Sollten Frauen „häuslich“ sein?

Wie man Titus 2:5 richtig versteht und anwendet

ZUSAMMENFASSUNG: In der Liste von Eigenschaften, die ältere Frauen den jüngeren lehren sollen, nennt Paulus auch oikourgous, was die ESV mit „working at home“ („im Haus tätig“) übersetzt (Tit 2:5). Dieses griechische Wort kommt im Neuen Testament nur an dieser Stelle vor und verlangt daher eine sorgfältige Betrachtung seines kulturellen und biblischen Kontexts. Kulturell gesehen zeigen die Pastoralbriefe, dass in den Gemeinden von Ephesus und Kreta einflussreiche Irrlehren im Umlauf waren – Lehren, denen Paulus unter anderem mit Tugendkatalogen wie in Titus 2 entgegentritt. Biblisch betrachtet geben sowohl die Pastoralbriefe als auch der weitere Zusammenhang der Schrift Form und Inhalt dessen, was es bedeutet, als Frau „im Haus tätig“ zu sein. Paulus beschränkt Frauen nicht darauf, ausschließlich im Haus zu arbeiten. Doch er ruft Ehefrauen und Mütter dazu auf, ihren Männern und Kindern die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken und sich vor jeder Lehre oder jedem Ehrgeiz zu hüten, der sie – wie manche Frauen im ersten Jahrhundert – dazu verleiten könnte, ihre Familien zu vernachlässigen.


Eine der Herausforderungen biblischer Exegese besteht darin, den Übergang zu vollziehen von dem, was ein Text in seinem ursprünglichen Kontext bedeutete, hin zu dem, was er heute in unserem kulturellen Umfeld bedeutet. Deshalb ist Exegese ein mehrstufiger Prozess: Wir beginnen mit dem, was der Text sagt, fragen dann, was er damals meinte, und überlegen schließlich, wie diese Bedeutung in unseren Kontext hineinspricht.

Keine Aussage ist völlig kulturbedingt. Keine Aussage hat in einem Kontext Bedeutung und in einem anderen überhaupt nicht. Kein Schriftwort darf als irrelevant beiseitegeschoben werden. Die ewige Wahrheit kann in kulturelle Gewänder gekleidet sein und deshalb schwer verständlich erscheinen – doch unsere Aufgabe ist es, diese Wahrheit freizulegen und sie treu in unsere Zeit hineinzutragen.

Die Pastoralbriefe – 1. und 2. Timotheus sowie Titus – enthalten mehrere Aussagen, die häufig als rein kulturell und daher für heute bedeutungslos abgetan werden. „So will ich nun, dass die Männer an jedem Ort beten und heilige Hände aufheben“ (1Tim 2:8) – also müssten Hände zwingend erhoben werden. „Ebenso auch die Frauen, dass sie sich in würdiger Haltung schmücken, nicht mit Haarflechten und Gold oder Perlen oder kostbarer Kleidung“ (1Tim 2:9) – also dürften Frauen keinen Schmuck tragen. „Sie wird aber gerettet werden durch Kindergebären“ (1Tim 2:15) – also müssten alle Frauen leibliche Kinder bekommen (wobei diese Aussage eher missverstanden als falsch angewandt wird). „Alle, die unter dem Joch als Sklaven stehen, sollen ihre eigenen Herren aller Ehre würdig achten“ (1Tim 6:1) – also billige Paulus die Sklaverei. „Kein Soldat verstrickt sich in die Geschäfte des Lebensunterhalts“ (2Tim 2:4) – also dürften Pastoren keinen Nebenberuf haben.

In all diesen Fällen zeigt sich: Wenn man die ursprüngliche Bedeutung richtig versteht, erweisen sich die Texte keineswegs als irrelevant für heute. Männer sollen ohne Zorn beten; die genaue Haltung der Hände ist dabei nicht vorgeschrieben. Frauen sollen sich nicht so kleiden, dass ihr sozialer Status im Mittelpunkt steht, sondern ihren Charakter betonen. Frauen (und Männer) leben die Konsequenzen ihrer Errettung nicht dadurch aus, dass sie falschen Lehrern folgen, die beispielsweise die Fortpflanzung verbieten. Paulus legt vielmehr die Grundlagen für das, was später zur Abschaffung der Sklaverei führt, und verurteilt ausdrücklich „Menschenhändler“ (1Tim 1:10). Pastoren sollen sich nicht „verstricken“ – doch das ist etwas anderes, als einen Nebenjob zu haben.1

Auch Titus 2:5 mit seiner scheinbaren Forderung, Frauen sollten „im Haus tätig“ sein, gehört in diese Kategorie oft missverstandener Texte. Er wurde so ausgelegt, als dürften Frauen ausschließlich im Haus arbeiten und keiner anderen Tätigkeit nachgehen. Sehen wir uns die Pastoralbriefe näher an, um zu prüfen, ob diese Schlussfolgerung zutrifft.

Kultureller Hintergrund

Paulus verbrachte über drei Jahre in Ephesus (Apg 20:31). Als er später durch die Gegend zurückreiste und in Milet Halt machte, sagte er zu den Ältesten von Ephesus: „Ich weiß, dass nach meinem Abschied reißende Wölfe zu euch hineinkommen werden, die die Herde nicht verschonen; und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger hinter sich herzuziehen“ (Apg 20:29–30). Diese prophetische Warnung erfüllte sich: Einige Älteste wandten sich von der Wahrheit ab und lehrten Irrtum.

Es ist entscheidend zu verstehen, wie ernst die Lage in Ephesus – ebenso wie auf Kreta – geworden war.2 Nur vor diesem Hintergrund lässt sich unser Abschnitt richtig deuten. Erlauben Sie mir ein längeres Zitat aus meinem Kommentar:

Die Gegner sind streitsüchtig (Tit 3:10) und treiben ihr gottloses Wesen immer weiter (2Tim 2:16). Sie sind widerspenstig und leere Schwätzer (Tit 1:10) und bringen Schande über die Gemeinde (1Tim 3:2, 7, 10; Tit 1:11–14). Einst gehörten sie zur Gemeinschaft der Gläubigen, doch später verwarfen sie die Wahrheit des Evangeliums und wandten sich der Irrlehre zu (1Tim 1:6, 19; 4:1; 6:10, 21; 2Tim 4:4; Tit 1:14; vgl. Gal 2:4; 2Kor 11:4). Sie wurden nicht getäuscht, sondern trafen bewusste Entscheidungen, sich abzuwenden (1Tim 1:19). Sie verführen die Gemeinden in Ephesus und auf Kreta (Tit 1:10), sind Heuchler und Lügner (1Tim 4:2) und geben vor, Gott zu kennen, verleugnen ihn aber durch ihre Werke (Tit 1:16). Daher sind sie selbst verurteilt (Tit 3:11); ihr Gewissen (1Tim 4:2; 6:5; Tit 1:15; vgl. 1Tim 1:5) und ihr Verstand (1Tim 6:5; 2Tim 3:8; Tit 1:15) sind verdorben. Sie haben eine krankhafte Streitsucht (1Tim 6:4) und sind der Wahrheit beraubt (1Tim 6:5). Sie sind unwissend (1Tim 1:7), töricht und verstehen nichts (1Tim 6:4), untauglich zu jedem guten Werk (Tit 1:16) und unbrauchbar für das Evangelium (2Tim 3:8). Sie sind verdreht (Tit 3:11), unheilig (2Tim 3:2), gottlos (2Tim 2:16), ohne Liebe (1Tim 1:5), und ihre Torheit wird schließlich allen offenbar werden (2Tim 3:9). Sie treten selbstbewusst und lehrhaft auf (1Tim 1:7) und hängen fanatisch an ihren Lehren (1Tim 1:4; 4:1). Auch ihre Motive sind verdorben: Sie suchen Ansehen (1Tim 1:7), Geld (1Tim 6:5–10; Tit 1:11), sexuelle Befriedigung (2Tim 3:6) und Vergnügen (2Tim 3:4). Entsprechend erkennen sie weder die Autorität des Paulus noch die des Timotheus an (1Tim 1:1–2; 4:12, 14; 6:12).3

Mit anderen Worten: Es handelte sich keineswegs um gottesfürchtige Menschen. Hinzu kommt, dass sie ihre Aufmerksamkeit offenbar besonders auf die Frauen in der Gemeinde richteten.

Die Gegner hatten unter den Frauen in Ephesus beträchtlichen Erfolg (2Tim 3:6), und ein Teil ihrer asketischen Lehre war speziell auf sie zugeschnitten (1Tim 4:3; möglicherweise auch 1Tim 2:15). Sie versuchten aktiv, Frauen zu verführen (2Tim 3:6), besonders junge Witwen (1Tim 5:11–15). Das erklärt auch, warum Paulus von Gemeindeleitern wiederholt eheliche Treue fordert (1Tim 3:2, 12; Tit 1:6). Offenbar waren die führenden Köpfe der Irrlehre Männer, doch auch Frauen beteiligten sich an der Verbreitung der falschen Lehre (1Tim 2:12; möglicherweise 5:13). Nach einer möglichen Auslegung von 1Tim 2:8–15 ist es denkbar, dass die Gegner Frauen dazu ermutigten, sich offen gegen ihre Männer – vielleicht gegen jede männliche Autorität – aufzulehnen und sich provokativ zu kleiden, um diesen Aufruhr auszudrücken (vgl. den Kommentar zu 1Tim 2:9).4

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum Paulus später schreibt: „Unter ihnen sind die, die sich in die Häuser einschleichen und leichtfertige Frauen einfangen, die mit Sünden beladen und von mancherlei Begierden getrieben sind, die immer lernen und doch nie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen können“ (2Tim 3:6–7).

Für unsere Fragestellung ist entscheidend: Die falschen Lehrer traten aggressiv mit ihrer Irrlehre auf und fanden in der Gemeinde – besonders unter den Frauen – einen fruchtbaren Boden.

Die Eigenart paulinischer Tugendlisten

Eine weitere Besonderheit des kulturellen Kontexts – und der Art und Weise, wie Paulus darauf reagiert – ist die Gestalt seiner Tugendlisten. In den Pastoralbriefen begegnen uns immer wieder Aufzählungen von Eigenschaften, die wahre Christen – insbesondere Gemeindeleiter – kennzeichnen sollen. Auffällig ist, dass viele dieser Eigenschaften das genaue Gegenteil dessen sind, was die falschen Lehrer auszeichnete.

So hatten die Irrlehrer Schande über die Gemeinde gebracht (z.B. Tit 1:16); daher sollen Älteste „untadelig“ sein (1Tim 3:2; Tit 1:6) und ein gutes Zeugnis haben (1Tim 3:7). Die falschen Lehrer verführten Frauen (2Tim 3:6); deshalb mussten Gemeindeleiter ihrer Ehe treu sein (1Tim 3:2, 12; Tit 1:6).5

Dieser Punkt ist entscheidend. Die Anforderungen des Paulus an alle – Männer und Frauen, Junge und Alte – sind zwar an sich wahr und gültig, doch müssen sie vor dem Hintergrund der konkreten historischen Situation verstanden werden. Paulus nennt nicht einfach allgemeine Tugenden; er nennt Tugenden, die wahre Christen klar von den falschen Lehrern unterscheiden. In gewisser Weise sagt er: „Strebt nach den Tugenden, die an sich gut sind – und die euch zugleich von den sündigen Eigenschaften der Irrlehrer abheben.“

Ein Beispiel ist 1Tim 2:15 – einer der vielleicht rätselhaftesten Verse im Neuen Testament: „Sie wird aber gerettet werden durch Kindergebären – wenn sie im Glauben und in der Liebe und in der Heiligung mit Besonnenheit bleibt.“ Warum betont Paulus das Kinderbekommen, als lehre er eine Art „Errettung durch Fortpflanzung“ – eine Auslegung, die ernsthaft kaum jemand vertreten würde? Die Antwort könnte darin liegen, dass die falschen Lehrer die Ehe verboten (1Tim 4:3) und damit vermutlich auch das Kinderbekommen. Vor diesem Hintergrund wird auch Paulus’ spätere Ermahnung verständlich: „So will ich nun, dass jüngere Witwen heiraten, Kinder gebären, den Haushalt führen und dem Widersacher keinen Anlass zur Verleumdung geben“ (1Tim 5:14).

Die Frauen in der Gemeinde sollten die Konsequenzen ihrer Errettung nicht dadurch ausleben, dass sie den Irrlehrern folgten, sondern – unter anderem – indem sie die Berufungen annahmen, zu denen Gott sie geschaffen hatte. Paulus macht deutlich: Die Errettung einer Frau – und auch die eines Mannes – besteht nicht darin, ihre von Gott gegebene Rolle in der Gemeinde umzustürzen. Vielmehr soll sie diese Rolle im Glauben annehmen. Ein konkreter Ausdruck davon ist das Kindergebären (als pars pro toto für ihre familiäre Berufung).

Natürlich gründet die Errettung letztlich – bei Frau wie Mann – im Ausharren. Sie muss ihre Errettung „auswirken“ (vgl. Phil 2:12), indem sie im Glauben, in der Liebe und in der Heiligung mit Besonnenheit lebt. Das entspricht dem typischen paulinischen Denken: Errettung schließt beharrliches Dranbleiben ein (vgl. 1Tim 4:16), und gute Werke verdienen die Errettung nicht (vgl. 1Tim 1:12–17), sondern sind ihr sichtbarer Beweis (vgl. Röm 2:6–10, 26–29; 1Kor 6:9–11; Gal 5:21).6

Wir verstehen Vers 15 also erst richtig, wenn wir ihn vor dem kulturellen Hintergrund lesen und Paulus’ positive Anweisungen mit dem negativen Beispiel der Irrlehrer vergleichen. Dasselbe gilt für unseren Abschnitt, dem wir uns nun zuwenden.

„Im Haus tätig“

In Titus 2 finden wir zunächst Anweisungen an ältere Männer (V. 2) und dann an ältere Frauen – einschließlich der Ermahnung, „das Gute zu lehren“ (V. 3). Leider übersetzt die englische Übersetzung NIV das erste Wort in Vers 4 (griechisch hina) mit „then“ („dann“) und beginnt damit einen neuen Satz; die NLT löst die Verbindung zwischen den beiden Versen ganz auf. Doch Paulus’ Gedanke ist: Das gute Lehren der älteren Frauen soll dazu dienen, „damit“ (hina; so z.B. NASB, CSB, NRSV; vgl. ESV) sie die jüngeren Frauen unterweisen,

„ihre Männer und Kinder zu lieben, besonnen zu sein, keusch, im Haus tätig [oikourgous], gütig und ihren eigenen Männern untergeordnet“ (Tit 2:4b–5a).

Sowohl oikourgos als auch die Variante oikouros kommen im Neuen Testament nur hier vor und sind auch in der außerbiblischen Literatur selten. In solchen Fällen müssen wir auf die Wortbildung und den biblischen Zusammenhang zurückgreifen, um die Bedeutung zu erschließen. Oikourgos ist ein zusammengesetztes Wort aus oikos („Haus“) und ergon („Werk“, „Arbeit“).

Die Vielfalt der englischen Übersetzungen zeigt, wie schwierig eine präzise Wiedergabe ist: „workers at home“, „working at home“, „to work in their homes“, „busy at home“, „good managers of the household“, „fulfilling their duties at home“, „good housewives“.

Wichtig ist: In der Wortbildung selbst liegt keinerlei Hinweis darauf, dass ausschließlich zu Hause gearbeitet werden dürfe. Ebenso wird die Art der Arbeit nicht näher bestimmt. Gerade wegen der Seltenheit des Wortes sollten wir vorsichtig sein, es zu eng zu definieren. An dieser Stelle ist der biblische Gesamtzusammenhang entscheidend.

Titus 2:5 im biblischen Zusammenhang

Der Kontext liefert einen wichtigen Hinweis. Wie wir oben gesehen haben, zählt Paulus die guten Eigenschaften auf, die im Gegensatz zu den schlechten Eigenschaften der falschen Lehrer und ihrer Anhänger stehen. „Im Haus tätig“ steht im Gegensatz zum Verhalten der jüngeren Witwen, die „lernen, müßig zu sein, indem sie in den Häusern umhergehen; nicht allein aber müßig, sondern auch geschwätzig und neugierig und reden, was sich nicht gehört“ (1Tim 5:13). „Im Haus tätig“ steht ebenso im Gegensatz zu einer weiteren Beschreibung einiger Frauen und des Einflusses der falschen Lehrer, die wir bereits betrachtet haben (2Tim 3:6–7).

Offensichtlich beschreiben diese Stellen nicht Paulus’ Einschätzung aller Frauen zu allen Zeiten, wohl aber seine Beschreibung einiger Frauen im Ephesus und auf Kreta des ersten Jahrhunderts. Paulus’ Argument ist, dass die älteren Frauen die jüngeren dazu anhalten sollen, nicht wie die verführten jüngeren Frauen zu sein.

Ein weiterer wichtiger Zusammenhang ist Paulus’ Anweisung, dass jüngere Witwen „ihrem Haus vorstehen“ sollen (oikodespotein, 1Tim 5:14). Zwischen einer Haussklavin (wie manche „im Haus tätig“ verstehen könnten) und einer Ehefrau, die ihren Haushalt „leitet“, besteht ein erheblicher Unterschied.

Auch der weitere biblische Zusammenhang versichert uns, dass gottesfürchtige Frauen Titus 2:5 erfüllen können, während sie zugleich außerhalb des Hauses arbeiten. Die tüchtige (oder starke) Frau aus Sprüche 31 arbeitet ganz gewiss nicht nur im Haus. „Sie trachtet nach einem Feld und kauft es; vom Ertrag ihrer Hände pflanzt sie einen Weinberg“ (Spr 31:16). Es ist bemerkenswert, dass im hebräischen Kanon das Buch Ruth unmittelbar auf die Sprüche folgt; Ruth ist eine konkrete Verkörperung der tüchtigen Frau aus dem vorhergehenden Kapitel – und auch sie arbeitete außerhalb des Hauses.

Titus 2:5 heute

Beachte, dass Paulus seine Anweisung in Titus 2:5 nicht – wie in 1Tim 2:12–13 – in der Schöpfung begründet. Der Grund für die Anweisung lautet vielmehr: „damit das Wort Gottes nicht verlästert werde“ (Tit 2:5). Paulus verwendet dieses Argument im unmittelbaren Zusammenhang noch zweimal: „damit der Gegner beschämt werde und nichts Schlechtes über uns zu sagen habe“ (V. 8); „damit sie in allem die Lehre Gottes, unseres Retters, zieren“ (V. 10).

Man kann mit Recht sagen, dass es in allen Kulturen und zu allen Zeiten falsch ist, „geschwätzig und neugierig“ zu sein und „zu reden, was sich nicht gehört“ (1Tim 5:13). Es ist immer falsch, „schwach“ zu sein, „mit Sünden beladen und von mancherlei Begierden getrieben, die immer lernen und doch nie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen können“ (2Tim 3:6–7). Alles zu tun, was dem Anliegen Christi tatsächlich schadet, ist immer falsch. Bis hierhin treten die ewigen Wahrheiten hinter den kulturellen Ausdrucksformen des ersten Jahrhunderts unmittelbar in unsere Kultur hinein.

Eine weitergehende Anwendung von Titus 2:5 erfordert, dass wir auch bedenken, was Paulus nicht sagt. Paulus sagt nicht, dass Frauen ausschließlich im Haus arbeiten dürfen. Er sagt nicht, dass die Last der Haushaltsführung nicht auch den Ehemann betrifft. Aber was er eindeutig sagt, ist, dass Frauen – ob in der Antike oder heute – nicht wie jene Frauen in Ephesus und auf Kreta sein sollen, die verführt, leichtgläubig und in der Vernachlässigung ihres Hauses begriffen waren.

Eine Anwendung auf die Gegenwart verlangt zudem, dass wir die drastischen Unterschiede zwischen dem antiken und dem modernen Haushalt sowie die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau berücksichtigen. Entscheidend jedoch ist: Die Familie darf nicht vernachlässigt werden – genau das war das Problem in Ephesus und auf Kreta.

Ich würde argumentieren, dass das „Im-Haus-Tätig-Sein“ einer Frau heute bedeutet, sich auf ihre Kinder und ihre Ehe zu konzentrieren. Das sind die biblischen Prioritäten, die bei jeder Aktivität vernachlässigt würden, die den Zuständen in Ephesus und auf Kreta ähnelt.

Bei der Anwendung müssen auch alleinerziehende Mütter berücksichtigt werden. Wenn kein Ehemann da ist, der primär die Verantwortung für den Haushalt mitträgt, kann es äußerst schwierig sein, Arbeit und Familie in Einklang zu bringen. Manche schaffen diesen Ausgleich, viele andere ringen damit. Hier tritt die biblische Herausforderung in den Vordergrund, für Witwen und Waisen zu sorgen. Wenn eine alleinerziehende Mutter Mühe hat, „im Haus tätig“ zu sein, sollte vielleicht die Gemeinde einspringen, um den Bedürftigen zu helfen.

Überträgt man den Text auf eine moderne Kultur, in der eine Erwerbstätigkeit außerhalb des Hauses nicht dazu führt, dass „das Wort Gottes verlästert wird“ (Tit 2:5), dann wäre die konkrete kulturelle Ausprägung von Paulus’ Anweisung nicht direkt anzuwenden.

Meiner Ansicht nach hat der Vers jedoch sehr wohl etwas zu sagen, wenn beide Eltern außerhalb des Hauses arbeiten und dabei die Kinder vernachlässigt werden und der Haushalt nicht fruchtbar geführt wird. Auch in unserer heutigen Kultur gilt: Wenn sich der Schwerpunkt einer Ehefrau (und ihres Mannes) ausschließlich auf Aktivitäten außerhalb des Hauses richtet, leiden Ehe, Familie und Kinder – und dadurch würde „das Wort Gottes verlästert“ (Tit 2:5). Das ist heute genauso falsch wie im antiken Kreta.

Es ist durchaus möglich, dass eine Ehefrau in Vollzeit außerhalb des Hauses arbeitet und dennoch nicht unter Paulus’ Kritik fällt; ich halte es jedoch für recht schwierig. Meine Frau blieb bei unseren drei energiegeladenen, lebhaften Kindern zu Hause. Damit das möglich war, verpflichtete ich mich, zwei Arbeitsstellen anzunehmen und abends sowie mindestens an einem Tag in der Woche verfügbar zu sein. Ich zögere, mir die negativen Auswirkungen vorzustellen, die eine Teilzeit-Mutter oder ein innerlich abwesender Vater auf die Persönlichkeitsentwicklung, die Werte und den Glauben unserer Kinder sowie auf unser Zeugnis in Gemeinde und Nachbarschaft gehabt hätten.


Fußnoten:

  1. Zu all diesen Punkten verweise ich zur Begründung auf meinen Kommentar: William Mounce, Pastoral Epistles, WBC (Grand Rapids: Zondervan, 2000). ↩︎
  2. Zu den Parallelen zwischen der Situation in Ephesus und auf Kreta siehe Mounce, Pastoral Epistles, lx–lxi. Wie ich auch in meinem Kommentar zu 1Tim 1:3–7 schreibe: „Die Beschreibung der Gegner ähnelt der in Titus 1. Das legt nahe, dass trotz der erheblichen Unterschiede zwischen 1. Timotheus und Titus beide Briefe dieselbe Irrlehre behandeln“ (15). ↩︎
  3. Mounce, Pastoral Epistles, lxxii–lxxiii. ↩︎
  4. Mounce, Pastoral Epistles, lxxiv. ↩︎
  5. Eine ausführlichere Auflistung findet sich bei Mounce, Pastoral Epistles, 156–58. ↩︎
  6. Mounce, Pastoral Epistles, 146. ↩︎

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
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