Vier Fragen, die du in deiner Kleingruppe besser nicht stellst

Ich bin im Herzen Pädagoge. Als ich an einer Highschool unterrichtete, liebte ich es, mitzuerleben, wie meinen Schülern ein Licht aufging, wenn sie ein neues Konzept verstanden. Viele halten den Vortrag für den wichtigsten Teil des Unterrichts. Doch je länger ich lehrte, desto mehr wurde mir bewusst: Die Schüler lernten ebenso viel durch meine Fragen wie durch meine Erklärungen.

Ein Vortrag kann Wissen vermitteln, Verständnis fördern und sogar erste Anwendungsschritte anstoßen. Doch Fragen führen tiefer – hinein in Analyse, Synthese und Bewertung. Sie zwingen die Lernenden, ihr Verständnis in Worte zu fassen und voneinander zu lernen, indem sie ihre Antworten teilen. Der Verstand konzentriert sich und wird auf eine andere Weise aktiv, wenn man gefragt wird, statt lediglich etwas gesagt zu bekommen.

Deshalb habe ich Kleingruppen-Bibelarbeiten immer besonders geschätzt. Wenn Menschen sich um das Wort Gottes versammeln und es gemeinsam betrachten, entsteht eine Fülle an Lernmöglichkeiten – sowohl durch den Leiter als auch durch die Beiträge der anderen.

Und doch kennen wir alle diesen unangenehmen Moment, wenn in einer Kleingruppe plötzlich Stille herrscht. Die Leiter haben vielleicht ihre Hausaufgaben gemacht. Sie kennen die theologischen Zusammenhänge des Abschnitts, der studiert wird, in- und auswendig. Und dennoch fehlt etwas.

Ob eine gemeinsame Zeit in der Kleingruppe gelingt oder scheitert, hängt oft weniger davon ab, was der Leiter weiß, sondern vielmehr davon, welche Fragen er stellt.

Hier sind einige Fragetypen, vor denen man sich hüten sollte. Sie sind nahezu garantiert dafür, eine Diskussion im Keim zu ersticken.


„Captain Obvious“

Beobachtungsfragen sind für das persönliche Bibelstudium hervorragend geeignet. In Gruppensituationen jedoch verpuffen sie oft. Jeder kennt die Antwort – und keiner möchte sie aussprechen. Warum? Weil sie direkt vor aller Augen im Text steht. Natürlich ist es gut, den Text sorgfältig zu beobachten. Aber es gibt Wege, dies so zu tun, dass mehrere Personen ihre Gedanken einbringen können.

Statt zu fragen:
„Mit welchen drei Personen hatte Paulus in Apg 16 in der Stadt Philippi Kontakt?“
(Begrenzte Antwort: Lydia, eine Sklavin und ein Gefängniswärter)

könnte man eher fragen:
„Beschreibt die drei Personen, denen Paulus in Philippi begegnete. Was sagt der Text über ihre Berufe, ihre Herkunft und ihre gesellschaftliche Stellung? Fällt euch etwas Bedeutsames an ihren Gemeinsamkeiten oder Unterschieden auf?“


„Ja-Nein-Fragen“

Wenn eine Frage mit „Ja“ oder „Nein“, „Gott“ oder „Jesus“, „richtig“ oder „falsch“ beantwortet werden kann, sollte man vermutlich noch einmal neu ansetzen.

Statt zu fragen:
„Gibt es Menschen in eurem Leben, die ihr für hoffnungslos haltet, was den Glauben betrifft?“
(Begrenzte Antwort: ja oder nein)

könnte man fragen:
„Bei welchen Menschen denken wir oft, dass sie für die gute Nachricht nicht offen sein werden? Wie beeinflusst eine solche Haltung unser Verhalten ihnen gegenüber?“

Solche Fragen öffnen den Raum für Selbstprüfung und fördern ein evangeliumsgemäßes Denken im Blick auf Evangelisation und den Missionsauftrag.


„Mission Impossible“

Sehr wahrscheinlich besteht deine Gruppe nicht aus Bibelwissenschaftlern. Sei daher vorsichtig mit Fragen, die kaum jemand beantworten kann. Wenn du in Apg 16 fragst:
„Wie war die Kultur in Philippi?“
wirst du vermutlich nur Grillenzirpen hören.

Die meisten sind mit der römischen Kultur des ersten Jahrhunderts nicht vertraut – und könnten Philippi vermutlich nicht einmal auf der Landkarte finden. Eine fruchtbarere Herangehensweise wäre, zunächst selbst die kulturellen Besonderheiten zu schildern und anschließend zu fragen:
„Inwiefern ähnelt ihre Kultur unserer – und worin unterscheidet sie sich?“

So hilfst du der Gruppe, Brücken vom biblischen Kontext in die eigene Lebenswelt zu schlagen.


„TMI“ (Too Much Information)

Ich bin sehr für Offenheit und Verletzlichkeit in Kleingruppen. Doch manche Fragen scheitern, weil sie zu früh zu viel verlangen – besonders in gemischten Gruppen.

Eine Frage wie:
„Wo kämpfst du – wie David – mit sexueller Sünde?“
kann betretenes Schweigen hervorrufen. Oder – vielleicht noch unangenehmer – eine Antwort, die man hinterher nicht mehr „nicht gehört“ haben kann.

Eine allgemeinere, aber dennoch anwendungsbezogene Frage könnte lauten:
„Viele Christen kämpfen heute mit sexueller Versuchung. Welche Gewohnheiten und praktischen Schritte können uns helfen, Versuchungen zu widerstehen?“

Das eröffnet ein hilfreiches Gespräch über Ressourcen, Rechenschaft und geistliche Disziplinen – und schafft zugleich Raum, persönliche Kämpfe gegebenenfalls im vertraulichen Einzelgespräch zu thematisieren.


So wie es Zeit braucht, einen biblischen Abschnitt gut auszulegen, braucht es auch Zeit, gute Fragen zu formulieren. „Captain Obvious“, „Ein-Wort-Wunder“, „Mission Impossible“ und „TMI“-Fragen zu vermeiden, ist ein erster wichtiger Schritt.

Nächste Woche werde ich vier konkrete Anregungen geben, wie man Fragen formuliert, die echte Gespräche anstoßen und vertiefen.


Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzt von John Schröder. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von The Gospel Coalition.

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