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Eine überraschende Lektion von Spurgeons Bekehrten

Dreißig große Bände: So viele Seiten waren nötig, um die Zeugnisse derjenigen zu sammeln, die sich während des Dienstes von Charles Spurgeon um eine Gemeindemitgliedschaft bewarben. Insgesamt fünfzehntausend handschriftliche Einträge, über 70 Prozent davon von Neubekehrten. Die Ältesten im Metropolitan Tabernacle waren darauf bedacht, sicherzugehen, dass ein Werk Gottes in der Seele geschehen war, bevor jemand als Mitglied aufgenommen wurde. Deshalb führte mindestens ein Pastor ein Gespräch und hielt das Zeugnis des Bewerbers schriftlich fest, bevor dieser oder diese sich direkt mit Spurgeon zusammensetzte.

Eine gemeinsame Erfahrung, die sich in diesen Zeugnissen findet und die heute bei Bekehrten weniger typisch ist, ist das große Elend, das viele vor ihrer Bekehrung empfanden. Viele waren „im Herzen getroffen“ und wurden dazu getrieben zu fragen: „Was sollen wir tun?“ (Apostelgeschichte 2:37). Eine erdrückende Last lag auf ihren Schultern. Sie brauchten einen Retter.

Und diese Seelen benannten einen durchgängigen Auslöser für ihre Not: Spurgeons Predigt. Seine Predigten verdarben ihnen den Tag. Veruteilung schickte zahllose Sünder verstört nach Hause. Ein Zeugnis nach dem anderen spricht von Niedergeschlagenheit, Furcht und Alarm, die durch seine Verkündigung ausgelöst wurden. Die Herausgeber fassen zusammen: „Die Mehrheit dieser Bekehrungserfahrungen ist nicht augenblicklich, sondern beginnt mit einigen Wochen oder sogar Monaten schmerzhafter Überführung und Traurigkeit, bevor man allein auf Christus vertraut und volle Freude und Gewissheit findet“ (Wonders of Grace, 13). Die Nacht kam vor dem Morgen.

Solche Zeugnisse mögen uns überraschen, besonders wenn wir allzu oft die gute Nachricht betonen und die schlechte verkürzen, das Süße anbieten und das Bittere zurückhalten, das Ermutigende hervorheben und das Unangenehme schnell übergehen. Es scheint mir, dass viele den Boden des Herzens nicht auflockern, bevor sie den Samen des Evangeliums säen, und deshalb weniger Frucht sehen. Ich glaube, wir sehen nicht mehr Seelen gerettet, weil wir nicht mehr Seelen ihr Verlorensein fühlen lassen. Ich glaube, wir sind nicht glücklicher in unserer Errettung, weil wir nicht unglücklicher über unsere Sünde gemacht worden sind. Ich glaube, wir hören nicht mehr Zeugnisse von Gottes Gnade, weil wir Gottes Zeugnis gegen die Sünde des Menschen nicht stärker betonen.

Von der Spreu zu Gott getrieben

Wir können aus dem Dienst am Metropolitan Tabernacle lernen.

Nehmen wir eines der Zeugnisse, das von Mr. John Samuel, als Beispiel. Mr. Samuel war Ehemann und Vater von sechs Kindern; außerdem bezeichnete er sich selbst als „Ungläubigen, Lästerer, Kneipenhocker“ und als „einen, der die Baptisten mehr hasste als jede andere Denomination und die Leute der New Park Street [Spurgeons Gemeinde, bevor sie das Tabernakel wurde] mehr als alle anderen Baptisten“ (Wonders, 22).

Eines Tages, als er beim Trinken war, sprach ein unbekehrter Freund bewundernd von Spurgeon. Daraufhin erklärte Mr. Samuel, er müsse diesen Spurgeon predigen hören. Als sein Freund ihn später unglücklich an dieses Versprechen erinnerte, überkam ihn Entsetzen. Er wurde noch bestürzter, als derselbe Freund darauf bestand, dass sie gemeinsam zum Abendgottesdienst gehen sollten, und sogar zu ihm kam, um ihm bei der Arbeit zu helfen, damit sie es auch wirklich schafften.

Mr. Samuel war wie ein in die Enge getriebenes Tier.

Als sie zur Kirche gingen, überlegte er, in irgendeine Gasse zu fliehen, um zu entkommen. Doch dieser Freund hielt sich enger an ihn als ein Bruder. Widerwillig kam Herr Samuel an. Er ging einmal, dann zweimal, dann dreimal, wie ein Nikodemus, der sich heimlich nach hinten schlich. Doch die Predigt fand ihn jedes Mal dort, wo er sich versteckte. „Ich kann es nicht erklären, aber irgendwie nahm Mr. Spurgeon in seiner Predigt mich ganz ins Visier, kam mit seinen Bemerkungen so nahe und persönlich. … Er sah mich oft an, als wüsste er, dass ich ein Ungläubiger war. Ich hatte das Gefühl, er predigte nur zu mir“ (24–25).

Während Mr. Samuel weiter schlich, durchbohrte Gottes Wort weiter. Eine Predigt traf ihn besonders tief. Am 23. Oktober 1859 predigte Spurgeon „Die Spreu wird weggeweht“ aus Psalm 1:4: „Nicht so die Gottlosen; sondern sie sind wie Spreu, die der Wind verweht.“ Lies Mr. Samuels Bericht darüber:

„Mr. Spurgeon sagte diese Worte während seiner Predigt mehrmals — ‚die Gottlosen sind nicht so‘ [im Vergleich des gottlosen Menschen als Spreu mit dem aufblühenden Baum des Gerechten]. Dies drang tief ein, dann zitterte und weinte ich, und viele andere neben mir taten dasselbe. Danach fühlte ich mich sehr elend“ (Wonders, 25).

Was hörten Mr. Samuel und die anderen Weinenden an diesem Tag? Einen Mann, der vor schrecklichem Gericht warnte.

„Wer hier ist bereit, sein Bett in der Hölle zu machen? Wer wird sich hinlegen und für immer in diesem Feuersee ruhen? Ihr müsst es, meine Hörer, wenn ihr gottlos seid, es sei denn, ihr bekehrt euch. … Ich flehe euch an, denkt an euer Schicksal — den Tod, und nach dem Tod das Gericht. Der Wind, und nach dem Wind der Wirbelsturm, und nach dem Wirbelsturm das Feuer, und nach dem Feuer nichts — für immer, für immer, für immer verloren, verworfen, wo kein Strahl der Hoffnung je hingelangen kann; wo kein Auge der Barmherzigkeit euch je ansehen und keine Hand der Gnade euch je erreichen kann. Ich flehe euch an, oh, ich flehe euch an bei dem lebendigen Gott, vor dem ihr heute steht, zittert und kehrt um.“

Er zitterte, und er sollte umkehren. Nach mehreren weiteren Predigten begann er, Heilung von seinem giftigen Biss zu finden, indem er auf das Kreuz blickte. „Am Weihnachtstag … predigte Mr. Spurgeon über den Text: ‚Uns ist ein Sohn gegeben.‘ Nachdem er jedem von uns die Frage gestellt hatte — ‚Ist euch der Sohn gegeben worden?‘, fühlte ich, dass ich sagen konnte: Ja!“ Und von da an wuchs er in der Gnade und wurde Mitglied der Gemeinde.

Schlag auf Schlag

Beachte nun, wie der interviewende Älteste diesen Bericht über Mr. Samuel erklärte:

„Mr. Spurgeons harte Stöße waren offenbar durch den Heiligen Geist zu gezielten Stößen geworden. Das Wort war wie ein Hammer, Schlag auf Schlag. Er kämpfte, wand sich, widersetzte sich, und doch folgte Schlag auf Schlag, bis er schließlich gezwungen war nachzugeben. Wahrlich, für den Herrn gibt es kein “zu schwer”. Möge die souveräne Gnade erhöht werden, von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ (Wonders, 25–26)

Wir fügen unsere Anmerkung zu Spurgeons Worten hinzu: „Ein höchst gesegneter Fall.“

Aber achte auf die Aussage: „Schlag auf Schlag.“ Wie viele Predigten heute könnten diese Beschreibung erfüllen? Der Prediger sollte Trost nach Trost denen anbieten, die Buße tun wollen, aber er sollte auch wissen, wie man Schlag auf Schlag denen versetzt, die sich weigern. Wer predigt heute wirklich über Sünde, Verderbtheit, Tod und Hölle? Wer richtet seine Pfeile auf den Hochmut der Menschen, die Gefahr der Weltlichkeit, die Torheit eines anderen Weges zu Gott außer durch Gottes Sohn? Einige von uns Predigern sind nicht mutig genug, um viel Frucht für Gott zu tragen. Es gibt manche Männer, die bereit sind, das Notwendige zu sagen, aber nicht genug.

So viele, wie dem Fürsten der Prediger zutiefst dankbar sind, dass er ihre Seelen mit der Liebe Christi getröstet hat, ebenso viele wurden getroffen, unruhig gemacht, hinuntergezogen, um ihre Hoffnungslosigkeit in ihrer Sünde zu erkennen. Ein rauer und mühsamer Weg führte oft nach Golgatha: Wochen der Verzweiflung, bevor das Licht Christi wirklich in ihre Seelen brach. Ein solcher Dienst war vom Geist erfüllt, denn Jesus versprach, dass der Geist die Welt von Sünde überführen würde (Johannes 16:8). Sünder sahen und erschauderten, als sie erkannten, wie sehr sie Gott beleidigt hatten und wie völlig unfähig sie waren, sich selbst zu retten.

Dies machte die Botschaft Christi zur guten Botschaft. Eine großartige und herrliche Botschaft. Die beste Botschaft überhaupt.

Bitteres vor Süßem

Wenn Spurgeon uns also diesen Rat gibt, wissen wir nun besser, was er damit meint:

„Wenn du wirklich danach verlangst, Menschenseelen zu retten, musst du ihnen eine Menge unangenehmer Wahrheiten sagen. Die Predigt über den Zorn Gottes wird heutzutage verspottet, und selbst gute Menschen schämen sich halb dafür; eine rührselige Sentimentalität über Liebe und Güte hat in hohem Maße schlichte Evangeliumsmahnungen und Warnungen zum Schweigen gebracht. Aber wenn wir erwarten, dass Seelen gerettet werden sollen, müssen wir unerschrocken mit aller liebevollen Treue die Schrecken des Herrn verkünden.“ (Words of Counsel for Christian Workers, 15)

Wenn wir die Heiligkeit Gottes, die verzweifelten Bedürfnisse der Menschen und die Schrecken des Herrn über die Unbußfertigen kennen, überzeugen wir Menschen. Wissen wir, was Paulus wusste? „Indem wir die Furcht des Herrn kennen, überzeugen wir andere“ (2. Korinther 5:11). Es ist ein schönes Zeugnis, andere zu überzeugen, weil man die Liebe Gottes, die Barmherzigkeit Gottes und die Freude in Gott kennt. Aber etwas fehlt, wenn wir nicht auch sagen können: „Indem wir die Furcht des Herrn kennen, überzeugen wir andere.“

Spurgeon kannte diese Schrecken, und vielleicht hilft uns ein letztes Bild, sie neu ins Bewusstsein zu rufen:

„Wenn wir unsere Mitmenschen in liebevolle Träume über die Kleinheit zukünftiger Strafen wiegen, werden sie uns ewig dafür verabscheuen, dass wir sie so getäuscht haben, und in der Welt des Elends werden sie unaufhörliche Flüche über uns rufen, weil wir ihnen nur sanfte Dinge prophezeiten und die schreckliche Wahrheit vor ihnen zurückhielten.“ (Words of Counsel, 15–16)

Wie schockierend muss diese Szene für jeden sein, der daran glaubt: „Sie werden uns ewig verabscheuen.“ Kannst du dir den Hass derjenigen in der Hölle vorstellen, die, obwohl sie für ihre Übertretungen gerecht verdammt sind, den Namen des Predigers vor Wut schreien, weil er ihnen nur sanfte Dinge prophezeit hat? Sie beißen sich auf die Zunge bei dem bloßen Gedanken an ihn: Dieser Lügner, dieser Betrüger, dieser Heuchler — er wusste es! Er erhob keinen Protest, schlug keinen Alarm; ihr Blut wird an seinen Händen sein.

Dieses Wort gilt uns allen. Lassen wir uns in unserem Zeugnis nicht davor scheuen, unangenehme Wahrheiten zu verkünden. Oft kommt die schlechte Nachricht vor der guten, wahre Erkenntnis der Sünde vor dem Retter, tiefe Verzweiflung vor ewiger Hoffnung.


Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring GodÜbersetzt von Ronny Käthler. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
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Avatar von Greg Morse

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