1. Einleitung
Wer ist der Sohn des Menschen? Eine Frage, die schon Jesus seinen Jüngern stellte (Mt 16:13) und seither sowohl Vertraute als auch Kritiker des christlichen Glaubens beschäftigt. Schon damals gab es grundverschiedene Äußerungen und Denkweisen über die Identität der Person Jesu, der in kein vorgefertigtes Schema zu passen schien. Aufgrund seines besonderen Wirkens und Redens wurden unter anderem verschiedene Titel aus dem Alten Testament verwendet, um eine Antwort auf diese Frage zu geben. Auch in heutiger Theologie geben die sogenannten Hoheitstitel (wie „Herr“, „Sohn Gottes“, „Christus“, …) im Fachgebiet der Christologie einen guten Anhaltspunkt, um über die Identität von Jesus nachzudenken.
Dabei fällt auf, dass Jesus selbst im Gebrauch dieser Titel sehr sparsam war. Einen Begriff hingegen verwendet er bemerkenswert häufig: „der Sohn des Menschen“. Doch was bedeutet diese Selbstbezeichnung Jesu? Damit soll sich dieser Artikel befassen.
Für dieses Ziel soll zunächst eine Grundlage gelegt werden, indem der frühjüdische Hintergrund beleuchtet wird. Dafür sollen eine Wortstudie, die Betrachtung und Auslegung einiger alttestamentlicher Befunde sowie die Beschäftigung mit der Frage nach der damaligen Messiasvorstellung dienen. Anschließend werden die spezifischen Vorkommen des Menschensohn-Logions in den synoptischen Evangelien betrachtet und diskutiert, um zu einem umfassenden Gesamtbild zu gelangen.
2. Wortstudie – Menschensohn
„Menschensohn“ ist im Neuen Testament „die am häufigsten benutzte Selbstbezeichnung Jesu in den Evangelien an insgesamt 82 Stellen.” (RGG, S.1099). Dennoch ist dieser Titel kein neutestamentliches Wort im Sinne einer Neologie, sondern gründet sich auf einem breiten alttestamentlichen Befund. Um ein Verständnis von dem Menschensohn Logion (ferner mit M. Logion bezeichnet) zu bekommen, muss also zunächst geklärt werden, in welchem frühjüdischen Kontext es wurzelt.
„Das griechische „ho hyiós toú anthrṓpou“ ist eine direkte Übersetzung entweder von einer der beiden aramäischen Ausdrücken „bar nasha“ oder „bar enasha“ oder von dem hebräischen „ben adam“ (Russel Morton, 593).
Es wird in allen deutschen Übersetzungen mit „Sohn eines/des Menschen“ oder durch die Wortzusammensetzung „Menschensohn“ wiedergegeben. Zunächst spiegelt das Wort eine Zugehörigkeit zur Erde wider. Der hebräische Ausdruck „ben adam“ macht das deutlich. Der Begriff „ādām“ (ָ םאָד) „Mensch“ ist eng verwandt mit „ădāmāh“ (ָָאֲדָמָה), was mit „Erde, Erdboden“ übersetzt wird (Vgl. Meister, S.26). So wird im Buch Genesis der Mensch (adam) in Verbindung gebracht mit dem Erdboden (adamah), „von dem er genommen war“ (1.Mo 3:23 ELB). Diese Zugehörigkeit zur Erde finden wir vorerst auch als gängige Verwendung des M. Logion im Alten Testament.
3. Frühjüdischer Hintergrund
3.1. Vorkommen – Altes Testament
In den verschiedenen Gattungen des Tanach kommt der Begriff „Menschensohn“ in zwei verschiedenen Grundbedeutungen vor.
(1) Die gängigste Verwendung dient dazu, die Zugehörigkeit zum Irdischen in Gegenüberstellung zum Transzendenten/Göttlichen deutlich zu machen. Das M. Logion betont hier also die „Menschlichkeit“ des Menschen. Das zeigt ein Abschnitt aus dem Buch Hiob:
„dass er Recht schafft für einen Mann gegen Gott und für einen Menschensohn gegen seine Gefährten“ (Hi 16:28).
Hier wird M. gleichgesetzt mit „Mann“ und dadurch sowohl gegenüber dem Göttlichen, als auch gegenüber anderen Menschen als schlicht „zur Erde gehöriger“ Mensch bezeichnet. Im Buch Hesekiel wird in Bezug auf den Propheten derselbe Sachverhalt deutlich. Hier findet sich die dichteste und zahlreichste Verwendung
von M. innerhalb eines Buches. Hesekiel wird insgesamt 93 mal als „ben adam“ bezeichnet. Morton schreibt diesbezüglich: „It is an indication of the prophet’s human weakness, which stands in contrast to divine glory (see Ezek 2:1)“ (Morton, S.593). Hier wird durch die Anrede Hesekiels als M. seine Beschaffenheit als einfacher Mensch gegenüber der ihm offenbarten göttlichen Herrlichkeit betont. Auch in den Psalmen kommt diese Bedeutung zum Vorschein:
„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Sohn, dass du dich um ihn kümmerst?“ (Ps 8:5).
Hier ist ebenfalls die Betonung zunächst auf den einfachen Menschen gerichtet. [Man beachte an dieser Stelle jedoch das neutestamentliche Vorkommen bei Paulus, der diesen Psalm später christologisch deutet und das hier verwendete M. Logion auf Jesus als den „Herrn“ bezieht (siehe 1.Kor 15:27)].
Obwohl die vorherrschende Verwendung von „Menschensohn“ im Alten Testament folglich die einfache Bedeutung „Mensch“ hat, kann daraus jedoch nicht geschlossen werden, dass ein jüdischer Hörer allein diese Bedeutung vor Augen hatte.
(2) Die zweite und für den Hörer deutlich schillerndere Grundbedeutung im Alten Testament finden wir im Buch Daniel. Hier tritt die eine Figur auf, die mit großer Wahrscheinlichkeit zur frühjüdischen Messiaskonzeption beitrug. Bird schreibt dem M. Logion eine solche „messianische Relevanz“ zu, dass er schreibt: “Jesus characteristic designation of himself as the “Son of man” was pregnant with messianic significance” (Bird,S.117).
Doch worin wurzelt die Verknüpfung zwischen Menschensohn und einem messianischen Hoheitstitel? Die vermutlich schon zur Zeit Jesu bemerkenswerteste Verwendung des M. Logion findet sich in den Nachtgesichten Daniels. Zunächst wird der Prophet selbst (wie Hesekiel) in der herkömmlichen Verwendung als „Menschensohn“ bezeichnet (vgl. Dan 8:17… “adam +ben”).
Doch die folgende apokalyptische Perikope aus Daniel 7 rückt das M. Logion in ein anderes Licht.
3.2. Auslegung Daniel 7:13ff.
“13 Ich schaute in Visionen der Nacht: Und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie der Sohn eines Menschen. Und er kam zu dem Alten an Tagen, und man brachte ihn vor ihn. 14 Und ihm wurde Herrschaft und Ehre und Königtum gegeben, und alle Völker, Nationen und Sprachen dienten ihm. Seine
Herrschaft[ ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergeht, und sein Königtum ⟨so⟩, dass es nicht zerstört wird.” (Dan 7,13ff.)
Diese Verse stehen im Kontext der Nachtgesichte Daniels über den Verlauf der Weltgeschichte und das kommende Reich Gottes (K. 7-12). Im ersten Nachtgesicht sieht Daniel vier große Tiere, die ihm später von einem Engel als vier Könige gedeutet werden (V.17). Nachdem diesen Königen im göttlichen Gericht die Herrschaft entzogen wurde (V.12) kommt die zu betrachtende apokalyptische Szene.
Hier kommt einer, „wie der Sohn eines Menschen“ mit „den Wolken des Himmels“. (Die Bedeutung der Wolken wird später im Rahmen von Jesu Bezug auf diese Stelle betrachtet. Hier soll es zunächst um die außergewöhnliche Verwendung des M. Logions gehen.)
Dieser Abschnitt ist einer der wenigen Texte des Alten Testamentes, die in aramäischer Sprache verfasst worden sind. Das M. Logion hebt sich an dieser Stelle sowohl sprachlich als auch inhaltlich deutlich von der herkömmlichen Verwendung ab. Das aramäische Wort für Menschensohn hier ist „bar enash“ – Sohn eines
Menschen. Die Betonung an dieser Stelle liegt auf der Zusatzpräposition „k bar enash“ – wie/gleich eines Sohn eines Menschen. Dieser Sprachgebrauch ist in der apokalyptischen Literatur typologisch um eine menschliche Gestalt zu beschreiben, die göttlicher Herkunft ist.
Als Beispiel lässt sich das Buch Offenbarung anführen: Johannes sieht „mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel (Offb 1:13).“
„Und ich sah: Und siehe, eine weiße Wolke, und auf der Wolke saß einer gleich einem Menschensohn, der auf seinem Haupt einen goldenen Siegeskranz und in seiner Hand eine scharfe Sichel hatte (Offb 14:14).“
Zwei Dinge sollen hier deutlich werden:
(1) Das M. Logion steht sich in seinen Verwendungen durch die beigefügte Präposition diametral gegenüber. Der herkömmliche Gebrauch als „irdisch/von der Erde genommen“ (bar enash) steht gegenüber einer Person göttlicher Herkunft (k bar enash).
(2) Durch die inhaltliche und sprachliche Nähe zu anderen apokalyptischen Texten (besonders der Offenbarung) wird deutlich, dass die Perikop tatsächlich eine messianische Relevanz hatte. Die Offenbarung greift den Sprachgebrauch Daniels auf und zeigt den erhöhten Christus Jesus als denjenigen der „gleich eines Menschensohnes“ ist und mit den Wolken des Himmels kommt. Somit wird das Wort „Menschensohn“ sowohl in ein apokalyptisches als auch messianisches Licht gerückt.
In der Auslegung gibt es hier jedoch verschiedene Positionen. Manche Ausleger legen nahe, dass bei Daniel keine einzelne Person gemeint sei, sondern das M. Logion hier als Kollektiv für das Volk beziehungsweise „die Heiligen Gottes“ verstanden werden müsse. Es wird im Allgemeinen mit den später folgenden Worten des Engels argumentiert, der sagt: „Aber die Heiligen des Höchsten werden das Reich empfangen, und sie werden das Reich besitzen bis in Ewigkeit, ja, bis in die Ewigkeit der Ewigkeiten“ (Dan.7.18). Die Heiligen des Höchsten und Menschensohn würden synonym verwendet, so die Auslegung meist historisch kritischer Kommentare.
Andere sehen es als ein vielschichtiges Symbol, das ein größeres Bedeutungsspektrum darlegt. So schreibt Bird: “(Its a) multivalent symbol for gods people, kingdom and appointed king” (Bird, S. 117).
Der zum Teil schon aufgezeigte gesamtbiblische Zusammenhang legt jedoch nahe, dass das M. Logion immer von einer bestimmten Person spricht. Schweizer schreibt: “Im Alten Testament bezeichnet das Wort den einzelnen Menschen” (Schweizer, S. 713).
Auch die genannten Vorkommen in der Offenbarung lassen den Leser auf Jesus als eine bestimmte einzelne Person schließen, mit der jedoch gemeinsam auch das Kollektiv, also die durch Christus Erlösten, die Herrschaft erhalten wird (Vgl. Offb. 5,9f.). Kaldewey schreibt diesbezüglich: „Daniel sieht eine Person. Der
Engel redet von einem Volk. (…) Jesus und seine Jünger, Gottes Sohn und Gottes Volk, der Erlöser und die Erlösten, das Haupt und seine Glieder, der Bräutigam und die Braut sind eins. Daniel sieht die eine Seite, der Engel sieht die
andere. Mit Jesus empfängt auch sein Volk die weltweite Herrschaft.“ (Kaldewey, Dan 7:15–28)
Um den frühjüdischen Hintergrund in Bezug auf das Verständnis des M. Logions nachzuvollziehen, ist es also wichtig zu betonen, dass auch in der Daniel Perikope von einer spezifischen Person die Rede ist, da der gesamtbiblische Kontext nahelegt, dass ausgehend von unter anderem dieser Stelle spezifische Messiaserwartungen aufgekommen sind. Was Daniel über die Figur „gleich eines Menschensohnes“ darstellt, wurde gelesen und bei den Juden mit dem Kommen des Messias personal verknüpft.
3.3. Menschensohn und Messiaserwartung
Auch außerhalb des biblischen Kanons wird der soeben beschriebene Sachverhalt sichtbar. In zwei alttestamentlichen Apokryphen lassen sich Hinweise dafür finden, dass das M. Logion im Zusammenhang mit frühjüdischen Messiaserwartungen stand. “Im äth. Henochbuch und dem 4. Buch Esra verbinden sich Menschensohn und Gesalbtenvorstellung“ (Schreiber, S.26). Hier finden wir eine Endzeitgestalt, die gleichzeitig Titel wie „Erwählter, Gesalbter (Messias) und Menschensohn“ trägt.
Daraus lässt sich ableiten, dass es schon in den ersten paar Jahrhunderten vor Christus einen tatsächlichen Zusammenhang zwischen „Menschensohn“ und „Messias“ gegeben haben muss. Wie sah diese frühjüdische Messiaserwartung im Allgemeinen aus?
Für das Volk Israel waren die Jahrhunderte vor der Zeitenwende geprägt von politischen Unruhen. Die vielen vorangegangenen Machtwechsel in Israel (Perser, Griechen, Ptolemäer, Seleukiden), der Aufstand der Makkabäer (164 v. Chr.) und schließlich die Machtübernahme der Römer beeinflussten unter den Juden die Sicht auf den kommenden Messias stark in eine politische Richtung. Der Messias sollte mit göttlicher Vollmacht die Feinde aus ihrem Land vertreiben und außen -wie innenpolitisch Frieden bringen (Vgl. Schreiber, S.17). Die Vorstellung war also von einer (gewaltsamen) Auseinandersetzung mit dem Regime geprägt, konnte aber auch auf fernere Zukunft Bezug nehmen:
“Ein Messias kann sowohl auf der irdisch-politischen Ebene eine neue Zukunft hinaufführen, als auch am Ende der Geschichte den Beginn einer neuen Zeit, der endgültigen Herrschaft Gottes initiieren.” (Schreiber S.14).
Die betrachtete Daniel Perikope bezog sich im Verständnis der Juden vermutlich auf Letzteres. Zu einem politischen Verständnis des Messias trug auch die Beschreibung der israelitischen Könige als „Gesalbte“ bei.
„In the political realm the term (Messiah) was used of davidic kings (ps 18:50; 89,20; 132,10-17)“ (Whiterington S.95).
Stuhlmacher schreibt: „Die Erwartung des davidischen Messias war im Frühjudentum verbreitet und hatte durchaus nationale und politische Implikationen“ (Stuhlmacher S.112).
Folglich war die Erwartung, die viele Juden im Volk Israel an den Messias hatten, eine göttliche Herrschaftsübernahme im politischen Sinne.
Warum verwendet Jesus vor diesem Hintergrund nun den Titel „Menschensohn“? Auch hier gibt es verschiedene Ansichten. Dass Jesus die politisch gefärbte Messiaserwartung an Ihn so klein wie möglich halten wollte und einen gewaltsamen Volksaufstand vermeiden wollte, ist nicht zu bezweifeln. Die Möglichkeit, dass Er das M. Logion dahingehend verwendet „gerade weil “Menschensohn” noch kein feststehender Titel war und daher wie die Gleichnisse die Hörer herausforderte, ohne ihnen eine fertige Theorie zu liefern“ (Vgl. Schweizer, S. 714) scheint ebenso schlüssig.
Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass der Begriff „Menschensohn“ besonders vor dem Erwartungshorizont der Juden deutlich ambivalenter ist als der Christustitel. Er fordert unweigerlich zum Nachdenken heraus, schillert im diesseits und weist vor dem Hintergrund der Danielperikope zudem in einen apokalyptischen Bereich (Vgl. Luz, S.742).
Vor diesem alttestamentlichen Hintergrund und dem kulturellen Kontext zeigt sich der Begriff demnach als äußerst vielschichtig. Als solchen verwendet Jesus M. bewusst und implizit.
Um jedoch ein vollständiges Bild von dem Bedeutungsspektrum zu bekommen und ferner zu beantworten warum Jesus sich „der Menschensohn“ nennt, muss zusätzlich zum alttestamentlichen Hintergrund der direkte Kontext der neutestamentlichen Vorkommen betrachtet werden. Denn die Bezeichnung als Menschensohn bekommt in ihrem jeweiligen Kontext eine bestimmte Zielrichtung und gibt so im Zusammenhang einen größeren Aufschluss über die Bedeutung.
4. Menschensohn als Jesu Selbstbezeichnung?
Für eine schlüssige Argumentation, die auf den Worten von Jesus selbst beruht, muss jedoch zunächst festgehalten werden,
(1) dass Jesus den Titel Menschensohn selbst verwendete und
(2) dass Er ihn auf sich selbst bezieht.
Besonders Auslegungen mit historisch kritischen Ansätzen vertreten teilweise die Position, dass jegliche der Hoheitsprädikate lediglich nachösterlich eingefügte Interpretationen beziehungsweise Textzusätze sind. Wenn dem so wäre, könnten die M. Logien keinerlei Aufschluss über Jesu Selbstverständnis und höchstens begrenzten Aufschluss über die tatsächliche Wortbedeutung geben. Für eine schlüssige Argumentation soll daher eine kurze Diskussion folgen.
Wir haben bereits festgehalten, dass Menschensohn “die am häufigsten benutzte Selbstbez. Jesu in den Evv. an insgesamt 82 Stellen“ ist. „69 davon finden sich in den Synoptikern” (RGG4, S.1099).
Davon auszugehen, dass jeglicher Hoheitstitel erst nachösterlich hinzugefügt wurde, nähert sich dem Text der Evangelien mit einer voreingestellten theologischen Haltung. Es ist eine Pauschalkritik in der lediglich vorausgesetzt wird, dass Jesus selbst keinen messianischen Anspruch hatte, sondern die frühe Gemeinde ihn dahingehend (miss)verstanden hat. Das ist eine Grundannahme, die den reichen Befund der Synoptiker zu verkennen scheint.
Wie später noch deutlich wird, ist die zahlreiche Verwendung des Logions an vielen Stellen untrennbar mit dem Kontext verbunden, in dem es genannt wird. Eine spätere Interpretation oder Hinzufügung des Logions wäre in sich selbst unschlüssig, da der Inhalt den Titel beziehungsweise das Logion unterstützt (inhaltliches Argument). An dieser Stelle kann auch die These ausgeschlossen werden, dass Jesus von einem anderen als dem Menschensohn spräche. Die inhaltliche Kohärenz der Stellen zeigt vielmehr eine personale und schlüssige
Einbettung in tatsächliche Geschehnisse und Wortwechsel, wie sie weiter unten betrachtet werden.
Zudem müssen wir davon ausgehen, dass Jesus selbst beabsichtigte, dass seine Worte und Lehren von den Menschen auch in Bezug auf etwaige Hoheitstitel interpretiert würden. Stuhlmacher schreibt treffend:
„Ein auf jegliche Selbstprädikation verzichtender Jesus ist ein geschichtlich unwirkliches (und nur aus den Aporien der gegenwärtigen Evangelienexegese erwachsenes) Abstraktum. Jesus hätte dann nämlich trotz seines höchst auffälligen und provozierenden Verhaltens keinen Wert darauf gelegt, von seinen
Zeitgenossen verstanden zu werden, und zwar bis in seinen eigenen Jüngerkreis hinein“ (Stuhlmacher, S. 111).
Diese beiden Argumente werden durch eine nähere Betrachtung des Kontextes später untermauert und sollen an dieser Stelle lediglich als Anhaltspunkte dienen, um davon ausgehen zu können, dass Jesus das M. Logion als Selbstbezeichnung verwendete. Ein weiteres Argument für eine eigenständige Verwendung ist, dass das M. Logion innerhalb der Evangelien äußerst zahlreich vorkommt, später jedoch nicht mehr. Holtz schreibt:
“In der gesamten erhaltenen Literatur ist “Menschensohn” als Titel gebraucht. Es ist damit zu rechnen, dass das schon auf der semitischen Sprachebene so war und auch Jesus brns´ (bar (e) Nasha) titular verwendete.” (Holtz, S.741).
Wenn die nachösterliche Gemeinde Jesus diesen Titel gegeben haben sollte, dann müsste dieser in der nachösterlichen Literatur auch maßgebliche Verwendung finden. Das ist jedoch nicht der Fall. Außerhalb der Evangelien taucht das M. Logion nur viermal auf. Dabei handelt es sich dreimal um Zitate und Formulierungen aus dem Alten Testament (In Hebr 2:6 wird Ps 8:5-7 zitiert. In Offb 1:13 und 14:14 wird auf Dan 7:13 angespielt.) „Nur in Apg 7:56 liegt ein selbständiges nachösterliches Logion vor: Stephanus schaut in den geöffneten Himmeln und sieht die Herrlichkeit Gottes und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen (vgl. Dan 7:13 und Ps 110:1).“ (Vgl. Stuhlmacher S.119)
Stuhlmacher folgert: „Die Tatsache, daß wir nur ein einziges selbständig formuliertes nachösterliches Menschensohnlogion haben, widerstreitet der Annahme, dassMenschensohn` ein erst nachösterlich auf Jesus angewandtes Hoheitsprädikat ist. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, daß die Evangelienüberlieferung einen historischen Befund festgehalten hat. Das Prädikat Menschensohn war für die Verkündigung und Lehre Jesu charakteristisch und scheint eben deshalb nach Ostern nur extrem selten selbständig verwendet worden zu sein“ (Stuhlmacher, S.118).
(Ein geringeres Vorkommen bei Paulus könnte damit erklärt werden, dass er zu großen Teilen für die Heidenmission tätig war, die aufgrund ihres fehlenden jüdischen Hintergrundes das Wort „Menschensohn“ nicht verstehen oder als „zu allgemein“ betrachten könnten:
„it may have been considered too obscure or too simple for the Gentile mission and the expanding church“ (cf. Moule 1977), (Whiteringhton S.110).
Das M. Logion ohne den alttestamentlichen und jüdisch kulturellen Hintergrund einer Messiaserwartung wäre zu einfach gewesen, als dass die Heiden es verstanden hätten. Darum verzichtet der Apostel Paulus darauf (obwohl er das Logion durchaus kannte (vgl. 1.Kor 15:27), während Jesus es vor einer überwiegend jüdischen Hörerschaft zahlreich als Selbstbezeichnung verwendet.
Folglich lassen sich vor diesem Hintergrund die verschiedenen Passagen aus den Synoptikern als zuverlässige Quelle heranziehen, die weiteren Aufschluss darüber geben, warum und in welchem Sinne Jesus „Menschensohn“ gebrauchte.
5. Vorkommen und Bedeutung in den Synoptikern
Jesus verwendet den Begriff Menschensohn insgesamt 82 mal in den Evangelien. Der größte Teil mit 72 Erwähnungen findet sich in den Synpotikern. In der Auslegungsgeschichte bildete sich bei der Betrachtung der verschiedenen Perikopen eine traditionsgeschichtliche 3-Teilung der M. Logien aus. Diese Dreiteilung soll im Folgenden als Anhaltspunkt dienen, um die Aussagen über Jesus als den einen personalen Menschensohn systematisch darzustellen. Schweizer fasst die drei Bereiche so zusammen:
“Im Neuen Testament bezeichnet der Titel den Irdischen, den Leidenden und den in der Parusie kommenden” (Schweizer, 714).
Andere verwenden in Betonung auf das Wirken Jesu statt „irdisch“ der „gegenwärtig Wirkende“ (vgl. Stuhlmacher, S.119).Da viele der Perikopen in der Synopse nahezu identisch sind, werden in den Betrachtungen diese drei Bereiche mit exemplarisch ausgewählten Textstellen aus den verschiedenen Synoptikern dargestellt. Anschließend wird jeweils eine Schlussfolgerung gezogen, inwieweit der Kontext, in den das Logion eingebettet ist, einen ergänzenden Aufschluss über die Wortbedeutung von Menschensohn
liefert.
Zu Beginn der Betrachtungen soll die Frage vom Anfang aufgegriffen werden:
Mt 16:13 „Als aber Jesus in die Gegenden von Cäsarea Philippi gekommen war, fragte er seine Jünger und sprach: Was sagen die Menschen, wer der Sohn des Menschen ist?“
Jesus selbst ging davon aus, dass sich die Menschen Gedanken darüber gemacht haben, wer Er als der „Sohn des Menschen“ ist. Durch sein besonderes Wirken, seine vollmächtige Lehre und sein Leiden wurde diese Frage für sein Umfeld unumgänglich.
Bauckham schreibt: „The question of Jesus identity is raised by what he does says and suffers“ (Bauckham, S.125).
Dasselbe Prinzip gilt, wenn wir verstehen wollen in welcher Weise Jesus von sich selbst als dem Menschensohn in den jeweiligen Kontexten geredet und gedacht hat.
Seine eigenen Worte und Taten, sein Wirken, seine Lehre und sein Leiden müssen den größten Anhaltspunkt in der Christologie geben, um Aufschluss über ein Selbstverständnis zu geben. Alles andere wäre im besten Fall Mutmaßung. Im Folgenden sollen daher ausgewählte Perikopen, in denen Jesus von sich selbst als dem Menschensohn spricht, als Argumente für eine nähere Definition des M.Logions herangezogen werden.
5.1. Menschensohn als „der Irdische/ gegenwärtig Wirkende“
Mt 8:20 „Und Jesus spricht zu ihm: Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester, aber der Sohn des Menschen hat nicht, wo er das Haupt hinlegt.“
Lk 7:34 „Der Sohn des Menschen ist gekommen, der da isst und trinkt, und ihr sagt: Siehe, ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund von Zöllnern und Sündern“
In ähnlicher Weise wie die Propheten des Alten Testamentes als Menschensöhne bezeichnet wurden und mancherlei Entbehrungen erleiden mussten, identifiziert Jesus sich hier als Menschensohn mit den Menschen. Er erlebt auf dieser Erde wenig Komfort. Als als ein Reiseprediger ist er ohne feste Bleibe und wird so den
Menschen (besonders den Ausgestoßenen und Armen) nahbar.
Zudem zeigt er sich als Mensch mit menschlichen Bedürfnissen. Er „isst und trinkt“ als Mensch auf dieser Erde. Stuhlmacher schreibt:
„Von hier aus gesehen zeigen diese Worte, dass Jesus sich als der von Gott ausgesonderte Mensch unter den Menschen, als ihr Genosse und Stellvertreter verstanden hat. Als solcher wird er von den Menschen ,Fresser‘ und ,Säufer’ gescholten und ist während seines öffentlichen Wirkens noch weniger behaust als
Füchse und Vögel (Stuhlmacher S. 120).
Folglich wird Jesus als der „gegenwärtig Wirkende“ und „Irdische“ Menschensohn identifizierbar mit den Menschen. In frühen Auslegungen wurde auf diesen Aspekt des M. Logion ein großer Schwerpunkt gelegt. „In der Alten Kirche wurde M. hauptsächlich als selbständige Aussage über Jesu menschliche Natur verstanden, d.h. als Entsprechung oder Gegensatz zu »Sohn Gottes«“ (RGG, S.1099).
Das Menschsein Jesu nimmt in der Tat sowohl in den Evangelien als auch in späteren neutestamentlichen Briefen (besonders in Verteidigung gegenüber leibfeindlichen Lehren wie der Gnosis (Vgl. 1. Joh) eine bedeutende Rolle des Selbstverständnisses Jesu ein. Die frühe Auslegung greift also einen wichtigen
Aspekt des Logions auf, legt jedoch dem gesamtbiblischen Bedeutungsspektrum von M. Sohn zu wenig Bedeutung bei. Auch die Evangelien zeigen ferner, dass Jesus als Menschensohn nicht weniger als ein Mensch ist, aber sehr wohl auch in den Bereich des göttlichen eingeordnet werden möchte.
Wenn es um Jesus als den gegenwärtig Wirkenden geht sind des Weiteren die Heilungen und Wunder im besonderen Fokus. Jesus zeigt durch die Zeichen und Wunder, die er vollbringt, dass er in göttlicher
Autorität und Vollmacht auf dieser Erde handelt:
Mt 9:6 „Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, auf Erden Sünden zu vergeben – da sprach er zu dem Gelähmten: Steh auf, hebe dein Bett auf und geh heim!“
An dieser Stelle zeigt Jesus durch die Heilung eines Gelähmten seine göttliche Vollmacht als Menschensohn auf der Erde. Er besitzt sowohl die Fähigkeit die Krankheit des Menschen zu heilen, als auch die Vollmacht, göttliche Vergebung auszusprechen. Die Reaktion der Umstehenden zeigt, dass Jesu Anspruch hier über die eines normalen Menschen weit hinausgeht: „Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?“ (Mk 2:7).
Derselbe Sachverhalt wird auch in den folgenden Stellen deutlich:
„Denn der Sohn des Menschen ist Herr des Sabbats.“(Mt 12:8)
„denn der Sohn des Menschen ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren ist. (Lk 19:10 )
Auch hier zeigt Jesus seine göttliche Vollmacht und Autorität, die sich sowohl darin äußert, damals geltende Bestimmungen neu zu definieren, als auch den Menschen Heil schenken zu können. Das zeigt, dass das Selbstverständnis Jesu als Menschensohn nicht weniger als das eines „Menschen unter Menschen“ aber doch wesentlich mehr ist. „Der Mensch, der so handelt, ist nicht nur wahrer Mensch vor Gott, sondern zugleich
Gottes Repräsentant unter den Menschen.“ (Stuhlmacher, S.120)
5.2. Menschensohn als „der Leidende“
Durch das aufsehenerregende und vollmächtige Wirken des Menschensohnes auf der Erde kam die Hoffnung unter den Menschen auf, dass dieser „der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ (Mt 16:16) sei. Was selbst die gläubigen Jünger allerdings nicht in ihr Verständnis vom Messias einordnen konnten, waren die Ankündigungen, die Jesus über sein Leiden machte.
Mk 8,31 „Und er fing an, sie zu lehren: Der Sohn des Menschen muss vieles leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohen Priestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.“
Mt 12,40 „Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte in dem Bauch des großen Fisches war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein.“
Derartige Textpassagen werden als Passionssummarien bezeichnet. Manche Ausleger sind der Ansicht, dass diese Art der Summarien nachösterlichen Ursprungs ist. Um an dieser Stelle weiter schlüssig argumentieren zu können, soll auch hier eine kurze Diskussion darauf Bezug nehmen.
Wenn ein Ausleger davon ausgeht, dass Jesus nie von seinem eigenen Leiden und Auferstehen geredet habe, muss zunächst hinterfragt werden warum eine prophetische Vorausschau kategorisch ausgeschlossen wird. In den meisten Fällen lässt es sich auf eine Grundannahme des jeweiligen Theologen zurückführen, die von einem naturalistischem Weltbild geprägt ist. Wer die Grundannahme hat, dass außerordentliche Phänomene wie Wunder oder Prophetie grundsätzlich nicht möglich sind, muss eine andere Erklärung für die Berichte der Evangelien finden. Jedoch bleibt es eine Grundannahme, die nicht empirisch belegt werden kann. Auf diese Weise nähert man sich mit einer voreingestellten Haltung dem Text. Dieses methodische Argument beweist an
dieser Stelle noch nicht, dass die Summarien tatsächlich von Jesus selbst stammen, macht aber deutlich, dass es keineswegs plausibler oder wissenschaftlicher ist, sich mit einem naturalistischem Weltbild dem Text zu
nähern, als von der Möglichkeit eines tatsächlichen göttlichen Wirkens auszugehen.
Neben dem, muss auch an dieser Stelle die Frage nach Jesu Selbstverständnis gestellt werden. Der Inhalt und Kontext der Passionssummarien zeigen vielmehr, dass sie von Jesus selbst stammen müssen.
In Mk 9;31 heißt es:
„Der Sohn des Menschen wird in die Hände der Menschen überliefert, und sie werden ihn töten; und nachdem er getötet worden ist, wird er nach drei Tagen auferstehen. 32 Sie aber verstanden das Wort nicht und fürchteten sich, ihn zu fragen.“
Diese Passage zeigt eine inhaltliche Kohärenz. Die Unverständlichkeit der Rede Jesu legt nahe, dass Jesus tatsächlich so geredet hat. Die „Jünger verstanden das Wort nicht und fürchteten sich, ihn zu fragen.“
Wenn die Jünger diese Passage nachösterlich eingefügt hätten, wäre es wahrscheinlicher, dass V. 32 weggelassen würde. Der Zusammenhang gibt den Text also einen authentischen Charakter und zeigt, dass er in sich selbst schlüssig ist. Doch nicht nur die inhaltliche Kohärenz sondern auch der Inhalt als solcher
bezeugt ein authentisches Jesus Logion.
Stuhlmacher legt in Bezug auf J. Jeremias dar, dass sowohl bei Mk 9:31 als auch bei Lk 9:44 ein aramäisches Wortspiel vorliegt.
Der „Mensch“ (singular) wird in die Hände der „Menschen“ (plural) gegeben. Nach Stuhlmacher ist dies ein Anklang auf zwei Stellen aus dem Propheten Jesaja.
Jes 43:4 „Weil du teuer, wertvoll bist in meinen Augen und ich dich lieb habe, so werde ich Menschen hingeben an deiner statt und Völkerschaften anstatt deines Lebens.“
Jes 53:12 „Darum werde ich ihm Anteil geben an den Vielen, und mit Gewaltigen wird er die Beute teilen: dafür, dass er seine Seele ausgeschüttet hat in den Tod und den Übertretern beigezählt worden ist; er aber hat die Sünde vieler getragen und für die Übertreter Fürbitte getan. F schreibt:
„Es geht um authentische Jesuslogien, die auf Jes.43-4; 53,11-12 fußen. Die soteriologische Dimension beider Worte wird bestimmt von der frühjüdischen Tradition vom ,Lösegeld’ und vom Leiden des Gottesknechts gemäß Jes 53. Jesus sah sich berufen, als Menschensohn den Weg des stellvertretend
für ,die Vielen‘ leidenden Gottesknechts zu gehen, dessen Leben von Gott als endzeitliches Lösegeld für Israel dahingegeben wird (Stuhlmacher, S.127f.).
Liest man die genannten Passionssummarien mit diesem Hintergund „erscheint Jesus als der Mensch(ensohn), den Gott aus Liebe für Israel dahingibt, um sein Eigentumsvolk zu retten. Oder anders formuliert: er ist (als der Menschensohn) auch der stellvertretend für Israel leidende Gottesknecht. Sowohl die inhaltliche Kohärenz mit dem Kontext als auch der durchdachte Inhalt der Aussage als solcher zeigen also, dass Jesus selbst bewusst so geredet und sich im Einklang mit den prophetischen Schriften gesehen hat. Dieses Selbstverständnis Jesu wird von den Jüngern jedoch erst im Nachhinein gänzlich erkannt und weitergetragen (Vgl. Joh 2:22).
(Röm 4:25 dokumentiert, daß sowohl dieses Jesuslogion als auch sein tatsächliches Leiden, Sterben und Auferstehen so verstanden worden ist: „der unserer Übertretungen wegen hingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist.“ (Röm 4:25)
Des Weiteren greift Markus eine Aussage Jesu auf, die dieses Selbstverständnis zum Ausdruck bringt:
Mk 10,45 Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele. Auch hier wird deutlich, dass Jesus sich als der Menschensohn gerade in seinem bevorstehenden Leiden im Einklang mit den Voraussagen der heiligen Schrift in Bezug auf den leidenden Gottesknecht gesehen hat.
Als Wanderprediger und jüdischer Lehrer hatte Jesus eine ausgezeichnete Kenntnis der prophetischen Schriften, sodass er diese Stellen kannte und sich selbst als Erfüllung dieser Passagen sehen konnte.
Stuhlmacher fasst zusammen:
„Während seines irdischen Wirkens wollte Jesus der messianische Menschensohn in der Weise sein, dass er als der von Gott gesandte Gottesknecht Existenzstellvertretung für „die vielen“ (d.h Israel und die Völker) übte“ (Stuhlmacher, S.121).
5.3. Menschensohn in der Parusie
Bisher wurde deutlich, dass der Menschensohn der gegenwärtig Wirkende, bevollmächtigte Mensch ist, der zudem als leidender Gottesknecht stellvertretend sterben und wieder auferstehen wird. Jedoch umfasst das Bedeutungsspektrum des M. Logions noch weitaus mehr. Jesus ist als Menschensohn nicht nur der
„Mensch unter Menschen“, sondern auch der Sohn Gottes, der kommen wird in Macht und Herrlichkeit. Das wird durch die folgenden Textpassagen deutlich:
Mt 16:27: „Denn der Sohn des Menschen wird kommen in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln, und dann wird er einem jeden vergelten nach seinem Tun.“
Lk 9,26 „Denn wer sich meiner und meiner Worte schämt, dessen wird der Sohn des Menschen sich schämen, wenn er kommen wird in seiner Herrlichkeit und der des Vaters und der heiligen Engel.“
Jesus macht deutlich, dass er als der Sohn des Menschen in seiner Wirksamkeit nicht auf diese Erde und diese Zeit beschränkt ist. Er zeigt, dass er nicht nur göttliche Vollmacht hat, sondern auch göttlichen Ursprungs ist. “Zwischen Sohn Gottes und Menschensohn sind Interrelationen vorauszusetzen” (Luz.S.744).
Dieses Selbstverständnis hat neben seinen Nachfolgern auch einige Widersacher mit sich gebracht. Durch ein auf dieser Thematik gegründetes Streitgespräch mit den Juden wird der Zusammenhang von Menschensohn und Sohn Gottes besonders deutlich. Das Besondere an dieser Stelle ist, dass der Anspruch der Gottessohnschaft durch den Mund seiner Widersacher bezeugt wird. Dadurch, dass es keine Eigenaussage Jesu ist, werden auch hier die Argumente für eine etwaige nachträgliche Redaktion entkräftet:
LK. 22,69 „Von nun an aber wird der Sohn des Menschen sitzen zur Rechten der Macht Gottes.“ 70 Sie sprachen aber alle: Du bist also der Sohn Gottes? Er aber sprach zu ihnen: Ihr sagt es; ich bin es. 71 Sie aber sprachen: Was brauchen wir noch Zeugnis? Denn wir selbst haben es aus seinem Mund gehört.“
Jesus postuliert hier auf die Nachfrage der Widersacher als Sohn des Menschen, zeitgleich der Sohn Gottes zu sein, der zurückkehren wird zu seinem göttlichen Ursprung. Auffallend ist, dass die Juden aus der Aussage Jesu selbstständig den Schluss ziehen, dass Jesus mit seinen Worten suggeriert der Sohn Gottes zu
sein.
Es wird also deutlich, dass das M. Logion, was zunächst deutlich auf das Irdische verweist, auch aus göttlicher Perspektive betrachtet werden will. Cullman schreibt dazu:
„Anderseits aber weisen auch christologische Begriffe bei denen man es zunächst nicht vermutet (etwa der des „Menschensohnes“), in die Richtung der „Gottebenbildlichkeit“ Christi und seiner Gleichgestaltigkeit (Phil.2, 6) mit Gott“ (Cullman, S.321f.).
Diese Stellen zeigen deutlich, dass es Jesu eigener Anspruch war, als Menschensohn göttlicher Herkunft zu sein.
Die Annahme, dass die Gottessohnschaft Jesu lediglich dem Kerygma der Kirche entsprungen wäre ist folglich unzutreffend. Vielmehr hat das Kerygma der Kirche den eigenen Anspruch Jesu aufgegriffen und als Zeugnis verkündigt. Wenn Jesus diesen Anspruch nicht hatte, wäre auch hier die inhaltliche Kohärenz nicht gegeben und der Anstoß wäre unerklärbar (Vgl. MK.14,61f.). Stuhlmacher schreibt: „Er hatte außerdem zu erkennen gegeben, daß er ,Sohn Gottes‘ als messianischer Menschensohn sei (vgl. (…)Mk 14,61-62). Das österliche
Bekenntnis zu ihm als dem „Hyos Theou“ nimmt diesen Anspruch Jesu auf und bestätigt ihn vor Gott und den Menschen als wahr“ (Stuhlmacher, 186). Der Menschensohntitel bezieht sich daher neben seiner irdischen Komponente ebenso deutlich auf eine göttliche Herkunft.
Das kommt besonders stark darin zum Ausdruck, dass Jesus mit seinen Worten einen deutlichen Bezug zu der bereits betrachteten Danielperikope herstellt:
Mk. 13:26 Und dann werden sie den Sohn des Menschen kommen sehen in Wolken mit großer Macht und Herrlichkeit. 27 Und dann wird er die Engel aussenden und seine Auserwählten versammeln von den vier Winden her, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels (Vgl. auch Mt. 24:30; Lk. 21:27).
Einige Ausleger sehen keinen beabsichtigten Zusammenhang auf die Menschensohn Figur aus Daniel 7. Jedoch ist die sprachliche Nähe ein ausschlaggebendes Argument dafür, dass Jesus bewusst Bezug darauf nimmt.
Dan.7,13 „Und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie der Sohn eines Menschen. Und er kam zu dem Alten an Tagen, und man brachte ihn vor ihn. 14 Und ihm wurde Herrschaft und Ehre und Königtum gegeben, und alle Völker, Nationen und Sprachen dienten ihm.“
Der Ausdruck „mit den Wolken des Himmels“ bezieht sich auf eine Herkunft aus dem Transzendenten/ Göttlichen. Sowohl im Alten -als auch im Neuen Testament sind Wolken ein begleitendes Zeichen der Theophanie. Wo Gott erscheint treten oftmals Wolken in Erscheinung. Dem Volk Israel erscheint Gott in einer
Wolkensäule (Ex 13:21f.); die Herrlichkeit Gottes füllt in Form einer Wolke das Haus des Herrn (1.Kön 8:10f.); Hesekiel sieht in einer Vision, wie der Tempel sich mit einer Wolke füllt (Hes 10:4); Jesus wird auf dem Berg der Verklärung in eine Wolke gehüllt, wo Mose und Elia ihm erscheinen (Mk 9:7); Jesu Himmelfahrt geschah in einer Wolke (Apg 1:9) und in gleicher Weise wird die Wiederkunft sein (Offb 1:7).
Der biblische Befund zeigt also durch die Wolke als Begleiterscheinung der Theophanie einen Schnittpunkt zwischen dem Himmlischen und dem Irdischen an. Sie wirkt an einigen Stellen wie ein Schleier, ein sichtbarer Ausdruck des Transzendenten in diese Welt hinein.
Die Menschensohnfigur aus Daniel 7 kommt also „mit den Wolken des Himmels“. Jesus kündigt seine Ankunft ebenso „in den Wolken des Himmel“ an. Beiden werden „Herrschaft“ beziehungsweise „Macht“ verliehen. Zu Beiden kommen Menschen aus „allen Völkern“ beziehungsweise „von den vier Windenher“.
Die Vorstellung es handle sich hier um Zufall ist nicht haltbar. Die Möglichkeit einer nachträglichen Redaktion der Jesuslogien hingegen wurde zuvor schon ausgeschlossen. Also folgt, dass Jesus mit diesen Worten eine bewusste Verbindung zu der Danielperikope herstellen wollte. Jesus nennt sich selbst der Menschensohn und zeigt, dass er die Figur „gleich eines Menschensohnes“ aus Daniel darstellt. Er unterstreicht damit sowohl seine göttliche Herkunft als auch seine Wiederkunft in göttlicher Vollmacht. Er ist derjenige, der kommen wird und
das Reich Gottes zur Vollendung bringt. Auch die spätere apokalyptische Literatur bezeugt den Auferstandenen Jesus mit denselben Worten wie Daniel: „wie der Sohn eines Menschen“ (Offb 1:13).
Folglich hat das M. Logion in Jesu Verwendung sowohl die offenkundig irdische als auch die verborgene, nur durch Nachdenken erfassbare messianische Bedeutung in Verbindung mit seiner göttlichen Her- und Wiederkunft. Der Menschensohn zeigt sich hier in zwei Facetten: Sohn des Menschen und Sohn Gottes. Er ist sowohl der Menschensohn, der die Menschen als solche versteht als auch derjenige, der als Sohn Gottes die Menschen in der Parusie retten und richten wird (Vgl. Röm 5:9).
6. Zusammenfassung
Das M. Logion ist in seiner Verwendung und Bedeutung äußerst vielschichtig. Betrachtet man den alttestamentlichen Befund kommen zwei Bedeutungen zum Vorschein: Zum einen die Bedeutung als „irdisch“. Ein Mensch als Sohn eines anderen Menschen. Hier wird die Zugehörigkeit zur Erde betont. Zum anderen
findet sich der schillernde Begriff des Menschensohnes aus der Danielperikope: eine Figur göttlichen Ursprungs der Autorität, Vollmacht und Herrschaft gegeben wird.
Betrachtet man den frühjüdischen Hintergrund wird deutlich, wie die Konzeption des Messias in Verbindung mit dem M. Logion stand. In der apokalyptischen Literatur, besonders in der Danielperikope, wird der Zusammenhang fassbar. Die Vorstellung eines Messias war jedoch weitgehend politisch gefärbt. Durch die
Vielschichtigkeit von M. umgeht Jesus hier eine zu politisch gefärbte Christusvorstellung, ohne seinen Anspruch als Christus zu verlieren. Für die Juden würde dieser Begriff unumgänglich zu weiteren Schlüssen führen. Vor dem Hintergrund einer theologischen Verteidigung der Jesuslogien als authentisch, geben die Passagen, in denen Jesus sich selbst als M. betitelt weitere ausschlaggebende Anhaltspunkte die Bedeutung des Logions zu erklären.
Jesus zeigt sich zum einen als Mensch unter den Menschen. Bedürftig, nahbar, identifizierbar, verständnisvoll für jegliche Art menschlichen Leidens und Seins.
Zum Anderen ist er der bevollmächtigte Menschensohn, der in göttlicher Autorität wirkt, Vergebung ausspricht und als Gottes Repräsentant unter den Menschen lebt. Über das hinaus gibt Jesus selbst mit dem Menschensohntitel Hinweise auf seine Identität als Sohn Gottes. Er zeigt: Er ist ganz Mensch aber zeitgleich der Menschensohn, der göttlichen Ursprungs ist und göttliche Attribute inne hat. In seinem Wirken als solcher wird er, als der Christus erkannt und bezeugt. Als Menschensohn würde er für die Vielen stellvertretend leiden, sterben und auferstehen. Damit ist er als Menschensohn und Gottessohn auf einer Linie mit dem leidenden Gottesknecht. Und zuletzt lässt sich auch hier eine eschatologiche Spannung entdecken: schon jetzt ist er in seinem gegenwärtigen Wirken und Leiden der (ganz anders als erwartete) Menschensohn als Sohn des Menschen und Sohn Gottes. Noch nicht ist er, in der Ausführung, der kommende Menschensohn, die schillernde Figur aus Daniel 7, der als Retter und Richter in der Parusie kommen wird und das Reich Gottes vollendet. Dieses Ereignis steht noch aus.
Schließlich ist die zahlreichste Selbstbezeichnung Jesu als „Menschensohn“ ganz anders und zugleich viel mehr als zunächst erwartet. Der Theologie, wenn man so will, vermag Er wieder deutlich zu machen, dass er, der Menschensohn, als der eine, historische Jesus und auferstandene Christus Gottes verstanden, geglaubt und bezeugt werden will.
„Er spricht zu ihnen: Ihr aber, was sagt ihr, wer ich bin? Simon Petrus aber antwortete und sprach: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,15f.).
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