Rezension: Wofür es sich zu kämpfen lohnt – und wofür nicht

Bild von Gavin Ortlunds "Wofür es sich zu kämpfen lohnt - und wofür nicht"

Ein Zugunglück. So viele Verletzte, dass man nicht alle gleichzeitig behandeln kann, sondern einen Prozess braucht, mit dem man die Verletzten priorisiert. Das ist das Bild, mit dem Gavin Ortlund das zu Grunde liegende Konzept von: „Wofür es sich zu kämpfen lohnt – und wofür nicht“ beschreibt. Es geht um Triage. Ein Begriff der zwar aus dem medizinischen Bereich kommt, aber von dem Autor auf theologische Lehren angewendet wird.

Das Anliegen des Buches

Dieses Konzept führt Gavin Ortlund in dem relativ kurzen Buch aus und wendet es beispielhaft auf einige Lehren an, die er in erst-, zweit-, dritt- und viertrangige Lehren kategorisiert. Dabei sind erstrangige Lehren für das Evangelium wesentlich; zweitrangige dringlich und machen häufig eine Trennung notwendig; drittrangige Lehren sind theologisch wichtig, aber rechtfertigen keine Trennung und alles andere fällt auf den vierten Rang als Fragen, die für eine Zusammenarbeit unter Christen unwichtig sind.

Diese Kategorisierung nimmt er anhand von vier Grundkriterien vor: 1) Die Klarheit der Bibel in Bezug auf die Lehre, 2) die Bedeutung für das Evangelium, 3) das Zeugnis der historischen Kirche und 4) die Auswirkung der Lehre auf die heutige Gemeinde (94). Für die Notwendigkeit einer Kategorisierung argumentiert Ortlund sehr angenehm und durchdacht. Insgesamt bemüht sich der Autor um eine verständnisvolle und einfühlsame Herangehensweise, die auch schon in seiner Zielsetzung durchscheint. So ist das explizite Ziel des Buches nicht, dass alle Leser der beispielhaften Kategorisierung des Autors folgen, sondern an erster Stelle zum Nachdenken und eigenen Abwägen angeregt werden (21). Auch im weiteren Verlauf des Buches merkt man immer wieder, dass das Anliegen Ortlunds vielmehr ein pastorales, mitfühlendes ist, als ein dogmatisches und rechthaberisches. Ein gutes Beispiel dafür ist Gavin Ortlunds Umgang mit der Frage, ob alle erstrangigen Lehren geglaubt werden müssen, damit jemand errettet wird. Obwohl er grundsätzlich daran festhält, dass erstrangige Lehre nicht verneint werden dürfen, unterscheidet er noch zwischen “verwirrten Schafen und aktiven Wölfen” und warnt davor, jemanden, der eine Lehre falsch artikuliert oder falsch verstanden hat, deshalb zum Irrlehrer zu erklären (96f). Auch rät er davon ab, jemandem, der eine erstrangige Lehre verneint, das Heil abzusprechen und legt das Augenmerk eher darauf, ob man diese Person in seine Gemeinde aufnehmen sollte (97). Das ist ihm meiner Meinung nach sehr hoch anzurechnen, da das Thema des Buches schnell dazu führen kann, dass man ein Urteil über die Errettung von Menschen, die andere Lehrmeinungen haben, fällt. Davon hält er sich aber konsequent zurück, ohne dabei erstrangige Lehren weniger wichtig erscheinen zu lassen. Er lenkt den Blick eher auf praktische Fragen statt auf die Beurteilung der Errettung anderer.

Praktischer Nutzen

Außerdem widmet sich Ortlund immer wieder sehr praktischen Erwägungen, um Hilfestellungen dafür zu geben, wie man im Gemeindealltag Triage durchführt. Dabei konstruiert er lebensnahe Szenarios, in denen sich vermutlich einige seiner Leser wiederfinden können (z.B. Michael, der Kontinuationist, in einer cessationistischen Gemeinde, 139). Dabei stellt er fest, dass theologische Triage keine mathematische Gleichung ist, sondern viel Weisheit benötigt und Beziehungs- sowie praktische Fragen beachten muss (151). Es wird deutlich, dass es Gavin Ortlund nicht um eine perfekte Methodik zur Kategorisierung von Lehren geht, sondern hauptsächlich um die Unterstützung der Gemeinde Christi. Er sieht selber, dass es Schwächen in seinen Kategorien und Schwierigkeiten bei einer eindeutigen Zuordnung der Lehren gibt (117f). Jedoch ist es eben die praktische Hilfestellung und das Anregen zum Nachdenken, die dieses Buch prägen.

Abseits von der unterstützenden und demütigen Haltung sind auch die tiefen Einblicke in die Geschichte verschiedener Lehren sehr hilfreich. Hier ist Ortlund ganz in seinem Element (er hat schließlich im Fachbereich der historischen Theologie promoviert) und es gelingt ihm die Entwicklung unterschiedlichster Verständnisse kurzweilig nachzuzeichnen. So erhält der Leser einen sehr guten Überblick über z.B. die Geschichte der Tauflehre, der Rollenbilder von Mann und Frau oder des Tausendjährigen Reiches. Hier werden die allermeisten etwas lernen können. Durch dieses Eintauchen in die Geschichte gelingt es ihm außerdem, dafür zu sensibilisieren, dass es viele gute Christen gab, die in theologischen Fragen zu unterschiedlichen Standpunkten gelangt sind. Viele Lehrmeinungen, die heute für viele evangelikale Christen sehr wichtig und selbstverständlich sind, wurden in großen Abschnitten der Kirchengeschichte anders gesehen.

Zu viel Kirchengeschichte?

Jedoch muss auch angemerkt werden, dass durch den Fokus auf die Kirchengeschichte teilweise die Betrachtung der anderen drei Aspekte, anhand derer er die Lehren kategorisieren wollte (s. oben), untergehen. Ein Beispiel dafür ist die Debatte um die Dauer der Schöpfung, deren Geschichte er auf 7 Seiten entfaltet, nur um dann die anderen drei Kriterien – die Bedeutung für das Evangelium, die Klarheit der Bibel in der Frage und die Auswirkungen auf die heutige Gemeinde -, auf knapp 2 Seiten abzufrühstücken (167-175). Zwar merkt er an, dass noch viel zu der Frage gesagt werden müsste, aber trotzdem wäre eine etwas ausgewogenere Behandlung der Kriterien wünschenswert.

Fazit: Ein wichtiges und sehr praktisches Buch

Gavin Ortlund greift mit diesem Buch ein äußerst wichtiges Thema auf, das er sehr angenehm und praxisnah durchdenkt. Besonders hervorzuheben ist die nicht-kämpferische Natur dieses Buches und der Fokus auf Hilfestellung und Anregungen, statt auf die Ausarbeitung einer perfekten Methode zur Kategorisierung theologischer Lehren. Der Inhalt des Buches deckt sich sehr gut mit seinem ausgegebenen Ziel. Die ausführlichen Betrachtungen der Kirchengeschichte helfen dabei, die eigene Perspektive auf scheinbar sehr wichtige Fragen zurechtzurücken. Auch wenn ich mir teilweise etwas mehr Raum für die anderen Kriterien gewünscht hätte, kann ich dieses Buch nur weiterempfehlen. Selbst wenn man nicht jede Lehre so einordnen würde wie der Autor, kann man von seinen Gedanken sehr profitieren. Besonders empfehlenswert ist das Buch für Menschen in pastoraler Verantwortung, die sich mit der Frage auseinandersetzen müssen, wer Mitglied in ihrer Ortsgemeinde werden kann und wer nicht.

Anmerkung zur Übersetzung

Abschließend möchte ich noch auf einen sehr lobenswerten Aspekt der deutschen Übersetzung hinweisen. Es wurden nämlich die Beispiele des Autors, die zu sehr auf den amerikanischen Kontext gemünzt waren, in den deutschen Kontext übertragen. So wird aus der Frage, ob Christen ihre Kinder zu Hause unterrichten oder in die Schule senden sollte, die Frage danach, ob im Gottesdienst traditionelle Hymnen oder moderne und englische Lieder gesungen werden sollten. Damit wird das Anliegen des Autors viel besser unterstützt, als das bei einer wörtlichen Übersetzung der Fall wäre.

Das Buch ist unter anderem bei Verbum Medien erhältlich.

Avatar von Jan Freitag

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