Christianity Today begann vor etwas mehr als einem Jahr eine Serie, die alle 70 Jahre der Magazingeschichte nachzeichnet. Jede Folge blättert durch ältere Ausgaben und zeigt, wie Nachrichten und Kommentare in den 1950er- und 1960er-Jahren aussahen. Ich habe jede Veröffentlichung mit Interesse gelesen. Es ist, als würde man in eine Zeitmaschine steigen und in den Archiven stöbern, um zu sehen, was evangelikale Pastoren und Gemeindeleiter in einer anderen Epoche bewegte.
Was bei diesen archivarischen Reisen am meisten auffällt, ist nicht, wie fremd die Kommentare wirken – sondern wie vertraut. Vertraut in zweifacher Hinsicht: erstens in den behandelten Themen, zweitens in der Art und Weise, wie diese Herausforderungen als neu, beispiellos und dringend beschrieben wurden – oft mit dem Vokabular der „Krise“, um den kulturellen Moment zu kennzeichnen.
Eine erschütterte Welt – wieder einmal
Ein Beispiel steht stellvertretend für vieles, was sich durch die Berichterstattung zieht, wenn Kommentatoren Christen zu größerer Treue angesichts der Zeitumstände aufriefen. Achten wir auf die Wortwahl:
Entscheidend ist, ob Evangelikale im Licht des welterschütternden und möglicherweise katastrophalen Charakters dessen, was sich vor unseren Augen ereignet, bereit sind, dieses revolutionäre Zeitalter mit tieferer Hingabe an ihre christliche Berufung und mit einer Dringlichkeit anzugehen, die den Krisen der Stunde angemessen ist.
Die Welt erschüttert. Katastrophale Entwicklungen. Ein revolutionäres Zeitalter. Mehrfache Krisen. Geschrieben wurde das im Jahr 1960.
Sexuelles Chaos und technologische Angst
Die Parallelen betreffen auch die Themen selbst. Denken wir an die sexuelle Revolution. 1965 rief der damalige Chefredakteur Carl F. H. Henry zu „moralischer Entrüstung“ angesichts der Ausbreitung und Ausbeutung sexueller Unmoral auf:
Jeder Amerikaner, der sich dem Anstand verpflichtet weiß, muss moralisch empört sein und diese Empörung in einem klar artikulierten Protest gegen eine Ausbeutung der Sexualität entfachen, die in der Geschichte der Welt beispiellos ist. Nie zuvor in der menschlichen Zivilisation wurde Sexualität so umfassend zur finanziellen Bereicherung prostituiert; denn die technologischen Möglichkeiten dazu existierten erst in unserer Zeit.
Auffällig ist die „nie zuvor“-Rhetorik – verbunden mit der Sorge, neue Technologien verstärkten moralischen Verfall. Schon einige Jahre zuvor, 1958, beklagte Christianity Today, wie leicht obszönes Material zu erwerben sei – selbst in Washington, D.C.:
Es ist höchste Zeit, dass unsere Gemeinden aufwachen und erkennen, welches Material unter dem Deckmantel von Raffinesse und Respektabilität an Teenager und junge Erwachsene beiderlei Geschlechts verbreitet wird – offen verkauft in Drogerien und an Zeitungskiosken.
Wenn schon der an Kiosken verkaufte Schund von 1958 alarmierend war – wie würden jene Herausgeber wohl auf unsere heutige Realität reagieren, in der pornografisches Material selbst für Kinder mit wenigen Klicks auf einem Smartphone zugänglich ist?
Entmutigte Pastoren in einem vermeintlichen „goldenen Zeitalter“
Je weiter man liest, desto stärker wird das Gefühl des Déjà-vu. Gemeindeleiter äußerten häufig Entmutigung und Hilflosigkeit angesichts kulturellen Wandels und geistlicher Gleichgültigkeit. Pastoren wie Gemeindeglieder beklagten ein Namenschristentum:
Für Geistliche bestand eine Hauptquelle der Frustration darin, wie mit der neuesten Variante einer alten Spezies von „Nur-Hörern“ umzugehen sei. Die Generation von 1963 mit ihrem Bekenntnis zum Glauben, dessen Lebensführung jedoch so wenig neutestamentliche Prägung erkennen ließ, führte so manchen Pastor in den einsamen Garten der Ratlosigkeit.
Bemerkenswert ist: Diese Worte entstanden am Ende eines historischen Anstiegs der Gottesdienstbesuche, der in den 1950er-Jahren Kirchenbänke füllte und zahlreiche Dienste hervorbrachte. Selbst in Zeiten, die wir heute gern als geistliche Hochphasen verklären, fühlten sich treue Hirten müde, ernüchtert und unsicher, wie sie reagieren sollten.
Spaltung – ein Dauerproblem
Auch evangelikale Zersplitterung ist kein neues Phänomen. 1961 beklagte ein Leitartikel den zerrissenen Zustand der Bewegung:
Evangelikale scheinen selbst in ihren internen Beziehungen oft zu den am stärksten gespaltenen und spalterischen Kräften in der kirchlichen Welt zu gehören. Trennungen, Misstrauen, wortreiche Kampagnen sind häufige Erscheinungen. Streit über weniger wesentliche Fragen bindet Energien, die eigentlich dem gemeinsamen Einsatz für das Wesentliche gelten sollten. Tragisch ist, dass die Welt eine echte Einheit in Geist, Ziel und Handeln seitens des Evangelikalismus braucht – und zweifellos davon beeindruckt und beeinflusst würde.
Evangelikale Grabenkämpfe begannen nicht mit den sozialen Medien. Sie begleiten die Bewegung seit Langem – ebenso wie sie Ortsgemeinden schon seit den Tagen der Korinther beschäftigt haben (vgl. 1Kor 1:10–13).
Die Geschichte erinnert uns daran: Viele unserer „neuen“ Krisen sind vertrauter, als wir denken.
Glaube, Politik und öffentliche Relevanz
Auch Fragen nach der Rolle der Kirche im öffentlichen Leben nehmen in diesen Archiven breiten Raum ein. 1960 zeigte sich Christianity Today besorgt über die Aussicht auf einen römisch-katholischen Präsidenten – erkannte jedoch eine noch tiefere kulturelle Verschiebung:
Die eigentliche Bedeutung liegt nicht im Aufkommen eines katholischen Blocks oder einer Partei, auch nicht in einer Verschiebung der amerikanischen politischen Stimmung in ein postprotestantisches oder religiös-pluralistisches Zeitalter. Die tiefere Tatsache ist das wachsende öffentliche Urteil, dass jede Religion für politische Einstellungen und Handlungen irrelevant sei. Die amerikanische Mentalität verliert rasch jede Unterscheidung zwischen wahrer und falscher Religion.
Diese Sorge erwies sich als bemerkenswert vorausschauend. Sie knüpft an eine noch ältere Debatte aus dem Jahr 1956 an, die bis heute immer wieder aufbricht: Ist Amerika eine „christliche Nation“?
Im absoluten Sinn und auf perfektionistischer Grundlage gibt es so etwas wie eine „christliche Nation“ nicht. Im Blick auf die höhere Ordnung des Reiches Gottes ist keine politische Größe in dieser unvollkommenen Welt durch und durch christlich. Aber manche Nationen verkörpern mehr christliche Prinzipien als andere. … Wenn Amerika seiner Herkunft, seinem eigentlichen Wesen und seinem Gott am treuesten ist, dann ist es eine solche Nation.
Einerseits warnten die Herausgeber Gemeinden davor, das Evangelium zu politisieren – jener allgegenwärtigen Versuchung zu erliegen, „Religion als Waffe ideologischer Auseinandersetzung“ zu missbrauchen, wo doch „Gott um Gottes willen angebetet und ihm gedient werden soll“ und „Gerechtigkeit um der Gerechtigkeit willen gesucht werden muss“.
Andererseits warnten sie ebenso davor, sich ganz aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. 1958 fürchtete man, die Kirchen würden sich nicht entschlossen genug in die Gesellschaft einbringen – besonders angesichts des Kalten Krieges:
Heute spielt nicht Nero, sondern die Kirche, während Rom brennt. Die Kirchen haben sogar Führer gebilligt, die im Namen der christlichen Gemeinschaft sozialistische und kollektivistische Tendenzen unterstützen, und haben ihnen ohne Widerspruch erlaubt, für das christliche Gewissen zu sprechen.
Alte Sorgen über neue Technologien
Selbst die Technikängste wirken erstaunlich modern. Kolumnisten warnten 1959 vor Werbemethoden, die auf unterschwellige Botschaften und psychologische Manipulation setzten – gewissermaßen eine analoge Vorstufe unserer heutigen Debatten über den „Algorithmus“.
Man sah voraus, wie technologische Abhängigkeit das Gemeindeleben verändern könnte: Gemeinden, die auf „besondere Beleuchtung, Mikrofone und andere elektronische Hilfsmittel“ angewiesen sind – und ein Evangelium, das Gefahr läuft, wie ein Produkt vermarktet zu werden.
Viele fragen sich heute, ob christliche Hochschulen und Seminare die Umbrüche im akademischen Bereich überstehen werden. Nun, 1958 lautete eine Schlagzeile: „Kann das christliche College überleben?“ Offenbar standen auch damals ähnliche Herausforderungen im Raum:
Die Sturmwarnungen sind ausgegeben. Das akademische Barometer ist instabil, ja sinkend, mit Anzeichen möglicher Hurrikane am fernen Horizont. Es gibt keine Garantie für ununterbrochenen Wohlstand, wie wir ihn im vergangenen Jahrzehnt erlebt haben. … Christliche Hochschulen stehen vor steigenden Betriebskosten und zugleich vor einem allgemeinen Trend, dass sich Studierende zunehmend staatlich finanzierten Universitäten zuwenden.
Wir leben nicht in den schlimmsten Zeiten
Man könnte fortfahren. Christen in den 1950er-Jahren rangen mit ethischen Fragen künstlicher Befruchtung. Kommentatoren sorgten sich über die Zerstreuungen der Jugend – „unsere vergnügungssüchtigen Kinder“, die sich nicht für die „strenge Disziplin, die Wissenschaftler und Gelehrte hervorbringt“, interessierten, sondern „im Hauptfach Football studierten“.
Man beklagte die Kommerzialisierung von Weihnachten als „Anlass zu unentschuldbaren Exzessen“, geprägt von „schamloser Geschäftemacherei“. Und Debatten über die Rolle der Kirche in Fragen der Rassenbeziehungen waren allgegenwärtig – mit sowohl positiven als auch kritischen Stimmen gegenüber Zielen und Methoden der Bürgerrechtsbewegung.
Nach der Lektüre dieser Archive fällt mir auf, wie leicht ich selbst in die Falle tappe, unsere Zeit für einzigartig krisenhaft zu halten. Alles scheint chaotischer als je zuvor, sagen wir uns. Also müsse die Kirche anders, dringlicher, vielleicht sogar verzweifelt handeln – weil diese Krise alle früheren übertreffe.
Doch im Licht der Geschichte hält diese Behauptung nicht stand. Viele Gläubige wurden in Weltkriegen erwachsen, die zig Millionen Menschen das Leben kosteten. Pastoren hüteten ihre Gemeinden durch die Große Depression. Frühere Generationen erlebten Seuchen, die ganze Städte auslöschten, Verfolgung, die Christen ins Gefängnis oder in den Tod führte, und politische Umwälzungen, die alte Zivilisationen zerbrachen. Und noch heute ist in vielen Ländern öffentliche Anbetung verboten, die Schrift gilt als Schmuggelware, und Treue zu Christus hat unmittelbare körperliche Konsequenzen.
Ja, die Herausforderungen unserer Tage sind real. Aber sie sind nicht beispiellos.
Wenn wir darauf beharren, wir stünden vor der größten Krise aller Zeiten, sagt das weniger über unsere Epoche aus als über uns selbst. Es ist eine Form generationellen Narzissmus – die Versuchung, unsere Nöte für einzigartig schwer und unsere Verantwortung für einzigartig heroisch zu halten. Jede Generation ist dafür anfällig. Und jede Generation muss neu lernen: Treue ohne Panik, Mut ohne Übertreibung und Hoffnung, die nicht in der Dringlichkeit der Zeit gründet, sondern in der Standhaftigkeit Gottes.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzt von John Schröder. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von The Gospel Coalition.
















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