Hat dich der Zorn Jesu schon einmal überrascht?
Da sitzt du friedlich da und meditierst über die Evangelien oder hörst einem Lieblingsprediger zu. Mit großem Trost erkennst du, dass Christus jede Situation vollkommen beherrscht. Er verwendet anschauliche Bilder, stellt durchdringende Fragen und scheint von hinterlistigen Gegnern völlig unbeeindruckt zu sein.
Dann plötzlich flammt ein unerwarteter Ausdruck seines heiligen Zorns auf. Er macht sich eine Peitsche und reinigt den Tempelhof. Er seufzt hörbar vor Frustration. Es wird berichtet, dass er verärgert, sogar empört war. Er „gebietet mit Nachdruck“ Männern und Frauen, die er gerade geheilt hat. Und du erinnerst dich daran, wie oft er nicht nur Dämonen und Fieber, Wind und Wellen zurechtweist, sondern auch seine eigenen Jünger.
Sanfte (und souveräne) Emotion
Vielleicht schrecken wir vor dem Wort „Wutausbruch“ zurück, doch noch vor etwa hundert Jahren hielt der bedeutende Theologe B.B. Warfield (1851–1921) diesen Begriff in seiner Studie The Emotional Life of Our Lord für angemessen. Vielleicht haben sich die Bedeutungen des Wortes heute so verändert, dass wir lieber andere Formulierungen wählen. Dennoch kann es uns guttun zu erkennen, was viele treue Christen im Leben Christi wahrgenommen haben. Und wenn irgendjemand mit heiligem, Gott ehrendem Zorn erfüllt sein konnte, dann doch Jesus.
So sündlos er war, zeigte Jesus während seines Lebens unter uns deutlich Emotionen. Ohne Zweifel war er ein Mann der Besonnenheit und Selbstbeherrschung, doch es wäre seltsam anzunehmen, er sei emotionslos gewesen, als er den Tempel mit der Peitsche reinigte. Oder als er am Grab des Lazarus weinte. Oder als er in Todesangst mit lautem Schreien und Tränen betete. Der Christus, dem wir in den Evangelien gewöhnlich begegnen, ist ein Mann erstaunlicher Beherrschung; ein Vorbild jener Ruhe und inneren Ausgeglichenheit angesichts des Chaos dieser Welt, in die sein Volk durch die Kraft seines Geistes hineinwachsen möchte. Doch wir können ebenso von seinem heiligen Zorn lernen. Sogar von seiner Wut.
Langsam zum Zorn
Die Kinder Israels priesen ihren bundestreuen Gott als „langsam zum Zorn“ (beginnend in 2. Mose 34:6). Langsam zum Zorn zu sein bedeutet jedoch keineswegs, ohne Zorn zu sein. Gott war eindeutig bereit, die Schuldigen zur rechten Zeit zu bestrafen. Und dennoch zeigte er angesichts der oft empörenden Rebellion seines Volkes bemerkenswerte Geduld und war in auffälliger Weise „langsam zum Zorn“, wie sowohl Propheten als auch Psalmdichter immer wieder hervorhoben (Nehemia 9:17; Joel 2:13; Psalm 86:15; 103:8; 145:8).
Ebenso war Jesus in den Tagen seines irdischen Lebens langsam zum Zorn. Er wusste, wie man unter Druck einen klaren Kopf bewahrt, wenn die Situation es erforderte, und er wusste auch, wie man seinen Emotionen mit Selbstbeherrschung zur richtigen Zeit und am richtigen Ort Ausdruck verleiht. Der Christus der Evangelien erscheint gewöhnlich auffallend ruhig und unerschüttert angesichts aufgebrachter Gegner. Doch der göttliche Sohn trat in eine Welt voller Sünde und Sünder ein, eine Welt unter dem Fluch, in der Ungerechtigkeit allgegenwärtig ist. Und es wäre, wie Warfield bemerkt, nicht Tugend, sondern Laster, „wenn ein moralisches Wesen angesichts erkannten Unrechts gleichgültig und unbewegt bliebe“.
Damit wir keinen falschen Eindruck gewinnen, wollen wir zwei bedeutende reformierte Stimmen zu Hilfe nehmen. Falls du dachtest, die Wertschätzung des Verstandes in der reformierten Theologie führe zwangsläufig zu einer Geringschätzung von Emotionen, dann sollen Warfield und Johannes Calvin selbst (1509–1564) das Gegenteil zeigen. Gewiss haben manche im Namen reformierter Theologie eine übertriebene Ablehnung von Emotionen vertreten. Doch sie irren sich. Kaum jemand steht deutlicher für reformierte Theologie als Calvin und Warfield.
Deshalb wollen wir nun einige zentrale Evangelienstellen betrachten, in denen Jesu Zorn sichtbar wird, und darüber nachdenken, welche Lehren wir heute als seine Jünger daraus ziehen können.
- Jesus erlebte unseren Zorn
Jesus, wahrer Mensch und wahrer Gott, war zu menschlichem Zorn fähig und das war (und ist) kein Fehler, sondern gehört wesentlich dazu. Diese menschliche Emotion ist ein Abbild des göttlichen Zorns im Ebenbildträger Gottes. Als solche ist sie gut, ein von Gott gegebenes Geschenk, das uns in einer Welt hilft, in der wir Sünde, Tod und Ungerechtigkeit begegnen. Ja, die in uns wohnende Sünde verdreht unseren Zorn, und Zorn ist besonders gefährlich, weil er nach Gottes Absicht eine so starke Emotion ist. Doch der Zorn selbst ist nicht das Problem. Unsere Sünde ist das Problem.
Im Johannesevangelium zeigt sich der erste deutliche Ausdruck davon bereits in Kapitel 2. Jesus ist sichtbar erzürnt über diejenigen, die das Haus seines Vaters zu einem Ort des Handels gemacht haben, zu einem Ort materiellen Gewinns statt auf Gott ausgerichteten Gebets. Doch die Eigenschaft, die hier hervorgehoben wird, wird nicht Zorn genannt, sondern Eifer. Seine Jünger erinnern sich daran, dass geschrieben steht (in Psalm 69): „Der Eifer um dein Haus wird mich verzehren“ (Johannes 2:17).
Zorn steigt in gesunden Seelen auf natürliche Weise auf, wenn auch langsam. Wir müssen Zorn nicht künstlich hervorbringen. Er entsteht als Folge einer größeren Liebe. Was wir kultivieren wollen, ist Eifer für Gott und seine Ehre sowie für andere Menschen und ihre Freude an Gott. Christen wollen „brennen im Geist“ für Jesus Christus (Römer 12:11). Und wenn Gottes Wort, sein Volk und das Gebet unseren Eifer nähren und formen, wird unser Zorn seltener zur falschen Zeit und häufiger zur richtigen Zeit auflodern.
Gewöhnlich verwenden wir das Wort Zorn nicht für diese konstruktivere Emotion, die wir Eifer nennen. Eifer ist die weißglühende Flamme von Jesu Liebe zu seinem Vater und deshalb auch zu dessen Haus. Zorn hingegen bezeichnet die eifrige Reaktion auf diejenigen, die seinen Vater und dessen Haus verächtlich behandeln.
- Jesu Zorn war ohne Sünde
Das Leben Christi zeigt uns die Möglichkeit eines heiligen, gerechten und guten Zorns, selbst auf dieser Seite des Sündenfalls. Jesus empfand Zorn als angemessene Reaktion auf die Sünde, das Böse und die Ungerechtigkeit, denen er begegnete. Zugleich empfand er Zorn in angemessener Intensität, nicht zu schwach, nicht zu stark, nicht zu häufig oder zu schnell und auch nicht zu selten oder zu langsam.
Während wir unsere bemerkenswerte Verbundenheit mit dem Sohn Gottes darin erkennen, dass er unsere Menschlichkeit teilte, behalten wir doch den entscheidenden Zusatz im Blick: „doch ohne Sünde“ (Hebräer 4:15). Wie mag es sein, die von Gott gegebene Emotion des Zorns zu erleben, jedoch ohne die Verderbnis der Sünde?
Calvin bewahrt uns davor, Jesu Zorn naiv nachahmen zu wollen, ohne unsere eigene Schwachheit anzuerkennen: „Wenn du seine Leidenschaften mit den unseren vergleichst, unterscheiden sie sich nicht weniger als reines und klares Wasser, das ruhig fließt, von schmutzigem und schlammigem Schaum.“ Unser Zorn ist nicht rein und klar wie der seine. Wenn ich noch nie eine gerechte Tat vollbracht habe, die nicht in irgendeiner Weise befleckt gewesen wäre, dann gilt dasselbe gewiss auch für meinen Zorn. Doch das sollte mich weder davon abhalten, gerechte Taten zu tun, noch darauf zu hören, was die von Gott geschaffene Emotion des Zorns mir zeigt, selbst wenn diese Kraft so anfällig für den Einfluss der in uns wohnenden Sünde ist. Jeder Gedanke, jedes Gefühl und jede Handlung sündiger Menschen in dieser Zeit ist in irgendeinem Sinn von Sünde berührt. Dennoch hindert uns das nicht daran, wirklich gute Werke zu tun, gute Gedanken anzustreben und gute, hilfreiche Emotionen zu empfinden.
Jesu reiner und klarer Zorn ruft uns dazu auf, christusähnlichen Eifer zu entwickeln. Seine Emotionen ermutigen die unseren und fordern sie sogar heraus. Wie Calvin hinzufügt, sollte Jesu Leben „für sich allein genügen, um die unbeugsame Härte beiseitezuschieben, welche die Stoiker verlangen“.
- Jesus nutzte seinen Zorn, dann legte er ihn ab.
Jesus unterdrückte seinen Zorn nicht, und an mehreren Stellen in den Evangelien ließ er seinen Zorn sichtbar werden. Er war erkennbar zornig. Und er nutzte diesen Zorn: Er nahm dessen Antrieb und Energie auf, um in gerechter Weise zu handeln und Unrecht entgegenzutreten.
Doch beachtet: Jesus verharrte nicht darin. Der entscheidende Abschnitt ist Markus 3:1–5. An einem Sabbat begegnet er einem Mann mit einer verdorrten Hand. Die Pharisäer beobachten ihn aufmerksam, bereit, ihn eines Sabbatbruchs zu beschuldigen. Jesus fragt sie: „Ist es am Sabbat erlaubt, Gutes zu tun oder Böses zu tun, Leben zu retten oder zu töten?“ Er hat recht, doch sie wollen es nicht eingestehen. Sie schweigen; es ist ein böses und feiges Schweigen. Dann heißt es in Vers 5:
„Und er sah sie zornig an, betrübt über die Verhärtung ihres Herzens, und sprach zu dem Mann: Strecke deine Hand aus! Und er streckte sie aus, und seine Hand wurde wiederhergestellt.“
Markus berichtet uns, dass Jesus zornig war und sie mit Zorn ansah. Und wie wir später auch in Johannes 11 sehen werden, existiert dieser heilige Zorn zugleich mit Trauer. Ihre Herzenshärte betrübt ihn und macht ihn zugleich zornig. Doch sein Zorn, der langsam aufkommt, verrichtet seine Arbeit schnell. Er flammt auf, Jesus nimmt ihn wahr, wird zu gerechtem Handeln bewegt und legt ihn dann in Heiligkeit wieder ab. Der Zorn war nur kurz da; er wurde weder unterdrückt noch verdrängt, sondern führte unmittelbar zu seiner nächsten, zornfreien, Handlung: der Heilung. (Ähnliche Beispiele für kurzen Zorn oder Frustration, die zu einer passenden Reaktion führen, finden wir in Markus 7:34; 8:12; 10:14.)
So wie Paulus später die Epheser ermahnen würde, hatte er es aus dem Leben Jesu gelernt: „Zürnt, und sündigt dabei nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“ (Epheser 4:26). Nimm den kraftvollen Ausbruch wahr, aber lass ihn dich nicht zur Sünde treiben, sondern zu Gerechtigkeit bewegen. Und das führt zu einer vierten und letzten Lektion.
- Jesus weinte und zürnte
Johannes 11 ist aus gutem Grund berühmt für die Worte „Jesus weinte“. Doch die überraschendere Offenbarung in diesem Kapitel ist sein Zorn. Und dieser Zorn ist keineswegs subtil. Manche Übersetzer haben versucht, seine Schärfe abzuschwächen, doch Johannes spricht sogar deutlicher über Jesu Zorn als über seine Trauer. Tränen würden wir erwarten; Zorn eher nicht.
In Johannes 11:33 begegnen wir einer heiligen Seele in heiligem Zorn. Jesus schlägt nicht um sich. Er greift niemanden an und sagt nichts, was er später bereuen müsste. Tränen fließen neben seinem Zorn und offenbaren dadurch sowohl etwas über Trauer als auch über Zorn (wie wir bereits in Markus 3:5 gesehen haben): Göttlicher Zorn geht mit Tränen einher, und Tränen können mit Zorn fließen.
Don Carson betont in Johannes 11 Jesu Zorn ebenso wie seine Trauer. Das Wort, das in den Versen 33 und 38 mit „tief bewegt“ übersetzt wird (griechisch embrimaomai), „drückt ausnahmslos Zorn, Empörung oder emotionale Entrüstung aus“. Und er schreibt:
„Dieselbe Sünde und derselbe Tod, derselbe Unglaube, die Jesu Empörung hervorriefen, verursachten auch seine Trauer. Diejenigen, die Jesus heute als seine Jünger nachfolgen, tun gut daran, dieselbe Spannung zu lernen, denn Trauer und Mitgefühl ohne Empörung werden zu bloßer Sentimentalität, während Empörung ohne Trauer zu selbstgerechter Überheblichkeit und Reizbarkeit verhärtet.“
Darin liegt eine doppelte Lektion für uns wunderbar emotionale aber auch tragisch sündige Menschen. Wir sind nicht vollständig, wenn wir keinen Zorn empfinden oder eben nur Zorn empfinden. Manche müssen die Liebe zum Mitmenschen (und zu Gott) kultivieren, die zu heiliger Trauer führt; andere müssen den Eifer für Gott (und für den Menschen) kultivieren, der zu heiligem Zorn führt. Wie Warfield es ausdrückt:
„Wer Menschen liebt, muss notwendigerweise mit brennendem Hass alles hassen, was Menschen Unrecht zufügt. … Jesus wich niemals von seiner beständigen Entrüstung über das besondere Unrecht ab, das er miterleben musste.“
So suchen wir, mit Christus als unserem einzigen Mittler und vollkommenen Vorbild, danach, dass unser Geist immer mehr unter die Herrschaft seines Geistes kommt.
Erkenne das Aufflammen seiner Liebe
Jesus kennt tatsächlich die Erfahrung menschlichen Zorns. Und wir kennen noch nicht die Erfahrung völliger Sündlosigkeit. Während wir seinen gerechten Zorn betrachten und im Blick auf ihn etwas über unsere eigene Menschlichkeit lernen, gehen wir deshalb vorsichtig vor, im Bewusstsein der besonderen Macht des Zorns und im Wissen darum, dass wir in allen Bereichen unseres Wesens Sünder sind.
Und ob man es nun Wut oder anders nennt: Sieh, dass die Wurzel Liebe ist. Der gerechte Zorn Christi entspringt seinem heiligen Eifer, für seinen Vater, sein Wort, seine Heiligkeit und sein Volk. Für diejenigen, die in Christus geborgen sind, sind diese Ausbrüche seines heiligen Zorns voller Evangeliumswunder. Er ist gerecht und in gerechter Weise zornig gegenüber seinen Feinden wegen seiner großen Liebe zu seinem Vater und zu seinen Freunden.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt von Ronny Käthler.
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