Terri Laws: Für die Menschlichkeit des Anderen Sorge tragen

Dr. Terri Laws wuchs in einer Gemeinde auf, in der es – aus schierer Notwendigkeit – kaum eine Unterscheidung zwischen Sonntag und dem Rest der Woche gab. Gemeindeleben und gesellschaftliches Leben waren eng miteinander verflochten. „Deshalb war es für mich ganz selbstverständlich, dass Rasse, Religion und Gesellschaft immer zusammengehörten“, sagt sie.

Dr. Laws ist Assistenzprofessorin an der University of Michigan-Dearborn, wo sie im Fachbereich Health and Human Services sowie im Programm für African and African American Studies lehrt.

Ihre Arbeit ist für sie weit mehr als nur ein Beruf – sie ist Teil ihrer Identität: „Dort leben mein Herz und mein Verstand die ganze Zeit … es ist etwas, das ich mein ganzes Leben lang entfaltet und durchdacht habe.“ Sie wurde während der Bürgerrechtsbewegung geboren und trägt die Ermordung von Martin Luther King Jr. als frühe Kindheitserinnerung unauslöschlich in sich.

Zur selben Zeit verlor sie eine ihr sehr nahe stehende Großtante und sah ihren Vater zum ersten Mal weinen. Als junges Kind wurde sie durch diese Tragödien und die sozialen Ungerechtigkeiten ihrer Zeit gezwungen, in kurzer Zeit vieles zu begreifen. „Es hat mich gelehrt, warum es keine Trennung zwischen Sonntag und dem Rest der Woche gab“, erzählt sie, „und dass der Sonntag der Treibstoff war für das, was wir in der übrigen Woche taten.“

Erst während ihres Theologiestudiums und später im Promotionsprogramm für Religionswissenschaft konnte sie all das, was sie in ihrer Kindheit beobachtet und erlebt hatte, vollständig verarbeiten und gedanklich ordnen. Ihre Leidenschaft für die Schnittstelle von Glaube und Gesellschaft verband sie schließlich mit einem besonderen Fokus: den gesundheitlichen Ungerechtigkeiten, unter denen unterversorgte Menschen in marginalisierten Gemeinschaften leiden.

Die Ethik und Theologie des Leibes

Während ihres Graduiertenstudiums an der Rice University begann sie mit ihrer Dissertationsforschung. Gleichzeitig absolvierte sie ein Ausbildungs- und Forschungsstipendium im Bereich Bioethik an einem örtlichen Krebskrankenhaus. Dieses „Pipeline Project“ wurde von den National Institutes of Health (NIH) gefördert, um mehr Fachkräfte für Bioethik aus unterrepräsentierten Gruppen auszubilden.

Die zentrale Frage des Projekts lautete: „Welche moralischen Konzepte könnten Menschen mit dunkler Hautfarbe dazu bewegen, an klinischen Studien teilzunehmen?“ Dr. Laws war überzeugt: „Für viele Afroamerikaner speisen sich moralische Überzeugungen aus ihren religiösen Glaubensüberzeugungen.“ Daher formulierte sie die Fragestellung neu und verankerte sie für ihre Dissertation in der Theologie sowie in Geschichte und Kultur der afroamerikanischen religiösen Erfahrung.

Zugleich begann sie sich intensiv mit theologischen Fragen rund um den menschlichen Leib zu beschäftigen – und damit, wie die Körper, die Gott uns gegeben hat, unsere unterschiedlichen Erfahrungen in dieser Welt prägen. „Was bedeutet es, wenn Armut in einem weißen oder in einem schwarzen Körper erfahren wird? Gibt es Unterschiede? Wir dürfen solchen Fragen nicht ausweichen.“

Schon als Kind hatte sie solche Unterschiede wahrgenommen. Als ihre Familie in eine sich integrierende Nachbarschaft zog, sah sie, wie Menschen aufgrund ihres Körpers unterschiedlich behandelt wurden.

„In meiner Schule sah ich, dass Kinder aus Appalachia schlechter und anders behandelt wurden als manche ihrer weißen Altersgenossen aus der Mittelschicht. Ich erinnere mich, wie ich mit sieben Jahren sagte: ‚Sie werden schlecht behandelt, und sie sind nicht einmal schwarz.‘ Rückblickend stellte ich zutiefst theologische Fragen wie: ‚Was bedeutet es, dass Gott zulässt, dass Misshandlung geschieht – und all diese Dinge, die zum Teil aufgrund der Körper passieren, in denen wir leben?‘“

Tuskegee neu bedenken – mehr als nur ein historisches Ereignis

Dr. Laws beginnt, einige dieser Fragen in ihrer eigenen Forschung neu zu durchdenken – im Schnittfeld von Theologie, Religionswissenschaft und Medizin. Dabei nimmt sie die Tuskegee Syphilis Study erneut in den Blick.

Tuskegee ist ein historischer Fall von medizinischem Fehlverhalten und forschungsbezogener Ungerechtigkeit gegenüber der afroamerikanischen Bevölkerung. Unter dem Vorwand, Syphilis zu erforschen, wurde Männern in Macon County, Alabama, selbst dann eine Behandlung vorenthalten, als in den 1950er-Jahren bereits ein wirksames Heilmittel zur Verfügung stand. Die Studie lief von 1932 bis 1972. Dr. Laws beschreibt sie so:

„Als ein Ereignis in der Geschichte medizinischer Ausbeutung steht Tuskegee für sich – aufgrund der anhaltenden, staatlich sanktionierten Entmenschlichung, die ihre schwarzen männlichen Probanden als wertvoller tot als lebendig betrachtete … Es ist nicht nur ethisch erschütternd, sondern zutiefst emotional verstörend. Tuskegee stellt daher für Afroamerikaner, die nach Lösungen für gesundheitliche Ungleichheiten suchen, ein Dilemma dar.“

Im Rahmen ihrer Arbeit hatte Dr. Laws Gelegenheit, die Tuskegee University zu besuchen, wo die Studie durchgeführt wurde, und Angehörige der betroffenen Männer zu treffen. „Einige leiden noch immer“, sagt sie. „Sie stellen Fragen wie: ‚Wie konnte unsere eigene Regierung das meinem Vater antun? Oder meinem Onkel oder meinem Cousin?‘ Und: ‚Wurde Syphilis vielleicht auch an mich weitergegeben?‘“

Andere Familienmitglieder sind zu engagierten Fürsprechern geworden, die Afroamerikaner zur Teilnahme an klinischen Studien ermutigen, um medizinische Behandlungen zu verbessern, die breiten Bevölkerungsschichten zugutekommen – und so gesundheitliche Ungleichheiten zu verringern. Dr. Laws ist überzeugt, dass noch viel Heilung geschehen muss. Doch dafür müsse man zunächst die Tiefe und Komplexität von Tuskegee wirklich verstehen.

„Tuskegee war mehr als nur ein historisches Ereignis. Es trägt eine sehr, sehr tiefe kulturelle Bedeutung. Die kollektive Erfahrung ist so prägend, dass sie weit über die unmittelbaren körperlichen Erfahrungen derer hinausreicht, die die Misshandlung selbst erlitten haben. Für andere Mitglieder der Gemeinschaft – oder für Menschen, die phänotypisch oder sozial etwas mit ihnen teilen – bekommt es nahezu einen heiligen Charakter.“

Dr. Laws ist zudem überzeugt, dass wir auf aktuelle gesundheitliche Ungerechtigkeiten reagieren müssen – denn sie sind keineswegs Vergangenheit. Ganze Gemeinschaften haben noch immer keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser, wie etwa in Flint in Michigan. Und auch COVID hat schwarze und braune Gemeinschaften überproportional stark durch Krankheit und Tod getroffen.

Doch wo viel Leid und Schmerz sind, da ist auch Raum für Heilung und Freude. Dr. Laws sagt: „Die Schrift fordert uns auf, ‚mit den Weinenden zu weinen‘, und erinnert uns daran, dass ‚am Morgen Freude kommt‘.“ (vgl. Röm 12:15; Ps 30:6). Wir dürfen also die Trauer eines Menschen nicht übergehen, ebenso wenig wie die Tragödie einer ganzen Gemeinschaft.

Sie ist überzeugt: Wenn wir lernen, die Trauer anderer wirklich zu verstehen, können wir Schritt für Schritt darauf hinarbeiten, dass alle Menschen das Beste unseres Gesundheitssystems erfahren – und so zu der Freude gelangen, von der die Schrift spricht.

„Die Schrift sagt uns, wir sollen ‚mit den Weinenden weinen‘, und dass ‚am Morgen Freude kommt‘. Darum übersehen wir weder die Trauer noch die Tragödie eines Menschen … Wenn wir die Trauer anderer verstehen, können wir gemeinsam auf Wiederherstellung hinarbeiten – und auf die Freude, von der die Schrift spricht.“
– Terri Laws


Ein praktisches und kontextualisiertes Evangelium

Für Dr. Laws hatte das Evangelium immer sehr konkrete, praktische Auswirkungen. Es lässt sich nicht aus dem gesellschaftlichen Kontext und unserem gelebten Alltag herauslösen. Besonders im Dialog zwischen Glaube und Wissenschaft gilt das für sie in besonderer Weise. Die Fragen, die wir stellen, sollten stets von einer Ethik geprägt sein, die nach praktischer Relevanz fragt: „Warum ist das wichtig?“ und „Wozu dient es?“ Ob es um Galaxien, Evolution oder den Klimawandel geht – entscheidend ist, diese Themen mit konkreten Aspekten menschlicher Erfahrung zu verbinden. „Gott möchte, dass wir eine Beziehung zu ihm haben. Aber Gott möchte auch, dass wir Beziehungen zueinander leben. Er will, dass wir verstehen, wie unser Leben und unsere Entscheidungen andere Menschen beeinflussen.“

So wird das Evangelium nicht zu einer abstrakten Idee, sondern zu einer lebensverändernden Wahrheit, die Herz, Gemeinde und Gesellschaft gleichermaßen prägt.

In jüngerer Zeit beschäftigt sich Dr. Laws intensiv mit gesundheitspolitischen Fragen wie „Medical Aid in Dying“ (ärztlich assistiertes Sterben) und Impfskepsis in Communities of Color. Dabei zieht sie eine klare Linie und betont, dass der COVID-Impfstoff nicht mit Tuskegee gleichzusetzen ist: „(Behandlung) wird nicht vorenthalten, sondern allen angeboten.“ Ein zentraler Bestandteil ihrer Arbeit ist die Betonung gegenseitiger Fürsorge.

In einem Interview mit University of Michigan News sagte sie: „Eine Botschaft, die Menschen Würde zuspricht und zeigt, dass einem ihre Menschlichkeit am Herzen liegt, findet Resonanz – unabhängig davon, ob jemand aus einer marginalisierten Gemeinschaft stammt oder nicht.“

Möge Gott uns helfen, füreinander Sorge zu tragen, unsere Nächsten wirklich zu lieben und die Würde jedes Menschen zu achten.


Dieser Beitrag erschien zuerst bei BioLogos. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.

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