Sein Leben war kurz — 29 Jahre, 5 Monate und 19 Tage. Und nur acht dieser Jahre lebte er als Christ. Nur vier als Missionar. Und doch haben nur wenige Leben solche weiten und tiefen Wellen geschlagen wie das von David Brainerd.
Warum hat gerade sein Leben eine solche Wirkung entfaltet? Warum sagte John Wesley: „Jeder Prediger sollte das Leben David Brainerd sorgfältig lesen“? Warum war Jonathan Edwards´ Buch Das Leben von David Brainerd für William Carey so wertvoll und heilig? Und warum schrieb Henry Martyn, der später Missionar in Indien und Persien war, als Student in Cambridge im Jahr 1802: „Ich sehne mich danach, so zu sein wie er!“ (Life of David Brainerd, 4)?
Was macht dieses Leben so außergewöhnlich einflussreich? Oder vielleicht sollte ich es etwas bescheidener formulieren: Warum hat es gerade auf mich eine solche Wirkung? Wie hat es mir geholfen, im Dienst auszuharren, nach Heiligkeit zu streben und nach göttlicher Kraft und Frucht in meinem Leben zu verlangen?
Die Antwort lautet: Brainerds Leben ist ein eindrückliches und kraftvolles Zeugnis dafür, dass Gott schwache, kranke, entmutigte, niedergeschlagene, einsame und ringende Heilige – die Tag und Nacht zu ihm rufen – gebrauchen kann und gebraucht, um erstaunliche Dinge zu seiner Ehre zu vollbringen. In ihren Leiden liegt große Frucht. Um das zu zeigen, wollen wir uns zuerst Brainerds Kämpfe ansehen, dann wie er darauf reagierte und schließlich, wie Gott ihn trotz all seiner Schwachheiten gebrauchte.
Brainerds Kämpfe
Vor etwa dreihundert Jahren, am 20. April 1718, wurde Brainerd in Haddam, Connecticut, geboren und im Alter von 21 Jahren bekehrt. Während seines dritten Jahres in Yale, wo er sich auf den pastoralen Dienst vorbereitete, hörte jemand, wie der eifrige Brainerd sagte, einer seiner Tutoren habe „nicht mehr Gnade als ein Stuhl“. Die Große Erweckung hatte bereits Spannungen zwischen erweckten Studenten und einer scheinbar weniger geistlich empfänglichen ausgelöst, sodass Brainerd – obwohl er Spitzenstudent war – kurzerhand von der Universität verwiesen wurde.
Obwohl er in den folgenden Jahren immer wieder versuchte, die Angelegenheit zu klären, ließ Yale ihn nie wieder zu. Gott hatte einen anderen Plan für Brainerd. Statt sechs ruhigen Jahren im pastoralen Dienst oder im Hörsaal, gefolgt von einem frühen Tod mit kaum bleibender geschichtlicher Bedeutung für das Reich Gottes, wollte Gott ihn in die Wildnis führen, damit er um seines Namens willen leide und einen unermesslichen Einfluss auf die Missionsgeschichte habe.
Ein gebrochener Körper
Brainerd kämpfte mit nahezu ständiger Krankheit.
1740 musste er für einige Wochen das Studium unterbrechen, weil er begonnen hatte, Blut zu husten. Im Mai 1744 schrieb er in seinem Tagebuch: „Ich ritt mehrere Stunden im Regen durch die heulende Wildnis, obwohl mein Körper so angegriffen war, dass fast nichts außer Blut aus mir kam“ (Life of David Brainerd, 247). Immer wieder notierte er Dinge wie: „Am Nachmittag nahmen meine Schmerzen außerordentlich zu; und ich war gezwungen, mich ins Bett zu legen. … War zeitweise durch die Heftigkeit der Schmerzen fast nicht mehr in der Lage, meinen Verstand zu gebrauchen“ (253).
Im Mai 1747 sagten ihm die Ärzte im Haus von Jonathan Edwards, dass er an unheilbarer Schwindsucht leide und nicht mehr lange zu leben habe (447). Edwards kommentiert, dass Brainerd in der Woche vor seinem Tod sagte: „Er erklärte mir, es sei unmöglich für jemanden, sich die Not vorzustellen, die er in seiner Brust empfand. Er zeigte große Sorge, Gott durch Ungeduld in dieser extremen Qual nicht zu verunehren; die Qual war so groß, dass er sagte, der Gedanke, sie noch eine Minute länger zu ertragen, sei fast nicht auszuhalten.“ In der Nacht vor seinem Tod sagte er zu denen um ihn her, „dass es etwas ganz anderes sei zu sterben, als die Menschen sich vorstellen“ (475–476).
Ein verzweifelter Geist
Brainerd rang mit immer wiederkehrenden depressiven Phasen. Er wurde erneut und erneut von tiefster Entmutigung gequält. Und das Erstaunliche ist, dass er überhaupt überlebte und weitermachte.
Oft bezeichnete er seine Depression als eine Art Tod. An mindestens 22 Stellen in seinem Tagebuch sehnte er sich nach dem Tod als Befreiung aus seinem Elend. So schrieb er etwa am Sonntag, dem 3. Februar 1745: „Meine Seele erinnerte sich an ‘Bitterkeit und Verbitterung’ (ich könnte fast sagen: die Hölle) vom vergangenen Freitag; und ich hatte große Angst, dass ich erneut aus diesem ‘Becher des Zitterns’ trinken müsste, der unvorstellbar bitterer war als der Tod und mich unbeschreiblich mehr nach dem Grab verlangen ließ, als nach verborgenen Schätzen“ (285).
Erst im Rückblick sah er sich selbst als ein „geeignetes Objekt für das Erbarmen Jesu Christi“. Doch in den Stunden der Dunkelheit konnte er manchmal nichts von Hoffnung oder Liebe oder Furcht wahrnehmen. Dies ist die furchterregendste Seite der Depression, weil die natürlichen Hemmungen gegenüber Selbstmord zu schwinden beginnen. Doch anders als William Cowper wurde Brainerd vor einem selbstmörderischen Drang bewahrt. Seine Todeswünsche blieben alle innerhalb der biblischen Wahrheit: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen“ (Hiob 1:21). Er wünschte sich oft den Tod, aber immer nur in dem Sinn, dass Gott ihn nehmen möge (Life of David Brainerd, z. B. 172, 183, 187, 215, 249).
Es ist schlicht erstaunlich, wie oft Brainerd trotz dieser Wellen der Entmutigung mit den praktischen Anforderungen seines Dienstes weitermachte. Zweifellos hat dies viele Missionare tief berührt, die aus eigener Erfahrung wissen, welche Art von Schmerz er ertrug.
Eine einsame Seele
Er berichtet davon, wie er eines Nachts im April 1743 das gottlose Gerede zweier Fremder ertragen musste, und sagt: „Oh, wie sehnte ich mich danach, dass irgendein lieber Christ meine Not kennen würde!“ (204). Einen Monat später schreibt er: „Das meiste, was ich höre, ist entweder Hochlandschottisch oder Indianisch. Ich habe keinen Mitchristen, dem ich mein Herz öffnen und meine geistlichen Sorgen offenbaren könnte, mit dem ich über himmlische Dinge reden, süßen Rat teilen und mit dem ich gemeinsam im Gebet vor Gott treten könnte“ (207). Dieses Elend ließ ihn manchmal davor zurückschrecken, sich erneut auf eine Reise zu machen. Am Dienstag, dem 8. Mai 1744, schrieb er: „Mein Herz war manchmal nahe daran zu verzagen bei dem Gedanken an meine Arbeit, und daran, allein in die Wildnis zu gehen, ohne zu wissen wohin“ (248).
Brainerd blieb in seinem Dienst bis zum Schluss allein. In den letzten neunzehn Wochen seines Lebens war Jerusha Edwards, die 17-jährige Tochter Jonathan Edwards’, seine Pflegerin, und viele vermuten, dass tiefe (vielleicht sogar romantische) Zuneigung zwischen ihnen bestand. Doch in der Wildnis und im Dienst war er allein und konnte seine Seele nur vor Gott ausschütten. Und Gott trug ihn und hielt ihn durch.
Brainerds Antwort
Wir könnten noch viele weitere Kämpfe Brainerds beschreiben — seine enormen äußeren Entbehrungen, seinen düsteren Blick auf die Natur, seine Mühe, die Indianer zu lieben, seine Versuchungen, das Missionsfeld zu verlassen — aber nun wollen wir betrachten, wie Brainerd auf all diese Kämpfe reagierte.
Was uns sofort ins Auge fällt, ist: Er machte weiter. Einer der Hauptgründe, warum Brainerds Leben eine so kraftvolle Wirkung auf Menschen hat, ist der, dass er trotz all seiner Kämpfe seinen Glauben und seinen Dienst niemals aufgab. Er war erfüllt von dem leidenschaftlichen Verlangen, seinen Lauf zu vollenden, seinen Herrn zu ehren, das Reich Gottes auszubreiten und in persönlicher Heiligkeit voranzuschreiten. Diese unerschütterliche Hingabe an die Sache Christi lässt die Düsternis seines Lebens in einem hellen Glanz aufleuchten.
Unter all den Mitteln, mit denen Brainerd nach immer größerer Heiligkeit und Nützlichkeit strebte, ragen Gebet und Fasten besonders hervor. Immer wieder lesen wir, dass er ganze Tage im Gebet verbrachte. Mittwoch, 30. Juni 1742: „Verbrachte fast den ganzen Tag unaufhörlich im Gebet“ (172). Manchmal reservierte er bis zu sechs Zeiten am Tag für das Gebet: „Gepriesen sei Gott, ich hatte fünf- oder sechsmal am Tag viel Freiheit im Gebet und Lobpreis und spürte eine gewichtige Sorge in meinem Geist für die Errettung dieser kostbaren Seelen und die Ausbreitung des Reiches des Erlösers unter ihnen“ (280).
Und zusammen mit dem Gebet suchte Brainerd Heiligkeit und Nützlichkeit durch das Fasten. Wieder und wieder berichtet er in seinem Tagebuch von ganzen Tagen des Fastens. Eines der bemerkenswertesten Beispiele — besonders im Hinblick darauf, wie die meisten von uns Geburtstage feiern — ist das Fasten an seinem 25. Geburtstag:
„Mittwoch, 20. April. Ich nutzte diesen Tag für Fasten und Gebet, um meine Seele vor Gott zu demütigen und um die Zuteilung göttlicher Gnade zu bitten; besonders, dass all meine geistlichen Anfechtungen und inneren Bedrängnisse meiner Seele zur Heiligung dienen mögen. … Meine Seele war betrübt beim Gedanken an meine Unfruchtbarkeit und Leblosigkeit; dass ich so wenig zur Ehre des ewigen Gottes gelebt habe. Ich verbrachte den Tag allein im Wald und schüttete dort meine Klage vor Gott aus. Oh, dass Gott mich befähigen möge, künftig zu seiner Ehre zu leben!“ (205)
Die Frucht von Brainerds Leiden
Als Folge des gewaltigen Einflusses, den Brainerds Hingabe auf sein eigenes Leben hatte, schrieb Jonathan Edwards in den folgenden zwei Jahren The Life of David Brainerd — ein Buch, das häufiger nachgedruckt wurde als jedes andere Werk von Edwards. Und durch dieses Leben ist der Einfluss Brainerds auf die Gemeinde schlicht unermesslich. Über all die bekannten Missionare hinaus, die uns sagen, dass sie durch Brainerds Leben getragen und inspiriert wurden — wie viele unzählige andere, namenlose, treue Diener mögen durch sein Zeugnis Ermutigung und Kraft gefunden haben, weiterzumachen!
Es ist ein bewegender Gedanke, dass ein kleiner Kieselstein, der ins Meer der Geschichte fällt, Wellen der Gnade erzeugen kann, die Jahrhunderte später und Tausende Kilometer entfernt an fremden Küsten anbrechen. Robert Glover betrachtet diesen Gedanken voller Staunen, wenn er schreibt:
„Es war Brainerds heiliges Leben, das Henry Martyn dazu bewegte, Missionar zu werden, und es war ein wesentlicher Faktor für William Careys Inspiration. Carey wiederum bewegte Adoniram Judson. Und so verfolgen wir die geistliche Linie Schritt für Schritt weiter — Hus, Wycliffe, Francke, Zinzendorf, die Wesleys und Whitefield, Brainerd, Edwards, Carey, Judson und immer weiter in der wahren apostolischen Nachfolge geistlicher Gnade, Kraft und weltweitem Dienst.“ (The Progress of World-Wide Missions, 56)
Doch die dauerhafteste und bedeutendste Frucht von Brainerds Dienst ist dieselbe wie die dauerhafteste und bedeutendste Frucht des Dienstes jedes Pastors: Es gibt einige Indianer — vielleicht einige Hundert — die nun und für alle Ewigkeit ihr ewiges Leben der unmittelbaren Liebe und dem Dienst David Brainerds verdanken.
Wer kann den Wert einer einzigen Seele beschreiben, die aus dem Reich der Finsternis — aus Weinen und Zähneknirschen — versetzt wird in das Reich des geliebten Sohnes Gottes? Ob wir 29 Jahre leben oder 99: Wären nicht alle Mühen es wert, wenn dadurch nur ein einziger Mensch vor den ewigen Qualen der Hölle gerettet würde — hinein in die ewige Freude an der Herrlichkeit Gottes?
Vorwärts und Aufwärts
Ich danke Gott für den Dienst von David Brainerd in meinem eigenen Leben – die Leidenschaft fürs Gebet, das geistliche Fest des Fastens, die Süße des Wortes Gottes, das unermüdliche Durchhalten in Schwierigkeiten, die unablässige Ausrichtung auf die Herrlichkeit Gottes, das völlige Vertrauen auf Gnade, das endgültige Ruhen in der Gerechtigkeit Christi, das Streben nach verlorenen Sündern, die Heiligkeit im Leiden, die Ausrichtung des Geistes auf das Ewige und das gute Vollenden seines Lebens, ohne das Leiden, das ihn mit 29 Jahren hinwegraffte, zu verfluchen. Mit all seinen Schwächen, Ungleichgewichten und Sünden liebe ich David Brainerd.
Oh, dass Gott uns eine beharrliche Gnade schenken würde, um eine Leidenschaft für seine Überlegenheit in allen Dingen zu verbreiten, wie Brainerd, zur Freude aller Völker! Das Leben ist zu kostbar, um es mit Belanglosigkeiten zu verschwenden. Gewähre uns, Herr, die unerschütterliche Entschlossenheit, zu beten und zu leben mit der Dringlichkeit von David Brainerd: „Oh, dass ich auf meiner himmlischen Reise niemals trödeln möge!“
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt von Daniel Ott.
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