Jeder von uns ist zum Singen berufen

Ein Dienst des Verkündens

Sich am gemeinsamen Gesang der Gemeinde zu beteiligen ist eine Möglichkeit, wie jeder Gläubige den Leib Christi erbaut. Nicht jeder predigt. Nicht alle lesen die Schrift oder beten öffentlich. Aber jeder von uns, der in Christus ist, kann durch den Gesang einen wirksamen Dienst haben, der die ganze Gemeinde erbaut.

In Psalm 96:2 lädt David die Erde ein, von Gottes Heil zu „verkündigen“. Das bedeutet, dass der Gemeindegesang ein „Dienst des Verkündens“ ist. Wenn wir singen, verkündigen wir einander die Wahrheiten unseres Glaubens. Gott mag unser vorrangiges Publikum sein, aber er ist nicht unser einziges Publikum. Die Ausrichtung unseres Singens ist vertikal und horizontal; sie ist sowohl auf Gott als auch auf den Menschen gerichtet.1 Während wir Gott für seine Barmherzigkeit rühmen, verkündigen wir zugleich einander die wunderbaren Dinge, die Gott getan hat.

So hat Gottes Volk schon immer gehandelt. Das Buch Exodus berichtet, wie Gott sein Volk aus der Sklaverei errettete, damit es frei sei, ihn anzubeten. Das Erste, was Mose und das Volk auf der anderen Seite der Errettung taten, war innezuhalten und zu singen. Durch den Gesang erinnerten sie einander daran, was Gott getan hatte, um sie zu erlösen.

Dasselbe Prinzip gilt auch im Neuen Testament. In Kolosser 3 weist Paulus die Gläubigen in der Gemeinde von Kolossä an, wie sie in Liebe und Einmütigkeit miteinander leben sollen. Sie erfüllen diesen Auftrag, indem sie die Wahrheiten des Evangeliums, das „Wort des Christus“, jedem anderen Gemeindeglied zusingen: „Lasst das Wort des Christus reichlich in euch wohnen in aller Weisheit; lehrt und ermahnt einander und singt mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern dem Herrn lieblich in euren Herzen“ (Kolosser 3:16).

Dieselbe Lehre finden wir in Epheser 5:18–21:

„Und berauscht euch nicht mit Wein, was Ausschweifung ist, sondern werdet voll Geistes; redet zueinander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern; singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen; sagt allezeit Gott, dem Vater, Dank für alles, in dem Namen unseres Herrn Jesus Christus; ordnet euch einander unter in der Furcht Gottes!“ (‭‭Epheserbrief‬ ‭5‬:‭18‬-‭21‬)

Der auf Gott ausgerichtete Dienst des Lobpreises und der auf andere ausgerichtete Dienst der Erbauung sind im gesamten Neuen Testament eng miteinander verbunden.2 Das bedeutet, dass das Ziel des Gemeindegesangs darin besteht, Gott zu verherrlichen, indem wir einander durch den Gesang ermutigen. Er umfasst beide Zielrichtungen.

Paulus’ Lehre fordert unser Konsumdenken heraus und stellt unsere schlecht informierte Vorstellung infrage, dass die Musik der Gemeinde unseren Vorlieben entsprechen oder in uns eine bestimmte emotionale Reaktion hervorrufen soll. Gottes Plan ist, dass wir an der Entstehung der Musik der Gemeinde mitwirken und sie nicht nur genießen. Wir kommen zusammen, um Teil eines Gemeindechores zu sein und nicht, um ein Konzert zu besuchen. Wenn wir das verstehen, geht es bei unserer Beteiligung weniger darum, ob uns die Musik gefällt, und mehr darum, ob wir unseren Brüdern und Schwestern dienen wollen. Tatsächlich beginnt man beim Lesen von Kolosser 3 und Epheser 5 zu erkennen, dass Singen dem Werk der Jüngerschaft sehr ähnlich sieht – anderen zu helfen, Jesus nachzufolgen. Da der Gemeindegesang ein „einander“-Dienst in der Gemeinde ist, sollten wir unsere Erwartungen an den Sonntagmorgen auf dieses Ziel ausrichten. Wir kommen, um unsere Brüder und Schwestern in den Bänken zu hören und von ihnen gehört zu werden.

Da wir einander zusingen, sollte das Wichtigste, das wir am Sonntagmorgen hören möchten, die Stimme der Gemeinde sein. Vielleicht sehnst du dich danach und wünschst, deine Gemeinde wäre dieser Vision stärker verpflichtet. Aber selbst wenn die musikalische Leitung deiner Gemeinde nicht versucht, die Gemeinde als das Hauptgeschehen am Sonntagmorgen hervorzuheben, lass dich nicht davon abhalten, laut zu singen, um die Menschen um dich herum zu ermutigen, und gleichzeitig aufmerksam zuzuhören, um auch ihr Singen zu hören.

Das geistliche Gute, das wir tun – mit und für einander –, während wir gemeinsam singen, ist unermesslich. Aus eigener Erfahrung kann ich das bezeugen. Als Pastor habe ich das Privileg, regelmäßig Gottes Wort zu predigen. Meine Aufgabe ist ein „Dienst des Verkündens“. Aber jeden Sonntag bin ich nicht nur Teilnehmer dieses Dienstes, sondern auch Empfänger davon. Wenn mich in den Tagen vor dem Sonntag Menschen fragen, ob ich bereit bin zu predigen, antworte ich immer: „Ich bin erst bereit, wenn wir singen“ und ich meine es ernst. Etwas am gemeinsamen Singen mit unserer Gemeindefamilie rührt meine Seele. Die Heiligen um mich herum lehren mich in diesen Momenten und ermutigen mich mit Gottes Wort.

Eines meiner liebsten Dinge im Gottesdienst ist es, mit voller Stimme zu singen, dabei auf den Zehenspitzen zu wippen und die Augenbrauen zu heben – ganz so, wie es mein Vater bis heute tut. Ich schaue in die Gesichter meiner Brüder und Schwestern, die neben mir singen, und mir wird bewusst, wie viele dieser Menschen, die ich kenne und liebe, mitten durch Leiden und Traurigkeit hindurch singen. Am vergangenen Sonntag habe ich mit mehreren geliebten Menschen gesungen, die gegen unheilbaren Krebs kämpfen, mit einem Freund, der seinen Lobpreis mit geliehener Atemluft darbrachte, während er an ein Sauerstoffgerät angeschlossen war, mit einem jungen Vater, der einer ungewissen beruflichen Zukunft entgegensieht, mit einem Ehepaar, das über die Entscheidungen eines Kindes tief betrübt ist, mit einer älteren Witwe, die ihren Mann schmerzlich vermisst, und die Liste ließe sich fortsetzen. Ich vereine meine Stimme mit der ihren, mit dem Ziel, ihnen zu dienen – mit ihnen zu singen, während wir gemeinsam auf den Wahrheiten stehen, die wir zusammen bekennen.

Mein Herz erhebt sich in solchen Momenten – genährt durch die Wahrheiten, die mir von Mitchristen zugesungen werden. Wenn ich die Stufen hinaufgehe, um die gute Nachricht von Jesus zu verkündigen, wird meine Seele oft vom Gesang der anderen im Raum dorthin getragen.

Von Tag zu Tag verkünden

Wenn wir über unsere Verantwortung nachdenken, anderen zu dienen, indem wir ihnen die Wahrheit singen, sollten wir auf eine letzte Formulierung in Psalm 96:2 achten. Wir sollen „dem HERRN singen … von Tag zu Tag sein Heil verkündigen“. Mit anderen Worten: Wir müssen uns an diesem „Dienst des Verkündens“ beteiligen, nicht nur dann, wenn wir uns danach fühlen, wenn es uns gerade passt oder wenn wir von der Musik besonders bewegt sind.

Wir müssen es Tag für Tag tun. Jedes Mal, wenn sich die Gemeinde versammelt, sollten wir anderen durch den Gesang von Gottes Heil erzählen. Deine Geschwister in der Gemeinde müssen dich das Evangelium Tag für Tag und Woche für Woche zu ihnen singen hören. Wir müssen täglich an das Heil erinnert werden, das Gott uns in Christus geschenkt hat. Dieses Evangelium ist die Botschaft, die uns erbaut, die Wahrheit, die uns aufrichtet, und unsere Hoffnung für die Zukunft. Charles Spurgeon, ein bekannter Pastor des neunzehnten Jahrhunderts in London, sagte einmal: „Das Evangelium ist die klarste Offenbarung Gottes; das Heil überstrahlt Schöpfung und Vorsehung; darum sollen unsere Lobpreisungen in diese Richtung überfließen. Lasst uns die frohe Botschaft verkündigen und dies fortwährend tun, ohne jemals dieses selige Zeugnis einzustellen.“3 Welch kostbares Geschenk, das Evangelium auf unseren Lippen zu haben. Welch heiliges Vorrecht, die gute Nachricht großer Freude von einem Tag des Herrn zum anderen Tag des Herrn den Gliedern der Gemeinde zu singen und ihnen zu helfen, weiter zu wachsen als anbetende Jünger Jesu.

Wenn wir Gemeindemusik aus einer Konsumentenhaltung heraus betrachten, werden wir ständig Fragen stellen wie „Was gefällt mir?“ oder „Was bekomme ich daraus?“ Doch wenn wir in den gemeinsamen Gottesdienst kommen, sollten wir unsere Punktetafeln und Einkaufslisten an der Tür ablegen. Gemeindegesang geht nicht um Konsum. Es ist eine Zeit, in der wir zum Glauben der anderen Gläubigen im Raum beitragen, indem wir ihnen Sonntag für Sonntag das Evangelium singen.


Anmerkungen:

Dieser Artikel ist eine Bearbeitung aus „What If I Don’t Like My Church’s Music?“ von Matthew Boswell.

  1. Derek Kidner, Psalms 73–150, Tyndale Old Testament Commentaries (IVP Academic, 2008), 379. ↩︎
  2. David Peterson, Engaging with God: A Biblical Theology of Worship (Eerdmans, 1992), 221. ↩︎
  3. C. H. Spurgeon, The Treasury of David, Bd. 4 (Passmore & Alabaster, 1888), 181. ↩︎

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Crossway. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt von Lynn Wiebe.
Mehr Ressourcen von Crossway.

Avatar von Matthew Boswell

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert