Vier vernachlässigte Grundlagen der Evangelisation

Die Japaner sind die zweitgrößte unerreichte Volksgruppe der Welt. Tokio, wo ich als stellvertretender Pastor diene, ist die größte Stadt der Menschheitsgeschichte und damit die Heimat der größten Konzentration verlorener Menschen auf der Erde.

Aus meiner Zeit in diesem unerreichten Umfeld habe ich bemerkt, dass Christen oft vier Aspekte der Evangelisation vernachlässigen, die die Bibel und die Kirchengeschichte als wesentlich ansehen.

1. Die Lehre von Gott

„Glauben Sie an Gott?“ fragte ich eine Frau, die an diesem Morgen zum ersten Mal unsere Gemeinde besuchte. Sie antwortete begeistert mit Ja. Doch aufgrund von Mehrdeutigkeiten zwischen Singular und Plural im Japanischen präzisierte ich meine Frage und fragte, ob sie an den einen wahren Gott der Bibel glaube oder an die acht Millionen Götter des Shinto. Sie antwortete Letzteres und war schockiert zu erfahren, dass Christen nur an einen Gott glauben.

Der Monotheismus, im Westen als selbstverständlich angesehen, war in Japan historisch verwirrend. Im 16. Jahrhundert wurden Jesuitenmissionare in Kyushu zunächst für eine neue buddhistische Sekte gehalten, weil sie „Gott“ fälschlich mit Dainichi (einer buddhistischen Gottheit) übersetzten.1 Franz Xaver bemerkte diesen Fehler zwei Jahre lang nicht.

So aufrichtig sie auch sein mögen, unsere Zuhörer können nicht gerettet werden, wenn sie ihren Glauben nicht auf den richtigen Gegenstand richten. Deshalb verwendet Paulus, der in einem vorchristlichen Umfeld spricht, fast 80 Prozent seiner Predigt auf dem Areopag darauf, die Lehre von Gott darzulegen (Apostelgeschichte 17:22–31). Im nachchristlichen Westen könnte ein solcher Ansatz ebenso notwendig sein.

Es wäre ein Fehler, die chalcedonensische Christologie oder die ewigen innertrinitarischen Ursprungsbeziehungen als für die Evangelisation irrelevant abzutun. Kürzlich sprach ich mit einem Nichtchristen, der trotz geringer Berührung mit dem Christentum fragte: „Wie kann Jesus sowohl Gott als auch Mensch sein? Wie können Jesus und der Vater beide Gott sein, obwohl es nur einen Gott gibt?“ Das Evangelium ist wesentlich trinitarisch, und unsere Evangelisation muss dies widerspiegeln. Könnte dies die trinitarische Form der Missionsbefehlsstellen erklären (Matthäus 28:18–20, Lukas 24:44–49, Johannes 20:21–23, Apostelgeschichte 1:6–8)?

2. Die Realität der Hölle

Als ganz neuer Christ, der mit dem Gedanken an die Hölle rang, spürte ich eine tiefe Dissonanz zwischen dem, was ich in der Bibel sah, und populären Klischees wie „man kann Menschen nicht in den Himmel hinein ängstigen“, „die Hölle ist nur Trennung von Gott“ und „die Tore der Hölle sind von innen verschlossen“. Das ließ mich mit dem Gefühl zurück, dass ein Hinweis auf die Hölle in der Evangelisation bestenfalls eine unzulässige Motivation und schlimmstenfalls manipulativ sei.

Tim Keller weist unter Berufung auf D. A. Carson darauf hin, dass die Furcht vor Gericht und Tod eines der sechs wichtigsten Argumente ist, die die Bibel Nichtchristen gegenüber gebraucht, damit sie dem Evangelium glauben.2 Jesus gebraucht dieses Argument häufig. Wie Joel Beeke feststellt, enthält die Bibel 245 Warnungen vor der Hölle.3

Wir fühlen uns weitaus weniger wohl dabei, die Hölle in unserer Evangelisation zu verwenden, als es unsere Vorfahren in der Patristik, im Mittelalter, in der Reformationszeit und besonders während den Großen Erweckungen der Kirche taten. Aber wir tun verlorenen Menschen einen großen geistlichen Dienst, wenn wir deutlich machen, dass es eine schreckliche Sache ist, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen (Hebräer 10:31).

Als ich vor 12 Jahren ein überzeugter Atheist war, erfuhr ich von dem Glauben einer christlichen Mitschülerin an die Exklusivität Christi. Alle Ereignisse, die zu meiner Bekehrung führten, begannen, als ich sie ganz offen fragte: „Glaubst du, dass ich in die Hölle komme?“ Sie antwortete freundlich, aber bestimmt: „Ja, es sei denn, du vertraust auf Jesus.“ In dem Bewusstsein, dass der Herr zu fürchten ist, lasst uns andere überzeugen (2 Kor. 5:11).

3. Der Ruf zur Buße und zum Glauben

Einmal besuchte ich im Seminar eine Missionskunde-Vorlesung, in der mein Professor von mir verlangte, eine Situation zu beschreiben, in der ich einem Freund das Evangelium weitergegeben hatte. Als Rückmeldung zu meiner Arbeit gab mir mein Professor folgendes kritische Feedback: „Anstatt deinem Freund zu sagen, dass er Buße tun und an Christus glauben kann, frage ihn, ob er Buße tun und an Christus glauben wird.“ Das Evangelium nützt nur denen, die im Glauben reagieren. Allein die Fakten des Evangeliums zu vermitteln, reicht nicht aus; wir müssen darauf hinwirken, Nichtchristen zur Buße und zum Glauben zu bewegen.

Beim Lesen der Apostelgeschichte fällt auf, wie unbefangen Lukas darauf besteht, dass die Bekehrung zwar das souveräne Werk Gottes ist (Apostelgeschichte 11:17–18, 13:48, 18:9–10), sie aber gewöhnlich durch die menschliche Verkündigung des Evangeliums geschieht (Apostelgeschichte 10:43, 13:39, 18:8). Der Herr öffnete Lydias Herz, damit sie auf das hören konnte, was Paulus sagte (Apostelgeschichte 16:14).

Dieses biblische Gleichgewicht zwischen Gottes souveränem Wirken und seiner Verwendung menschlicher Mittel bei der Bekehrung spiegelt sich in der historischen reformierten Position wider, zusammengefasst in den Kanonischen Artikeln von Dordt, Kapitel 2, Artikel 5:

„Es ist das Versprechen des Evangeliums, dass jeder, der an den gekreuzigten Christus glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Dieses Versprechen soll zusammen mit dem Gebot, Buße zu tun und zu glauben, allen Völkern und Menschen ohne Unterschied oder Diskriminierung verkündet werden.”

Es liegt in unserer Verantwortung, Nichtchristen zur Buße und zum Glauben zu drängen. Die Wiederentdeckung dieses historisch calvinistischen Verständnisses von Evangelisation brachte Ende des 18. Jahrhunderts die Moderne Missionsbewegung hervor. Missionare wie William Carey, Adoniram Judson und John G. Paton bekräftigten leidenschaftlich die absolute Souveränität Gottes über alle Dinge, sahen sich aber zugleich als Werkzeuge von Gottes Vorsehung.

Wir müssen die Gefahr des Semipelagianismus und des Revivalismus von Charles Finney erkennen: falsche Bekehrte. Dabei dürfen wir jedoch auch nicht die Gefahr subtiler Formen des Hyperkalvinismus übersehen: keine Bekehrten.

4. Die Rolle der Kirche

Ihr Haar noch vom Taufbecken nass, bat eine junge Frau, die kürzlich Christin geworden war, mehrere unserer Gemeindemitglieder nach dem Gottesdienst, ein Foto mit ihr zu machen. Sie wollte sich an alle erinnern, die sie willkommen geheißen, ihre Fragen beantwortet und sie gedrängt hatten, auf Christus zu vertrauen.

Unser Team wird oft gefragt: „Was ist eure Strategie, um die Japaner zu erreichen?“ Zur Enttäuschung derjenigen, die etwas Aufregenderes erwarteten, wie eine Ehre-Scham-Evangeliumspräsentation oder das Finden von erlösenden Analogien in der japanischen Kultur, antworten wir: „die Kirche.“

Die Kirche ist Gottes Plan für die Evangelisation. Sie ist sein eingesetztes Mittel, um die Welt zu erreichen. Es war Gottes Idee, ein Volk aus dem Nichts zu erschaffen, Sünder aus der Finsternis in sein wunderbares Licht zu rufen, damit sie die Tugenden Christi verkünden (1.Petrus 2:9–10). Die rettende und verwandelnde Kraft des Evangeliums, die sich in der Ortsgemeinde zeigt, ist nicht nur die Hoffnung Japans, sondern der ganzen Welt.


Fußnoten:

  1. Christen in Kyushu: Eine Geschichte https://www.tofugu.com/japan/history-of-christianity/ ↩︎
  2. Center Church, Timothy Keller, S. 114–15; „Motivationen, an die wir bei unseren Hörern appellieren sollten, wenn wir für Bekehrung predigen“, D. A. Carson, Themelios ↩︎
  3. “Dr. Joel Beeke on Hell”: https://www.youtube.com/watch?v=0T-KbFjntoY ↩︎

Dieser Beitrag erschien zuerst bei 9marks. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt von Lynn Wiebe.
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