:1–3).13 Wenn wir beide Bücher vor dem Hintergrund von Lukas’ klarer Zweckangabe betrachten, hilft uns das, die Frage nach der Art des Buches zu beantworten: Die Apostelgeschichte ist ein geordneter Bericht, der Theophilus in dem bestätigen soll, was er über Christus und die Heilsgeschichte gelernt hat.
Das bedeutet, dass die Apostelgeschichte auf einer grundlegenden Ebene bewusst historisch und bekenntnishaft ist; sie gehört damit zur Gattung der theologischen Geschichtserzählung.14 Doch um den nächsten Schritt zu gehen und zu verstehen, warum Lukas seine Geschichte gerade so erzählt, müssen wir genauer betrachten, wie er sie aufgebaut hat.
Zweck: Textliche und thematische Hinweise
Wenn wir sowohl das Lukasevangelium als auch die Apostelgeschichte als Schrift innerhalb der Gattung der theologischen Geschichtserzählung auslegen, müssen wir darauf achten, wie Lukas seinen geordneten Bericht aufgebaut hat. Kommentatoren haben darauf hingewiesen, dass die parallele Anordnung des Materials in beiden Bänden offenbar bewusst so gestaltet ist, dass zunächst der Dienst Christi dargestellt und dieser dann im Wirken seiner Zeugen – insbesondere Petrus und Paulus – gespiegelt wird.15 Auf diese Weise scheint Lukas deutlich machen zu wollen, dass die Heilsgeschichte in einer Weise voranschreitet, die Gottes Bundesverheißungen aus den Schriften des Alten Testaments erfüllt und fortführt.
Beide Bände zeigen klar, dass das Evangelium den Höhepunkt der Mission des Gottes Israels darstellt und dass die Gemeinde, die dieses Evangelium bezeugt, diese Mission fortsetzt (vgl. Lk 24:25–27, 44–49; Apg 2:14–36; 7:1–53). Diese Zielsetzung wird sowohl in den Reden ausdrücklich formuliert als auch durch wiederkehrende Schriftzitate veranschaulicht. So wird Jesus in Lukas 2:32 als die Erfüllung der Prophezeiung Jesajas dargestellt, dass Gott ein Licht für die Heiden geben und sein Heil bis an die Enden der Erde bringen werde (Jes 42:6; 49:6). Dieselbe Schriftstelle wendet Lukas später auf Paulus und Barnabas an (Apg 13:47). Ebenso wird Jesu Zitat aus Psalm 31:5 am Kreuz, mit dem er seinen Geist dem Vater anbefiehlt, im Sterben des Stephanus aufgegriffen, der seinen Geist in die Hände Christi legt (Lk 23:46; Apg 7:59). Diese Parallelen dürfen selbstverständlich nicht die klare Unterscheidung zwischen dem göttlichen Herrn und seinen Jüngern verwischen.16 Dennoch besteht eine bewusste und direkte Entsprechung zwischen dem, was Christus vollbracht hat, und seinem fortgesetzten Wirken durch die Apostel.
Neben diesen textlichen Parallelen gibt es zudem eine inhaltliche Entsprechung zwischen Jesu Ausrichtung auf die Enden der Erde zu Beginn und am Ende des Lukasevangeliums (Lk 2:32; 24:47), dem Missionsauftrag in der Apostelgeschichte (Apg 1:8) und Paulus’ Argument am Ende der Apostelgeschichte, dass die Heiden hören werden (Apg 28:28).17 Die „Enden der Erde“ markieren dabei nicht nur die geografische Reichweite des missionarischen Auftrags der Gemeinde, sondern verweisen zugleich auf den transkulturellen Charakter eines weltweiten Evangeliums, das gläubige Juden und Heiden gleichermaßen einschließt (vgl. Apg 10; 11; 15).
Struktur: Reden als erklärendes Strukturprinzip
Neben diesen thematischen Parallelen liefert Lukas einige der wichtigsten strukturellen Hinweise auf seine Zielsetzung, indem er erklärende Reden in den Verlauf der Apostelgeschichte einbettet.18 Michael Shepherd hebt dieses Merkmal besonders hervor, wenn er schreibt: „Die großen Reden im Buch der Apostelgeschichte funktionieren ähnlich wie die Lieder im Pentateuch, die Reden in den Vorderen Propheten oder die Lehrreden im Matthäusevangelium: Sie erklären die Erzählungen, die sie begleiten.“19 Indem Lukas die Reden zur Auslegung der erzählten Ereignisse nutzt, greift er auf eine verbreitete literarische Technik der griechisch-römischen Geschichtsschreibung zurück, die es erlaubt, aus der Perspektive der handelnden Personen erklärende Einsichten in den historischen Bericht einzufügen.20
Diese Reden – sie machen nahezu dreißig Prozent des Textes der Apostelgeschichte aus – enthalten das, was man als „das theologische Kernstück der Apostelgeschichte“ bezeichnen kann.21 Durchgehend zeigen sie, dass die Schriften Israels sich in der Person und im Werk Christi erfüllen und sich nun in seinem Volk fortsetzen, das in örtlichen Gemeinden von Gläubigen gesammelt wird.22 Da sich die meisten dieser zentralen Reden an überwiegend jüdische Zuhörer richten, kommt I. Howard Marshall zu dem Schluss, dass Lukas’ Ziel darin besteht, „zu zeigen, wie die Gemeinde, bestehend aus Juden und Heiden, in Kontinuität mit dem Judentum steht“.23 Ein wesentlicher Bestandteil dieser Argumentation ist freilich die Ausbreitung dieser Botschaft bis an die Enden der Erde. Genau das beschreibt Lukas in seinem Bericht – und genau dort lässt er Paulus zurück: das Evangelium ungehindert verkündigend in Apg 28:30–31.24
Schlussfolgerung: Exegetisch fundierte, gemeindegeprägte theologische Geschichtsschreibung
Fassen wir zusammen, was wir gesehen haben, so können wir festhalten: Die Apostelgeschichte ist eine theologische Geschichtserzählung, die um Christi Verheißung herum aufgebaut ist, seine Apostel zu Zeugen für alle Völker zu machen – in Jerusalem, in ganz Judäa und Samaria und bis an die Enden der Erde. Durch ihre bewussten Bezüge auf die Geschichte Israels und auf die Schriften, die in Christus ausgelegt und durch die Gemeinde fortgeführt werden, feiert die Apostelgeschichte Gottes souveräne Treue, Christi Verheißung (Apg 1:8) und seinen Auftrag (Mt 28:18–20) sowohl geografisch als auch über die Trennlinie zwischen Juden und Heiden hinweg zu erfüllen.
Nachdem wir nun geklärt haben, was die Apostelgeschichte ist, sind wir bereit, uns der Frage zuzuwenden, die zeitgenössische Missionare mit Recht stellen: Wie dient mir die Apostelgeschichte als christliche Schrift in meiner Verantwortung, Mission zu treiben, bis Christus wiederkommt?
2. Die Apostelgeschichte im christlichen Dienst gebrauchen
Diese Fragen nach Gattung und Zweck der Apostelgeschichte sind keineswegs bloß akademische Gedankenspiele. Sie prägen ganz wesentlich, wie wir die Apostelgeschichte heute auslegen und anwenden.25Wir können uns nicht damit zufriedengeben, einen Belegvers aus der Apostelgeschichte zu zitieren und unsere Vorschläge kurzerhand als „biblisch“ zu deklarieren, wenn wir Lukas’ Absicht als Autor nicht berücksichtigt haben – eine Absicht, die zumindest teilweise durch Gattung und Gesamtstruktur des Buches bestimmt ist. Tatsächlich macht das Buch selbst deutlich, dass bestimmte Aspekte seiner Berichte nicht normativ sind, nicht erwartet werden sollen und nicht einfach in die Praxis des späteren Gemeindelebens verlängert werden dürfen.26 Zugleich besteht weiterhin Uneinigkeit darüber, was als normativ zu gelten hat und was lediglich als Beschreibung einmaliger heilsgeschichtlicher Ereignisse zu verstehen ist.27 Wie also sollen heutige Leser die Apostelgeschichte auslegen und verstehen?
Wir haben gesehen, dass die Apostelgeschichte reale Geschichte berichtet, um zu zeigen, dass das neue Bundesvolk Gottes aus allen Nationen die Geschichte und die Verheißungen fortführt, die in den hebräischen Schriften grundgelegt sind. Indem die Apostelgeschichte die große Heilsgeschichte der Schrift weiterführt, erfüllt sie im Neuen Testament eine ähnliche Funktion wie das Buch Josua im Alten Testament. Während der Pentateuch gegeben wurde, um Gottes Volk, Gottes Gesetz und das verheißene Land zu etablieren, liefert Josua eine Erzählung voller Belege dafür, dass der Gott, der dieses Land verheißen hat, es auch tatsächlich schenkt. Das Buch berichtet eindeutig nicht wiederholbare Ereignisse – etwa die Einnahme Jerichos oder den Sieg über die Amoriter bei stillstehender Sonne –, um die souveräne und providentielle Erfüllung von Gottes Bundesverheißungen zu unterstreichen. Zugleich zeigt es sowohl, wie das Volk seinen Bundespflichten nachkam (Jos 1:16–18; 3:5–17; 6:15–21; 11:23), als auch, wie es darin versagte (Jos 7:16–26; 16:10). Als historische Erzählung präsentiert sich Josua nicht als Handbuch für Kriegsführung oder als Leitfaden für Führungsprinzipien. Vielmehr ist es eng an den Pentateuch mit seinen Bundesforderungen, Segnungen und Flüchen gebunden und zeigt, dass Gott das getan hat, was er angekündigt hatte.
Eine vergleichbare Funktion erfüllt die Apostelgeschichte im Kanon des Neuen Testaments. Als Brücke zwischen den vier Evangelien und den neutestamentlichen Briefen liefert sie eine historische Darstellung, die immer wieder durch exegetische Argumentation durchzogen ist, um zu zeigen, dass Gott die Erfüllung seiner Verheißungen souverän lenkt.28 Als Fortsetzung der Evangelien dehnt sie die Messias-Erzählung auf die Zeit nach der Himmelfahrt aus und beschreibt das fortgesetzte Wirken Christi in seiner Gemeinde durch den Heiligen Geist. Lukas bestätigt dieses Wirken durch Parallelen zum Dienst Jesu und durch eine schriftgemäße Verteidigung der Gemeinde als Erbin von Gottes Mission und Bundesverheißungen.29
Damit lässt sich unsere oben gestellte Frage zunächst klar beantworten: Innerhalb des Buches selbst gibt es keinen zwingenden Grund, die Apostelgeschichte so zu lesen, als sei sie als missionarisches Handbuch gedacht. Dennoch bleibt die Frage offen, ob es legitim ist, die Apostelgeschichte trotz der erkannten Hauptintention des Autors als Leitfaden für Mission zu verwenden. Dieser Frage wollen wir uns im letzten Abschnitt kurz zuwenden.
3. Wie informiert die Apostelgeschichte heutige Mission?
Die Einsicht, dass Lukas nicht bewusst ein Handbuch für moderne Missionspraxis schreibt, bedeutet nicht automatisch, dass die Apostelgeschichte nicht in dieser Weise gebraucht werden dürfte. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass es mehrere Gründe gibt, warum eine solche Lektüre nicht durchgängig möglich ist. Das lässt sich exemplarisch an der Frage zeigen, ob Paulus’ Dienst als Modell für nachfolgende Missionare gedacht ist.
Der vielgestaltige Dienst des Paulus
Da Paulus der Apostel ist, der am deutlichsten mit der Mission unter den Heiden verbunden wird, und da sein Dienst den größten geografischen Raum umfasst, ist es verständlich, dass missionsinteressierte Leser der Apostelgeschichte fragen, ob sein Dienst als Vorbild für den unseren dienen kann. Doch schon bei der Lektüre der Berichte über Paulus (Apg 9–28) wird deutlich, dass Lukas in erster Linie festhält, was Paulus getan hat, und nicht vorschreibt, was wir tun sollen. Ich beschränke mich auf drei Beobachtungen.30
Erstens unterscheidet sich Paulus grundlegend von heutigen Missionaren dadurch, dass er ein Apostel ist, der von Christus selbst zu diesem besonderen Dienst berufen wurde – Christus ist ihm erschienen und hat ihn autorisiert, sein Bote unter den Heiden zu sein.31 Zudem übt Paulus seinen apostolischen Dienst in einer heilsgeschichtlich Übergangszeit aus, die für das Leben der Gemeinde nicht normativ ist.32
Zweitens sind Paulus’ Reaktionen auf unterschiedliche Umstände nicht einheitlich genug, um daraus eine allgemeingültige Methodik ableiten zu können. So versucht Paulus an manchen Orten trotz Verfolgung und Gefangenschaft zu bleiben, während er an anderen flieht, um der Verfolgung zu entgehen (vgl. Apg 14:19–22; 16:16–40; 17:1–15). Manchmal evangelisiert er dort, wo das Evangelium noch nicht verkündigt worden ist; ein anderes Mal entscheidet er sich ausdrücklich, von einer offenen Tür unter Unerreichten weiterzuziehen (2Kor 2:12–13).33 Ebenso predigt er in einigen der Städte, durch die er reist (Apg 13:51–14:7), während er an anderen vorbeizieht, ohne dort Halt zu machen (Apg 14:24; 16:8). Manchmal lässt er seine Reisegefährten zurück (Apg 17:14), ein anderes Mal nimmt er Mitarbeiter mit auf den weiteren Weg (Apg 18:18). Viele Einzelheiten von Paulus’ Dienst folgen keinem erkennbaren Muster und stehen zum Teil sogar in Spannung zueinander. Diese Vielfalt unterstreicht, dass Lukas seinen Bericht nicht mit dem Ziel verfasst, seinen Lesern missionarische Handlungsanweisungen zu hinterlassen.
Drittens gehört zu den wichtigsten strategischen Entscheidungen von Missionaren die Frage, wie lange sie an einem bestimmten Ort bleiben sollen. Es gilt einzuschätzen, wann Jünger und Gemeinden noch nicht ausreichend gefestigt sind, um eigenständig zu bestehen, und wann ein Weiterziehen weise und für ihre Entwicklung förderlich ist. Doch wenn wir auf Paulus schauen, finden wir nur wenige Hinweise darauf, was er selbst als „ausreichend lange Zeit“ an einem Ort betrachtet hätte – denn fast immer wurde er durch Verfolgung zur Weiterreise gezwungen.34 Aussagen über ein ideales Tempo moderner Missionsarbeit aus Paulus’ Dienst abzuleiten, ist daher kaum sachgerecht.35
Die Apostelgeschichte ist kein missionarisches Handbuch, und Lukas stellt Paulus nicht als den Modellmissionar dar, dessen Taktiken man aus der Erzählung herauslösen und in der heutigen Missionspraxis anwenden könnte. Wie Vickers treffend formuliert: „Die Erzählung der Apostelgeschichte zu lesen bedeutet weit mehr – viel mehr –, als die historischen Ereignisse in Lukas’ Bericht abzuschälen, um einen zeitlosen Wahrheitskern oder abstrakte theologische und praktische Prinzipien freizulegen.“36
Liefert Lukas’ Bericht dennoch Muster, denen wir folgen können?
Trotzdem müssen wir nicht den Schluss ziehen, dass zeitgenössische Missionare aus der Apostelgeschichte nichts für ihren Dienst gewinnen könnten. Es gibt wiederkehrende Gemeinsamkeiten, die sowohl durch Lukas’ Struktur als auch durch Paulus’ Handeln bekräftigt werden und grundlegende Einsichten in den missionarischen Auftrag vermitteln. Tatsächlich stellt Paulus selbst Aspekte seines Lebens als Vorbild für den Dienst vor, wenn er die Korinther auffordert, ihm nachzufolgen, wie er Christus nachfolgt (1Kor 11:1; vgl. Phil 4:9; 1Thess 1:4–6).
Eckhard Schnabel bringt zum Ausdruck, dass wir bei der Beobachtung von Paulus’ Dienst zwar keine klar umrissene Strategie entdecken, die wir heute einfach übernehmen könnten, wohl aber einen „flexiblen modus operandi“, der unser Verständnis des missionarischen Auftrags prägen kann.37 Schnabel benennt mehrere übergreifende Muster, die Paulus’ Dienst kennzeichnen. Vielleicht noch wichtiger als diese Muster in der Apostelgeschichte zu erkennen ist allerdings, dass sich anhand von Paulus’ Briefen zeigen lässt, dass diese Muster bewusst gelehrt und angeordnet werden. Ich beschränke mich auf drei Beobachtungen, die als Einladung dienen sollen, weitere Zusammenhänge zu entdecken.
DAS VERKÜNDIGTE EVANGELIUM IST DURCH DIE SCHRIFT BESTIMMT
Erstens gründen Paulus und die anderen Zeugen, denen wir in der Apostelgeschichte begegnen, ihre Verkündigung regelmäßig im biblischen Zeugnis der hebräischen Schriften.38 Selbst unter überwiegend heidnischen Zuhörern ist die Evangeliumsverkündigung von biblischen Themen durchzogen und zielt konsequent auf biblische Inhalte hin.39 Wie Schnabel zusammenfasst, hat Paulus trotz aller kontextuellen Vorarbeit in unterschiedlichen Situationen „seinen Zuhörern nicht erlaubt, die Bedingungen zu bestimmen, unter denen er das Evangelium verkündigt. … Das Paradigma und die Prinzipien von Paulus’ missionarischer Verkündigung machen deutlich, dass nicht die Frage entscheidend ist, was Menschen hören wollen, sondern was Gott in Jesus Christus offenbart hat.“40
Gerade die Reden in der Apostelgeschichte zeigen eindrücklich, wie sich die hebräischen Schriften im Leben, Sterben, in der Auferstehung und Himmelfahrt Christi erfüllen. Das unterstreicht sowohl die hermeneutische Stoßrichtung des Buches als auch ein grundlegendes Muster: Das Evangelium ist „gemäß den Schriften“ zu verkündigen (vgl. 1Kor 15:1–5). Für heutige Missionare muss daher die Verkündigung des einen wahren Evangeliums, gegründet in den alttestamentlichen Verheißungen, die sich in Christus erfüllen, im Zentrum ihres Dienstes stehen, wenn dieser biblischem Vorbild, biblischer Beschreibung und biblischem Auftrag entsprechen soll (vgl. Gal 1:6–9).41
DAS ZIEL DES AUFTRAGS IST GOTTES EHRE IN ÖRTLICHEN GEMEINDEN
Zweitens wird der missionarische Dienst von Paulus und seinen Mitarbeitern durch Gemeindegründung und Gemeindeaufbau bestimmt. Die Apostelgeschichte berichtet, dass die Evangelisation der Apostel zu Jüngern führte, die zur weiteren geistlichen Reifung und Festigung in örtlichen Gemeinden gesammelt wurden (z. B. Apg 14:23; 15:41; 16:5; 20:17–35). Paulus’ Briefe unterstreichen diesen gemeindezentrierten Missionsansatz (1Tim 3:14–15; Tit 1:5; Eph 3:20–21). Die örtliche Gemeinde, zusammengesetzt aus Gläubigen jüdischer und nichtjüdischer Herkunft, ist der Ort, an dem Gott seine vielfältige Weisheit offenbart (Eph 3:10).
Für Paulus sind örtliche Gemeinden ein greifbarer Beweis für die Kraft des Evangeliums – nicht nur darin, Jünger hervorzubringen, sondern sie auch in Einheit zur Reife zu führen. Schnabel merkt dazu erneut an, dass zeitgenössische Gemeindegründung sich in der Nachfolge des Paulus nicht an menschlichen Vorlieben orientieren darf, indem sie homogene Gruppen kulturell bequemer und angepasster Gläubiger schafft.
Für Paulus wird die Wirklichkeit authentischer Gemeinschaften von Jesusnachfolgern nicht durch die wahrgenommenen Bedürfnisse von Suchenden bestimmt, die durch selbstgewählte Angebote zur selbstgewählten Zeit erfüllt werden sollen. Das Konzept der Einheit der örtlichen Gemeinde, das Paulus mit großem Nachdruck als nicht verhandelbares Prinzip betont (1Kor 12:12–26; Eph 2:11–22), wird zugleich als verbindliche Norm formuliert (1Kor 1:10; Phil 2:2.5; 3:15) und entlarvt solche Vorschläge als zerstörerisch.42
Mit anderen Worten: Das Ziel missionarischer Arbeit besteht darin, Neubekehrte in Gemeinden zu sammeln, die nicht lediglich die kulturellen Normen oder Gepflogenheiten ihres Umfelds widerspiegeln, sondern ein verbindendes Zentrum aus gemeinsamen Überzeugungen, Praktiken und ethischen Maßstäben ausbilden – alles zur Ehre Gottes. Damit sind wir bei einem dritten Prinzip, das im Dienstmuster der Apostelgeschichte sichtbar wird und durch klare Weisungen in den Briefen bestätigt ist: Einheit in Vielfalt.
DER UMFANG DES AUFTRAGS IST UNIVERSELL
Wenn die Apostelgeschichte mit Paulus in Gefangenschaft endet, wird deutlich, dass das Evangelium dennoch weiter voranschreitet. Tatsächlich lädt uns das letzte Wort, das Lukas in seinem zweibändigen Werk festhält, dazu ein zu erkennen, dass das Wort Gottes „ungehindert“ weiterläuft (Apg 28:31). Wie Jeremy Kimble und Ched Spellman feststellen: „Die Apostelgeschichte will die Leser davon überzeugen, dass die Evangeliumsbotschaft trotz des Hausarrests des Paulus in Rom weiterhin geografische, ethnische und zeitliche Grenzen überschreiten wird.“43
Die geografischen Grenzen, die in Apg 1:8 gesetzt sind, wurden sichtbar überwunden; der Rest der Welt wird sich als nicht weniger durchlässig erweisen. Zugleich haben sich Paulus’ Bemühungen über die Trennlinie zwischen Juden und Heiden hinweg als fruchtbar erwiesen, sodass die Gemeinde insgesamt erkannt hat, dass jüdische und heidnische Gläubige zu Recht Brüder und Schwestern in Christus sind (vgl. Apg 15:23). Wo das Evangelium geglaubt wird, werden bekehrte Sünder untrennbar in die universale Gemeinde eingefügt und gehören selbstverständlich in örtliche Gemeinden – unabhängig von den früheren kulturellen Barrieren, die sie voneinander zu trennen drohten (Gal 2:1–21). Die Apostelgeschichte und das übrige Neue Testament bezeugen daher übereinstimmend die Überzeugung, dass der missionarische Auftrag durch geografische oder kulturelle Grenzen nicht aufgehalten wird, sondern bis zum Ende der Zeit durch die Gründung von Gemeinden aus Gläubigen aller Hintergründe fortgeführt wird.44
Muster statt Handbuch
Zum Abschluss unserer Überlegungen zu Lukas’ zweitem Band an Theophilus und an die Gemeinde insgesamt ist es gut, uns daran zu erinnern, dass wir Lukas das sagen lassen sollten, was er sagen will – und so, wie er es sagen will. Mit Vickers können wir festhalten: „Es gibt in der Apostelgeschichte reichlich zeitlose Wahrheit, Theologie und praktische Lehre. Doch wir müssen respektieren, dass Gott uns in der Apostelgeschichte eine Geschichte gegeben hat. Wenn Gott es für richtig hielt, uns eine Geschichte zu geben – wer sind wir, dagegen zu argumentieren?“45
Lasst uns die Apostelgeschichte daher nicht so behandeln, als hätte Gott uns eine Erzählung gegeben, die für ihren Zweck ungeeignet wäre und erst zu einem Handbuch umfunktioniert werden müsste. Lasst uns dieses herrliche Zeugnis von Gottes souveränem Handeln in der Heilsgeschichte nicht auseinandernehmen, um unsere Methoden zu rechtfertigen oder Gottes Wort so zu behandeln, als sei es in einer ungeeigneten Form zu uns gekommen. Vielmehr wollen wir – mit Sorgfalt im Lesen, Auslegen und Anwenden von Gottes Wort – den Auftrag ergreifen, den unser auferstandener Herr seinen Jüngern aller Zeiten gegeben hat: „Ihr werdet meine Zeugen sein … bis an die Enden der Erde“ (Apg 1:8).
Fußnoten:
- Beispiele für einen solchen Umgang mit der Apostelgeschichte finden sich zahlreich bei Steve Addison, Acts and the Movement of God (100Movements, 2023). Vgl. etwa Addisons Verwendung von Apg 2:42–47, um zu behaupten, dass Lukas uns in diesen sechs Versen „ein klares Bild vom Leben der ersten Gemeinde als Gottes Absicht für alle Gemeinden gibt. Er zeigt uns, wie Gemeinde funktionieren soll“ (27). ↩︎
- Ein Beispiel für eine Gruppe von Missiologen, die sich explizit diesem Ansatz verschrieben haben, ist das Netzwerk 24:14. Im zweiten Kapitel des Prologs des zugehörigen Buches schreibt Rick Wood: „Wir haben kraftvolle, an der Apostelgeschichte orientierte Methoden der Jüngerschaft und Gemeindegründung wiederentdeckt, die sich weltweit unter unerreichten Völkern als wirksam erwiesen haben, um Bewegungen hervorzubringen.“ Rick Wood, „Are You In?“, in 24:14: A Testimony to All Peoples, hg. von Dave Coles und Stan Parks (24:14, 2019), 6. In einem späteren Beitrag fordert Steve Smith seine Leser dazu auf, den Vorgaben des Buches zu folgen, um „zu einem Protagonisten der Geschichte zu werden – nicht zu einer Nebenfigur. Entscheide dich dafür, jedes unerreichte Volk und jeden unerreichten Ort zu erreichen, und tue dies durch apostelgeschichtliche Bewegungen der Vermehrung von Jüngern, Gemeinden und Leitern.“ Steve Smith, „The Storyline of History — Finishing the Last Lap“, in 24:14, 24. Ähnliche Formulierungen finden sich an vielen Stellen des Buches. ↩︎
- Eine hilfreiche populärwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Frage bietet Chip Bugner, „Is Acts a ‘Playbook’ for Missions Practices Today?“, Radical, 14. April 2021, https://radical.net/article/is-acts-a-playbook-for-missions-practices-today/. ↩︎
- Robert Plummer, 40 Questions About Interpreting the Bible, 2. Aufl. (Kregel Academic, 2021), 203. Vgl. außerdem Jeannine Brown, Scripture as Communication (Baker Academic, 2007), 24; Grant Osborne, The Hermeneutical Spiral, 2. Aufl. (IVP Academic, 2006), 181–83; Kevin Vanhoozer, The Drama of Doctrine (Westminster John Knox, 2005), 283. ↩︎
- Vanhoozer, The Drama of Doctrine, 283. Hervorhebung im Original. ↩︎
- Alanna Nobbs, „Acts and Subsequent Ecclesiastical Histories“, in The Book of Acts in Its First-Century Setting, hg. von Bruce Winter und Andrew Clarke (Eerdmans, 1993), 162. ↩︎
- L. C. A. Alexander, „Acts and Ancient Intellectual Biography“, in The Book of Acts in Its First-Century Setting, 63. Zu beachten ist, dass Alexander sich hier speziell auf die Paulus-Episoden in der Apostelgeschichte bezieht. In ihrem Fazit lehnt sie eine eindeutige Gattungszuweisung ab und spricht stattdessen von „einem Erzählmuster, das einer breiten Gruppe von Autoren vertraut ist“. ↩︎
- Vgl. Richard Pervo, Profit with Delight: The Literary Genre of Acts of the Apostles (Fortress, 1987). ↩︎
- Gregory Sterling, Historiography and Self-Definition: Josephus, Luke-Acts, and Apologetic Historiography (Brill, 1992). ↩︎
- Vgl. etwa Steve Addison, „4 Fields Discovery“, Movements.net, https://www.movements.net/4fields-acts. In dieser Schulung werden Missionsgruppen dazu angeleitet, ein Kapitel der Apostelgeschichte zu lesen, um anhand induktiver Fragen Muster, Zielgruppen und Strategien zu identifizieren – mit Fokus auf das Handeln der frühen Christen. Keine der Fragen bezieht sich jedoch auf Schriftzitate, den heilsgeschichtlichen Fortschritt oder Lukas’ Intention bei der Darstellung der Ereignisse. Vgl. außerdem Brent Earwicker, „The Acts of the Missionaries“, Bold Ventures, 25. April 2012, https://boldventures.global/the-acts-of-the-missionaries/, wo es heißt: „Wir werden in Gottes Mission nur so erfolgreich sein, wie wir bereit sind, den Prinzipien zu folgen, die er uns gnädig in der Schrift gegeben hat. Die unglaublichen Geschichten, die die Apostel erlebt haben, können auch heute unsere Erfahrung sein, wenn wir einfach im Gehorsam gegenüber dem Heiligen Geist handeln und tun, was Jesus und seine Nachfolger getan haben.“ ↩︎
- Ein Grund für diese Meinungsvielfalt liegt im Versuch, Lukas und Apostelgeschichte als voneinander unabhängige Texte zu behandeln, ohne ihre bewusste Zusammengehörigkeit zu berücksichtigen. ↩︎
- Im Gegensatz zu Positionen, die stärker zwischen Lukas und Apostelgeschichte differenzieren, bezeichnen Köstenberger und Goswell die Apostelgeschichte als die „perfekte Fortsetzung“ des Lukasevangeliums. Andreas J. Köstenberger und Gregory Goswell, Biblical Theology: A Canonical, Thematic, and Ethical Approach (Crossway, 2023), 495. Vgl. auch I. Howard Marshall, Acts, TNTC (IVP Academic, 1980), 59–61; F. F. Bruce, The Book of Acts, NICNT (Eerdmans, 1977), 18–19. Jeremy Kimble und Ched Spellman, Invitation to Biblical Theology (Kregel Academic, 2020), 205–8, erkennen zwar die kanonische Distanz zwischen Lukas und Apostelgeschichte an, bekräftigen aber ebenfalls, dass die Apostelgeschichte Teil von Lukas’ zweibändigem Werk ist. ↩︎
- Köstenberger und Goswell, Biblical Theology, 495. ↩︎
- Craig Blomberg, „The Diversity of Literary Genres in the New Testament“, in Interpreting the New Testament, hg. von David Alan Black und David Dockery (B&H, 2001), 277. Skeptischere Forscher bezeichnen die Apostelgeschichte gelegentlich als Roman oder Mythos zur Erklärung der Ursprünge der Kirche; die große Mehrheit der Ausleger erkennt sie jedoch als historische Darstellung an. Als Schrift, die bewusst theologisch geformt und angeordnet ist, handelt es sich nicht um bloße Geschichte, sondern um theologische Geschichtsschreibung. Vgl. Bruce, The Book of Acts, 19; Patrick Schreiner, Acts (Holman Reference, 2021), 57. ↩︎
- Schreiner, Acts, 47–48, bietet hilfreiche Übersichten, die deutliche Parallelen zwischen Lukas und Apostelgeschichte sowie zwischen den Diensten von Petrus und Paulus aufzeigen. ↩︎
- „Während Jesus einzigartig der Knecht des Herrn ist, gibt es doch einen Sinn, in dem Paulus und die Apostel in seinen Auftrag eingetreten sind und ihn fortführen, sodass sie nun Diener des Knechtes des Herrn sind und seine Mission ausweiten.“ Köstenberger und Goswell, Biblical Theology, 515. ↩︎
- Vgl. Keith Whitfield, „The New Testament and the Nations“, in Theology and Practice of Mission, hg. von Bruce Ashford (B&H Academic, 2011), 166–67. ↩︎
- Polhill bestätigt dies ausdrücklich: „Die Reden sind lebendige Mittel, um die Bedeutung der Ereignisse auszulegen. … Wer sie ignoriert, verpasst einen großen Teil der Botschaft der Apostelgeschichte.“ Polhill, „Interpreting the Book of Acts“, 402. ↩︎
- Michael Shepherd, An Introduction to the Making and Meaning of the Bible (Eerdmans, 2024), 138. ↩︎
- „Lukas folgt dem Modell griechischer und römischer Historiker, die regelmäßig Reden in ihre Geschichtswerke einfügen. Diese Reden erklären die Beweggründe historischer Akteure und können eine abstrahierende Analyse der zugrunde liegenden theologischen Fragen liefern.“ Eckhard Schnabel, Acts, ECNT (Zondervan, 2012), 35, unter Bezug auf John Marincola. ↩︎
- Polhill, „Interpreting the Book of Acts“, 402; vgl. Schreiner, Acts, 46. ↩︎
- Dies gilt nicht nur für die Apostelgeschichte, sondern auch für das Lukasevangelium, wo Jesus zweimal erklärt, dass das Leiden des Messias vor seiner Verherrlichung die Erfüllung von Gesetz und Propheten ist (Lk 24:25–27.44). ↩︎
- Marshall, Acts, 22; vgl. Schnabel, Acts, 37. ↩︎
- Interessanterweise – und für einige gegenwärtige missiologische Diskussionen relevant – beginnt Lukas seinen Bericht über die Ausbreitung des Evangeliums mit dem Hinweis, dass Juden aus allen Nationen (griech. pantos ethnous) unter dem Himmel zu Pfingsten die großen Taten Gottes verkündigt hörten (Apg 2,5). Schreiner merkt an, dass das Reich Caesars die damals bekannte Welt umfasste; die Formulierung „unter dem Himmel“ deute daher auf eine neue geografisch-theologische Ordnung hin, in der selbst Caesars Welt der Herrschaft des in den Himmel aufgefahrenen Königs der Könige unterstellt ist. Indem Lukas seinen Bericht in Rom enden lässt, scheint er anzudeuten, dass es im apostolischen Zeitalter in gewisser Hinsicht zu einem Abschluss der Verkündigung des Evangeliums an alle Nationen gekommen ist. Vgl. Schreiner, Acts, 116–17. Dies sollte jedoch keinesfalls den missionarischen Eifer späterer Generationen dämpfen, das Evangelium weiterhin an neue Orte und zu neuen Generationen zu tragen. Vielmehr unterstreicht es, dass das Evangelium trotz des Leidens seiner Diener ungehindert voranschreitet. Vgl. Polhill, „Interpreting the Book of Acts“, 407.
Zur Verteidigung der These, dass Rom das „Ende der Erde“ darstellt, argumentiert Shepherd: „Der programmatische Text in Apostelgeschichte 1,8 gibt die Ausrichtung des gesamten Buches vor und antizipiert die apostolische Ausbreitung des Evangeliums in der folgenden Erzählung von Jerusalem über Judäa und Samarien bis an das Ende der Erde (vgl. Apg 8,1). Für die Apostelgeschichte ist das Ende der Erde Rom (vgl. 19,21; 28). So schreibt Paulus – trotz seines an anderer Stelle geäußerten Wunsches, nach Spanien zu reisen (Röm 15,24) – aus dem Hausarrest in Rom in seinem Brief an die Kolosser, dass das Evangelium in der ganzen Schöpfung unter dem Himmel verkündigt worden ist (Kol 1,23; vgl. Röm 15,19).“ Shepherd, An Introduction to the Making and Meaning of the Bible, 138. ↩︎ - Für eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Suche nach der Autorintention als hermeneutischer Praxis vgl. Brown, Scripture as Communication, 57–78. ↩︎
- Schreiner weist hilfreich darauf hin, dass dieser Übergang nicht nur durch den natürlichen Tod der Augenzeugen angezeigt wird, sondern auch durch die Erzählstruktur der Apostelgeschichte selbst. In Apostelgeschichte 1 versammeln sich die Jünger, um einen Ersatz für Judas zu wählen, offenbar um die Zwölfzahl der Apostel zu vervollständigen und so die Kontinuität mit den zwölf Stämmen Israels zu spiegeln. Als jedoch Jakobus in Apostelgeschichte 12,2 stirbt, sehen sich die Gläubigen nicht mehr veranlasst, einen Ersatz für ihn zu bestimmen. Vgl. Schreiner, Acts, 31. ↩︎
- Brian Vickers, „The Acts of the Apostles“, John–Acts, ESV Expository Commentary (Crossway, 2019), 325–28. ↩︎
- „Die Apostelgeschichte ist der Klebstoff, der das gesamte Neue Testament zusammenhält.“ Vgl. Köstenberger und Goswell, Biblical Theology, 495. ↩︎
- Schreiner fasst Lukas’ Anliegen, den missionarischen Fortschritt des Wortes Gottes darzustellen, treffend zusammen: „Der Inhalt des Wortes ist das Reich Gottes, mit dem auferstandenen und erhöhten Christus im Zentrum.“ Vgl. Schreiner, Acts, 20. ↩︎
- Für eine hilfreiche Darstellung dieser Gedanken, der ich mich ausdrücklich verpflichtet weiß, vgl. Elliot Clark, „Why Paul Is a Complicated Missionary Model“, The Gospel Coalition, 21. August 2024, https://www.thegospelcoalition.org/article/paul-complicated-missionary-model/. ↩︎
- Paulus verweist in seinen Briefen regelmäßig auf diesen Umstand als ein unterscheidendes Merkmal seines eigenen Dienstes – nicht als etwas, das er innerhalb der Gemeinden bei seinen Adressaten erwartet. Dies gilt selbst für viele, die argumentieren, dass es auch heute noch Apostel gebe, wenn auch in einem vom neutestamentlichen Apostelamt unterschiedenen Sinn. Einen hilfreichen Überblick über die verschiedenen Positionen bietet J. D. Payne, Apostolic Imagination (Baker, 2022), 47–69. ↩︎
- Vickers, The Acts of the Apostles, 326–27. Vgl. außerdem Andreas J. Köstenberger, L. Scott Kellum und Charles L. Quarles, The Cradle, the Cross, and the Crown (B&H Academic, 2016), 418–22. ↩︎
- Ralph Martin, 2 Corinthians, WBC (Word, 1986), 42. Martin schließt seine Auslegung dieses Verses mit den Worten: „Die Unruhe, die Pauls Geist beunruhigte und seinen Dienst in Troas weniger fruchtbar machte, wird in diesem Text deutlich. Als seelsorgerliche Sorgen schwer auf ihm lasteten, konnte er sich nicht mit ganzem Herzen der evangelistischen Gelegenheit widmen.“ ↩︎
- Während Roland Allen mit Missionary Methods: St Paul’s or Ours? (Moody, 1956), 181–211, die Missionare des frühen 20. Jahrhunderts zu Recht dazu aufrief, den Dienst des Paulus als Korrektiv für ihre eigene Praxis ernst zu nehmen, könnte seine Forderung nach einem schnelleren Weiterziehen eine Überreaktion auf den von ihm wahrgenommenen Paternalismus seiner Zeitgenossen darstellen, der sie zu langem Verbleib veranlasste. Besonders deutlich wird dies in seiner Aussage: „Die Tatsachen sind diese: Der heilige Paulus predigte fünf oder sechs Monate an einem Ort und ließ dann eine Gemeinde zurück, die zwar weiterhin Anleitung benötigte, aber fähig war zu wachsen und sich auszubreiten“ (109). ↩︎
- Während Roland Allen mit Missionary Methods: St Paul’s or Ours? (Moody, 1956), 181–211, die Missionare des frühen 20. Jahrhunderts zu Recht dazu aufrief, den Dienst des Paulus als Korrektiv für ihre eigene Praxis ernst zu nehmen, könnte seine Forderung nach einem schnelleren Weiterziehen eine Überreaktion auf den von ihm wahrgenommenen Paternalismus seiner Zeitgenossen darstellen, der sie zu langem Verbleib veranlasste. Besonders deutlich wird dies in seiner Aussage: „Die Tatsachen sind diese: Der heilige Paulus predigte fünf oder sechs Monate an einem Ort und ließ dann eine Gemeinde zurück, die zwar weiterhin Anleitung benötigte, aber fähig war zu wachsen und sich auszubreiten“ (109). ↩︎
- Vickers, The Acts of the Apostles, 328. ↩︎
- J. Herbert Kane, Christian Missions in Biblical Perspective (Baker, 1976), 73, zitiert bei Eckhard Schnabel, Paul the Missionary (IVP Academic, 2008), 30. ↩︎
- Shepherd, An Introduction to the Making and Meaning of the Bible, 137–38; Schreiner, Acts, 46; Köstenberger und Goswell, Biblical Theology, 502–3. ↩︎
- Zu Paulus’ Rede an die Heiden in Lystra und den Parallelen zur Areopagrede in Apostelgeschichte 17 schreibt Marshall: „Die Botschaft, die die Besucher brachten, war eine gute Nachricht, die ihnen die Existenz des lebendigen Gottes offenbarte – des Schöpfers des Universums (vgl. 4,24; 17,24 unter Bezug auf Ex 20,11) – und sie aufforderte, sich von ihren nichtigen Götzen zu diesem Gott zu wenden. Diese ‚nichtigkeiten‘ sind eine alttestamentliche Bezeichnung für Götzen (Jer 2,5), und das Verb ‚sich wenden‘ wird auch sonst für Bekehrung verwendet (3,19 u.ö.).“ Marshall merkt weiter an, dass dieser Bericht keinen expliziten Verweis auf den gekreuzigten und auferstandenen Sohn Gottes enthält; er folgert jedoch: „Dieses Fehlen bedeutet nicht, dass Paulus darüber nichts gesagt hätte, sondern vielmehr, dass Lukas hier die Absicht verfolgt, seine früheren Berichte über die apostolische Verkündigung zu ergänzen, indem er zeigt, was zusätzlich gesagt wurde, wenn heidnische Adressaten angesprochen wurden. Tatsächlich deutet der restliche Inhalt der Rede darauf hin, dass eine Fortführung hin zum spezifisch christlichen Evangelium erfolgt sein muss.“ Vgl. Marshall, Acts, 252–53. ↩︎
- Schnabel, Paul the Missionary, 425. ↩︎
- Schnabel, Paul the Missionary, 394–400. Nachdem er anhand der Apostelgeschichte und der Briefe gezeigt hat, dass Paulus vierzehn Schlussfolgerungen zum Inhalt der Evangeliumsverkündigung zieht, fasst Schnabel zusammen: „Der Inhalt von Paulus’ missionarischer Verkündigung liefert uns kein allgemeines Paradigma für missionarische Predigt, sondern normative Prinzipien und Regeln für ihren Inhalt“ (396). ↩︎
- Schnabel, Paul the Missionary, 426. ↩︎
- Kimble und Spellman, Invitation to Biblical Theology, 214. ↩︎
- Schnabel, Paul the Missionary, 28–38. ↩︎
- Vickers, The Acts of the Apostles, 328. ↩︎
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt von John Schröder.
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