Evangelisation ohne Druck? – eine erneuerte Definition von Evangelisation

Was ist Evangelisation?
Evangelisation ohne Druck? – eine erneuerte Definition von Evangelisation
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Was hat sich Jesus nur dabei gedacht? So viel Druck, so viel Anstrengung, so viel Unsicherheit – und das alles nur wegen eines Befehls. Ein Befehl zur Mission, zum Zeugnis geben. Warum? Begründete er damit nicht eine neue Gesetzlichkeit, ein Gebot das neben sein Liebesgebot trat und dieses in so vielen Herzen zu ersticken droht?

Ich weiß nicht, ob du so empfindest, aber ich für meinen Teil habe ihn häufig gespürt. Den Druck, der einen auf die Straße zwingt, in Ausdrucksformen, die nicht zu mir und gefühlt auch nicht so ganz zum biblischen Zeugnis passen. Wenn man auch häufig nicht so ganz benennen kann, warum.

Viele tun sich schwer mit dem Thema Evangelisation. Und das häufig aus guten Gründen. Meiner Wahrnehmung nach geht viel zu häufig in all dem Eifer eines unter: Der Charakter Gottes.

Warum sage ich das in einem Artikel über die Definition von Evangelisation? Die Antwort ist relativ simpel: Weil dein Verständnis und deine Definition der Maßstab sind, anhand dessen du misst und die Essenz, der du nachjagst. Und weil ein falsches Verständnis katastrophale Folgen haben kann.

Wenn man „Fieber“ als eine Körpertemperatur von über 35°C definiert, dann hättest du vermutlich gerade „Fieber“ und würdest Behandlungen erhalten, die das Ziel haben, dich zu unterkühlen. Wenn man „Effizienz“ als „möglichst viel arbeiten“ definiert, ist ein Burnout vorprogrammiert. Wenn du „Respekt“ als das Nicht-Äußern von Kritik definierst, wirst du Kritik-resistent werden, weil jedes noch so konstruktive Feedback eines Freundes für dich respektlos klingt.

Meine These ist: Das ganze Chaos beginnt mit unserem Verständnis von Evangelisation. Denn wer die Erfüllung des Missionsbefehls oder „Evangelisation“ lediglich mit „Gottes Wahrheit verkünden müssen“ oder „Gute Nachricht weitersagen“ füllt und dort stehen bleibt, wird bei Druck und Gesetzlichkeit enden.

Zumindest war es bei mir so. Deshalb möchte ich dich auf die Suche einladen, ob es mehr gibt als das was wir denken, oder ob wir uns einfach mit dem Druck abfinden müssen.

Los geht´s…

Über Evangelisation wird viel gesprochen. So ziemlich jeder Christ hat eine Vorstellung davon, was damit gemeint ist: Evangelisation. Doch wenn man einmal wirklich nachgräbt, merkt man, wie unterschiedlich die Auffassungen davon sind.

Du denkst dir vielleicht innerlich: „Das ist doch klar! Was will der Typ von mir?“. Und genau das ist der Punkt – jeder „weiß“ es und übersieht deshalb den tiefen Kern, der darauf wartet, entdeckt zu werden.

Was sollte uns zu Evangelisation treiben? Pure, rohe Pflichterfüllung?

… oder ein Herz voller Liebe und Mitgefühl?

Wenn du wählen könntest: Was würdest du dir aussuchen?

Hier einfach mal einige mögliche Verständnisse von Evangelisation:

  • Methodenbasiertes Verständnis: Flyer Verteilen, Predigen auf der Straße, Gespräche mit Nichtchristen führen.
  • Historisches Verständnis: Menschen dazu bringen, dass sie sich Christen nennen. So eine Art post-koloniale Fortführung der Bevormundung von „Heiden“.
  • Wortbasiertes Verständnis: „εὐαγγελίζω“ [euangelizo] = das Evangelium (frohe Botschaft) verkünden.
  • Zielbasiertes Verständnis: Menschen bekehren/ zu Jüngern machen.

All diese Definitionen sind nicht per se falsch. Sie alle haben ihren wichtigen Platz. Das Problem mit diesen Definitionen ist, dass sie dafür anfällig sind, eine ganz wesentliche Ebene völlig zu verpassen, die im menschlichen Erleben wie Gott es geschaffen hat, niemals fehlen dürfte. Anfällig dafür, die Wurzel unberührt zu lassen, die bei Gott den höchsten Stellenwert hat. Deshalb möchte ich eine andere Richtung einschlagen:

Ein herzensbasiertes Verständnis:

Evangelisation als die Liebe Gottes, die einer verlorenen Welt begegnet.

Lass mich das erklären:

Gott stellt klar, dass die Liebe jedes Gesetz erfüllt (Gal 5:14). Doch wie ist das der Fall im Hinblick auf seinen Missionsbefehl? Es ist ja immerhin ein Befehl – und bei einem Befehl muss man doch einfach machen! Heißt das nicht doch, dass wir einfach gehorsam sein müssen? Whohoho – Nicht so schnell!

Jeder von uns versteht, dass die meisten Anweisungen eine ganze Schrittfolge – einen Rattenschwanz im Gepäck haben. „Koche Reis“ braucht mehr als Wasser und Reis, auch „Gib deiner Frau einen Kuss“ könnte ich rein mechanisch verstehen und dem Befehl augenscheinlich Genüge tun. Ich könnte einfach meine Lippen auf ihre Wange pressen, ohne Lächeln, Augenkontakt oder eine einzige Gefühlsregung – aber war das wirklich damit gemeint? Ist ein Kuss nicht bedeutungslos, wenn er nicht von Herzen kommt?

Genau das ist der Punkt: Es muss von Herzen kommen. Aber externer Druck erstickt tatsächlich innere Motivation. Wir können niemanden zur Liebe zwingen.

„Glaube ist mehr ein Sich-Verlieben als ein rationales Überzeugt-werden.“

Gavin Ortlund

Genau deshalb ist das Evangelium nicht nur ein Befehl, sondern eine Einladung – eine Einladung, die Gott so wichtig ist, dass sie zum Befehl wird, zum absoluten Willen Gottes, der will, dass alle Menschen gerettet werden (1.Tim 2,4).

Aber wie gedenkt Gott dieses Ziel zu erreichen? Klar, durch seinen Leib, die Christen. Jedoch in allererster Linie durch eines: Verbundenheit mit ihm selbst.

Was bedeutet das?

Jesus nutzt zur Illustration ein Bild eines Weinstocks, der Wasser aus der Erde in die Reben pumpt. Dabei sind die Reben nur Gefäße, die sich füllen lassen.

Er überträgt dieses Bild auf seine Nachfolger: Jesus ist der Weinstock, wir die Reben. Jesus „pumpt“, wir werden gefüllt, wenn wir nur an ihm bleiben.

Das betont er sogar so stark, dass er nicht nur sagt: „Wenn ihr mit mir verbunden bleibt, könnt ihr Frucht bringen (wenn ihr euch noch dazu anstrengt)“, sondern er sagt „ihr WERDET Frucht bringen“ – wir haben in diesem Zustand also gar keine Wahl: Wer mit Jesus verbunden bleibt, wird sehen, wie sein Leben in allen Dimensionen zu Gottes Wohlgefallen hin verwandelt wird. Und da sind Evangelisation und andere Menschen, die ebenfalls Christen werden, nur ein kleiner Teil dieser Fülle, dieses Überflusses. (vgl. Gal 5,22 ff.; Joh 15,16, Röm 1,13)

Es ist seine Kraft, sein Leben, seine Wirksamkeit – nicht die unsere. Er bezeugt: „Denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun!“

Druck ist mit dieser Sicht schlicht nicht vereinbar! Wenn er es in uns ganz natürlich bewirkt: Wie könnte da noch Druck und Sorge aufkommen? Der Gott, der uns für die völlige Abhängigkeit von sich selbst geschaffen hat, wird hier im Thema Evangelisation keine Ausnahme gemacht haben. Der Neue Bund besteht sogar darin, dass ER in uns die Liebe hineinlegt, dass ER in uns das Wollen und Vollbringen hineinlegt, dass ER in uns und wir durch unsere Verbundenheit mit IHM Frucht bringen. (Vgl. Röm 5,5; Phil 2,13; Joh 15,1-7)

Wenn wir jetzt nochmals die Kuss-Metapher, den Neuen Bund und den Missionsbefehl nebeneinanderhalten, entsteht ein klares Bild: Ja, in der Liebe ist jedes Gebot eingeschlossen – auch der Missionsbefehl. Jedoch will Gott nicht, dass wir einfach lieblos gehen, sondern er will uns füllen, dass wir aus unserem Überfluss heraus, aus seiner Liebe heraus, ganz natürlich Frucht bringen. Nicht aus einem Druck, weil die Welt ohne Jesus verloren geht und wir ein schlechtes Gewissen für jeden haben, dem wir heute nicht das Evangelium verkündet haben. Sondern im Blick auf Jesus – wenn er uns füllt und wir uns füllen lassen, dann WIRD Evangelisation einfach passieren – weil Gott unseren Charakter ihm ähnlicher macht und dadurch unser Leben als Ganzes zu Evangelisation wird. Nicht umsonst definiert der bekannte Evangelist Michael Green Evangelisation mit einem Wort: „Überfluss“: Die Liebe Gottes, die einer verlorenen Welt begegnet.

Ich für meinen Teil finde diese Definition so beruhigend, fokussierend. Ich möchte sie in drei Punkten etwas aufschlüsseln – der Länge geschuldet leider erst im nächsten Artikel über Evangelisation.

Lass uns trotzdem nochmal zusammenfassen:

„Evangelisation passiert einfach, wenn die Liebe Gottes einer verlorenen Welt begegnet“

Damit ist das Ziel von Evangelisation nicht Bekehrung, sondern einen Ort der Liebe und Begegnung zu schaffen, in dem die Leute sich sicher fühlen, sein dürfen wie sie sind. Ohne Angst davor haben zu müssen, manipuliert oder irgendwo hingedrückt zu werden. Das Ziel von Evangelisation ist es, mit meinem Gegenüber einen Schritt weiter auf Gott zuzugehen. Sie beginnt bei Gott und unserer Verbindung mit ihm, die wir zu pflegen haben.

Sie sollte für uns so natürlich sein wie Atmen – und immer mehr werden:

„Ich hatte auch nicht bemerkt, dass Menschen ebenso spontan alles loben, was sie schätzen, wie sie uns dazu auffordern, sich ihrem Lob anzuschließen: ‚Ist sie nicht wunderschön? War das nicht herrlich? Findest du das nicht großartig?‘ Die Psalmisten, die alle auffordern, Gott zu loben, tun das, was alle Menschen tun, wenn sie über das sprechen, was ihnen wichtig ist.“

C.S. Lewis, in: Die Psalmen

Jeder von uns „-isiert“ etwas. Der eine fußballisiert, ein anderer instagrammisiert, ferienisiert, während andere religiosisieren oder geldisieren, sexualisieren, gesundisieren – musizieren funktioniert nicht ganz – aber ich denke man versteht, worum es geht.

Wir alle verkünden mit unseren Leben, wo wir nach Glück, Freude und Erfüllung suchen und meinen es zu finden. Wir sprechen unweigerlich und unaufhörlich von dem „wahren Leben“.

Was ist dieses Leben? Was genießt du wirklich? Zu was bewegt dein Leben? Was liebst du?

Bewegt dein Leben Menschen dazu, Mauern und Vorbehalte gegenüber Jesus abzubauen, ihn mehr kennen und lieben zu lernen? Lädt es zum Lobpreis ein? Verherrlicht dein Leben ihn? Denn nichts anderes in den verschiedensten Formen ist: Gottes Herz hinter Evangelisation!

Gott segne dich!


Fragen zur Reflektion:

  • Was für ein Gefühl löst der Gedanke an „Evangelisation“ in mir aus? Druck oder Freude?
  • Was steht in meinem Herzen der Natürlichkeit des Überflusses in Bezug auf das Evangelium im Weg?
    (Kenne ich Gott eher als einen Gott der Härte und Angst? Denke ich, dass niemand die Botschaft der Bibel heute noch hören will? Habe ich Angst vor Ablehnung?)
  • Welche Schritte kann ich heute beginnen zu gehen, um diesem Herz Gottes näher zu kommen – nicht im Kopf, sondern im Herzen?

Avatar von Joel Tuchscherer

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