Kanaan, Israel, Judäa, Palästina. Namen des biblischen Landes im Laufe der Jahrhunderte

Es gibt viele Bezeichnungen für den Küstenstreifen, der den geographischen Rahmen für die meisten Erzählungen des Alten und des Neuen Testamentes liefert. Nicht jeder hat dieses Land zu allen Zeiten gleich genannt. Kein Wunder, da Ägypter, Assyrer, Babylonier, Perser, Griechen, Römer, Byzantiner, Kreuzfahrer, Araber, Osmanen, Engländer und Franzosen im Laufe der Jahrtausende mehr oder weniger großen Einfluss in diesem Gebiet hatten. Im Folgenden soll es einen kurzen Überblick über die Bezeichnungen des Heiligen Landes geben.1

Kanaan

Aus dem 18. Jh. v.Chr. stammt ein Brief aus dem syrischen Mari, in dem wir den ältesten Beleg für die Kanaaniter finden. In der Mitte dieses Jahrtausends lassen sich mehrere Bezeichnungen für Kanaan belegen. Um 1400 v.Chr. wird Kanaan in den Armanabriefen, die Zeugnis einer diplomatischen Korrespondenz von orientalischen Machthabern mit den Ägyptern ablegen, als Gebiet des heutigen, südlichen Libanon und der Territorien des modernen Israel, Jordanien und Palästina verstanden. Im 1. Jt. v.Chr. finden sich immer noch Belege, dass der südliche Teil der Levante mit Kanaan bezeichnet wird inklusive des heutigen Staates Libanon. Manchmal bezieht sich dies aber nur auf das Westjordanland.

Hatti-Land

Die Hethiter regierten ein Großreich von der heutigen Türkei bis nach Nordsyrien bis ca. 1200 v.Chr. In assyrischen Quellen existiert sogar noch im 1. Jt. v.Chr. weiterhin die Bezeichnung Land Hatti für die Region in Nordsyrien, obwohl es kein Hethiterreich mehr gab.

Israel und Juda

Das früheste, eindeutige Zeugnis des Namens Israel befindet sich auf der Israel-Stele des Pharao Merenptah (1213-1204 v.Chr.), wobei nicht klar ist, welches Gebiet damit genau gemeint ist. Nach Zwickel entstanden das Nordreich Israel und das Südreich Juda parallel aus verschiedenen Stämmen (an dieser Stelle würde ich der biblischen Überlieferung den Vorzug geben). Da das Nordreich deutlich größer war als das Südreich, etablierte sich die Bezeichnung Israel für das gesamte Reich. Nachdem Salomo 926 v.Chr. verstorben war, kam es zur Aufteilung von Nord- und Südreich. Nach der Eroberung des Nordreiches 722 v.Chr. durch die Assyrer gelangten viele Menschen aus dem Norden in das Südreich Juda, sodass auch das Gebiet von Juda Israel genannt wurde (vgl. z.B. Jer 17,13). Israel als Bezeichnung des jüdischen Volkes blieb weiterhin bestehen (vgl. Mt 8,10).

Jehud/Judäa

Als die Perser über Juda herrschten, machten sie aus Juda die Provinz Jehud – in der griechischen Fassung Judäa. Unter der Regierung der Hasmonäer, die nach den griechischen Seleukiden herrschten (2. Jh. v.Chr.), und des Herodes (zweite Hälfte des 1. Jh. v.Chr.) blieb der Name bestehen. Die Römer benannten Judäa in Syria-Palaestina um, allerdings überlebte Judäa als Benennung der Volksgruppe bzw. religiösen Zugehörigkeit.

Gebiet jenseits des Stroms

In Texten nach dem Exil der Juden – das Exil endete 539 v.Chr. unter Kyros – wurde die Region, die südlich des Eufrats in der persischen Satrapie Transeufratene (= jenseits des Stroms) lag, mit dem Namen der Satrapie benannt (vgl. z.B. Esra 4,10).

Syrien

Herodot (5. Jh. v.Chr.) gebraucht den Namen Syrien, der von der Bezeichnung Assyrien abgeleitet ist, wobei die Geografie in etwa deckungsgleich mit der persischen Provinz ist (vgl. Historien III, 91f).

Zölesyrien

Zölesyrien bürgerte sich im 4. Jh. v.Chr. als Name der persischen Provinz ein. Der Name leitet sich aus dem Hebräischen ab und bedeutet „ganz Syrien“. Der Umfang des Territoriums änderte sich oftmals. Es reichte nach den Kriegen der Diadochen (Nachfolger Alexander des Großen) von Ägypten bis zur syrischen Küste.

Palästina und Philisterland

Die Bezeichnung Palästina entwickelte sich durch die sprachliche Verbindung zu den Philistern. Im Alten Testament ist für die südliche Küstenebene die Rede vom Land der Philister (vgl. z.B. Gen 21:32.34). In assyrischen Quellen des 8. Jh. v.Chr. findet sich die Bezeichnung Pilaschtu, die Philisterland bedeutet und auch im Alten Testament vorkommt (vgl. z.B. Ex 15,14). Herodot gebraucht den Namen palästinisches Syrien (vgl. z.B. Historien I, 105), der die Ausweitung des Gebiets auf Phönizien und Ägypten meint. Bis ins 1. Jh. n.Chr. gebrauchen verschiedenste Autoren den Namen Palästina, wobei aber die geografische Ausbreitung sehr variabel ist. Der römische Kaiser Hadrian benannte nach der Niederschlagung des jüdischen Bar-Kochba-Aufstandes 135 n.Chr. die Provinz Judäa in Provincia Syria Palaestina um. Das tat er als Bestrafung, um den alten Namen in Vergessenheit geraten zu lassen, damit nichtjüdische Kräfte gestärkt würden. Das Territorium umfasste nun die Gegend von der Wüste Negeb im Süden bis Dan im Norden. Im 4. Jh. n.Chr. blieb nur noch der Name Palästina bestehen. Dies ist bis heute so, vor allem weil der Name seit dem 19. Jh. n.Chr. in der Literatur breiten Anklang gefunden hat. Er bezeichnet die südliche Levante.


  1. Dieser Artikel ist eine komprimierte Zusammenfassung von Zwickel, Wolfgang: Bezeichnungen für das Land der Bibel durch die Jahrhunderte, in: Zwickel, Wolfgang (Hg. u.a.): Herders neuer Bibelatlas, Freiburg 2023, S.18f.
    Wolfgang Zwickel, bewegt sich in Bezug auf die Entstehung Israels und der biblischen Texte im Rahmen der theologischen Mainstreamforschung. Das bedeutet, dass er bei dem historischen Wert der alttestamentlichen Erzählungen deutlich kritischer ist und die Datierung der biblischen Texte später ansetzt als das Team von dreieinigkeit.de das tun würde. An einer Stelle wird das in diesem Artikel durch einen Kommentar, der über die Zusammenfassung seines Textes hinausgeht, deutlich werden. Dieser Dissens stellt für uns aber nicht den hohen Wert der Ausführungen seines Artikels in Frage, was durch dessen Wiedergabe offensichtlich wird. ↩︎
Avatar von Michael Klein

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert