Ein Zar unter Lehrlingen
Ein 25-jähriger, großgewachsener Mann steht im Hafen von Amsterdam vor den Werften der Niederländischen Ostindien-Kompanie. Mit seiner weißen Hose, dem roten Hemd und dem Beil auf seiner Schulter sieht er aus wie ein Lehrling. Er schaut sich das rege Treiben der Arbeiter an, die eifrig Reparaturen an den Schiffen durchführen. Der Name des jungen Mannes ist Peter Michailow – zumindest gibt er sich als dieser aus. In Wahrheit ist es der russische Zar Peter – später „der Große“ genannt -, der sich als einfacher Arbeiter getarnt die niederländischen Fertigkeiten im Schiffsbau zu Eigen machen möchte.
Im Jahr 1697 reiste der russische Zar mit einer über 250 Personen starken Delegation von Russland in die Niederlande. Er war mit seinem Pseudonym Peter Michailow unterwegs, um nicht erkannt zu werden. Diplomaten übernahmen offizielle Termine, während mitreisende Soldaten, Diener und andere in neuen Handwerken geschult werden sollten. Die Niederlande waren wahrscheinlich damals der technologisch am weitesten fortgeschrittene Staat der Welt. Dank ihrer riesigen Flotte und den Häfen, die zentrale Punkte des europäischen Handels darstellten, waren sie ein reiches Land. Die Niederländische Ostindien-Kompanie brachte enorme Profite durch ihre Kolonien ein. Gewürze, Tee, Seide, Wein, Zinn und Wolle fanden den Weg aus den verschiedensten Erdteilen in das kleine Mutterland. Deswegen spricht man auch vom Goldenen Zeitalter der Niederlande.
Das riesige russische Zarenreich hingegen war zu diesem Zeitpunkt im Vergleich rückständig. Die Wirtschaft war noch sehr agrarisch geprägt, es gab so gut wie keine Industrie, Russland besaß kein einziges Kriegsschiff und keinen Hafen in der Ostsee. Außerdem waren Peter dem Großen die Osmanen ein Dorn im Auge, da sie mit ihrer Flotte das Schwarze Meer beherrschten. Von den Niederländern erhoffte er sich, das nötige technische Wissen zu erlangen.
Doch irgendwann erregt „Meister Peter“ – wie er von seinen Kollegen genannt wurde – die Aufmerksamkeit mancher Matrosen, die ihn einmal in Russland gesehen hatten. Schnell spricht sich die Neuigkeit herum, sodass der Zar feierlich mit einem Feuerwerk und einer Ballettaufführung begrüßt wird. Neben seiner Ausbildung im Schiffshandwerk interessiert er sich noch für weitere technologische Errungenschaften wie Sägewerke, Spinnereien oder Papierfabriken. Als er schließlich 1698 zurück nach Russland kommt, bringt er zahlreiche niederländische Experten aus den unterschiedlichsten Fachbereichen mit. Nun können die ersten russischen Schiffe nach niederländischem Vorbild vom Stapel gelassen werden.
Gott mit uns
Als ich die Begebenheit über Peter den Großen gelesen hatte, musste ich unwillkürlich an Weihnachten denken. In beiden Fällen macht sich ein Herrscher aus seiner Residenz auf und nimmt ein an seinem Status gemessenes niedrigeres Aussehen an. Während der Zar den Moskauer Kreml hinter sich ließ, um in einfacher Arbeiterkluft nicht aufzufallen, machte sich Jesus von der Herrlichkeit des Himmels auf, um Mensch zu werden (Johannes 6:38; Philipper 2:6f).
Hier hören die Gemeinsamkeiten aber schon auf. Zum einen unterscheidet sich das Motiv der beiden Protagonisten deutlich: Während Peter der Große letztlich Industriespionage aus Eigennutz betrieb, kam Jesus aus Liebe zu den Menschen in die Welt (Johannes 3:16; Galater 2:20). Der russische Zar bzw. das Zarenreich waren technologisch auf die kleine Niederlande angewiesen. Bei Jesus sind es aber die Menschen, die auf ihn angewiesen sind. Nicht Jesus ist bedürftig, sondern wir sind es, weil wir Jesus brauchen. Dafür sorgt unsere persönliche Sünde, die die Beziehung zu Gott zerstört (Römer 3:10-12). Jesus hat diese Sünde stellvertretend durch seinen Tod hinfortgenommen (1. Petrus 2:24), wodurch der Weg zu Gott, dem Vater, wieder frei ist (Johannes 14:6). Deshalb kann der Evangelist Matthäus an den Propheten Jesaja anknüpfen, indem er Jesus als „Emmanuel“ bezeichnet, „was übersetzt ist: Gott mit uns“ (Matthäus 1:23). Gott wird aus Liebe zu uns Mensch, einer von uns; das ist die zentrale Botschaft von Weihnachten.
Zum anderen unterscheiden sich die Geschichte von Peter dem Großen und Jesus in Bezug auf die Aufnahme der um sie lebenden Personen. Die Amsterdamer Gesellschaft hatte den Zar feierlich willkommen geheißen. Bei Jesus waren es einige Hirten, ein paar Weise aus dem Morgenland, ein gerechter Mann namens Simon und die Prophetin Hanna, die sich über seine Geburt freuten und ihm teilweise huldigten (Lukas 2:8-38; Matthäus 2:1-12). König Herodes hingegen war überhaupt nicht erfreut und versuchte ihn umzubringen (Matthäus 2:13-18). In seiner Wirkungszeit als Erwachsener wollten die meisten Menschen nichts von ihm wissen. So schreibt Johannes die resignierte Zeile: „Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an“ (Johannes 1:11). Doch er bleibt nicht dabei stehen. Jesus ist nach Johannes das Licht, das jeden Menschen erleuchtet (Johannes 1:9). Nicht nur das: Jesus bezeichnet sich selbst als das Licht der Welt (Johannes 8:12). Und jeder, der ihn aufnimmt, bekommt das Recht, Kind Gottes zu sein. Und das nur aus Glauben, mehr ist nicht nötig (Johannes 1:12). Wie ist es bei dir? Hast du Jesus schon „aufgenommen“? Glaubst du ihm, dass er der Weg zu Gott ist? Dass er deine Sünden getragen hat? Wenn nicht, dann wage den Schritt. Bereite ihm einen Empfang in deinem Leben, von dem ein russischer Zar in einem Amsterdamer Hafen nur hätte träumen können.
Literatur: Seeler, Frederik: Ein Zar als Lehrling, in: G/Geschichte 12/2025, S.50-53.
















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