„Warum unser Zeitalter die Entweihung feiert – Oder: Warum eine Wiederverzauberung nicht ausreicht“

Nur wenige würden heute bestreiten, dass wir in einer Welt leben, die von Entzauberung geprägt ist. Der Begriff, der durch Max Weber populär wurde, beschreibt das Empfinden, dass nichts – auch wir selbst nicht – eine tiefere Bedeutung besitzt. Wir erscheinen höchstens als Zahnräder in einer riesigen Maschine, sei sie politischer, bürokratischer oder wirtschaftlicher Natur.

Darin liegt eine gewisse Ironie: Der Mensch ist außergewöhnlich – fähig zu Leistungen, sowohl positiven als auch negativen, die kein anderes Geschöpf erreichen kann. Wir können wunderschöne Kunst hervorbringen und Heilmittel gegen Krankheiten entwickeln; zugleich sind wir zu vorsätzlicher Grausamkeit fähig und haben sogar Waffen geschaffen, die unsere eigene Spezies auslöschen könnten. Doch das Gesamtergebnis all dieser Brillanz besteht paradoxerweise darin, dass wir uns selbst als unbedeutend wahrnehmen. Unsere intellektuelle und technische Genialität hat unser Gespür für das Geheimnisvolle nahezu ausgelöscht – nicht nur im Blick auf die Welt im Allgemeinen, sondern besonders im Blick auf uns selbst. Wir sind zu nichts weiter geworden als zu bloßer Materie: zweifellos talentiert, letztlich jedoch ohne bleibende Bedeutung.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Stimmen laut werden, die eine Wiederverzauberung der Welt fordern. Wenn das Problem darin besteht, dass ein materialistisches Weltbild uns reduziert hat, dann scheint die Lösung darin zu liegen, die verlorene Tiefe unseres Daseins wiederzuentdecken und ein neues Gespür für das Geheimnis der Existenz zu gewinnen. Selbst in dieser entzauberten Welt gibt es noch Hinweise auf etwas Tieferes: Geschichten von großen Taten können uns nach wie vor inspirieren, viele von uns erfahren Liebe zu einem anderen Menschen, und sogar unsere Unzufriedenheit mit der Entzauberung zeigt, dass wir uns nach mehr sehnen.

Doch so viel Wahrheit das Modell von Entzauberung und Wiederverzauberung auch enthält, erweist es sich letztlich als unzureichend – sowohl zur Erklärung der Probleme unserer Welt als auch zu deren Lösung.


Die Zerstörung des Heiligen

Nehmen wir zum Beispiel den Wandel in der Sprache rund um das Thema Abtreibung. Vor dreißig Jahren argumentierten Befürworter der Abtreibung, sie solle „sicher, legal und selten“ sein. Eine solche Haltung entspricht dem, was man in einer entzauberten Welt erwarten könnte. Sie vermittelt eine gewisse Resignation und die Einsicht, dass wir in einer Welt wie der unseren manchmal Dinge tun müssen, die wir eigentlich als unerquicklich empfinden. Abtreibung erschien als ein medizinischer Eingriff – unangenehm, aber unter bestimmten Umständen notwendig.

Einen starken Kontrast dazu bildet der Umgang mit dem Thema Abtreibung, der während der US-Wahlen 2024 die Schlagzeilen bestimmte: Befürworter des „Pro-Choice“-Standpunkts „riefen“ ihre Abtreibungen laut heraus („shout your abortion“) und zeigten einen unverhohlenen Stolz darauf, eine solche in Anspruch genommen zu haben. T-Shirts verkündeten diese Tatsache für alle sichtbar. Zudem wurde Abtreibung als ein grundlegendes Menschenrecht dargestellt – kurz gesagt: Der Zugang zu Abtreibung zu verweigern, bedeute, einem Menschen etwas zu entziehen, das konstitutiv für sein Menschsein sei.

Dieser sprachliche Wandel ist aufschlussreich, denn er zeigt, dass unsere Welt nicht einfach nur durch Entzauberung gekennzeichnet ist. Sie ist ebenso geprägt von einer Freude an der Zerstörung dessen, was einst als heilig galt.

Das Leben im Mutterleib ist nur ein Beispiel. Die sexuelle Revolution ist ein weiteres. Es genügt unserer Gesellschaft nicht mehr, dass viele Formen sexueller Unmoral weder strafrechtlich verfolgt noch gesellschaftlich geächtet werden. Unsere Kultur geht inzwischen so weit, diejenigen zu verherrlichen, die sie praktizieren, und zugleich jene zu dämonisieren, die für Keuschheit, Enthaltsamkeit und treue monogame Ehe eintreten.

Ein kürzlich geschaffenes Buntglasfenster im Rathaus von Belfast trägt die Aufschrift: „Save Sodomy from Ulster“ („Rettet die Sodomie vor Ulster“). Sowohl die künstlerische als auch die sprachliche Ausdrucksweise entstammen religiösen Traditionen und stellen doch eine Verspottung christlicher moralischer Überzeugungen dar. Hier zeigt sich weniger die Melancholie der Entzauberung als vielmehr die Ekstase des Ikonoklasmus – eine begeisterte Zerstörung dessen, was einst als heilig galt.

Auch die Leidenschaft, mit der sogenannte „Tech-Bros“ ihre transhumanistischen Projekte verfolgen, weist in diese Richtung. Zunehmend geht es nicht mehr darum, menschliches Leben zu verbessern, indem die menschliche Handlungsfähigkeit gestärkt wird, sondern vielmehr darum, die Menschlichkeit selbst zu überwinden, die durch ihre verschiedenen Grenzen – körperlich, sterblich und intellektuell – definiert ist. Dies wird erhebliche Kosten verursachen, zunächst für die Schwächsten unter uns und möglicherweise schließlich für uns alle. Dennoch werden diese Projekte ungeachtet der Konsequenzen vorangetrieben. Die Begeisterung darüber, das Menschsein zu überwinden – selbst um den Preis seiner Selbstzerstörung –, ist schlicht zu groß, um ihr zu widerstehen.

Für diese Entwicklungen gibt es einen klaren theologischen Grund. Sowohl Karl Marx als auch Friedrich Nietzsche erkannten bereits im 19. Jahrhundert, dass die „Tötung Gottes“ eine berauschende Erfahrung darstellt. Für Marx war die Zerstörung der Religion und des Gottes, der sie stützte, eine notwendige Voraussetzung für die befreiende menschliche Revolution. Für Nietzsche wiederum verlieh nichts einem Menschen ein stärkeres Gefühl von Macht, als das Blut des Göttlichen an seinen Händen zu haben.

Dies führte zwangsläufig zu Angriffen auf das bedeutendste Zeichen von Gottes Autorität in der geschaffenen Welt: den Menschen selbst. Der Mensch ist im Bild Gottes geschaffen (vgl. 1Mo 1:26–27) und damit ein Symbol für Gottes Eigentum und Herrschaft über diese Welt. Nur durch die Zerstörung dieses Bildes – durch die Überwindung seiner Grenzen sowie durch die Schaffung eigener Regeln und Werte – kann der „Tod Gottes“ vollständig verwirklicht werden.

Nach Nietzsche waren die Philosophen der Aufklärung, insbesondere Immanuel Kant, hierin nicht konsequent genug gewesen. Zwar hätten sie Gott als lebendige und notwendige Realität beseitigt, ihn jedoch gewissermaßen wieder „eingeschmuggelt“, indem sie eine moralische Struktur des Universums behaupteten, insbesondere durch das Konzept der „menschlichen Natur“. Wahre Befreiung von diesem „toten Gott“ könne daher nur erreicht werden, indem man die heiligen Grenzen beseitigt, die definieren, was es bedeutet, im Bild Gottes geschaffen zu sein.


Von der Entzauberung zur Entweihung

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass der menschliche Körper – in der Heiligen Schrift als heilig betrachtet und zentral für unsere Identität als Ebenbilder Gottes – zu einem zentralen Ort der Entweihung geworden ist.

Ungeborene Kinder im Mutterleib werden lediglich als Teil des Körpers der Frau betrachtet, ohne größere moralische Bedeutung als etwa Fußnägel, die entfernt werden können, sobald sie auch nur als unbequem empfunden werden. Sexualität, die einst von heiliger Bedeutung und rituellen Zusammenhängen geprägt war, wird in der breiten Kultur auf bloße Freizeitgestaltung reduziert – auch wenn unsere Gesetze zum Schutz vor sexueller Gewalt dem widersprechen. Transgenderismus als Philosophie leugnet die Bedeutung des natürlich geschlechtlichen Körpers und betrachtet ihn als potenzielle Bedrohung für die „wahre“ Person, die angeblich in ihm gefangen sei. Der Körper soll daher verstümmelt werden, um der Ideologie zu entsprechen.

Der Tod ist durch die Unterhaltungsindustrie trivialisiert und durch die medizinische Praxis des assistierten Suizids auf einen bloßen Vorgang reduziert worden. Selbst der Umgang mit Verstorbenen nach dem Tod drängt uns zunehmend dazu, einen Leichnam als eine Art Abfall zu betrachten, anstatt ihm mit Ehre und Würde zu begegnen.

Natürlich hat dieser Angriff auf das christliche Verständnis des Menschseins – verkörpert, begrenzt und moralisch verantwortlich – uns keineswegs befreit. Im Gegenteil: Er hat uns weniger, nicht mehr menschlich gemacht. Wie schon im Zeitalter der Entzauberung hat unsere technische Brillanz und unsere außergewöhnlichen Fähigkeiten dazu geführt, dass wir an Bedeutung verlieren.

Doch während die Reduktion des Menschseins in der Entzauberung von Resignation geprägt war, ist die Entweihung von Euphorie begleitet. Vom promiskuitiven Lebensstil über die Befürworter der Abtreibung bis hin zu den Transhumanisten ist der Weg in die menschliche Bedeutungslosigkeit von stürmischer und ekstatischer Begeisterung gekennzeichnet. Gott ist tot. Wir haben ihn getötet. Und – so die bittere Ironie – es scheint uns ein Gefühl der Genugtuung zu geben, während wir selbst in unseren eigenen Augen zu nichts werden.


Der Auftrag der Gemeinde

Wo also liegt die Hoffnung? Für diejenigen, die die Welt als entzaubert erleben, liegt sie in einer Wiederverzauberung. Doch das ist ein vager und letztlich eher schwacher Begriff. Wenn das eigentliche Problem jedoch die Entweihung ist, dann lautet die Antwort Weihe oder Heiligung: die Erkenntnis dessen, wer wir als Menschen sind, die im Bild Gottes geschaffen wurden. Und genau das ist der Auftrag der Gemeinde.

Das ist eine gute Nachricht. Erstens ist die Gemeinde eine übernatürliche Wirklichkeit. Sie existiert aufgrund des Werkes Christi, und deshalb gründet ihre Kraft nicht in den Kenntnissen oder Fähigkeiten ihrer Mitglieder. Predigt ist beispielsweise nicht einfach ein Vortrag über ein religiöses Thema. Sie beinhaltet vielmehr die übernatürliche Anrede Gottes an sein Volk. Dadurch werden wir geweiht und in unserer Identität gefestigt.

Wenn ein Ehemann seiner Frau sagt, dass er sie liebt, übermittelt er nicht lediglich Informationen über einen Sachverhalt; vielmehr vollzieht er eine Handlung, die ihre Beziehung vertieft. In ähnlicher Weise verhält es sich, wenn wir Gottes Ruf von der Kanzel hören: Er erinnert uns nicht nur daran, wer wir sind, sondern macht uns in gewisser Weise auch zu dem, was wir sind. Wenn wir an der gemeinsamen Anbetung teilnehmen, antworten wir Gott auf eine Weise, die unserem Menschsein entspricht. Dadurch wird unsere Vorstellungskraft geprägt, sodass wir denken und handeln als Menschen, die nicht sich selbst gehören, sondern um einen Preis erkauft wurden.

Wir singen Loblieder, wir feiern das Abendmahl, und wir schließen uns mit anderen zusammen in dem Bekenntnis, dass – ungeachtet der Kategorien, mit denen die Welt uns trennt und objektiviert – das Evangelium Christi jene tiefere Menschlichkeit anspricht, die uns in ihm vereint. Die Verkündigung und die Anbetung der Gemeinde führen uns zu dem zurück, was es wirklich bedeutet, Mensch zu sein: im Bild Gottes geschaffen und nun in Christus erlöst. Dadurch werden wir geweiht.

Diese Weihe endet jedoch nicht mit dem Segen am Ende des Gottesdienstes oder an der Kirchentür. Sie strahlt in die Welt hinaus. So wie das alte Israel ein Licht für die Völker sein sollte, indem es Gottes Charakter durch seine Hingabe an ihn, seinen Umgang mit den eigenen Mitgliedern und seine Gastfreundschaft gegenüber Außenstehenden widerspiegelte, so ist dies auch heute die Aufgabe der Gemeinde. Wenn die Welt durch ihre Akte der Entweihung darauf ausgerichtet ist, das Menschsein zu zerstören, dann sollen wir durch unsere Worte und Taten – ja, durch unser ganzes Leben – zeigen, was es bedeutet, im Bild Gottes geschaffen zu sein.

Die gute Nachricht ist, dass dies nichts besonders Kompliziertes ist. Die Gemeinde besteht aus vielen Gliedern. Jeder von uns kann seinen Teil dazu beitragen. Einige sind begabte Lehrer, andere Evangelisten oder Apologeten. Doch jeder Einzelne von uns kann Gott in der Gemeinde anbeten und anschließend anderen mit der Freundlichkeit und Gastfreundschaft begegnen, die den Abdruck des göttlichen Ebenbildes in ihnen anerkennt.

Entweihung ist eine schwere Last, weil sie letztlich selbst diejenigen zerstört, die sich an ihr erfreuen. Weihe hingegen ist ein sanftes Joch, das sich leicht tragen lässt, weil es uns zu wahrhaft menschlichen Menschen macht.


Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzt von John Schröder. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von The Gospel Coalition.

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