Ist Geldliebe wirklich die Wurzel allen Übels?

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Ist Geldliebe wirklich die Wurzel allen Übels?
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Ist die Geldliebe die „Wurzel allen Übels“ oder nur die „Wurzel aller Arten von Übel“? (1. Timotheus 6:10) „Allen Übels“ ist das formale englische Äquivalent zum ursprünglichen Begriff aus dem griechischen (pantōn tōn kakōn).

Bemerkenswert ist, dass alle älteren Bibelübersetzungen 1. Timotheus 6:10 Urtextgetreu wiedergeben: „Die Liebe zum Geld ist die Wurzel allen Übels“. Zu diesen Übersetzungen gehören die Wycliffe-Bibel, die Lutherbibel, die Genfer Bibel, die King-James-Bibel, die Douay-Rheims-Bibel, die Darby-Bibel und die Revised Standard Version.

Doch fast alle modernen [englischen] Übersetzungen greifen zur interpretierenden Umschreibung: „Die Liebe zum Geld ist die Wurzel aller Arten von Übel.“ Dazu zählen NCV, NIV, NASB, ASV, ESV, NKJV, HCSB, NLT, NRSV und GNT.

Eine Ausnahme unter den modernen Übersetzungen ist die NET-Bibel: „Denn die Liebe zum Geld ist die Wurzel allen Übels.“ Die Anmerkung der NET zur Formulierung „allen Übels“ lautet:

Viele Übersetzungen geben diese Stelle mit: „aller Arten von Übel“, wieder. Aber es gibt keinen Nachweis dafür, dass man diesen Vers mit „aller Arten von“ oder „jeder Art von“ übersetzen kann. Der wahre Sinn des Verses ist „allen Übels“.

Warum benutzen moderne Übersetzungen Umschreibungen?

Was hat sich also in den letzten sechzig Jahren geändert, sodass eine durchgängig wörtliche Übersetzung („Wurzel allen Übels“) einer durchgängig erklärenden Umschreibung („Wurzel aller Arten von Übel“) weichen musste? Eines wissen wir: Der Sinn des Textes hat sich nie geändert. Die griechischen Worte des 1. Timotheus 6:10 hatten zu Luthers Zeiten dieselben Absichten wie heute.

Eine Sache die sich auch nicht geändert hat: Es ist heutzutage weder schwieriger noch leichter als vor fünfhundert Jahren, die Liebe zum Geld als die Wurzel allen Übels zu bezeichnen. Wenn heutige Übersetzer darin ein Problem sehen, dann sahen frühere Übersetzer darin ebenso ein Problem. Schon damals hatten Übersetzer den Gedanken, der auch in den Anmerkungen der NET-Bibel formuliert wird: Zu sagen, die Liebe zum Geld sei die Wurzel aller Übel, „scheint nicht ganz der Wirklichkeit zu entsprechen (manches Übel hängt nicht mit Geldliebe zusammen)“. Das war ihre Meinung.

Was sich in den letzten sechs Jahren geändert hat ist, dass heutige Übersetzer sich freier fühlen, von der klaren und leicht verständlichen wörtlichen Übersetzung abzuweichen, um stattdessen erklärende Umschreibungen einzusetzen. An der wörtlichen Übersetzung „Die Liebe zum Geld ist die Wurzel allen Übels“ ist sprachlich und grammatisch nichts Unklares. Was unklar bleibt, ist lediglich wie die Liebe zum Geld tatsächlich die Wurzel allen Übels sein kann.

Diese Frage haben sich alle Übersetzer gestellt, nicht nur die modernen. Warum also übersetzte keiner der älteren Übersetzer die Stelle mit „aller Arten von Übel“? Ich vermute dass sie sich wahrscheinlich folgendes dabei dachten:

„Vielleicht sehe ich nicht, wie die Liebe zum Geld die Wurzel allen Übels ist aber ich sollte meine Uneinsichtigkeit nicht entscheiden lassen, ob es nicht doch sein kann, dass Geldliebe tatsächlich die Wurzel allen Übels ist. Also lasse ich den Text so stehen, wie Paulus ihn schrieb. Vielleicht durchschauen Menschen mit größerer Einsicht, als ich sie hab, was Paulus damit meinte.“

Das ist genau die richtige Haltung beim Übersetzen eines Textes, der göttliche Inspiration beansprucht und absolute Autorität trägt. Die moderne Haltung scheint eher so zu sein:

„Wenn wir nicht verstehen, was Paulus mit: “Die Liebe zum Geld ist die Wurzel allen Übels” gemeint haben könnte, dann haben wir das Recht und die Weisheit, die Formulierung so zu ändern, dass sie plausibler klingt.“

Die ursprüngliche Mehrdeutigkeit bewahren

Ein Einwand vorweggenommen: Mir ist bewusst, dass eine formale Übersetzung nicht immer möglich ist. Manchmal gibt es keine Übersetzung ins Englische, die dem Griechischen oder Hebräischen Urtext entspricht. Manchmal wäre eine streng wörtliche Übersetzung so sperrig, dass Leser förmlich darüber stolpern würden.

Doch im Fall von 1. Timotheus 6:10 ist die griechische Struktur einfach (pantōn tōn kakōn) und hat eine genaue englische [und deutsche] Entsprechung: „allen Übels“. Beide Formulierungen (die griechische und die englische) sind gleichermaßen eindeutig und gleichermaßen rätselhaft. Es gibt keinen versteckten Hinweis im Griechischen oder Englischen, der es einfacher oder schwerer machen würde, diese Stelle zu übersetzen. Das bedeutet, dass an Klarheit nichts verloren geht, wenn man das einfache Äquivalent „Wurzel allen Übels“ übersetzt. An Klarheit geht nichts verloren, da die gleiche Mehrdeutigkeit erhalten bleibt.

Und gerade das ist ein großartiger Gewinn. Das wünsche ich mir, wenn möglich, in jeder Übersetzung. Denn so bekommt auch der einfache Leser und der Pastor, dessen Griechisch eingerostet ist, die Möglichkeit, intensiver darüber nachzudenken, wie Paulus die Geldliebe als Wurzel allen Übels verstehen konnte. Dem Leser wird nicht die Chance vorweggenommen, selbst exegetische Entdeckungen zu machen, nur weil einige Übersetzer der Meinung sind, dass es für diese Passage keine plausible Deutung geben könne.

Meine Meinung dazu ist, dass Übersetzer sich demütigen und anerkennen sollten, dass ihre Unfähigkeit, eine plausible Erklärung für Paulus` Worte („Wurzel allen Übels“) abzugeben, nicht bedeutet, dass es keine vernünftige Erklärung dafür gibt. Wenn „aller Arten von Übel“ die beste Auslegung dieser schwierigen Worte ist, dann soll der Leser das selbst entdecken und entscheiden dürfen.

Wie ist die Geldliebe die Wurzel aller Übel?

Es ist gut möglich, dass Paulus beim Schreiben wusste, wie herausfordernd seine Worte sind, und dass er sie bewusst so stehen ließ, weil er einen Sinn darin sah, dass Geldliebe tatsächlich die Wurzel allen Übels ist und wollte, dass Timotheus (und wir) gründlich genug darüber nachdenken, um das zu erkennen.

Ich denke, genau das war nämlich der Fall. Ich gebe hier meine kurze Deutung, wie die Geldliebe die Wurzel aller Übel sein könnte. Selbst wenn ich falsch liegen sollte, bleibt das Hauptargument bezüglich Übersetzungen bestehen, denn vielleicht findet jemand anderes den Schlüssel zu dem Vers, auch wenn ich ihn nicht habe.

Der Kontext von 1. Timotheus 6:6–10 ist folgender:

“Es ist allerdings die Gottesfurcht eine große Bereicherung, wenn sie mit Genügsamkeit verbunden wird. Denn wir haben nichts in die Welt hineingebracht, und es ist klar, dass wir auch nichts hinausbringen können. Wenn wir aber Nahrung und Kleidung haben, soll uns das genügen! Denn die, welche reich werden wollen, fallen in Versuchung und Fallstricke und viele törichte und schädliche Begierden, welche die Menschen in Untergang und Verderben stürzen. Denn die Geldgier ist eine Wurzel alles Bösen; etliche, die sich ihr hingegeben haben, sind vom Glauben abgeirrt und haben sich selbst viel Schmerzen verursacht.”

Beachte das der erste Teil aus Vers 10 (“Denn die Geldliebe ist die Wurzel allen Übels”) die Basis oder einen Grund für den Vers 9 und den restlichen Abschnitt aus Vers 10 bildet. Lass uns das etwas genauer anschauen.

Vers 10a im Verhältnis zu Vers 9

Vers 9 sagt, dass die, die reich werden wollen, in „viele törichte und schädliche Begierden“ fallen. Beachte das der Wunsch nach Geld nicht nur eine Begierde erzeugt, sondern viele Begierden. Dann erklärt Paulus, dass diese Begierden daher kommen, dass „die Liebe zum Geld die Wurzel allen Übels ist.“ Die „Begierde reich zu sein“ in Vers 9 entspricht der „Liebe zum Geld“ in Vers 10a. Und die „vielen Begierden“ in Vers 9 entsprechen den „allen Übeln“ in Vers 10.

Paulus führt den Grund für die Begierden auf die Liebe zum Geld, die Wurzel allen Übels, zurück. Warum endet die Begierde nach Reichtum nicht nur in einer Begierde, sondern stattdessen in vielen Begierden? Weil Geldliebe die Wurzel für deutlich mehr ist, als wir uns vorstellen können. Es ist die Wurzel all des Bösen, das Menschen tun können. Paulus führt die Vielzahl an Begierden, die durch die Geldliebe entstehen, aus dem Grund auf die Wurzel zurück, von welcher es heißt, dass sie für “vieles” verantwortlich ist, weil sie eben für “alles” verantwortlich ist.

Wie kann das sein? Weil „Geld“ an sich wertlos ist, es ist bloß Papier oder Metall. Es hat nur deshalb Wert, weil es ein Symbol ist, das wir gegen „viele Begierden“ eintauschen können. Aber es kann nicht gegen Gott oder Gottesfurcht eingetauscht werden. Darum entspricht die Geldliebe nach Paulus’ Gedanken, der Grundsehnsucht nach allem was man mit Geld kaufen kann minus Gott. Und genau das ist der Grund, weshalb all die vielen Begierden Menschen ins Verderben stürzen (Vers 9).

Gute Begierden zerstören einen nicht. Nur Begierden nach irgendetwas, nur nicht nach Gott, zerstören einen Menschen. Das ist das, was Geldliebe repräsentiert. Des Weiteren ist diese Art der Liebe, deshalb eine üble Wurzel, da sie die Menschen abhängig macht. Denn alles Böse entspringt der Grundsehnsucht: die Begierde nach allem bloß nicht nach Gott. Da gibt es keine Ausnahmen.

Das ist das Wesen der Sünde und die Wurzel allen sündigens, an der Herrlichkeit Gottes vorbeizugehen (Römer 3:23). Oder um es anders auszudrücken: „Gott gegen Materielles einzutauschen“ (vgl. Römer 1:23.25). Mit anderen Worten: Sünde ist, im Grunde genommen, irgendetwas höher zu achten als Gott. Alles Böse entspringt diesem Begehren.

Vers 10a im Verhältnis zum Rest des Verses

Nun schauen wir in die andere Richtung von Vers 10a: „Denn die Liebe zum Geld ist die Wurzel allen Übels; danach hat mancher getrachtet und ist vom Glauben abgeirrt und hat sich selbst viele Schmerzen verursacht.“

Wie in Vers 9 die vielen Begierden Menschen ins Verderben stürzen, so führt hier die Geldliebe dazu, dass Menschen sich selbst viele Schmerzen zufügen.

Wie? „Durch diese Geldliebe sind manche vom Glauben abgeirrt.“ Die Geldliebe wirkt zerstörerisch, indem sie das Herz vom Vertrauen auf Christus weglockt. Doch wahrer Gewinn liegt in „Gottesfurcht mit Genügsamkeit“ (Vers 6). Echter Glaube sagt: „Ich habe gelernt, in jeder Lage zufrieden zu sein“ (Philipper 4:11). Echter Glaube findet Genüge, weil er Christus hat und Christus jeden Verlust ersetzt: „Ich achte alles für Schaden gegenüber der alles übertreffenden Erkenntnis Christi“ (Philipper 3:8).

Wahre Tugend wächst nur aus dieser Wurzel, dieser Ruhe in Christus. Ohne diese Ruhe tun wir die Dinge nicht aus der All-Genügsamkeit in Christus heraus, sondern um eigene Mängel im Glauben zu füllen. Doch das ist keine wahre Tugend und ehrt Christus nicht. „Alles, was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde“ (Römer 14:23).

Das bedeutet: Alle Übel, um es mit den Worten aus 1. Timotheus 6:10 auszudrücken, entspringen einem Herzen, das vom Glauben abgekommen ist. Und genau das bewirkt die Geldliebe, sagt Paulus. Durch Geldliebe “sind einige vom Glauben abgekommen.” Aber “ohne Glauben ist es unmöglich Gott zu gefallen” (Hebräer 11:6). Dem Unglauben entspringt nur Böses – alles Böse.

Du kannst nicht Gott und Geld lieben

Ob man also 1. Timotheus 6, 10a auf Vers 9 oder auf den Rest des Verses bezieht, bleibt das Ergebnis doch dasselbe: Es ist kein Unsinn, zu sagen, die Geldliebe sei die Wurzel allen Übels. Diese Passage mit “alle Arten von Übel” zu übersetzen ist unnötig (und wenn man darüber nachdenkt: die Übersetzung “alle Arten von Übel” ist wahrscheinlich genauso schwierig auszulegen wie die Übersetzung “allen Übels”).

Vielleicht ist es am einfachsten, dies mit einem Zitat Jesu zu veranschaulichen:

„Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird dem einen anhangen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Matthäus 6:24)

Jesus benutzt hier das Wort lieben um eine Entscheidung aufzuzeigen: Entweder lieben wir Gott oder wir lieben Geld. Er überträgt den Gedanken des Dienens auf den Gedanken der Liebe: “Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon”. Daraus schließe ich, dass wenn jemand Geld liebt kein Diener Gottes sein kann. Und wenn man Gott nicht dient, ist alles, was man tut, böse. Denn genau das ist die Definition von „Übel“: jede Tat, die nicht aus Liebe zu Gott, im Dienst für Gott, geschieht. Darum ist die Geldliebe die Wurzel allen Übels, nicht nur von manchem Übel.

Vielleicht bist du von meiner Auslegung der Worte “Die Geldliebe ist die Wurzel allen Übels”, aus 1. Timotheus 6:10, nicht ganz überzeugt. Aber ich hoffe du hast wenigstens sehen können, dass es möglich ist, dass jemand mit mehr Einsicht als ich, diesen Vers auf diese Weise auslegen könnte. Deshalb sollten Übersetzer diese Bemühungen der Auslegung nicht vorschnell ausbremsen, indem sie von vornherein davon ausgehen, dass eine solche Auslegung gar nicht möglich sei.


Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
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