Und Wir ließen auf ihren Spuren ʿĪsā, den Sohn Maryams, folgen, das zu bestätigen, was von der Thora vor ihm (offenbart) war; und Wir gaben ihm das Evangelium, in dem Rechtleitung und Licht sind, und das zu bestätigen, was von der Thora vor ihm (offenbart) war, und als Rechtleitung und Ermahnung für die Gottesfürchtigen.
Und so sollen die Leute des Evangeliums nach dem walten, was Allah darin herabgesandt hat. Wer nicht nach dem waltet, was Allah (als Offenbarung) herabgesandt hat, das sind die Frevler.
Und Wir haben zu dir das Buch mit der Wahrheit hinabgesandt, das zu bestätigen, was von dem Buch vor ihm (offenbart) war, und als Wächter darüber. So richte zwischen ihnen nach dem, was Allah (als Offenbarung) herabgesandt hat, und folge nicht ihren Neigungen entgegen dem, was dir von der Wahrheit zugekommen ist. Für jeden von euch haben Wir ein Gesetz und einen deutlichen Weg festgelegt. Und wenn Allah wollte, hätte Er euch wahrlich zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Aber (es ist so,) damit Er euch in dem, was Er euch gegeben hat, prüfe. So wetteifert nach den guten Dingen! Zu Allah wird euer aller Rückkehr sein, und dann wird Er euch kundtun, worüber ihr uneinig zu sein pflegtet. (Sure 5:46-48)
Dem koranischen Text kann man folgendes entnehmen:
- Thora, Evangelium und Koran stammen von Allah.
- Das Evangelium bestätigt die Thora.
- Der Koran bestätigt die früheren Schriften (Thora und Evangelium).
- Die Leute des Evangeliums sollen nach dem Evangelium leben.
- Für jede Gemeinschaft wurde ein eigenes Gesetz und ein eigener Weg bestimmt.
- Es muss nicht nur eine einzige Gemeinschaft geben; Vielfalt ist Teil von Allahs Plan.
Der Koran lehrt also ziemlich eindeutig, dass die Thora und das Evangelium von Allah selbst stammen und dass Er für unterschiedliche Gemeinschaften unterschiedliche Gesetze herabgesandt hat. Diese Vielfalt ist Teil von Allahs Plan.
Einige Verse weiter macht der Koran außerdem deutlich, dass die Christen und Juden zur Zeit Mohammeds sich an die Schriften halten sollten, die ihnen offenbart wurden.
Sprich: O Leute der Schrift, ihr habt keinen festen Stand, bis ihr die Tora und das Evangelium und das befolgt, was zu euch von eurem Herrn herabgesandt worden ist. (Sure 5,68)
Doch wie kommt es zu diesen Versen? Der Kontext zeigt, dass einige Juden zu Mohammed kamen und ihn um einen Richtspruch baten. Daraufhin folgt der Koranvers, in dem darauf hingewiesen wird, dass sie nicht zu Mohammed kommen müssten, da sie ja ihre eigene Offenbarung besitzen, nämlich die Thora:
Wie aber können sie dich richten lassen, während sie doch die Thora haben, in der das Urteil Allahs ist (Sure 5,43a)
Der Kontext bestätigt also, dass den Juden und Christen zugestanden wird, dass sie ihre eigene Offenbarung von Allah besitzen und selbst danach urteilen und leben sollen. Sie brauchen keine neue Offenbarung von Mohammed, da Allah unterschiedliche Gemeinschaften gewollt hat.
Das große Problem
So deutlich der Koran in diesem Punkt spricht, so selten hört man diese Sichtweise heute von Muslimen. Stattdessen wird häufig gesagt, die Thora und das Evangelium seien verfälscht worden und könnten deshalb nicht mehr als zuverlässige Offenbarung gelten. Daraus folgt die Forderung, dass nun alle Menschen dem Propheten Mohammed und seiner Offenbarung folgen müssten.
Wie kommt es zu dieser Abweichung?
Die Erklärung liegt nahe: Obwohl der Koran die Thora und das Evangelium bestätigt, widerspricht er ihnen in zentralen theologischen Punkten. Daraus entsteht ein Spannungsfeld: Wie kann der Koran Schriften bestätigen, denen er zugleich in wesentlichen Fragen widerspricht?
Um dieses Spannungsfeld zu lösen, wird häufig argumentiert, dass es ursprünglich reine Offenbarungen gegeben habe, die später textlich verändert worden seien. Man müsse daher zwischen der ursprünglichen Thora (Thora 1) und einer später verfälschten Fassung (Thora 2) unterscheiden welche aber noch viel Wahrheit enthalte. Das Gleiche gelte für das Evangelium. Wenn der Koran die Juden also auffordert, nach der Thora zu leben, sei damit die ursprüngliche Offenbarung gemeint, nicht der zur Zeit Mohammeds vorliegende verfälschte Text.
Doch genau hier beginnt die nächste Schwierigkeit.
Der Koran schließt eine Verfälschung aus
Der Koran selbst macht deutlich, dass die Schriften zur Zeit Mohammeds unverfälscht waren und dass die Juden und Christen zur Zeit Mohammeds danach leben sollen. Mehr noch: Mohammed selbst sollte, falls er Zweifel über seine eigene Offenbarung hätte, die früheren Schriftbesitzer fragen (was keinen Sinn machen würde, wenn diese bereits verfälscht wären):
Wenn du über das, was Wir zu dir (als Offenbarung) hinabgesandt haben, im Zweifel bist, dann frag diejenigen, die vor dir die Schrift lesen. (Sure 10,94)
Auch lehnt der Koran ausdrücklich ab, dass Juden innerhalb der Thora schauen müssten, was wahr und was falsch ist. Im Gegenteil: Die Juden zur Zeit Mohammeds sollten an die ganze Thora glauben, die ihnen vorlag:
Glaubt ihr denn an einen Teil der Schrift und verleugnet einen anderen? Wer von euch aber solches tut, dessen Lohn ist nur Schande im diesseitigen Leben. (Sure 2,85)
Auch in Sure 5,48 hatten wir bereits gelesen, dass der Koran sagt, dass die Juden „die Thora haben“ und ihr folgen sollen. Auch in Sure 7,157 wird die Unverfälschtheit der vorherigen Schriften vorausgesetzt:
Ich werde sie bestimmen für diejenigen, die gottesfürchtig sind und die Abgabe entrichten und die an Unsere Zeichen glauben, die dem Gesandten, dem schriftunkundigen Propheten, folgen, den sie bei sich in der Thora und im Evangelium aufgeschrieben finden. (Sure 7,157)
Der Koran geht also davon aus, dass zur Zeit Mohammeds, also im 7. Jahrhundert, die Thora und das Evangelium vorhanden und verfügbar waren und dass dort etwas über Mohammed als schriftunkundigen Propheten zu finden war.
Interessantes
Obwohl der Koran ausschließlich positiv über die Thora und das Evangelium spricht und eine Verfälschung ausschließt, wird dem Autor wohl im Laufe der Zeit aufgefallen sein, dass Juden und Christen den Lehren des Korans widersprachen. Die Lösung, die der Autor des Korans selbst nennt, ist, dass die Juden und Christen zur Zeit Mohammeds die Schriften falsch interpretierten, mündlich verdrehten und zusätzliche Bücher schrieben (z. B. den Talmud?) und diesen ebenfalls göttliche Autorität zusprachen:
Doch wehe denjenigen, die die Schrift mit ihren (eigenen) Händen schreiben und hierauf sagen: „Das ist von Allah“, um sie für einen geringen Preis zu verkaufen! Wehe ihnen wegen dessen, was ihre Hände geschrieben haben, und wehe ihnen wegen dessen, was sie verdienen. (Sure 2,79)
Und wahrlich, eine Gruppe von ihnen verdreht mit seinen Zungen die Schrift, damit ihr es für zur Schrift gehörig haltet, während es nicht zur Schrift gehört. Und sie sagen: „Es ist von Allah“, während es nicht von Allah ist. Und sie sprechen (damit) wissentlich eine Lüge gegen Allah aus. (Sure 3,78)
Sie verdrehen den Sinn der Worte, und sie haben einen Teil von dem vergessen, womit sie ermahnt worden waren. (Sure 5,13)
Deutlich wird, dass diese zusätzlichen Schriften niemals Thora oder Evangelium genannt werden und auf keinen Fall gesagt wird, dass die Worte Allahs tatsächlich schriftlich verfälscht wurden, sondern nur mündlich.
Auch frühere Gelehrte betonen dies. Ibn Abbas sagt dazu (über Al-Bukhari überliefert):
„Und niemand entfernt die Worte des Buches Gottes aus den Büchern Gottes, des Erhabenen und Gepriesenen, sondern sie verzerren sie: Sie interpretieren sie anders als in ihrer wahren Bedeutung“.
Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī der in seinem Werk Fatḥ al-Bārī (Bd. 10, S. 532) dies diskutiert, macht deutlich, dass auch Muhammad al-Bukhari die Meinung vertrat, dass die Schriften nicht verfälscht wurden.
Auch Wahb bin Munabbih sagte:
„Die Thora und das Evangelium sind so geblieben, wie Allah sie offenbart hat, und kein Buchstabe darin wurde entfernt.
Die Menschen jedoch führen andere durch Hinzufügungen und falsche Auslegungen in die Irre, indem sie sich auf Bücher stützen, die sie selbst geschrieben haben. Dann sagen sie: وَيَقُولُونَ هُوَ مِنْ عِندِ اللَّهِ وَمَا هُوَ مِنْ عِندِ اللَّهِ (sie sagen: „Dies ist von Allah“, aber es ist nicht von Allah). Was die Bücher Allahs betrifft, so sind sie noch immer erhalten und können nicht verändert werden.“
Fazit
Wenn der Koran die Thora und das Evangelium bestätigt, aber ihnen fundamental widerspricht, ist der Islam falsch.
Der Koran bestätigt die Thora und das Evangelium, aber widerspricht ihnen fundamental. Also…
Fragen zum Nachdenken:
1. Warum glaubten frühe Gelehrte (Wahb ibn Munabbih, Ibn Abbas, Al-Tabari, Al-Bukhari) nicht daran, dass die Bibel verfälscht wurde, aber moderne Muslime schon?
2. Wenn die Tora und das Evangelium zur Zeit Muhammads bereits verfälscht waren, warum fordert der Koran Juden und Christen auf, nach diesen Schriften zu urteilen (5:43; 5:47; 5:68)?
3. Wenn der Koran frühere Schriften bestätigt, wie erklärt man dann die inhaltlichen Unterschiede in zentralen Glaubensfragen?
4. Warum sollte Muhammad im Fall von Zweifel die „Leute der Schrift“ fragen (10:94), wenn ihre Bücher nicht zuverlässig gewesen wären?
















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