Es war keine gute Woche. In drei verschiedenen Fällen in meinem direkten Umfeld wurde eine Person mit erheblicher Macht an der Spitze einer Organisation – jede von ihnen zuvor Gegenstand schmeichelhafter Berichterstattung in großen Medien – mit Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens und ähnlichen Vergehen konfrontiert. In einem Fall trat die Person von ihrer Anstellung und ihrem Vorstandsposten zurück, begleitet von einem direkten und reumütigen Geständnis. Im zweiten Fall trat die Person zwar zurück, jedoch nicht, ohne zuvor alle Vorwürfe trotzig zu bestreiten. Im dritten Fall wies die Person die Vorwürfe ebenfalls mit Nachdruck zurück, zeitweise sogar mit körperlicher Vehemenz, indem sie auf den Tisch schlug und befindet sich, während ich dies schreibe, weiterhin im Amt.
Alle drei gelten oder galten zumindest einmal als herausragende christliche Führungspersönlichkeiten ihrer Generation, auch für viele, die eng mit ihnen zusammenarbeiteten. Zwar stand ich persönlich keinem der drei besonders nahe, doch habe ich ihre außergewöhnlichen Gaben in Leitung und Dienst erlebt und davon profitiert, wie auch Tausende oder gar Millionen andere.
Ich werde ihre Namen hier nicht erwähnen. Wenn du in ihrem Wirkungskreis stehst, wird dir die Enthüllung dieser besagten Woche sicherlich schon den Atem geraubt haben, und es besteht kein Grund, das Trauma noch zu verstärken. Wenn nicht, dann ist das Verlangen, ihre Namen zu erfahren, so verständlich und menschlich es auch sein mag, eine Neugier, der ich nicht nachgeben werde. Und wenn ich auch bete, dass sich ein solch tragisches Dreifachereignis nicht oft innerhalb einer einzigen Woche ereignen soll, ist die Wahrheit doch, dass ich diesen Artikel in den vergangenen Jahrzehnten schon viele Male hätte schreiben können und in Zukunft noch viele Male werde schreiben müssen. Die Namen sind für meine Absicht letztlich gar nicht so wichtig, es geht um das System, an dem nicht nur sie, sondern auch wir zutiefst mitschuldig sind.
Unsere Mitschuld an der Macht der Promis
Im Grunde sind es zwei Systeme. Das erste ist fast so alt wie die Menschheit selbst: Es gibt den Mächtigen die Möglichkeit, auszubeuten, zu plündern, zu morden und zuletzt, schlimmstenfalls und vielleicht am häufigsten, zu vergewaltigen. Durch direkten Befehl oder durch bloße Andeutung („Wird mich denn niemand von diesem lästigen Priester befreien?“) konnten Menschen in Machtpositionen seit jeher ihre Fantasien und Kränkungen ausleben, vom Wesen her nichts anderes als das, was wir alle in Gedanken pflegen, ohne die Mittel zu haben, es tatsächlich umzusetzen.
Zu den vielen dunklen Gaben der Macht gehört die Distanz. Distanz zur Rechenschaft, Distanz zu Konsequenzen, Distanz zu dem Schmerz, den wir anderen zufügen, Distanz zur Selbsterkenntnis, Distanz zur Freundschaft, Distanz zur Wahrheit. Das Palastdach, der Hintereingang, die Vorstandstoilette, der Privatjet, ganz zu schweigen von dem, was Andrew Jacksons Kritiker das „Küchenkabinett“ nannten und C. S. Lewis den „Inneren Ring“, all die Einrichtungen, die uns den Blicken anderer entziehen; die Gefolgsleute, die in Wahrheit Anhänger, wenn nicht gar Schmeichler sind; sind Mittel für glaubwürdige Bestreitbarkeit.
In dieser Abgeschiedenheit und mit dieser Distanz werden wir fähig zu Handlungen, die wir uns nie hätten vorstellen können. (Wenn alle Anschuldigungen besagter Woche wahr sind, was ich unmöglich wissen und ganz bestimmt nicht einfach voraussetzen kann, und die Verteidigungsreden der Leiter falsch sind, dann rührt ein Teil der Vehemenz dieser Lügen aus ihrer Unfähigkeit, wirklich zu begreifen, dass sie ihren eigenen Idealen nicht völlig gerecht geworden sind.) Das ist so, seit die menschliche Gesellschaft komplex genug wurde, um einigen Menschen die Macht zu geben und sich auf diese Weise zu distanzieren und in gewisser Weise war es schon so, als die Gesellschaft noch aus zwei Brüdern auf einem Feld bestand, außer Sichtweite der einzigen Verwandten, die sie auf der Welt hatten.
Dieser Teil des Problems, die Distanz der Macht und ihre verzerrenden Wirkungen auf die Mächtigen, ist uralt und wird niemals verschwinden. Aber er wird durch etwas wirklich Neues verschärft: das Phänomen der Berühmtheit. Berühmtheit verbindet die alte Distanz der Macht mit etwas, das wie ihr genaues Gegenteil wirkt, nämlich außergewöhnliche Nähe, oder zumindest eine betörende Vorstellung von Nähe.
Es ist die Macht der Nahaufnahme (das Gesicht, das das Bild füllt), des nahen Mikrofons (die Stimme, gesenkt zum Flüstern wie ein Liebhaber), der Memoiren (die Offenbarungen, die der Autor weder mit seinem Pastor, noch mit seinen Eltern, manchmal nicht einmal mit seinem Partner oder Ehepartner besprochen hat, bevor sie veröffentlicht wurden), des Tweets, des Selfies, des Insta, des Snap. All das vermittelt uns das Gefühl, jemanden zu kennen, ohne tatsächlich viel über ihn zu wissen, denn am Ende wissen wir nur das, was er selbst und die Machtsysteme, die sich um ihn bilden, uns wissen lassen wollen.
Denn tatsächlich wachsen um das moderne Phänomen der Prominenz Systeme der Macht heran, weil es auf seine Weise so viel mächtiger ist als das alte Regime von Position, Status und Zwang. Die Distanz jenes alten Regimes gab den Führern zweifellos eine gewisse Macht, aber auch eine gewisse Verwundbarkeit, denn die Distanz wirkte in beide Richtungen. Außerhalb des Gehörs des Königs konnten die Höflinge murren und die Leibwächter Intrigen schmieden. Auf dem Feld des Herrn konnten die Bauern klagen. Arbeiter konnten Witze über den Chef machen, und Jugendliche an den Straßenecken konnten verschwinden, lange bevor die Polizei eintraf. Das neue Regime der Nahbarkeit ist ungleich mächtiger, weil es sich nicht in erster Linie auf Furcht, Zwang und Distanz gründet, zumindest zunächst nicht, sondern auf Verlangen und Vorstellungskraft, ja auf Eros, das Verlangen nach Vereinigung.
Prominente verkörpern, wer wir werden wollen, und laden uns, so scheint es, in den inneren Kreis ihres Lebens ein. Wir sind ihr Küchenkabinett, wir sind so dicht davor, Teil ihres Inneren Rings zu werden. Sie sind so entwaffnend transparent mit uns. Sie sagen uns so viel von der Wahrheit. Sie leben in unserer Vorstellung; ihre Gesichter sind uns vertrauter als die unserer Nachbarn oder sogar mancher jener Menschen, die wir, ganz selbstverständlich, „Freunde“ nennen. Sie inspirieren uns, gewöhnlich mit ihrer Außergewöhnlichkeit, indem sie uns versichern, dass sie Menschen wie wir sind, und wir daher Menschen wie sie sein können. Vor allem aber winken sie uns heran, etwas näher zu kommen.
Verschwindende institutionelle Welt
Über Jahrhunderte, ja eigentlich Jahrtausende, haben Philosophen und politische Theoretiker darum gerungen, wie man die Willkür distanzierter Macht zähmen kann. In einem fast eiszeitlichen Tempo, und auf unterschiedlichen Wegen, wenn man das China nach Konfuzius mit dem Westen nach Platon und Cicero vergleicht, schufen Gesellschaften allmählich Schutzmechanismen um jene an der Spitze der Macht. Daraus entstanden, was wir konventionell „Institutionen“ nennen: Systeme, die größer waren als die Mächtigen selbst und sie in gewisser Weise zur Rechenschaft zogen. Keine davon war annähernd perfekt, und auch die Institutionen selbst konnten zu schrecklichen Zwecken missbraucht werden.
Und doch haben wir im Lauf der Zeit, mit zahllosen Anläufen und Rückschlägen, etwas darüber gelernt, wie man die schlimmsten Auswüchse der Macht zähmt. Zwang musste gerechtfertigt werden, Gewalt konnte geahndet werden; wir begannen zu glauben und wurden bis zu einem gewissen, nicht unbedeutenden Grad, Nationen der Gesetze, nicht der Menschen. In den Vereinigten Staaten, wo dieses Experiment in vieler Hinsicht am weitesten geführt wurde, verteilte man die Macht nicht nur auf die drei Regierungszweige, sondern auch auf zahlreiche andere Organisationen: auf die gewählten Amtsträger zahlloser Vereine und Bruderschaften, auf Presbyterien und Ältestenräte sowie auf die gesetzliche Pflicht unabhängiger Direktoren in börsennotierten Unternehmen.
Unsere Großeltern und Urgroßeltern bauten auf dieser Grundlage außergewöhnliche Institutionen vielerlei Art, darunter auch die Kirchen, deren ehrwürdige Gebäude noch heute viele Stadtplätze und Innenstadtstraßen säumen. Diese Institutionen waren alles andere als perfekt und hielten vielerlei Ungerechtigkeiten aufrecht. Doch im besten Fall bewahrten und verkörperten sie eine tiefgreifende, radikale Idee: dass die besten Dinge, die Menschen gemeinsam tun, größer und dauerhafter sind als jede einzelne Person, die vorübergehend eine Machtposition innehat.
Es ist nicht falsch, sich an der Gleichförmigkeit der Gesichter ehemaliger Präsidenten zu stoßen, die in Porträts die Gänge von Institutionen säumen (weiße Männer in den einen, schwarze Männer in anderen, da Afroamerikaner nach der Emanzipation so fleißig und stolz ihre eigenen Institutionen aufbauten). Aber ebenso wenig ist es falsch, darüber zu staunen, wie anonym sie uns heute sind und wie unbekannt sie zum großen Teil auch ihren Zeitgenossen waren; wie sehr sie sich als Verwalter verstanden statt als Eigentümer; wie viel Kontinuität sie bewahrten, auch während sie notwendige Veränderungen anführten; wie friedlich und würdevoll sie die Führung von einem zum nächsten weitergaben.
Ihre Welt war eine institutionelle Welt. Heute ist sie fast völlig verschwunden.
Verschwunden, weil die Macht der Prominenz die soliden Institutionen und die, die sie aufgebaut haben, Menschen der Generation unserer Großeltern, hinweggefegt hat wie Spreu vor einem Tornado. Im Oval Office unseres Landes saß eine Zeit lang ein Mann mit dem emotionalen Alter, zumindest seinem öffentlichen Auftreten nach zu urteilen, eines Achtjährigen, wenn er auch die Triebkraft eines Fünfzehnjährigen hatte. Er kann niemandem treu bleiben, wahrscheinlich weil er nicht einmal wirklich begreift, dass außer ihm überhaupt jemand existiert. Und er ist schlicht brillant darin, die Macht des Prominentenstatus zu manipulieren.
Er hat unsere Vorstellungen kolonialisiert, vor allem, so könnte man vermuten, die derjenigen, die ihn am meisten hassen. Keine Stunde am Tag vergeht, ohne dass sie an ihn denken. Er wollte es schon immer sein und ist es nun geworden, der ultimative Promi: jemand, den wir allzu gut zu kennen glauben und den wir doch überhaupt nicht kennen, weil da in Wahrheit niemand ist, den man wirklich kennen könnte. Er hat nie etwas anderes ernsthaft gesucht als die Bestätigung durch Berühmtheit und die einzigartige moderne Macht, die sie verleiht. Doch indem er diesem einen Ziel nachjagte, sind ihm in einer geradezu dämonischen Umkehrung der Evangeliumsverheißung “all die anderen Dinge” auch hinzugefügt worden, einschließlich jener fatalen Distanz, die ihm vielleicht immer noch erlaubt, zu tun was er will, bis hin zum totalen Krieg.
Der weniger begangene Weg
Es hätte für die Kirche auch anders kommen können. In der Welt Jesu gab es nur einen einzigen „Prominenten“, ein einziges Gesicht auf jeder Münze, einen einzigen Namen auf allen Lippen. Und als Jesus dieses Gesicht und diese Münze gezeigt wurden, schlug er vor, die Münze dem zurückzugeben, der so erpicht darauf gewesen war, sein Bild auf jede Ecke des Reiches zu prägen. Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, sagte Jesus und gebt Gott, was Gottes ist, oder besser: wer sein Bild trägt (Markus 12:17). Das sichtbare Bild des unsichtbaren Gottes hinterließ kein Porträt. Das einzige Mal, dass er schrieb, schrieb er in den Staub (Johannes 8:6). Er hatte eine andere Art, Macht in der Welt auszuüben, eine Art, die letztlich alle Kaiser, auch die christlichen, überdauerte.
Er bot keine falsche Nähe, sein Biograf Johannes schrieb, dass er sich niemandem anvertraute, weil er wusste, was im Herzen jedes Menschen war (Johannes 2:24–25) aber er hielt auch keine Distanz. Er ließ die Kinder zu sich kommen (Matthäus 19:14). Er ließ Maria zu seinen Füßen sitzen und eine andere Maria seine Füße mit ihren Tränen waschen (Lukas 7:36–50; 10:39). Nackt am Kreuz hängend, vergab er, segnete und sorgte dafür, dass eine weitere Maria einen Sohn an seiner Stelle haben würde (Lukas 23:34.43; Johannes 19:26). Seine Macht war wahrhaftig nicht von dieser Welt.
Als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Macht der Prominenz die Macht der Institutionen überholte, hätten wir in unseren Kirchen eine andere Wahl treffen können. Tatsächlich haben es manche Kirchen und manche Leiter getan. Der anglikanische Priester John Stott war im besten Sinn eine unvergleichlich prägende Gestalt des evangelikalen 20. Jahrhunderts. Er lebte mit einer göttlichen Gleichgültigkeit gegenüber Macht. Er verbrachte lange, unbeachtete Abschnitte seines Lebens und Dienstes in dem, was man in den Jahren des Kalten Krieges die „Dritte Welt“ nannte, lange bevor es Instagram-Berichte von Missionseinsätzen gab. Er war zurückhaltend, wie fast alle britischen Männer seiner Generation und Klasse es gelernt hatten. Er heiratete nie. Doch sein Leben war völlig offen für Freunde auf der ganzen Welt, für seine Assistenten (immer Männer), die er in den intimsten Raum eines anglikanischen Rektors einlud, sein Studierzimmer und für seine persönliche Sekretärin Frances Whitehead, die 55 Jahre an seiner Seite arbeitete. Die Frucht seines Lebens ist unermesslich.
Als junger Mann war ich unzufrieden mit Teilen von Stotts Theologie. Sie schien mir zu wenig kreativ, zu wenig einfallsreich im Blick auf das schöpferische Bild, das Gott in die Menschen und in sein lebendiges Wort gelegt hat. In mancher Hinsicht denke ich das noch heute. Doch je älter ich werde, desto mehr staune ich über die Leiter, die er gefördert hat, die Institutionen, die er aufgebaut und denen er gedient hat, und das Vermächtnis, das er hinterließ, auch wenn wahrscheinlich nur einer von hundert Menschen, die sich „Evangelikale“ nennen, seinen Namen kennt, weil er das Pech hatte, noch vor dem Zeitalter der sozialen Medien gelebt zu haben.
Ebenso Billy Graham. Ich habe nie die „Billy-Graham-Regel“ befolgt, die besagt, dass ein Mann niemals allein mit einer Frau sein darf, die nicht seine Ehefrau ist, sie scheint mir in vielerlei Hinsicht nicht hilfreich, vor allem, weil sie Frauen die Möglichkeit nehmen kann, Männer zu beeinflussen, zu fördern und in die formelle und informelle Macht hineinzuwachsen, die ihnen durch Gottes Geist zusteht. Doch die meisten Menschen haben den Kontext dieser Regel vergessen: Sie war Teil eines größeren Bündels von Verpflichtungen, das in einem Hotelzimmer in Modesto, Kalifornien, in heiliger Furcht, entstanden war, dass nämlich die Machtmissbräuche früherer Generationen von „Evangelisten“ auch die jungen Evangelisten und sein Team einfangen könnten. Sie verfassten vier Verpflichtungen, nicht nur diese eine: ebenso wichtig waren ihre Zusagen zu finanzieller Transparenz und Einfachheit, zu völliger Ehrlichkeit in ihren Zahlen und Bekehrungsberichten und vielleicht für unser Thema am bedeutsamsten: zur ständigen Partnerschaft mit der Ortsgemeinde.
Graham machte schwere Fehler, wie er später freimütig bekannte, vor allem, als seine Prominenz mit der toxischen Distanz, Privatheit und Paranoia Richard Nixons zusammentraf. Wahrscheinlich war er mehr Prominenter, als es für ihn, seine Familie und die Erweckung, die er suchte, gesund war. Aber die Art, wie er seine Prominenz mit Einfachheit, Verantwortlichkeit und freiwilligen Begrenzungen seiner Macht mäßigte, war ein seltener Weg und in der himmlischen Abrechnung seines Lebens könnte sich genau das als entscheidend erweisen.
Stott und Graham sind tot. Die Institutionen, für die sie sich so mühten, sind zerbrechlich, aber keineswegs verloren. Es gibt nach wie vor zahllose Pastoren, Evangelisten und andere Leiter im amerikanischen Christentum, die bescheiden leben, sich aus Ehrfurcht vor Christus anderen unterordnen und etwas Größeres als sich selbst aufbauen. Aber die Enthüllungen der besagten Woche erinnern uns daran, dass wir in einer gefährlichen Lage sind. Nicht, weil die Vorwürfe möglicherweise wahr sind, sondern weil viele unserer scheinbar stärksten Institutionen in der entscheidendsten Hinsicht schwach sind: Sie sind nicht stark genug, uns davon zu überzeugen, dass die Vorwürfe gegen ihre Leiter nicht wahr sind.
Die schwerwiegendsten Fakten in den niederschmetternden E-Mails und Nachrichten, die mir in dieser Woche auf den Schreibtisch kamen, betrafen nicht die angeblichen Handlungen bestimmter Leiter, die aus meiner begrenzten Perspektive überhaupt nicht als Fakten gelten können, sondern die unsicheren und halbherzigen Reaktionen der Systeme um diese Leiter herum.
Wenn Vorstände ihren Gründern verpflichtet sind; wenn Älteste öffentlich sagen lassen, dass „niemand einen Senior Pastor ersetzen kann“; wenn Informationssysteme zwar die Anzahl der E-Mails zwischen einem leitenden Leiter und einer bestimmten Person nennen können, aber der Inhalt angeblich nicht wiederherstellbar ist, dann bedeutet das nicht zwingend, dass Fehlverhalten vorliegt. Aber es bedeutet, dass die schiere Gravitationskraft dieser charismatischen Persönlichkeiten die Fähigkeit der Institutionen zunichte gemacht hat, sich selbst und tatsächlich auch ihren Leiter vor berechtigten oder erfundenen Vorwürfen des Fehlverhaltens zu schützen.
Und ungeachtet der Fakten in jedem einzelnen Fall weiß jeder, der schon einmal hinter den Kulissen christlicher Veranstaltungen war, wie distanziert, unnahbar und abgeschirmt bestimmte Prominente sind, die auf der Bühne so transparent, so natürlich, so unbewacht wirken. Selbst wenn sich kein einziger der Vorwürfe dieser Woche am Ende beweisen ließe, bleibt die Verwandlung der Macht der Nahbarkeit in die Distanz der Macht ein unausweichliches Merkmal allzu vieler unserer Kirchen und Dienste.
Veränderung fängt mit uns an – sie beginnt bei dir und mir
Wir brauchen tiefgreifende Veränderung und sie beginnt weniger bei unseren öffentlichen Persönlichkeiten als bei uns selbst. Paradoxerweise müssen wir künftig weniger Transparenz von unseren Führungspersönlichkeiten erwarten, weniger verlockende Darstellungen von Nähe und „Verwundbarkeit“, dafür aber mehr Rechenschaftspflicht in den Systemen um sie herum. Wir müssen mehr Energie in den Aufbau von Strukturen investieren, auch solcher, die den Versuchungen der Macht Rechnung tragen und die über Generationen Bestand haben können. Wir müssen unsere Gier dämpfen, uns nah zu fühlen bei Menschen, die die Kamera bezaubern und das Rampenlicht festhalten können, in dem Wissen, dass die Halbwertszeit solcher Führungsfiguren immer in Jahren, nie in Generationen gemessen wurde, und inzwischen eher in Monaten oder Tagen. Wir müssen uns den Institutionen verpflichten, die ihre Integrität bewahrt haben, manchmal durch schmerzhafte Episoden öffentlicher Rechenschaft. Ich selbst sitze im Kuratorium von zwei solchen Organisationen, und es gibt viele, viele weitere.
Unterdessen müssen diejenigen von uns, die ein gewisses Maß an öffentlicher Bekanntheit genießen, radikale Verpflichtungen eingehen, um ihre Macht zu begrenzen. Auch ich habe versucht, dies zu tun, als mir bewusst wurde, dass mein öffentliches Profil und mein Einfluss wuchsen. Manche meiner Verpflichtungen sollten vertraulich bleiben, damit meine rechte Hand nicht weiß, was die linke tut, geschweige denn meine rechte Hand auf Instagram postet, was die linke tut. Aber einige davon kann ich nennen.
Ich habe Seite an Seite mit Frauen gearbeitet, von ihnen gelernt, sie gefördert und unterstützt. Frauen aller Generationen, die meine Partner im Dienst des Evangeliums sind, gehören zu den größten Geschenken meines Lebens. Oft habe ich guten Grund, mich mit ihnen allein zu treffen (obwohl ich festgestellt habe, dass fast alle Arbeit, Seelsorge und auch Beratung in Dreier- oder Vierergruppen fruchtbarer sind als zu zweit). Seit zwei Jahrzehnten ist es meine bewusste Praxis, solche Treffen in öffentlichen Räumen abzuhalten. Wenn wir ausnahmsweise zu Abend essen, dann früh am Abend und vorne im Restaurant, nicht im hinteren Bereich. Meine Frau Catherine weiß vorab von jedem Treffen und hört hinterher von jedem Gespräch. Catherine kennt alle meine Passwörter. Ich stelle sicher, dass jede Frau, die mir etwas zutiefst Vertrauliches anvertraut, versteht, dass sie es damit auch Catherine anvertraut.
Ich habe mich einer Organisation angeschlossen, die ich nicht gegründet habe, mit einem Geschäftsführer, dem ich rechenschaftspflichtig bin, der wiederum einem ernsthaften, unabhängigen und handlungsfähigen Vorstand Rechenschaft schuldet. Zuvor habe ich 12 Jahre lang für eine andere Organisation gearbeitet. Ich lege alle meine Reise- und Vortragstermine meinem Geschäftsführer und Catherine vor. Schließlich konnte ich meine freiberufliche Vortragstätigkeit, deren Einnahmen an mein Einzelunternehmen gingen, aufgeben und stattdessen alle Honorare der Organisation zufließen lassen. Ich veröffentliche meine Vortragshonorare und -bedingungen online. Ich reduziere meinen Einsatz von Agenturen, die ein finanzielles Interesse daran hätten, meine Prominenz zu steigern und sich zwischen mich und die Kirchen oder Werke zu stellen, die mich einladen. (Ich habe eine Literaturagentin, aber sie ist ausgesprochen und unerschütterlich bodenständig.) Bei Konferenzen, die einen „Green Room“ für Sprecher anbieten, nutze ich diesen nur für Gebet und Vorbereitung unmittelbar vor meinem Vortrag. Den Rest der Zeit sitze ich im Publikum wie alle anderen. Bei Veranstaltungen, die Namensschilder nutzen, trage ich eines.
Jeden Sonntag ruhe ich. Jeden Sommer schalte ich für zwei Wochen meine E-Mails vollständig ab. (Meine Abwesenheitsnotiz beginnt mit: „Leider werde ich Ihre E-Mail niemals lesen.“) Alle sieben Jahre plane ich, meine tägliche Arbeit und die damit verbundenen Tätigkeiten ruhen zu lassen. Zweimal geschah das, weil meine Vorhaben gescheitert waren. Diese Zeiten wurden zu den kreativ fruchtbarsten meines Lebens.
Jeden Januar treffe ich mich mit sieben anderen Männern, die ähnliche öffentliche Leitungsaufgaben haben. Wir nennen uns „Die Nachrufer“. Unser Ziel ist, einander so gut und so lange zu kennen, dass wir bei unseren Beerdigungen ein echtes, ehrliches und vollständiges Zeugnis voneinander ablegen können. Ebenso wollen wir uns gegenseitig zu einem Leben verpflichten, das eines Nachrufs würdig ist. Wir sind einander gnadenlos transparent. Ich habe ihnen alles Substantielle meines Lebens erzählt, meine Versuchungen, meine Trostquellen, meine Nöte und Verzweiflungen und wir haben zusammen geweint, gebetet und uns gefreut. Das ist alles, was ich hier über die Nachrufer erzählen werde.
Das ist nur mein Weg. Die Einzelheiten sind weniger wichtig als der Grundgedanke dahinter. All dies habe ich bewusst so eingerichtet, wenn du nämlich den ganzen Zustand meines Herzens kennen würdest, meine Fantasien und meinen Groll, meine Ängste und dunkelsten einsamen Gedanken, du mich für eine Gefahr für mich selbst und andere halten würdest. Ich kann mit Macht nicht mir allein überlassen werden, schon gar nicht mit Prominenz. Und du ebenso wenig.
Aber wir müssen diese Macht nicht uns allein anvertrauen. Wir können sie ständig ausgießen, weitergeben, neu investieren, in eine Gemeinschaft, die länger lebt als unser kurzes Leben, die Bestand hat bis zu den Kindern unserer Kinder. Eine Gemeinschaft, der wir wirklich rechenschaftspflichtig sind. Eine Gemeinschaft, die uns vor uns selbst rettet und uns freisetzt, die Menschen zu sein, die wir sein wollten, Menschen, von denen wir wussten, dass wir sie sein könnten, als wir diese Lebensreise begannen, voller Herz und Hoffnung.
Es ist nicht zu spät, nicht für die drei Namen, über die ich diese Woche trauere, nicht für die Namen, die du kennst und über die du trauerst, nicht für dich, nicht für mich, nicht für die Kirche, vielleicht sogar nicht für unsere Nation. Wir sind zwar spät dran, aber dank der Güte und Gnade Gottes ist es nicht zu spät.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von The Gospel Coalition.
















Schreibe einen Kommentar