Lügen und ein Löwe: 1. Könige 13 verstehen

Vor vielen Jahren sah ich den zweiten Teil von Tolkiens Trilogie, Die zwei Türme, im Kino. Dort traf ich einen Freund, der sich sehr darauf freute, den Film zu sehen. Als ich ihn fragte, was er vom ersten Film, Die Gefährten, hielt, teilte er mir mit, dass er ihn noch nicht gesehen hatte. Daraufhin fragte ich, ob er die Bücher gelesen habe. Wieder verneinte er.

An diesem Punkt wies ich meinen Freund auf das Offensichtliche hin: „Du wirst ziemlich verwirrt sein.“ Er versicherte mir, dass das kein Problem sei. Nachdem der Film zu Ende war, fragte ich ihn, wie er ihn fand. Überraschung: Die Handlung hatte ihn völlig verwirrt.

Hast du dich beim Lesen der Bibel schon einmal ähnlich gefühlt? Das kann selbst dann passieren, wenn wir die Bibel von vorne bis hinten gelesen haben. Eine solche rätselhafte Begebenheit ist 1. Könige 13. Wir müssen nach Klarheit suchen, denn diese Erzählung hat Auswirkungen auf unser Leben als Christen heute. Insbesondere lernen wir, dass das Wort des HERRN richtig gehört, treu verkündigt und vollständig befolgt werden muss.

Die Geschichte

Ich ermutige dich, zunächst 1. Könige 13 langsam zu lesen, da ich hier nur einige Höhepunkte der Erzählung wiedergeben werde. Wir befinden uns nun in der Zeit nach dem Leben Salomos, und Israel ist in ein Nord- und ein Südreich geteilt. Diese Geschichte spielt im Nordreich Israel.

In Anlehnung an Israels Abfall in 2. Mose 32 errichtet Jerobeam zwei goldene Kälber zur Anbetung und baut einen Altar, auf dem Opfer dargebracht werden können (12:25–33). So führt der König Israels, der eigentlich ein Vorbild wahrer Anbetung sein sollte, das Volk ironischerweise in den Götzendienst. Das ist besonders schwerwiegend, denn wie der König, so das Volk.

Daraufhin tritt ein Mann Gottes aus Juda vor König Jerobeam und konfrontiert ihn mit seiner Sünde (13,3). Er sagt voraus, dass ein König namens Josia kommen wird, der die falschen Priester beseitigt und den gesamten Schaden, den Jerobeam angerichtet hat, rückgängig macht. Als Zeichen kündigt der Mann Gottes an, dass der Altar zerstört werden wird. Jerobeam ist empört, zeigt auf den Mann und befiehlt, ihn festzunehmen. Doch in diesem Moment verdorrt die Hand des Königs (V. 4–5).

Der König bittet den Mann Gottes, seine Hand wiederherzustellen. Der Mann betet, und Gott stellt die Hand des Königs auf wundersame Weise wieder her (V. 6). Daraufhin lädt der König den Mann Gottes ein, in sein Haus zu kommen, um sich zu stärken und eine Belohnung zu empfangen. Doch der Mann erklärt, dass Gott ihm geboten habe, keinerlei Gastfreundschaft anzunehmen und rasch in seine Heimat zurückzukehren (V. 7–9).

Dann erfährt ein alter Prophet von dem, was dieser Mann Gottes getan hat (V. 11–13). Der alte Prophet täuscht den Mann Gottes, indem er behauptet, der HERR habe ihm gesagt, er solle den Mann zu sich nach Hause einladen, damit er dort esse und trinke (V. 14–19). Der Mann Gottes folgt dieser Einladung, doch anschließend empfängt der alte Prophet tatsächlich ein Wort von Gott.

Der alte Prophet teilt dem Mann mit, dass er ungehorsam gewesen sei und daher nicht im Land seiner Väter begraben werden würde (V. 20–23). Der Mann Gottes macht sich auf den Weg, wird jedoch unterwegs von einem Löwen getötet. Der alte Prophet bestattet ihn, und die Erzählung endet damit, dass Jerobeam weiterhin an seinen götzendienerischen Praktiken festhält (V. 24–32; 33–34).

Die Struktur

In der Tat eine seltsame Geschichte. Was geschieht hier? Betrachten wir das Gesamtbild.

Nach 1. Könige 12:31 errichtet Jerobeam Heiligtümer auf den Höhen und setzt ein eigenes Priestertum ein. In 13:33 sehen wir dasselbe erneut – falsche Priester und götzendienerische Kultstätten. Dies dient gewissermaßen als literarische Klammer um die Erzählung vom Mann Gottes in Kapitel 13.

Mit diesen „Buchstützen“ lässt sich die Geschichte folgendermaßen gliedern:

  1. Der Mann Gottes konfrontiert Jerobeam, und Gott lässt die Hand des Königs verdorren (V. 1–6).
  2. Jerobeam versucht, den Mann Gottes in sein Haus zu locken (V. 7–10).
  3. Der alte Prophet versucht, den Mann Gottes in sein Haus zu locken (V. 11–19).
  4. Der alte Prophet konfrontiert den Mann Gottes, und Gott bringt das Gericht des Todes (V. 20–32).

Das ist die Struktur. Um ihren Sinn vollständig zu erfassen, muss der Leser jedoch noch weiter ausholen und sehen, wie dieses Kapitel in das gesamte Buch eingeordnet ist.

Wenn wir 1. und 2. Könige als eine zusammenhängende Erzählung betrachten, erkennen wir Parallelen im Aufbau der Geschichte – eine sogenannte chiastische Struktur. An den äußeren Rändern sehen wir die Herrlichkeit des davidischen Königreichs unter Salomo (1. Könige 1–10) sowie die Hoffnung auf den Fortbestand der davidischen Dynastie selbst im Exil (2. Könige 25:27–30). Danach begegnen wir Salomos Abfall und seinen Folgen (1. Könige 11–12), was den kurzlebigen Reformversuchen entspricht, die schließlich wieder in Abfall und Gericht münden (2. Könige 18:1–25:26).

Unser Abschnitt, die prophetische Verurteilung in Bethel (1. Könige 13), entspricht der erfüllten Prophetie in Bethel (2. Könige 22–23). Die folgenden Kapitel zeigen die korrupten Könige des Nordreichs nach dem Vorbild Jerobeams (1. Könige 14–16) sowie ihre anhaltende Verderbtheit, die schließlich ins Exil führt (2. Könige 9–17). Im Zentrum der Bücher stehen die Dienste von Elia und Elisa (1. Könige 17 – 2. Könige 8).

Somit steht 1. Könige 13 innerhalb dieser Gesamtstruktur im Gegenüber zu 2. Könige 22–23. Der Mann Gottes prophezeit in 1. Könige 13 das Kommen Josias, der Jerobeams Werk rückgängig machen wird, und 2. Könige 23 zeigt die Erfüllung dieser Verheißung.

Die zentrale Aussage

Was ist nun – angesichts der Zusammenfassung der Geschichte sowie der Struktur des Kapitels und des gesamten Buches – die zentrale Botschaft dieser Erzählung? Warum steht diese scheinbar ungewöhnliche Geschichte in der Bibel, und was bedeutet sie?

Kurz gesagt: Gottes Wort muss richtig gehört, treu verkündigt und vollständig befolgt werden. Der Ausdruck „das Wort des HERRN“ erscheint mehrfach in dieser Erzählung (1Kön 13:1, 5, 9, 17, 18, 20, 21, 26, 32). In 2. Könige 23 reformiert Josia die Nation, indem er das Wort des HERRN hört, beachtet und ihm gehorcht (V. 2, 3, 16, 24).

Gottes Volk muss aus dieser Geschichte lernen, dass der Herr keinen teilweisen Gehorsam fordert. Wir sollen hören, verkündigen und gehorchen – und zwar mit Genauigkeit. Wir dürfen uns nicht in die Irre führen lassen, selbst dann nicht, wenn die betreffende Person wie eine Autorität erscheint, auf die wir eigentlich hören sollten (5Mo 13:1–18; Gal 1:6–9). Gottes Wort ist wahr und bewirkt die Wirklichkeit, die es verkündigt.

Ein echtes Verständnis eines Abschnitts wie 1. Könige 13 wird sich uns nicht erschließen, wenn wir die biblischen Bücher nicht als Ganzes lesen – idealerweise wiederholt und möglichst in einem Zusammenhang. Wir sollen uns mit Freude darin üben, Tag und Nacht über Gottes Wort nachzusinnen (Ps 1:1–2) und dabei sowohl die Absicht des Autors in kleineren Sinneinheiten als auch in größeren Abschnitten und im gesamten Buch zu beachten.

Wenn wir tief in der Wahrheit der Bibel verwurzelt sind, erschließt sich ihre Bedeutung umso leichter, wenn wir den unmittelbaren Kontext, die Einbettung eines Abschnitts in ein biblisches Buch, in das jeweilige Testament und schließlich in den gesamten Kanon berücksichtigen.


Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von The Gospel Coalition.

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